Schule des Rades

Hermann Keyserling

Philosophie als Kunst

Ost und West auf der Suche nach der gemeinsamen Wahrheit

Metaphysik

Zwei große Nationen leben im Osten, die beide um eine gewisse Zeit, in bestimmter Richtung und innerhalb gewisser Grenzen die Vollendung erreicht haben, der des Westens tiefstgeistiges Streben gilt: es sind die Inder und Sie, die Chinesen. In Indien hat der Mensch seine bisher tiefsten Gedanken gedacht. Die Inder haben einst einen Grad der Selbstverwirklichung in den Sphären des Gedankens und des metaphysischen Erlebens erreicht, dem kein anderes Volk noch nahegekommen ist. Bei ihnen allein stehen die äußersten Begriffe nicht für Vernunftkonstruktionen, sondern für Wirklichkeiten; von ihnen allein sind die psychischen und metaphysischen Realitäten ebenso unmittelbar und unbefangen erfaßt worden, wie vom Westen die Außenwelt; in Hindustan allein sind die Metaphysiker ganz exakt, ganz gegenständlich, ganz wahrhaftig gewesen. Je bestimmter unsere psychologische Erkenntnis wird, desto mehr müssen wir staunen über die Genauigkeit der alt-indischen Beobachtungen; je mehr unser metaphysisches Bewußtsein sich vertieft, desto mehr erkennt es sich wieder in dem Ausdruck, welcher Indien als Wahrheit gilt. Hier hat ein Volk das Unerhörte zuwege gebracht, sich in einer Metaphysik vollständig zu verwirklichen. Aber freilich steht dieser Vorzug nicht unkompensiert da. Wie es so oft dem einzelnen Denker zu gehen pflegt: die empirische Wirklichkeit ist diesem Volk von Grüblern ein Fremdes geblieben und immer fremder und fremder geworden. Die erreichte Selbstverwirklichung hat geringen Einfluß ausgeübt auf die indische Lebensform, auf die politische und soziale Organisation. Diesen Menschen lag — und liegt noch heute — zu wenig an dieser Welt; sie haben das Himmelreich nie auf Erden zu begründen versucht, sie sind schon in diesem Leben zum Himmel aufgeflogen. Nun wird aber der Mensch für die Welt in die Welt hineingeboren, daher bedeutet Versagen auf Erden recht eigentlich ein metaphysisches Vergehen. Einem solchen folgt die Sühne auf der Spur: die Inder sind nicht allein zu keiner Zeit eine große Nation gewesen — der höchste Typus, den sie hervorgebracht, ist menschlich kein höchster zu nennen. Ich meine den Yogi, den Heiligen, welcher der Welt gleichgültig den Rücken kehrt.

Ganz anders steht es mit China. Wohl hat auch in China so mancher Denker das Wesen tief erfaßt, und was den Erkenntnisausdruck betrifft, so gibt es kaum seinesgleichen. Dank jenem Sinn für Knappheit und für Prägnanz, den Ihr Schriftsystem wie selbstverständlich großzieht, haben Ihre Denker ihre Einsichten in Formeln eingefaßt, die an Gespanntheit, Schärfe des Umrisses und Dichte alle sonst gefundenen übertreffen. Es würde mich nicht wundernehmen, wenn von allen den Ausdrücken für das Metaphysisch-Wirkliche, die aus der Vergangenheit überliefert sind, die chinesischen allein sich als unsterblich erweisen sollten. Doch liegt auf diesem Gebiete, dem gedanklich-geistigen, nicht Chinas wesentliche Größe. Der Taoismus, dem die tiefsinnigsten Aussprüche chinesischer Weisheit entstammen, bedeutet schließlich doch nur einen Seitenzweig Ihrer Kultur, bis zu einem gewissen Grade sogar eine Reaktion gegen dieselbe. Die wahre Größe der chinesischen Nation beruht auf einem anderen: dem unerreichten Grade, bis zu welchem sie ihr Tiefstes nicht in abstrakter Gestalt, sondern in der des konkreten empirischen Lebens verwirklicht hat. Der Konfuzianismus wird vielfach als rationalistisches Theorem beurteilt, ähnlich denjenigen, die Europa im 18. Jahrhundert beherrschten: in Wahrheit ist er das genaue Gegenteil davon. Die Rationalisten klügelten künstliche Systeme aus, die der Wirklichkeit aufgezwängt werden sollten: der Konfuzianismus als Theorie ist nur der Schatten eines natürlichen, lebendig erwachsenen, im Leben verwirklichten Zustandes. Und zwar eines Zustandes, dessen Sosein das Tiefste im Menschen unmittelbar zum Ausdruck bringt, wie die entsprechenden Worte den letzten Sinn eines Gedankens.

Wir bewundern China um des einzigartigen Grades willen, in welchem sich der Geist dem sozialen Bewußtsein eingebildet hat. Hier, und hier allein in der Geschichte der Menschheit, ist das Wort buchstäblich Fleisch geworden. Das aber ist das höchste, was sich denken läßt. Äußert Geist sich überhaupt auf dieser Welt, so bedeutet das, daß er sich materialisiert. Das Ungestaltete nimmt Gestalt an, die Idee verkörpert sich im Ausdruck, die Tiefe wird zur Gespanntheit der Oberfläche. Das vollendet organisierte äußere Leben ist ein genau so erschöpfender Geistesausdruck, wie das umfassendste philosophische System. Was läßt sich wohl Tiefsinnigeres erdenken, als jene Ritenlehre, nach welcher jedweder Gehalt den ihm objektiv korrespondierenden Ausdruck finden muß? — Denn wirklich entspricht auch dem individuellsten Inhalt stets irgendeine typische Form, und in dieser erst verwirklicht er sich ganz. Welche Idee könnte produktiver sein als die, daß Verinnerlichung erst dann als vollendet betrachtet werden kann, wenn sie als Harmonie der Erscheinung zutage tritt? Welches soziale System dürfte tiefer im Grunde des Menschentums gegründet sein, als eines, das die objektive Ordnung durch vollendete Durchbildung der Subjekte erzielen will und erzielt? Einen volleren Ausdruck hat Geist im sozialen Leben noch nirgends gefunden. Was ist das übliche Schauspiel? Entweder ausdrucksunfähige Tiefe oder oberflächliche Ausdruckskunst, oder endlich ein Gemenge von beiden. Das Tiefste ganz zur Erscheinung zu bringen, hat Altchina allein bisher verstanden. Halten Sie mir nur nicht den toten Formalismus der späteren Zeiten entgegen: der erwuchs als unvermeidliche Übertreibung des erreichten Zustandes der Vollendung. Äußert Geist sich überhaupt auf dieser Welt, so kann er, wie gesagt, weder mehr noch auch anderes bewirken, als Gestaltung der gegebenen Materie. In China hat er sich Jahrhunderte hindurch im Leben vollkommen ausgeprägt. Und ging er dann schließlich verloren, blieb die Schale allein zuletzt zurück, so beweist dies nur einmal mehr, was wir nach gerade wissen sollten: daß alles vergänglich ist auf dieser Welt.

Hermann Keyserling
Philosophie als Kunst · 1920
Ost und West auf der Suche nach der gemeinsamen Wahrheit
© 1998- Schule des Rades
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