Schule des Rades

Hermann Keyserling

Philosophie als Kunst

Germanische und romanische Kultur

Nichtverstehen

Wenn ein Deutscher mit einem Franzosen noch so nahe bekannt geworden ist, wenn beide sich noch so genau kennen und noch so gut verstehen, so wird es doch immer einen Punkt geben, an welchem das gegenseitige Verständnis aufhört; und dies so plötzlich und so radikal, daß es sogar schlechten Beobachtern fast immer zum Bewußtsein kommt. Was mag die Ursache dieses Nichtverstehens sein? — Führt man widerstreitende Vorurteile, physiologische Antipathien, durch den Unterschied der individuellen Anlage, der Erziehung oder des Milieus bedingte Differenzen an, so hat man nichts Eigentliches gesagt: in allen diesen Fragen der Oberflächenspannung ist vollständiges Verständnis erzielbar, und das Wesentliche bleibt doch aus. Das Nichtverstehen wurzelt in der Tiefe. Wo der Deutsche im deutschen Sinne tief wird, dort versagt des Franzosen Verständnis, und wo der Franzose sein Tiefstes zum Ausdruck bringt, dort redet er eine Sprache, deren Bau uns innerlich fremd ist. Nun könnte es sein, daß dem Romanen die lebendige Tiefe, in welcher der Germane seinen Grund fühlt, fehlte, und dieses ist auch nicht selten behauptet worden. Allein, wie mich bedünken will, mit Unrecht. Wohl mag es sein, daß die germanische Veranlagung im absoluten Sinn die reichere, umfassendere ist, daß wir Möglichkeiten des Erlebens besitzen, die den Romanen von der Natur nicht gewährt wurden: aber das ist es nicht, was das Nichtverstehen bedingt; man begreift auch das, was einem fehlt. Das Nichtverstehen im Letzten scheint mir darauf zu beruhen, daß das innerste Leben, welches in beiden Fällen im gleichen Maß vorhanden sein mag, in jedem von ihnen verschiedenen, ja entgegengesetzten Ausdruck sucht und findet.

Schemen sind nun bekanntlich immer falsch, und Antithesen pflegen die Wahrheit zu vergewaltigen. Die Wirklichkeit ist nirgends so akzentuiert, wie das begriffliche Denken dies wünschen möchte, ist auch nirgends so eindeutig, daß eine Formel sie restlos erschöpfen könnte. Die romanischen und germanischen Charaktere sind durch vielfache Übergänge vermittelt, der Brite weist viel römisch-keltische Züge auf, der Nordfranzose so manche deutsche Eigenschaft. Das Romanische, das Germanische tritt vielleicht nirgends als solches in die Erscheinung, deshalb kann es unmöglich gelingen, eine allgemeine Charakteristik zu geben, die dem Faktischen überall Rechnung trüge. Nur die weitesten Zusammenhänge dürfen überhaupt ins Auge gefaßt werden, wenn typische Züge bestimmt werden sollen. Sie dürfen keinen Anstoß daran nehmen, wenn ich bald auf Englisches, bald auf Deutsches hinweise, hier auf Französisches und dort wieder auf Italienisches, sogar dort, wo die Bestimmung nur für die eine Nation zu Recht besteht; daß ich andererseits von der zunehmenden Verwischung der ursprünglichen Grenzen, welche Blutmischung, verkehrsbedingte gegenseitige Abfärbung und jüdischer Einfluß bedingen, in meiner Betrachtung vollständig absehe. Sie müssen sehr großzügig zu denken suchen. Tuen Sie dies nun, dann darf ich Ihnen den Unterschied mit gutem Gewissen auf die folgende Weise definieren: das geistige Leben des Germanen ist wesentlich ein nach innen zu gekehrtes, dasjenige des Romanen ein nach außen zu ausstrahlendes. Dieser Richtungsunterschied, dieser allein, ist die eigentliche Ursache aller besonderen Divergenzen und Gegensätze.

Stellen wir uns in der Tat vor, zwei gleich tief angelegte Menschen unterscheiden sich im angeführten Sinn — wie wird dieser Unterschied in die Erscheinung treten? (Selbstverständlich kann es sich bei dieser Konstruktion nur um eine grobschematische Skizze handeln, welche die Grundverhältnisse gerade dadurch besonders deutlich hervortreten läßt, daß sie dieselben übertreibt.) — Der Insichgekehrte lebt im Urgrunde seines Wesens. Als Religiöser steht er zur Gottheit in persönlichem, nächstem Verhältnis, setzt sich selbständig mit Ihr auseinander; als Philosoph durchdenkt er die äußersten Probleme, das Sein selbst im Geiste zu erschöpfen strebend; als Liebender ist er Idealist und insofern wunschlos, da sein Gemüt mehr vom Gefühle selbst als von dessen Gegenstande eingenommen ist und die Tiefe des inneren Erlebens alle Absichten oberflächlich erscheinen läßt; als Künstler endlich strebt er nach Innerlichkeit, weswegen der Gehalt ihm wichtiger dünkt als die Vollendung des Ausdrucks. Er wird ein sehr reiches und lebendiges Innenleben haben, seine Gefahr und Grenze aber werden Verträumtheit und Phantastik sein. Verträumtheit, weil im Reich der Seele die Umrisse gar zu leicht verschwimmen und das Chaos nur zu träumen ist; Phantastik, weil dort, wo die äußeren Schranken fehlen, die Einbildungskraft leicht zuchtlos wird und bloß Eingebildetes mit Wirklichem verwechselt. — Derjenige nun, dessen geistiges Leben, bei gleicher ursprünglicher Tiefe, ein nach außen zu ausstrahlendes ist, wird sich wesentlich anders verhalten. Bewußt wird er stets in der Sphäre der Erscheinungen leben, denn für ihn existiert das Tiefe nur, insofern es zum Ausdruck gelangt, was offenbar nur an der Oberfläche geschehen kann, und nur dort wird er es ganz verstehen. Daher wird seine Religiosität sich vorzüglich praktisch äußern, bei prinzipieller Gleichgültigkeit theoretischen Erwägungen gegenüber; er wird fromm sein, ohne viel nachzufragen, welchen Grund seine Frömmigkeit hat. Seine Philosophie wird mehr dem Geist nach tiefsinnig sein als in dem, was sie tatsächlich sagt, denn wenn er vom Tiefsten vielleicht ausging, so strebt er doch nicht bewußterweise hin. Seine Liebe bezieht sich immer auf Reales, er begehrt und weiß, was er will, kein Gefühl als solches befriedigt ihn, ihm kommt es auf Tatsachen an. Als Künstler schließlich ist er Meister des Ausdrucks und kaum imstande zu verstehen, was Gehalt unabhängig vom Ausdruck überhaupt vorstellen und bedeuten soll, denn er schaut nur nach außen, nicht nach innen. Überall tritt er vollendet in die Erscheinung, seine Grenzen aber sind Oberflächlichkeit, Formalismus und Positivismus, d. h. Mangel an Einbildungskraft. Oberflächlichkeit, weil der, welcher alles an die Oberfläche bringt, zuletzt der Tiefe vergißt, von der er ausging, Formalismus, weil formale Meisterschaft nur zu leicht dazu verführt, in der Form einen Selbstzweck anzuerkennen, Phantasiemangel endlich, weil die allzu scharf erschaute Außenwelt am Ende das Innenleben beeinträchtigt und erstickt. Wer alles bemerkt, dem fällt zuletzt nichts ein. —

Die freie Konstruktion, die ich hier vor Ihnen aufführe, ist gewiß nur ein Schema, vergessen Sie das nicht, doch gibt sie ein gutes Schema zum Verständnis des wirklichen Verhältnisses des germanischen zum romanischen Geiste ab. Selbstverständlich darf nur der sich bei Massenvergleichen ergebende Durchschnittseffekt in Betracht gezogen werden, denn große Geister sprengen fast immer den Rahmen ihrer Nation, und selbst wenn man von den Größten absieht, wird man immer Individuen entdecken, auf welche die allgemeine Charakteristik nicht zutrifft. Selbstverständlich bedingen die verschiedenen Richtungen, in welchen sich die gleiche oder als gleich angenommene Lebensintensität bewegt, wesentliche und unüberbrückbare Unzulänglichkeiten: so wird der Romane als Mystiker, als Dichter und als Philosoph im tiefsten Sinn nie das sein, wie ein Sproß des Germanentums, während es diesem wiederum sehr schwer wird, dem Romanen dort gleichzukommen, wo dessen ursprüngliche Stärke liegt: in der bildenden Kunst, in der Kritik, in der Gestaltung des äußeren Lebens. Selbstverständlich äußert sich, bei der großen Unvollkommenheit der Menschennatur und ihrer verderblichen Neigung, lieber Schlechtes als Gutes zu vererben und fortzusetzen, der Charakter einer Organisation weit häufiger in ihren Mängeln als in ihren Vorzügen: so kann wohl kein Zweifel darüber bestehen, daß ein sehr großer Teil der Franzosen an Gemütlosigkeit, Trivialität und Phantasiemangel krankt, während die überwiegende Mehrzahl der Deutschen dem Fremden mit Recht mehr durch ihre Schwerfälligkeit, öde Ideologie, Unpräzision im Denken und ihren Mangel an Kultur des ganzen Lebens auffällt, als durch das, worin der Deutsche groß ist. Aber das Wichtige ist zu begreifen, daß diese Unzulänglichkeiten, so bedeutend sie immer seien, keinen ursprünglichen Defekt des Wesens beweisen, sondern nur eine abweichende Geistesrichtung. Vielleicht wird Ihnen das am Deutlichsten werden, wenn ich zwei extreme Beispiele anführe.

Der Katholizismus, dessen Gläubigen ein selbständiges Sichbefassen mit den tiefsten Problemen versagt, weil vorweggenommen ist, ist in Europa die romanische Religion par excellence (obschon seine höchsten Möglichkeiten, die bei kontemplativer Anlage in die Erscheinung treten, an der germanischen Natur ein günstigeres Medium finden sollten, und diese im Mittelalter auch gefunden haben); ich kann mir nicht denken, daß echte Romanen jemals dem Geist nach Protestanten werden können. Weshalb? Weil innerhalb des katholischen Glaubensbekenntnisses der Glaube sich in der Betätigung äußert. Ein Dogma ist wahr, nicht eigentlich insofern es erkannt, sondern insofern es erlebt, gelebt, gehandelt wird (man vergegenwärtige sich den besonderen Sinn, der in der religiösen Sphäre mit dem Verbum pratiquer verknüpft erscheint), seine Wahrheit ist keine theoretische, sondern eine praktische, sie erweist sich in dem, daß sie den Menschen bessert und erlöst. Wogegen der Protestantismus, als Ausdruck der insichgekehrten Geistesrichtung, den Glauben als reinen Glauben meint und die Wahrheit als echte Erkenntnis. Die Voraussetzungen beider Religionssysteme sind grundverschieden: es kann aber nicht dem leisesten Zweifel unterliegen, daß unter Katholiken, die in einer für lutherische Begriffe unerträglichen geistlichen Knechtschaft leben, noch häufig Geister von so tiefer Religiosität vorkommen, wie sie unter Protestanten schon sehr selten sind und immer seltener werden, weil die Religiosität sich innerhalb des Protestantismus unwillkürlich zersetzt1. — Und nun der Charakter der Liebe, so andersartig diesseits und jenseits des Rheins. Gewiß: der Positivismus der französischen Erotik hat für Deutsche zunächst etwas Abstoßendes, es liegt dem Germanen nahe, dem Franzosen Empfindungstiefe abzusprechen. Wo ausschließlich von Sinnlichem die Rede ist, dort, meinen wir, sei Sinnlichkeit auch das einzige Motiv, wir bezweifeln das Dasein der Seele. Allein wir irren darin. Der Germane, der auf französisch liebt, ist freilich selten mehr als er scheint, bestenfalls ist er ein verfeinertes Tier; beim Franzosen hat alle Sinnlichkeit einen tiefen Hintergrund, oder kann solchen wenigstens haben. Bei diesem, dessen Lebensintensität nach außen zu ausstrahlt, anstatt, wie bei jenem, im Inneren schwebend zu verweilen, kommt im Sinnlichen Seelisches zum Ausdruck, und kann nur dort zum Ausdruck kommen, wie denn tatsächlich der Körper der Seele ursprünglichster Ausdruck ist. Im Ganzen liegen die Dinge wohl folgendermaßen: jede der beiden Menschenarten löst die gleichen Probleme auf gleich vollkommene Weise, aber jede auf ihre besondere Art.

Wenden wir uns jetzt dem spezifischen Ausdruck zu, den das ursprünglich Gleiche bei den Germanen einerseits, den Romanen andererseits findet. Ich deutete Ihnen schon an, daß die Verschiedenheit der Geistesrichtung sehr große Unterschiede im aktuellen Ausdruck nicht nur, sondern auch in den Ausdrucksmöglichkeiten bedingt. Der ausstrahlende Charakter der romanischen Lebensintensität und dessen nächste Folge, die wesentliche Bedeutung, welche der Form zukommt, bedingen es, daß die Formseite des Lebens und der Kunst in romanischen Ländern wie von selbst eine Vollendung erreicht, wie unter Germanen nur bei exzeptioneller Veranlagung und unter einem Hochdruck von Disziplin. Desgleichen kann es bei der zentrifugalen Richtung des romanischen Geistes nicht ausbleiben, daß Beobachtung, Kritik und Unterscheidungsvermögen dort eine Rolle spielen und folglich auch eine Hochzüchtung erfahren, wie nur in Ausnahmefällen unter uns. Daher die wunderbaren, unvergleichlichen Denkmäler, die der romanische Geist sich in Skulptur, Architektur und Malerei gesetzt hat, seine unerreichte Lebenskunst, sein verfeinerter, unfehlbarer Geschmack. Aber mit der gleichen Notwendigkeit ergibt es sich aus unserer Bestimmung des Grundcharakters des Romanen, daß er dort, wo es sich um den unmittelbaren Ausdruck des Innerlichen handelt, nicht dessen Verkörperung in der Erscheinung, vor dem Germanen zurücktreten muß. Das tiefste Weben der Seele hat keine Kunst keines Volks so gewaltig auszudrücken vermocht, wie die deutsche Musik, die größten Denker hat immer noch Deutschland hervorgebracht, und es gibt keinen romanischen Dichter, der sich dem poetischen Gehalt nach nicht bloß mit Shakespeare, sondern auch nur mit Shelley vergleichen dürfte. Ließe sich nun nicht, auf Grund dieser Unterschiede in den Ausdrucksmöglichkeiten, eine präzise Formel finden, welche das Wesentliche an beiden Kulturen womöglich in einem Worte wiedergäbe? Denn ganz deutlich wird immer nur das, was sich ohne Umwege aussprechen läßt. Mir scheint, die folgende Formel wird dem ganzen Tatbestand gerecht: die germanische Kultur ist Kultur der Einbildungskraft, die romanische eine solche des Wirklichkeitssinnes. Ich weiß wohl, die Grenze zwischen Phantasie und empirischer Anschauung ist nicht überall leicht zu bestimmen, preßt man die Formel zu sehr, so wird sie notwendig falsch. Doch benutzt man sie als Wegweiser, oder als Symbol für die großen Züge, dann ist sie durchaus wahr. Das Größte, was die Germanen vollbracht, das, worin sie unerreicht dastehen, ist von jeher der Ausdruck des geheimnisvoll Schöpferischen gewesen, der Ausdruck dessen, was über Sinnenschein und Verstandeswahrheit hinausgeht. Es waren die Tugenden des Gehorsams und der Treue, es war der Glaube, der die Welt verklärt, es war die Philosophie, welche Grenzen schafft, und die Musik, die davon kündet, was alle Worte verschweigen müssen. Hier darf keine lebende Blutsgemeinschaft sich auch nur aus der Ferne mit ihnen vergleichen. Ja sogar in der bildenden Kunst, soweit sie rein Seelisches ausdrückt, übertrifft der Germane den Romanen. Die Innigkeit altdeutscher Meister hat kein Franzose besessen, den Holbeinschen Totentanz hätte Raffael niemals schaffen können, denn die Seele als solche auszudrücken geht über romanische Kraft. Wo es sich indessen um Wirklichkeit handelt, um Kultur der Sinne, des Verstandes, des Lebens im empirischen Sinn, dort steht der Germane dem Romanen nach. So vornehm, wie diejenige Tizians, ist die Anschauung keines Nordländers gewesen, so durchsichtig und klar, wie Voltaire, hat kein Deutscher jemals gedacht, und neben altfranzösischer Geselligkeit wirkt alle germanische roh. Man wird mir vielleicht England entgegenhalten zum Beweis der germanischen Wirklichkeitskultur: ganz mit Unrecht. Gerade Englands Kultur, so seltsam die Behauptung klinge, ist eine solche der reinsten Phantasie. Der politische Instinkt, das Gleichmäßige der äußeren Erscheinung, das geregelte Leben dieses Volkes sind nämlich der Ausdruck einer höchst gebildeten Innerlichkeit; sie beweisen nicht Mangel an Einbildungskraft, sie beweisen deren äußerste Beherrschung. Von allen Europäern besitzt der Engländer als Volk die konzentrierteste Imagination. Sie bedarf nicht der Unbeschränktheit, um sich auszuleben, die Schranken, so eng sie auch seien, sind ihr wesentliche Lebensformen. Wie die strengste Form in der Kunst die Phantasie nicht beengt, sondern abklärt, wie die Fingerübungen eines Bach mehr echte Musik enthalten als die freien Rhapsodien der Modernen, im gleichen Verstande bedeutet englischer Ordnungssinn nicht Unfreiheit, sondern edelste Freiheit. Dank der äußersten Durchbildung des ethischen Individuums, welches immer zugleich das imaginative ist, ist in England eine staatliche Organisation erwachsen, die auf den ersten Eindruck die Negation jeder Einbildungskraft und der Ausdruck abstraktester Reflexion zu sein scheint.

1Man vergleiche über Protestantismus und Katholizismus mein Reisetagebuch S. 233, 235, 260, 293, 402, 434 (2. Auflage).
Hermann Keyserling
Philosophie als Kunst · 1920
Germanische und romanische Kultur
© 1998- Schule des Rades
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