Schule des Rades

Hermann Keyserling

Philosophie als Kunst

Germanische und romanische Kultur

Ideal des Menschentums

Die germanische und die romanische Kultur haben andere Ursprünge, verfolgen abweichende Richtungen und erreichen demzufolge verschiedene Ziele. Hieraus folgt schon a priori, daß die Möglichkeiten der einen nach vielen Richtungen hin Unmöglichkeiten für die andere bedeuten müssen, es bedarf kaum der Belehrung durch die Erfahrung. Und doch ist dies selten begriffen worden. Zumal die französische Kultur gilt als eine, die sich ohne Weiteres übernehmen läßt. Nichts falscher als dies. Gerade diese Kultur ist ausgesprochen national, ja, je zugänglicher sie dem Nicht-Franzosen erscheint, desto ferner steht sie ihm in Wahrheit. Russen mit ihrer großen Leichtigkeit in der Aneignung fremder Sprachen bedienen sich mit besonderer Vorliebe der französischen und ernten sogar literarischen Erfolg damit: es gibt für den wahren Kenner französischen Geistes wenig Unerfreulicheres als die französische Literatur, die aus dem Osten stammt. Denn wenn hier das Äußerliche vollendet nachgeahmt erscheint, so ist der innere Charakter kaum jemals nur annähernd erfaßt; die Erscheinung ist unecht, bedeutet nicht was sie vorstellt, und im Reich des Geistes bestimmt die Bedeutung den empirischen Tatbestand. Aber es kann auch unmöglich gelingen, außer bei genialer Veranlagung, bei einem Reichtum des inneren Lebens, den immer nur ganz wenige besitzen, etwas wirklich (nicht bloß schauspielerisch) zu verkörpern, das man ursprünglich nicht ist. Die Sprache ist lebendiger Ausdruck des Lebens, und den Meisten ist der ererbte Ausdruck der einzigmögliche; die Kultur eines Volks bedeutet ein notwendiges Stadium seiner lebendigen Entwicklung aus innerem Gesetz heraus, und Leben läßt sich von außen nicht aneignen. Jedem Menschen wie jedem Volk sind durch seine Anlagen und Erbschaften Grenzen gesetzt, die er nicht überschreiten kann, ohne sein Bestes damit preiszugeben. Wohl wäre es schön, wenn der Mensch auch als empirisches Wesen ein Unendliches wäre, ja das Überwinden der ihm von der Natur gesetzten Schranken bedeutet ohne Zweifel das Ideal, nach dem jeder von uns streben soll. Es hat vielleicht keinen tieferen Geist gegeben, der nicht darunter gelitten hätte, ein Individuum zu sein, dessen heißeste Sehnsucht nicht die gewesen wäre, sich bis zur Menschheit auszuweiten und zu vertiefen. So treibt es ihn auch aus den Schranken des Nationalcharakters hinaus, denn auch der ist ein beschränktes Gebilde.

Keine einzelne Nation hat je das Ideal des Menschentums verkörpert, keine tut es jetzt und keine wird es je tun; wer im höchsten Sinne Mensch sein will, muß mehr sein wollen, als der erste Vertreter seines Stamms. Insofern gibt es gewiß nichts Verderblicheres, Entwicklungshemmenderes als das Liebäugeln mit den Grenzen des Volkes oder der Person. Dieses Liebäugeln ankert den Menschen in seinen Grenzen fest, benimmt ihm die innere Möglichkeit, sein Streben auf Unendliches zu richten. Dies ändert aber nichts daran, daß er mit diesen Grenzen rechnen muß, denn nur innerhalb ihrer kann er unendlich sein, gleichwie der Eisenbahnzug nur auf und dank seinen Schienen, die ihn einerseits beengen, den Raum überwinden kann. Nur innerhalb seiner Grenzen, so eng sie auch sein mögen, kann er sich überhaupt vollenden. Nein, aus der Haut seiner geographischen und historischen Bedingtheit kann kein Sterblicher heraus; er suche ihr gewaltsam zu entschlüpfen — die Befreiung wird Selbstmord sein. Weswegen sind Rußlands größte Geister der westlichen Zivilisation fast alle nicht hold gewesen, warum hat der große Tolstoi, wenn er den Russen verherrlichen wollte, am Liebsten den unkultivierten, unverfälschten Bauern zum Gegenstand seiner Darstellung gewählt? — Weil die westliche Kultur, die er einst gewaltsam übernahm, dem Russen gegenüber etwas Fremdes ist, weil seine wahre, spezifische Vollendung in einer Richtung liegt, die derjenigen des westlichen Kulturfortschritts nicht durchaus parallel geht. Im gleichen Sinn hat die deutsche Literatur erst mit dem Augenblick den Weg zur Höhe betreten, wo sie sich von der Autorität des Klassisch-Französischen zu emanzipieren wagte, denn die Deutschen sind keine Franzosen, und die Form dessen, was einer nicht ist, steht einem nimmermehr an. Wahre Kultur kann es ausschließlich im Rahmen der Eigenart geben. Dies gilt auch für uns Balten, die äußersten Vorposten der großen germanischen Kultur. Und es gilt für uns in engeren Grenzen, als für die großen Germanenstämme, eben weil unsere Geschichte eine besondere, beschränktere ist. Unser unmittelbarer Hintergrund ist nicht das Deutschtum in seinem weiten Begriff, unser Hintergrund ist enger, gemischter Art, wie ihn die Geschichte eben geschaffen hat. Aus diesem Grunde können wir uns kulturell schwer behaupten, sobald wir aus unserem engen Rahmen heraustreten, sobald wir ein Leben verkörpern wollen, das nicht baltisches Leben wäre. Nicht allein, daß wir unter keinen Umständen Romanen werden können: weder im Rahmen des Slawentums, noch auch in dem des reichsdeutschen Germanentums vermögen wir zu bestehen. Daß dieses in jenem Falle zutrifft, ist Ihnen wohl allen bewußt: der verrußte Balte stellt ohne Ausnahme einen minderwertigen Typus dar; er ist nicht allein weniger als der Balte, er ist weniger als der Russe, denn ihm fehlt selbst bei identischer Oberfläche doch dessen lebendiger Hintergrund, der Hintergrund der Geschichte, der allein der Erscheinung die Tiefendimension verleiht.

Das Gleiche aber gilt auch vom Rahmen des deutschen Reichs: auch dieser ist dem Balten ein fremder, nach manchen Richtungen hin bedrückender. Wir sind keine Deutschen im reichsdeutschen Sinn, wir sind ein selbständiger Menschenschlag, unter besonderen Bedingungen erwachsen. Wie die Sachsen in England zu Briten wurden und in Holland zu Niederländern, so ist aus den Deutschen, die in die baltischen Grenzlande übersiedelten, trotz aller Reinzucht, trotz heiligbewahrter Sprache und trotz stetigen Zusammenhangs mit der Urheimat allmählich ein Neues entstanden, das sich in vielen Hinsichten vom Ursprünglichen schroff unterscheidet. Sucht sich daher der Balte dem fremden Rahmen anzupassen, so muß er auf alle Fälle aufhören, er selbst, ein Balte zu sein, und wer kein markantes Individuum ist, was freilich das Höchste bedeutet, der gibt mit dem Nationalcharakter sein Bestes preis. Er stellt dann einen niederen Typus des Reichsdeutschen dar, genau im gleichen Sinn, wie er als Russe ein minderwertiger Russe ist — denn auch den reichsdeutschen Hintergrund kann er sich nicht wirklich zu eigen machen, weil eben Hintergründe überhaupt nur zu ererben, nicht zu erwerben sind. Und es steckt doch ein objektiver Wert in der baltischen Abart der großen germanischen Kultur, ein Wert, dessen Verlust die Menschheit zu tragen hätte. Nur Balten ist diese Kultur gemäß, nur hier kann sie gedeihen. So führt denn auch rein theoretische, um alle Praxis unbekümmerte Reflexion zur Erkenntnis, daß es für uns Balten, sofern wir ein Kulturmoment bleiben wollen, nur eins geben kann: treu zur Scholle zu stehen und das Erbe zu wahren und fortzuvererben, das wir von unseren Vätern überkommen haben.

Hermann Keyserling
Philosophie als Kunst · 1920
Germanische und romanische Kultur
© 1998- Schule des Rades
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