Schule des Rades

Hermann Keyserling

Kritik des Denkens

Vorrede des Verfassers

Sinneserfassung

Vorliegendes Buch stellt den Versuch einer Integration dar: ich habe mich darin bemüht, das Integral gleichsam der Sinneserfassung, die in meinen Hauptwerken differenziert in die Erscheinung tritt, auf das Grundsätzliche und Methodische hin herauszuarbeiten. Damit nehme ich seit 1911 verlassene eigene Tradition wieder auf: ich kehre zu der Grund-Fragestellung zurück, deren bisher geglücktestes Ergebnis die Prolegomena zur Naturphilosophie waren.

Das erste Buch der Kritik des Menschen, betitelt Kritik des Denkens, stellt sogar eine Wiedergeburt und Zu-Ende-Führung dieses Jugendwerkes dar, ja zur Hälfte eine richtige Neu-Auflage. Wie ich die Prolegomena nach langen Jahren zum ersten Male wiederlas, da staunte ich, wie wenig sich meine kritischen Grundanschauungen seither geändert haben. Selbstverständlich urteile ich heute im Ganzen anders: doch von diesem Ganzen bedeuten die ersten vier Kapitel der Prolegomena von vornherein richtig eingestellte Teile. Verhältnismäßig sehr wenig habe ich an diesen Kapiteln abzuändern gehabt, d. h. die vorgenommenen Änderungen betreffen hauptsächlich Einzelheiten und Kleinigkeiten. Nur das fünfte Kapitel der Prolegomena entsprang ursprünglich schiefer Sicht und Schau und mußte vom neuen Ganzen her verworfen werden. Während deren sechstes Kapitel, das übrigens ursprünglich der Unsterblichkeit angehängt gewesen war, von jeher nicht notwendig dem Buche zugehörte und darum ohne weiteres gestrichen werden konnte.

Nun war ich aber 1907, da ich den Inhalt der Prolegomena zuerst in einem Vortragszyklus an der damals freien Universität Hamburg verlautbarte, ausgesprochener Kantianer, und 1910, da sie ihre Endgestalt gewannen, jedenfalls ein Nachfahre Kants, während ich, seitdem ich mit dem Reisetagebuch die mir letztlich gemäße Einstellung als Sinneserfasser fand, einer ganz anderen Tradition zugehörig erscheine: wie habe ich da in den ersten vier Kapiteln der Kritik des Denkens, und vor allein im ersten derselben, die durchaus eindeutige, von meiner seither angewandten ebenso durchaus verschiedene Fragestellung von damals beibehalten können? Ich habe es subjektiv gekonnt, weil ich von der damaligen her ohne Bruch noch Vergangenheits-Verleugnung zu meiner späteren gefunden habe; objektiv jedoch, weil mein Weg ein methodisch möglicher und insofern allgemeingültiger war und ist.

Heute weiß man es endlich allgemein, oder könnte es doch wissen: einen einzig möglichen Ansatzpunkt des Denkens gibt es nicht. Formell möglich ist jeder, der einem überhaupt einfallen kann, materiell möglich jeder, der ein Begreifen der Gegebenheit im weitesten Verstand ohne Unwahrhaftigkeit des Subjekts und ohne Fälschung des Objekts gestattet. Alle insofern möglichen Gesichtspunkte aber hängen nach den Gesetzen der Perspektive zusammen; das Urbild für den formellen Aspekt dieses Sachverhalts liefert die projektive Geometrie, das Urbild für den materiellen Aspekt das in Schöpferische Erkenntnis und Wiedergeburt näher abgeleitete und begründete, für das Gesamtbereich des erkennenden Geistes gültige gesetzmäßige Verhältnis, daß alle Sinne einander spiegeln, welcher Umstand einen allseitigen Zusammenhang aller Sinne schafft, und daß Durchschauen eines an sich richtig bestimmten aber oberflächlicher belegenen Sinns als solches Bestimmung eines tieferen Sinnes bedeutet. In diesem Verstande perspektivisch hängt der Standpunkt der Prolegomena mit demjenigen Kants lückenlos zusammen; und auf gleiche Weise entspricht mein heutiger dem Durchschautsein der Ergebnisse jenes Jugendwerks. Nun wird der eine oder andere vielleicht gegen die in den ersten Kapiteln verwendete kantische oder beinahe-kantische Terminologie Einspruch erheben: er täte Unrecht damit. Nachgerade könnte verstanden sein, warum jeder Philosoph seine höchsteigene Terminologie verwendet, sodaß es praktisch ebenso viel verschiedene philosophische Sprachen gibt, wie selbständige Denker: absolut wahrhaftig und echt ist jeder dann allein, wenn das, was er ausspricht, dem Korrelationsgesetzes von Sinn und Ausdruck vollkommen Rechnung trägt, und jeder persönliche Sinn ist in erster Linie einzig. Das bedeutet aber: jedes gegebene und mögliche Begriffssystem bedeutet in erster Linie eine Sprache; die Frage absoluter Wahrheit stellt sich daher in diesem Zusammenhange garnicht, sondern einzig die, ob eine vertretene Perspektive — vorausgesetzt, daß sie als solche echt ist — eine aufschlußreiche ist. Darum durfte ich die Kantische Sprache meiner Jugendtage als Ausgang ohne weiteres beibehalten, sofern sie damals echt war und zugleich spätere Echtheit vorbereitet und dieser zuführt.

Nun ist ein philosophisches Begriffssystem überdies mehr als eine bloße Sprache: ihr Bedeutungsgehalt kann mehr oder weniger Sinn-gemäß sein; ich sage Sinn- statt Intentions-gemäß, welches Wort die heute gangbare Nomenklatur zu benutzen nahelegt, weil hier nicht nur das Meinen, sondern vor allein der Grad, in dem dieses dem letztbestimmbaren transsubjektiven Sinneszusammenhang entspricht, in den das Gemeinte hineingehört, in Frage steht. Hier nun ist anzuerkennen, daß es die Richtigkeit und absolute Gewißheit, von deren Voraussetzung so mancher wissenschaftliche Denker merkwürdigerweise noch immer ausgeht, nicht gibt. Auch hier, genau wie auf dem Gebiet der Naturforschung, gibt es keine Richtigkeit, die nicht durch neue Erfahrung oder tiefere Einsicht erledigt werden könnte, und keine größere Gewißheit als die sehr hoher Wahrscheinlichkeit.

Näheres über diesen Punkt wird der Leser an den entsprechenden Stellen des Textes selber finden. Hier wollte ich nur dem vorbeugen, daß Wortglauben, Vorurteil oder vorschnelles Urteil ihn um den möglichen Gewinn seines Studiums brächte. Vorliegendes Werk entspricht von Anfang an meiner heutigen Einsichtsstufe. Darauf weist schon der Titel seines ersten Buches unzweideutig hin: lautet dieser Kritik des Denkens, und nicht der Erkenntnis, der Vernunft usw., so ist damit allein bedeutet, daß ich über alle schon in früheren Schriften als erledigt bezeichnete rein-denkerische Philosophie, der natürlich auch die Prolegomena in ihrer ursprünglichen Fassung angehören, hinauszuführen versuche.

Mit dieser Erklärung kann ich meine Vorrede beschließen, denn die zwei weiteren Bücher der Kritik des Menschen bedürfen keiner Einführung; sie sprechen für sich selbst. Nur dies sei noch gesagt: selbstverständlich kann das Wort Kritik im Falle einer Kritik des Seins und gar einer Kritik der Sehnsucht nicht Gleiches bedeuten, wie im Falle einer Kritik des Denkens. Selbstverständlich handelt es sich im Fall der beiden letzteren Kritiken um keine logische Untersuchung. Wohl aber handelt es sich um Kritik der Weltanschauung, wie ich diese in den Kapiteln Weltfrömmigkeit und Wahrhaftigkeit des Buchs vom persönlichen Leben fundiert habe. Darüber hinaus aber um eine Kritik des Menschen von einem nicht nur ersehnten, sondern faktisch möglichen, weil im Geist schon vorgebildeten übermenschlichen Zustand her; insofern also um eine Kritik des Embryos gleichsam vom Erwachsenen her. Ich halte nun für zweckmäßig, den Sinn des Worts Kritik von vornherein so weit zu fassen, daß es all diese möglichen Bedeutungen auf einmal notwendig einschließt.

Was nun den Stil dieses Buchs betrifft, so habe ich mich, auch hierin die Tradition der Prolegomena wieder aufnehmend, äußerster Knappheit und Prägnanz befleißigt. Ich habe möglichst wenig ausgeführt, erläutert, begründet und erklärt. Von vornherein stelle ich hohe Anforderungen nicht nur an die Fähigkeit zum Selbst-Denken, sondern auch ans Wissen meiner Leser. Literaturnachweise gebe ich möglichst wenige. Bei Inangriffnahme der Kritik des Denkens habe ich natürlich das Wichtigste an mir unbekannt gebliebener philosophischer Literatur der letzten Jahrzehnte zur Kenntnis zu nehmen versucht, doch ich muß gestehen, daß ich dies ebensogut hätte unterlassen können: so sehr jedes lebendige Erlebnis und jede konkrete Erfahrung in beliebigem Lebensalter fördert und bereichert — in meinen Jahren sieht jeder, der überhaupt aus Eigenem heraus lebt, alle Dinge und Zusammenhänge aus seiner eigenen ausschließlichen Perspektive, urteilt er von seinen persönlichen Voraussetzungen aus und denkt er folglich eigene Gedanken. Die letzte Periode mich fördernden Studiums fremder Philosophie fand mit der Veröffentlichung der Prolegomena ihren Abschluß. Was mich an solcher seither interessiert hat — andere Bedeutung für mich kam seither nicht mehr in Frage — steht nahezu vollständig in der Folge der Bücherschauen des Wegs zur Vollendung, der ab 1920 regelmäßig ein bis zwei Mal jährlich erschienen ist, verzeichnet. Woselbst sich der unterrichten mag, dem meine Bildung oder Unbildung Problem ist.

Darmstadt, August 1937Hermann Keyserling
Hermann Keyserling
Kritik des Denkens · 1948
Die erkenntniskritischen Grundlagen der Sinnesphilosophie
© 1998- Schule des Rades
HOMEPALME