Schule des Rades

Hermann Keyserling

Philosophie als Kunst

Individuum und Zeitgeist

Weltanschauung

Zu welcherlei Ergebnissen führen uns unsere bisherigen Betrachtungen über Individuum und Zeitgeist? — Der Zeitgeist bedingt nicht den Charakter der Begabungen, wohl aber das, was aus ihnen wird, die Art, wie sie sich ausdrücken. Da der Zeitgeist Resultante aller individuellen Weltanschauungen ist, und diese wiederum vom Kulturtypus, der Rasse und deren jeweiligem Entwicklungsstadium abhängen, so trägt jeder Einzelne gewiß schon ursprünglich den Stempel seiner Zeit. Viele Kultur ist angeboren. Der Grieche war von Hause aus disziplinierter in künstlerischer Hinsicht als der Moderne, der Mensch des 18. Jahrhunderts schon ursprünglich zur Verständigkeit geneigt. Indessen, die Begabungen sind von Natur aus unbestimmter, als man denkt; überdies ist das Talent seinem Wesen nach aus dem Zeitgeist niemals zu erklären: es ist ein glückliches Naturphänomen, fast möchte ich sagen: ein kapriziöses Naturspiel, das sich durchaus nicht dann gerade einzustellen pflegt, wenn sein Auftreten nach menschlichem Ermessen am Wahrscheinlichsten und Günstigsten wäre. Deswegen ist es wohl richtig zu sagen, der Zeitgeist bedinge nicht den Charakter der Begabung an sich, sondern das, was aus ihr gemacht wird. Aber in diesem Sinn reicht seine Wirkung sehr viel tiefer, als allgemein geglaubt wird; viel tiefer sogar, als aus den bisherigen Betrachtungen hervorgehen mochte: außerordentlich vieles von dem, was innerem Triebe zugeschrieben wird, ist in Wirklichkeit durch Zeiteinflüsse ins Leben gerufen. Der innere Trieb ist sehr selten von Hause aus bestimmt, er ist blind wie der Wille und erhält von äußeren Verhältnissen die Richtung. Äußere Verhältnisse in diesem Sinn sind, so paradox dies klingen mag, beim genialen Menschen die Talente. Es ist mißverständlich zu sagen, jemand sei als Philosoph, als Staatsmann, als Dichter genial: Genialität ist ursprüngliche Schöpferkraft, ohne eigene Bestimmung, aber sie äußert sich dort, wo geeignete Werkzeuge in Gestalt von Anlagen vorgebildet sind — sowie das Licht notwendig dort durchbricht, wo es Fenster gibt. Deswegen kann man genial und talentlos zugleich, sowie talentiert ohne eine Spur von Genie sein. Genau die Rolle nun, wie die Talente beim Genie, spielen die Zeitströmungen bei der Mehrzahl der Menschen. Die Voraussetzungen des Zeitgeistes, die Gedankenreihen, die in der Luft liegen, die Gelegenheiten, die sich dem Ehrgeiz bieten, sie geben dem Betätigungstriebe die Richtung. So greifen heute, wo die immer wachsende Veräußerlichung und Mechanisierung des Lebens und seiner Berufe dem Menschen eine totale und ursprüngliche Betätigung sehr erschwert, unverhältnismäßig viele zur Feder, nicht zum Wenigsten solche, die eigentlich zum Handeln, zum Kämpfen geboren sind. Es hat Perioden gegeben, wo der Zeitgeist die Menschen vorwiegend zur Tat, dann wieder zur Betrachtung und gedanklichen Vertiefung gelenkt hat. Nicht zu jeder Zeit wäre Jeremias zum Propheten, noch Augustus zum Cäsar geworden. In diesem Sinne läßt sich geradezu von genialen Epochen reden, ganz unabhängig von der Zahl echter Genies, die damals zufällig geboren wurden — genialen Epochen im Gegensatz zu solchen, welche die Entwicklung genialer Naturen erschwerten und unmöglich machten. Zu Zeiten ausschließlicher Verstandeskultur, wo nur dem Bewußten, Begründeten und unmittelbar Beweisbaren Existenzberechtigung zuerkannt wird, wo die Vermittelungen des Denkens alle Unmittelbarkeit überwuchern, da wird manches Genie im Keim erstickt. Denn Genie ist der Qualität nach Unbefangenheit, Ursprünglichkeit, Wahrhaftigkeit sich selbst gegenüber, und wo der Zeitgeist über unpersönlichen Begriffen keine Instanz anerkennt, wo eine Formel über das Leben entscheiden darf, dort hat es die geniale Natur, falls sie nicht über große Lebenskraft verfügt, überaus schwer, sich durchzusetzen. Geniefeindlich in diesem Sinne war z. B. die römische Republik. Dem gegenüber sind solche Epochen genial zu nennen, in welchen der Zeitgeist Ursprünglichkeit gebot. Denn hier wurde jeder, der den inneren Drang spürte, auch von außen zur Wahrhaftigkeit gedrängt, und wer den Beruf hatte, verfehlte ihn nicht oft. Genial in diesem Verstande war in Griechenland das Zeitalter, das die Heldensagen erschuf, die Ära, die durch Homer beschlossen ward; genial in diesem Sinne war die Renaissance, war vor allem das Mittelalter.

Im Mittelalter — für mich der faszinierendsten Zeit der gesamten Geschichte — war freilich dem Denken jede Freiheit, fast jeder Spielraum genommen; alles schien durch Autorität vorausbestimmt. Wo Gott nicht seit Ewigkeiten entschieden hatte, dort herrschte der Teufel, der Fürst dieser Welt. Auch dieser ließ nicht mit sich rechten, sein Verhältnis zu den Menschen stand ein für allemal fest. Wo Gott und Teufel die Bahn freiließen, da sprangen alsbald die Päpste ein. Und wo die Päpste schwiegen — dort hatte schon Aristoteles entschieden. Dem Intellekt des Einzelnen blieb wirklich nichts zu tun übrig; er lebte wie vergittert hinter eisernen Dogmen. Allein die spontane Kraft des Menschen ist, wo vorhanden, nicht zu brechen; sie kann höchstens umgeleitet werden. Und die Völker des Mittelalters waren jung und strotzend von Kraft. So äußerte sie sich, da intellektuelle Verausgabung so gut wie unmöglich gemacht war, in ethischen Trieben, und desto gewaltiger, ursprünglicher und reiner, je enger die Schranken nach anderen Richtungen gezogen waren. Uns tritt im Mittelalter eine Intensität des Glaubens, der Treue, der Aufopferung, eine phantastische Aktivität entgegen, wie weder früher je noch später. Sieghaft und herrisch drang die Kraft hervor, trotzig und freudig, trotz alles Dunkels der geistigen Atmosphäre. Wenn die Propheten der Kreuzzüge, die Erbauer von Frankreichs Kathedralen, wenn die ritterlichen Abenteurer und düsteren Asketen jener Tage keine genialen Naturen waren, dann ist es niemand gewesen. Hier förderten die Grenzen der Zeit die Ursprünglichkeit, mithin die Genialität; hier begünstigte die geistige Beengung geradezu die Intensität der ethischen Selbstgestaltung. Aber daß sich die Spontaneität der Menschen just nach ethischer Richtung äußerte, das lag am Charakter der Epoche. Wer sich damals im Glauben erschöpfte, hätte zu anderen Zeiten vielleicht philosophiert. Die Menschen, von Natur vielleicht immerdar die gleichen, richten, verwerten und gestalten ihre Gaben verschieden, je nach dem Geiste ihrer Zeit. Der Zeitgeist ist kein Schöpfer, wohl aber der mächtigste Gestalter.

Hermann Keyserling
Philosophie als Kunst · 1920
Individuum und Zeitgeist
© 1998- Schule des Rades
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