Schule des Rades

Hermann Keyserling

Philosophie als Kunst

Die Bedeutung der chinesischen Kunst

Sinneserfassung

Der Erfolg und die Bedeutung geistiger Betätigung hängen grundsätzlich von zwei Umständen ab: erstens der Tiefe der Sinneserfassung, zweitens dem Grade, in welchem diese entsprechenden Ausdruck fand. Der Sinn ist ein rein Innerliches, Geistiges, Zeitloses, von der Erscheinung wesentlich Unabhängiges; der Ausdruck hingegen allemal ein Empirisches, Materielles, und folglich räumlich oder zeitlich Bestimmtes. Dies erläutert am einleuchtendsten das Beispiel der Politik: der allein kann als großer Staatsmann gelten, welcher einerseits den Sinn des Erforderlichen ganz versteht, andererseits aber die realen Zeitkräfte so klar erkennt und so meisterlich beherrscht, daß er sein Ideal zu verwirklichen in der Lage ist — denn Verwirklichung gelingt immer nur durch vorhandene Mittel; wer sich in diesen täuscht, bleibt ein unfruchtbarer Ideolog. Die Verhältnisse liegen aber genau ebenso auf jedem anderen Gebiet. Nur der leistet als Wissenschaftler Bedeutendes, welcher richtig erkannte Tatsachen richtig deutet, nur der als Philosoph, der seiner Intuition des Sinnes den angemessenen, d. h. der Eigengesetzlichkeit des Ausdrucksmaterials genau entsprechenden Begriffskörper schafft. Auf allen bisher betrachteten Gebieten spielt nun der Zeitfaktor eine hervorragende Rolle; der Staatsmann muß den Zeitströmungen Rechnung tragen, der Wissenschaftler, der Philosoph ist bei seinen Begriffsfassungen vom jeweiligen Stande der Tatsachen-Erkenntnis abhängig. Hieraus ergibt sich die Vorläufigkeit und Überholbarkeit selbst ihrer größten Leistungen, als welche immer nur mehr oder weniger vorgeschobene Etappen auf dem Weg zum Ziel bedeuten können, welches seinerseits immer weiter in die Zukunft voraus enteilt1. Hier verwirklicht sich der Sinn durch endloses Fortschreiten hindurch. Im Bereich der Kunst hingegen, für das alles Gesagte sonst gleichfalls gilt, gibt es kein Fortschreiten durch Etappen, sondern nur erreichte oder nicht erreichte Ziele; sie ist in jedem Sonderfall am Ende; ihr Wert oder Unwert besteht unabhängig von aller Empirie. Denn hier steht die äußere Wirklichkeit als solche gar nicht in Frage: nur darauf kommt es an, inwieweit beliebige Mittel dem Sinne entsprechenden Ausdruck verleihen. Hier handelt es sich um den Sinnesausdruck an sich, zeitlos, beziehungslos. Alle empirischen Erwägungen gehen am eigentlich Künstlerischen vorbei. Daher der zeitlose Charakter aller großen Kunst, ihre Endgültigkeit, Unüberholbarkeit. Daher andererseits ihre Seltenheit. Ausdrucksvermögen an sich schon ist kein häufiges; in allen Ländern und Zeiten waren Künstler und Dichter undichter gesät, als Praktiker und Intellektuelle. Daß nun außerordentliches Ausdrucksvermögen einem gleichwertigen Tiefsinn zur Verfügung steht, ist vollends die Ausnahme; die meisten Künstler aller Zeiten, zumal die modernen, waren, vom Sinn her betrachtet, oberflächlich. Ich kenne auf Erden überhaupt nur eine Kunst, von der das Ideal der Kongruenz von Sinn und Ausdruck in dem Verstand, daß äußerste Tiefe sublimierteste Form durchgeistigte, verwirklicht worden wäre: das ist die von China.

Die Chinesen sind extreme Ausdrucksmenschen, im äußersten Grade das, was in geringerem von Hellenen und Romanen gilt. Konfuzius lehrte: nur der Weise darf als vollendet gelten, dessen Tiefsinn als Anmut in die Erscheinung tritt. Seitdem ihre Kultur besteht, gehen die Chinesen von der Voraussetzung aus, daß die Tiefe der Sinneserfassung sich an der Vollendung des Ausdrucks messe. Jene Voraussetzung trifft nicht zu für das Gebiet der reinen Philosophie und Religion: die Inder, die tiefsten aller Menschen, waren zum Ausdruck nicht mehr talentiert, wie später die Deutschen. Als jedoch der indische Tiefsinn seinen Weg nach China fand, was mit der Ausbreitung des Buddhismus geschah, da fand er einen so vollkommenen Körper an den Schöpfungen der Bildnerei und Malerei, daß Alt-Chinas religiöse Kunst als größte aller Zeiten bewertet werden darf. Sie darf es deshalb, weil nirgends sonst gleich tiefe Sinneserfassung einen gleich vollendeten bildhaften Ausdruck gefunden hat.

Bei Chinas religiöser Kunst handelt es sich gleichsam um spiritualisierte Schwerkraft2. Das Gesetz der Schwere beherrscht die materielle Welt. Soll daher Gottheit im Irdischen sichtbar zum Ausdruck kommen, so muß sie das Schwere als solches beseelen, nicht dieses verflüchtigen zur Immaterialität. Letzteres hat fast alle sonstige religiöse Kunst versucht. Die Chinas wirkt zugleich rein-geistig und erden-schwer, und sie wirkt geistiger als alle anderen eben deshalb, weil sie das Materielle zum unmittelbaren Ausdrucksmittel des Geistigen erobert hat. Man lasse sich durch die Zierlichkeit so vieler Bildwerke nicht beirren: die Grazie der Tänzerin beruht auf Beherrschung der Schwere. Dank gleichem vermögen wir Menschen heute zu fliegen. So schweben die Bodhisattvas und Engel glaubhaft vom Himmel hernieder. Hier handelt es sich nicht um die Willkür eines Tiepolo, der Pyramiden auf Wolken ruhen heißt, sondern um den Ausdruck himmlischen Könnens vermittels der Erdengesetzlichkeit. Ebenso handelt es sich bei den Farbeneffekten der Auras um keine Transposition, sondern um einen unmittelbaren Ausdruck geistigen Lichts vermittels des Sichtbaren. Die chinesische religiöse Kunst ist die geistigste von allen, welche die Erde verschönen, weil sie gleichzeitig die erdgemäßeste ist.

Eben deshalb ist sie, als religiöse Kunst, die einleuchtendste, die unmittelbar verständlichste. Freilich muß ihre Sprache, um verstanden zu werden, zuvor erlernt werden; dies gilt von jeder. Aber ist sie einmal erlernt, dann kündet sie vom Sinn in einer Klarheit, wie keine andere. Dies macht, daß sie jenen einzig tief erfaßt. Der Sinn liegt jenseits der Zahl, der Einzigkeit, er ist universell und deshalb all-übertragbar. Wie der Sinn eines Buches in sämtlichen Exemplaren ein und derselbe bleibt, wie alle gleich tiefen Menschen durch alle Verschiedenheit hindurch einander unmittelbar verstehen, so ist das Tiefste, das Göttliche, wo es sich unmittelbar ausdrückt, auch jedem, der über das nötige innere Organ verfügt, unmittelbar faßlich. Daher kommt es, daß wir Westländer, deren Formensprache von der chinesischen im höchsten Grade abweicht, in den Höchstausdrücken der chinesischen religiösen Kunst doch unser eigenes Tiefstes besser wieder erkennen oder entdecken, als in unserer eigenen. Der segnende Bodhisattva, der auf Wolken zur Erde niederschwebt, der ernste Buddha, der alles aufs Göttliche gerichtete Sinnen in sich verdichtet, die süße Kwannon, die den weiblichen Aspekt der Liebe ausstrahlt, sagen auch uns Christen besser das, was wir letztlich meinen, als die Gestaltungen unseres eigenen religiösen Bildnertriebs3.

1Vgl. hierzu die Vorrede zu meiner Unsterblichkeit, 3. Auflage Darmstadt 1920, Otto Reichl Verlag.
2Vgl. hierzu die Kapitel China und z. T. auch Indien und Japan in meinem Reisetagebuch eines Philosophen. 5. Auflage Darmstadt 1920, Otto Reichl Verlag.
3Die in dieser Studie zum ersten Mal schriftlich niedergelegten Gedanken über das Verhältnis von Sinn und Ausdruck in Kunst und Leben finden ihre genaue Ausführung in meinem nächstfolgenden Werke Schule der Weisheit (Darmstadt 1922).
Hermann Keyserling
Philosophie als Kunst · 1920
Die Bedeutung der chinesischen Kunst
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