Schule des Rades

Hermann Keyserling

Kritik des Denkens

Das Begreifen im Zusammenhang des Weltgeschehens

Mensch und Natur

Wir wollen uns hier ausschließlich mit der Abwandlung des Platonismus befassen, welche der kritische Idealismus verkörpert. Und da müssen wir zugeben: geben wir uns dem ersten Eindruck hin, dann erscheint die platonische Weltanschauung plausibel genug. Es ist in der Tat etwas Besonderes um die Gesetze, die da ewig zu gelten scheinen, unwandelbar, unbedingt, in immer gleicher Kraft und Eigenart. Die Fallgesetze gelten, auch wenn nichts fällt, Newtons Formeln weisen ungeborenen Sternen von Ewigkeit her ihren Ort an, und das mannigfaltigste Geschehen ist aus der Kenntnis weniger Gleichungen vorauszubestimmen. So liegt es wirklich nahe, in den gesetzmäßigen Beziehungen selbständige Wesenheiten zu sehen, um so näher, als ihr besonderer Charakter aus den Erscheinungen unmittelbar nicht abzuleiten ist und sie daher von diesen her besehen, unzurückführbar sind. Überdies hat der Verstand von Natur aus die Neigung, das Beharrende und Ewige dem Veränderlichen und Zeitlichen gegenüber zu überschätzen, welche Neigung der Überzeugungskraft des Platonismus zugute kommt. Daß außerhalb unserer selbsterschaffenen Systeme nur auf wenigen Gebieten so eindeutige und feste Normen festzustellen sind, wie auf denn der Physik, beirrt den Verstand nicht leicht, da nichts ihn hindern kann, das nicht als noch nicht zu deuten, oder, wie Plato selbst es wohl getan hat, als unvollkommene Verwirklichung des Ideals. Dennoch geht es ehrlicherweise nicht an, selbst wenn man einräumt, daß die platonische Deutung des Tatbestandes eine mögliche Deutung ist, dieselbe als erschöpfend anzuerkennen. Denn zur Entdeckung von Gesetzen führt nur der eine Weg der Forschung und des Versuchs, wo immer es sich nicht um vom Menschen frei Erschaffenes handelt, und es ist nicht einzusehen, wie sich aus empiristischer Fragestellung die Erkenntnis einer Welt ergeben sollte, die jenseits ihrer Basis läge. Was aber die menschenerschaffenen betrifft, so haben diese erst recht ihren empirischen Daseinsgrund in der Erscheinungswelt, da sie ja von einem Teile ihrer produziert werden. Das Abstrahieren vom äußeren Anschein besteht nie in einem Absehen von der äußerlichen Wirklichkeit überhaupt, wie die griechischen Idealisten dies vermeinten, sondern in einem Absehen von einem Teil derselben zu Gunsten eines anderen, aus praktischen Gründen vorgezogenen. Schon aus diesen Erwägungen heraus scheint die Berechtigung der Annahme einer besonderen Welt des Geltens zweifelhaft. Ferner sind die ewigen Gesetze ihrem Charakter nach doch gar zu abhängig von der Stellungnahme des Forschers, um als Absoluta anerkannt zu werden. Endlich gibt es, wir deuteten es schon an und werden später eingehend darauf zurückkommen, so festbestimmte und genau befolgte Normen, wie der Verstand sie fordert, nur auf wenigen außermenschlichen Gebieten. Daraus, daß Normen unabhängig von dem, der sie anerkennt, definiert werden dürfen, daß also z. B. die Fallgesetze gelten, auch wenn nichts fällt, daß das Pferd als solches einem bestimmten Typus angehört, auch wenn keines geboren wird, und daß die Wahrheit ein Ideal bleibt, selbst wenn keiner nach ihr strebte, folgt mitnichten, daß den Fallgesetzen, der platonischen Idee des Pferdes und dem Wahrheitsideal absolute Existenz zugesprochen werden muß. Allerdings ist richtig, daß unter der Voraussetzung der Wirklichkeit, wie sie ist, und der geistigen Forderungen, wie solche allgemein erhoben werden, den genannten Normen unbedingte Gültigkeit zukommt, daß also das Gesetz, der Typus und der Wert besteht, auch wenn keiner sie ausdrücklich anerkennt. Aber wer sieht nicht, daß diese Unbedingtheit genau den gleichen Sinn und Grad hat, wie die des Daseins eines Gegebenen überhaupt? — denn auch die Natur ist da, ob ich sie anerkenne oder nicht. Daß also die Normen, denen absolute Gültigkeit zukommen soll, in unleugbarer Wechselbeziehung mit dem stehen, was ausdrücklich als relativ definiert wurde? Wenn die Welt, wie sie ist, unbedingt vorausgesetzt werden muß, auf daß den Normen absolute Gültigkeit zukomme, dann hat es wenig Sinn, diese Gültigkeit eine absolute zu nennen.

Aber objektiv gültig sind jene Normen wohl; bis zu diesem Punkte spricht der Platonismus wahr. Als bloßes Menschenwerk können sie ebensowenig begriffen werden wie als Wesenheiten transzendenter Art. Da sich Naturgesetze unzweideutig feststellen lassen, da es unter Umständen möglich ist, auf Grund ihrer die fernsten Ereignisse mit Bestimmtheit vorauszusagen und schlechthin überall den Nachweis zu erbringen, daß jedes bestimmte Geschehen, so oft es sich wiederholt, einen annähernd gleichen Weg einhält, der sich auf eine allgemeine Formel bringen läßt, da ferner in der Sphäre des flüssigeren Menschendaseins dessen freie Normierung offenbar im Sinn des Lebens liegt, das sich in der Gebundenheit irgendwie erfüllt, so daß der einzelne irgendwie besser lebt, wenn er sich freiwillig Gesetzen unterordnet, so folgte aus der Antithese des eigentlichen Platonismus, der These Kants, daß der Verstand der Natur ihre Gesetze vorschreibt, falls diese behaupten soll, daß das Denken außerhalb der allgemeinen Gegebenheit vor sich gehe, unweigerlich der fiktive Charakter der gesamten erfahrbaren Welt. Dann könnten die Ergebnisse exaktester Forschung nicht richtiger sein als die wildesten Konstruktionen einer schwärmenden Einbildungskraft, dann müßte jede aufgeprägte Ordnung willkürhaft sein, dann wäre Wissenschaft ein Ding der Unmöglichkeit und jede erschaffene äußere Ordnung nichts als Fessel. Folglich kann die Deutung der Gesetze als menschlicher Verstandesprodukte erst recht keine erschöpfende sein. Irgendwie muß dem menschlich-Wirklichen allgemeine Wirklichkeit zukommen, irgendwie muß die Notwendigkeit für uns die Erscheinungen gemäß Gesetzen zu begreifen und zu ordnen, auch vom Kosmos her verstanden werden können.

So ist es in der Tat. Ich will den wahren Sachverhalt ohne weitere Umwege in Form eines Theoremes mitteilen und beschränke mich dabei zunächst, der besseren Übersicht halber, auf das Gebiet möglicher Naturwissenschaft: unabhängig vom Denken gibt es keine Gesetze, sobald aber gedacht wird, sind sie unbedingt, weil sich die Natur, so wie sie ist, im Verstande dessen Sonderart nach nicht anders als in Form eines gesetzmäßigen Zusammenhangs ausdrücken kann. Wie mich Ätherwellen von bestimmter Schwingungszahl unweigerlich als Farben affizieren, sobald ich die Augen öffne, im gleichen Sinne wird die Natur tatsächlich von Gesetzen regiert, sobald ich über sie reflektiere. Durch das Prisma des Verstandes betrachtet, sind Gesetze die reale Grundlage der Natur. In diesem Prisma wird ihre konkrete Einheit doppelt gebrochen; was wesentlich untrennbar ist, scheint nun unvereinbar zu sein. Wir sehen nicht zusammenhängende Erscheinungen vor uns, sondern auf der einen Seite Phänomene, auf der anderen abstrakte Beziehungen, und da das Denken nur mit diesen operieren kann, so führt es, um zum Begriff ihres Zusammenhanges zu gelangen, diese nicht auf jene, sondern jene auf diese zurück. Dieses ist aber die einzige Art, auf welche das Wirkliche denkerisch zu begreifen ist, ein andersartiges Begreifen von Verstandesmäßigem gibt es nicht. Daher kann man (mit den Worten, wenn auch nicht ganz im Sinn Édouard Le Roys1) geradezu sagen, daß Gesetze nichts anderes als die spezifischen Verstandes-Definitionen des Erscheinenden bedeuten, daß also die Fallgesetze nichts Neues über den freien Fall aussagen, sondern den Vorgang einfach in der Sprache beschreiben, die dem Verstande einzig verständlich ist. Im übrigen ist, wo ein Geschehen unter keinerlei Gesetz subsumiert werden kann, begriffsmäßiges Verständnis ausgeschlossen und je unbestimmter und unübersichtlicher die Normen ihres Gebiets, desto unbefriedigender ist eine Wissenschaft als Wissenschaft.

Da wir nun, indem wir der Natur Gesetze vorschreiben, soweit dies glückt, offenbar nichts Fremdes in sie hineintragen, sondern sie einfach so hinnehmen, wie sie sich dem Denken gibt oder sie so ordnen, wie es ihrem Eigen-Sinn entspricht, so versteht es sich recht eigentlich von selbst, daß es gelingen muß, die Naturnormen zu verifizieren: der Verstand schreibt der Natur eben nicht seine, sondern ihre Gesetze vor. Und daß solches der Fall ist, daß den Gesetzen wirklich objektive Gültigkeit zukommt, erweist am unzweideutigsten der Umstand, der meistens zum Beweis ihrer Subjektivität angeführt wird, — der Umstand, daß der besondere Charakter eines Gesetzes in Wechselbeziehung zur Art und zum Umfang der experimentellen Fragestellung steht, so daß eine Veränderung innerhalb des vorausgesetzten Forschungsgebiets zugleich eine Modifikation der in demselben waltenden Gesetze bedingt: da gesetzmäßige Zusammenhänge die spezifische Verstandesansicht der den Sinnen erscheinenden Naturvorgänge bedeuten, und diesen daher genau entsprechen, so müssen auch die Gesetzesformeln eine Wandlung erleiden, wenn sich bei diesen grundsätzliche Veränderungen vollziehen, denn sonst verknüpfte beide kein notwendiges Band. Erwiesen sich die Naturgesetze als die gleichen, gleichviel wie die Forschung ihre Fragen stellt, dann allein wäre man berechtigt, an ihrer objektiven Gültigkeit zu zweifeln. Daß der Verstand der Natur bestimmte Gesetze vorschreibt, die sich seinen willkürlich angenommenen Voraussetzungen anschmiegen, beweist also ihre Objektivität, nicht ihre Subjektivität; nur daß er ihr überhaupt Gesetze vorschreibt, ist ein Ausdruck der Sonderart des Menschengeistes. Dächte keiner nach, so könnte sich die Frage garnicht stellen, ob es Gesetze gäbe oder nicht, obschon am Weltgeschehen sonst nichts geändert wäre — ebenso wie bei gleichem objektiven Sachverhalt die Frage nach Farben keinen Sinn mehr hätte, wenn niemand sie zu schauen vermöchte. Dies ist die Auflösung der Kantisch-Platonischen Antinomie. Es gibt keine Gesetze unabhängig vom Menschengeist, sie sind wirklich nicht mehr als Rahmen, in welche der Verstand die verfließende Wirklichkeit fassen muß, wofern er sie verstehen will. Aber dieser Rahmen ist seinerseits das notwendige Produkt unseres Nachdenkens über das Gegebene, eines Prozesses, der sich durchaus innerhalb der Sphäre der allgemeinen Gegebenheit bewegt, weshalb es kein Wunder ist, daß wir im Rahmen prinzipiell vorausgesetzter, an sich selbst menschlich-erzeugter, dem besonderen Charakter nach sogar durch willkürliche Abgrenzung entstandener Gesetze die Natur nicht allein zu fassen und zu beherrschen, sondern sogar zu antizipieren vermögen. Wir können noch einen Schritt weiter gehen: unser freies Gesetzeschaffen wirkt im Ergebnis, wir bemerkten es schon, nicht als Vergewaltigung, sondern als Erfüllung der Natur, und dies nicht bloß auf dem Gebiet der Kunst, woselbst alle Schönheit irgendwie mit Normierung und Stilisierung zusammenhängt, sondern auf allen Gebieten. Was irgendwie nach bewährten Regeln geschieht oder Gesetzmäßigkeit zum Ausdruck bringt, wirkt nicht allein befriedigender auf uns, als alles Willkürhafte, es funktioniert auch besser. Was bedeutet dies? Es bedeutet offenbar, daß die Natur in diesem Fall durch den Menschen hindurch, der ja ein Teil ihrer ist, arbeitet; so daß dieser frei leistet, was im Fall der Sterne mechanisch erfolgt. Also schreiben wir der Natur sogar in diesem Fall nicht eigentlich unsere, sondern ihre Gesetze vor, denn wir gehören als Erscheinungen allseitig in sie hinein. Naturgeschehen und gesetzmäßiges Geschehen sind eben eins. In chaotischen Zuständen wirkt nur eine unübersichtlichere Gesetzmäßigkeit als in geordneten, aber gesetzmäßig überhaupt verläuft jeder Prozeß, und je mehr sich ein bestimmter konsolidiert, desto besser entspricht er unserem Ideal von Harmonie. In dieser Hinsicht besteht kein grundsätzlicher Unterschied zwischen Totem und Lebendigem2. Was dieses charakterisiert, ist, daß es ständig im Werden, niemals fertig ist, aus welchem Grunde es keine endgültigen Gleichgewichtszustände kennt.

Nunmehr leuchtet der volle Sinn der idealistischen Weltansicht ohne weiteres ein. Gleichviel, ob irgendein idealistisches System, das bis heute aufgestellt wurde, der Kritik dauernd standhielt und die Gesamtheit des Erscheinenden in sich zu begreifen vermocht hat: sintemalen die idealen Normen vom Standpunkt des Verstandes beurteilt Schemen oder wirkliches Naturgeschehen bedeuten, und von dem der Natur her gesehen, adäquate Definitionen des Wirklichen von einer gegebenen Prämisse aus, so ist es schlechterdings unmöglich, einen gegenständlichen Weltbegriff zu bilden, der seinem tiefstem Sinne nach nicht idealistisch wäre; ja, der unter ihnen, der alle Erscheinungen in gebührender Ordnung zusammenfaßte, wäre der abschließende Weltbegriff überhaupt. Denn da wir alle Phänomene, welcher Art sie auch seien, nur auf Grund von Gesetzen begreifen können, da diese die letzte Instanz der wissenschaftlichen Forschung bedeuten und keine Erfahrung die Hand dazu bietet, außer Erscheinungen und Gesetzen noch weitere Wesenheiten anzunehmen, so sind wir gezwungen, auch das gesetzeschaffende Denken auf Gesetze zurückzuführen, wofern wir es im Zusammenbang begreifen wollen. Auf diesem Wege gelangten wir seinerzeit zum Begriff des Verhältnisses von Weltordnung und Vernunft. Damals fiel uns auf, daß zwischen den Grundnormen der Logik und den Gesetzen der Natur insofern ein Unterschied besteht, als diese ihren Charakter willkürlichen Abgrenzungen des Verstandes verdanken, somit von diesem her besehen, kontingent sind, wogegen die Grundnormen der Logik unbedingte Gültigkeit besitzen. Jetzt verstehen wir vollkommen, was es mit diesem Unterschied für eine Bewandtnis hat: Gesetze überhaupt müssen überall angenommen werden, wo Verständnis des Gegebenen erstrebt wird, daher kann die Wissenschaft dem Geistesprozeß gegenüber nicht anders verfahren, als gegenüber dem äußeren Geschehen. Aber die logischen Gesetze allein sind unzurückführbar und keiner Umformung zugänglich, weil sie die Möglichkeiten des Instrumentes abgrenzen, auf welches wir beim Erkennen angewiesen sind. Hier denn schließt sich der Kreis. Die Erkenntnis des Sinns der Naturnormen führt zu der des Sinns der Denkgesetze, nachdem das Verständnis dieser zuerst zur richtigen Auffassung jener den Weg gewiesen hatte. Warum nun haben wir uns aber in einem Kreis bewegt? Eben weil, gemäß dem schon ihn ersten Kapitel gewonnenen Ergebnis, Mensch und Natur dem Bewußtsein auf einer Ebene gegeben sind, weshalb es nicht möglich ist, eine nur einsinnige Beziehungsreihe zu konstruieren. Wird aber eine solche konstruiert, so wie dies in verschiedenen Hinsichten und innerhalb verschiedener Grenzen alle kritischen Philosophen seit Kant, von den Antimetaphysikern bis zu Rickert, Vaihinger und den Pragmatisten getan haben, dann entbehrt der aufgedeckte oder aufgestellte Zusammenhang allemal der Vollständigkeit. Nun liegt es nahe, in einem logischen Kreislauf einen circulus vitiosus zu argwöhnen: doch ein solcher liegt hier darum nicht vor, weil es sich eben beim Zusammenhang zwischen Mensch und Natur um einen, vom Menschen aus gesehen, gegenseitig bedingten und bedingenden handelt. Neuerdings gelangen die Physiker in ihrem Streben, ihre Theorien den beobachteten Tatsachen anzupassen, zu Gleichem, wie erkenntniskritische Überlegung: von einer bestimmten Grenze an, heißt es, hänge das objektive Geschehen vom Beobachter und Nach-Denker ab, oder: die Grenze aller Materie sei nur als Geist oder als geisthaft zu deuten: die hiermit angedeuteten Vorstellungen bedeuten ein vorläufiges Gestammel. Doch der Sinn dieses Gestammels ist eben der, den wir, von anderer Seite her kommend, deutlicher bestimmen konnten: daß es sich beim Zusammenhang zwischen Mensch und Natur um einen gegenseitig bedingten und bedingenden handelt. Kein Forschen und kein Denken führt aus diesem Kreis hinaus.

1Vgl. seine Arbeit Un positinisme nouveau, und eine Artikelserie in der Revue de Metaphysique et de Morale 1899-1901, betitelt Science et philosophie.
2Die letzten Gedankengänge führt mein Vortragszyklus Spannung und Rhythmus vom Jahre 1922, abgedruckt in Wiedergeburt, genau aus.
Hermann Keyserling
Kritik des Denkens · 1948
Die erkenntniskritischen Grundlagen der Sinnesphilosophie
© 1998- Schule des Rades
HOMEPALME