Schule des Rades

Hermann Keyserling

Philosophie als Kunst

Deutschlands Beruf in der veränderten Welt

Herrschaft der Inkompetenz

Im allgemeinen dürfte es wahr sein, daß von den großen Veränderungen im politischen und sonstigen Gesamtzustande, die der zusammenschauenden Nachwelt als noch so jäh verlaufen erscheinen, der Zeitgenosse selten viel merkt. Die Wechselfälle, die das Schicksal des Einzelnen zu kritischen Zeiten treffen, sind keine anderen und größeren, als sie ihn jederzeit befallen können. Die entscheidenden Verschiebungen erfolgen in Wahrheit langsamer, als sich die Nachgeborenen zum Bewußtsein bringen, die verflossenen Geschehnissen gegenüber unwillkürlich den physikalischen Zeitbegriff anstatt des lebendigen anwenden. Vieles, überaus vieles, und meist gerade das am unmittelbarsten Spürbare, bleibt inmitten einer neuen Welt beim alten — dem wirklich Neuen hingegen paßt sich die Seele fortlaufend so ungeheuer schnell an, daß sie darob vergißt, es sei jemals wirklich anders gewesen als gerade heute. Vor allem aber ist das notwendig Kommende innerhalb des Gegenwärtigen schon dermaßen lebendig, daß sein In-die-Erscheinung-Treten nur die Stumpfsten überrascht. So geschieht es auch heute. Ganz wenige nur bemerken, wie neu die Welt, in der wir leben, wird. Sogar der Schreiber dieser Zeilen muß sich besonders einstellen, um dessen gewahr zu werden, denn das Neue, dessen Heranreifen durch den Völkerkrieg so außerordentlich beschleunigt wird, erschien ihm seit Jahren schon so selbstverständlich-notwendig, bildete insofern schon so lange sein natürliches geistiges Milieu, daß ihm der überstürzte Gang der Ereignisse keine einzige prinzipielle Überraschung gebracht hat und er sich eher darüber wundert, wie vieles noch beim alten geblieben ist.

Was geschieht in Wahrheit? — Europa geht zugrunde. Der Akzent historischer Bedeutsamkeit rückt unaufhaltsam von der Alten nach der Neuen Welt hinüber, dem schon verlegten ökonomischen Schwerpunkt nach. Auf dem Erdball ist die Hegemonie des weißen Mannes erschüttert, der Osten erwacht. Innerhalb aller Länder von alter Kultur findet eine Völkerwanderung statt, nicht horizontal zwar, sondern vertikal gerichtet, von unten nach oben, die deren Physiognomie nicht weniger verändern wird und zum Teil schon verändert hat, als dies mit Gallien und Italien infolge der Barbarenüberflutung geschah. Die materialistische Zivilisation des letzten Jahrhunderts verendet, ad absurdum geführt durch den ungeheuersten Völkerselbstmord, den je die Welt gesehen. Der überkommene Staatsbegriff bricht, das Kriegerethos stirbt den Heldentod. Und ein Geist weltumspannender, an ewigen Werten orientierter Universalität, in jeder Hinsicht dem entgegengesetzt, der sich im Kriege auswirkt, ist allenthalben das werdende Produkt eines Geschehens, das ihn logischerweise für immer hätte auslöschen sollen. — Gewaltigere Umwälzungen sah keine Generation. Und doch sind sich die Wenigsten ihrer bewußt. Viele wähnen, es gäbe wieder ein Zurück, oder nichts sei wesentlich anders geworden; viele erwarten weiter von einer fernen Zukunft die Verschiebungen, die indessen schon eingetreten sind; und viele wiegen sich gar in der Illusion, die menschlichen Energien würden dauernd in der Richtung wirksam bleiben, die der Krieg ihnen wies. Der alte Besitzzustand werde wiederkehren: bedeuten die fortan unvermeidlichen ungeheuren Steuern nicht schon sein Ende? Der Staatssozialismus habe abgewirtschaftet, denn die Meisten hätten ihn bereits satt: sind seine Gegner nicht vielmehr schon in der Rolle von Sr. Majestät allergetreuester Opposition, die kannegießernden Bekrittler einer schon überlegenen Macht? Der Militarismus habe sich endgültig bewährt: ist das Wesentliche nicht vielmehr dies, daß Kriegstugenden und -erfolge heute merkwürdig wenig bedeuten, die Konsequenzen psychologischer und moralischer Natur nicht nach sich ziehen, die sie früher gehabt hätten, was beweist, daß der Weltgeist ein anderer, neuer geworden ist? Und so weiter. Am Sinn des Geschehens ändern Mißverständnisse wenig oder nichts, doch sie verlangsamen, behindern, verteuern dessen Verlauf. Wo der bewußte Geist die Richtung der Entwicklung verkennt, dort überantwortet es sich der blinden Notwendigkeit, die gleichmütig die schönsten Blüten, die noch lange hätten weitergedeihen können, niederwalzt.

In keinem der kämpfenden Länder herrschte während der ersten Kriegsjahre weniger Klarheit in diesen Fragen, als in Deutschland. Die seltsame Anlage der Deutschen, wie kein anderes Volk den objektiven Geist in der Erkenntnis spiegeln und von dieser her in Programme und Institutionen überleiten zu können, aber auch wie kein anderes unfähig zu erscheinen, diesen Geist in Instinkt, Impuls und Wille zu verkörpern, bedingte es, daß allzu viele ihrer besten Geister lange Zeit ihren Idealismus mit dem verknüpften, was im Letzten nicht idealisierbar war, und dort große und endgültige Aufgaben erblickten, wo es nur vorläufige oder gar keine gab. Vielzuviele, und nicht unter den Schlechtesten, bestrebten sich krampfhaft, ihre hohen Ziele in Medien zu verkörpern, die hierzu ganz ungeeignet waren, und verschrieben sich so allzuoft, ohne es zu wissen, den Mächten des Verderbens. Bald hieß es, das Zerstören der Alten Welt sei an sich ein hohes Willensziel, wo doch Vernichten von Werten nur insoweit nicht Verbrechen ist, als es Fatumcharakter trägt, mithin nicht beabsichtigt ward. Bald wurde tiefster metaphysischer Sinn in den mechanischen Kräfteausgleich hineingelegt, wodurch die Moira, den Hellenen noch blind, sich zur wohlwollenden Vorsehung verwandelte, die es mit allen Mitteln des Geistes zu unterstützen galt. Bald wurde der Krieg, weil er gewisse große Eigenschaften weckt, als normaler Weg zum Idealzustande hingestellt, eine groteske Übersteigerung von Nietzsches Mißverständnis, dessen Übermensch das geistige Ziel verkörpern sollte, in Wahrheit aber nur eine günstige Naturbasis abgrenzt. Alles dieses Beweise kaum glaublicher spiritueller Blindheit, welche Blindheit jedoch durch die typisch-deutsche Gelehrteneinstellung genugsam erklärt erscheint. Im Prozeß dieses Krieges als solchem liegt überhaupt nichts, noch bringt er irgend etwas unmittelbar hervor, was den Weg zu einer idealen Zukunft weist — die spezifischen Tugenden, die er auslöst, und die keiner bestreiten wird, verhalten sich zu seinen möglichen Zielen nicht anders, wie die Güte des Stahls, die reibungslose Arbeit der Zahnräder einer Maschine zu der Leistung, welche sie hervorbringen soll, und die Leistung ist hier das Ende der europäischen Kultur; die wahre Richtung des Weltprozesses, sofern dieser Gutem zustrebt, liegt genau senkrecht zu der des Völkergemetzels, dessen einzige Rechtfertigung vor dem Geist eben darauf beruht, daß es sich selbst als sinn- und ziellos erweist. Heute ist dieser Tatbestand als solcher in Deutschland weiteren Kreisen bewußt als in irgendeinem anderen Lande.

Die deutsche Fähigkeit, aus Erfahrung schnell zu lernen, hat sich auch dieses Mal bewährt. Dieses sichert den Deutschen, wie immer der Krieg ausgehe, einen Vorsprung in der neuen veränderten Welt. Aber dieser Vorsprung bezieht sich bisher nur auf Äußerliches, denn man kann nicht sagen, daß die Mehrzahl sich schon heute bewußt sei, warum die letzte Phase europäischen Lebens zur Katastrophe führen mußte, und inwiefern eine Gesinnungswandlung notwendig ist. Die erforderlichen Änderungen können aus reinen Zweckmäßigkeitsrücksichten geschehen — damit aber wird, vom Standpunkt des Geistes, wenig geleistet sein. Zweifelsohne werden die Deutschen dank ihrer Organisierbarkeit, ihrer Disziplin, ihrer außerordentlichen Arbeitsenergie die Kriegsschäden am Schnellsten verwinden, auch am Schnellsten die Form finden, die dem Leben von morgen die günstigsten Bedingungen schaffen wird. Zweifelsohne werden sie alle die praktischen Folgerungen am Bereitwilligsten ziehen, die der Verstand aus der Erfahrung der letzten Jahre ziehen kann, und seien diese in bezug auf das Bisherige noch so umstürzend. Innerhalb der kommenden demokratischeren Ordnung wird ihre Sachlichkeit, ihr Glaube an die Wissenschaft, an bewährte Autoritäten, zusammen mit dem Verantwortungsgefühl dieser, sie mehr als die meisten anderen Völker vor dem bewahren, was den Fluch aller Demokratien bezeichnet: der Herrschaft der Inkompetenz. Ihr großer Sinn für Ordnung steht gut dafür, daß alle nur möglichen Veränderungen bei ihnen doch nie auf lange hinaus den Charakter desaströser Umwälzungen tragen werden, was ihnen einen weiteren Vorsprung geben wird vor vielen Völkern. Wenn irgendwo in Europa, so wird in Deutschland die soziale Frage gelöst, die Form gefunden werden für die ideale Demokratie, die einer effektiven Aristokratie gleichkäme, einer Herrschaft der wahrhaft Besten, und nirgends stünden schon bald einer Eingliederung in einen gerechten Völkerbund weniger Schwierigkeiten im Wege. Aber bei allem diesem handelt es sich doch um Äußerliches, also um wesentlich Subalternes; alles dieses kann geleistet werden ohne eine Spur von Seele, von Geist. Wir münden aber jetzt in eine Geschichtsperiode ein, in welcher geistige und seelische Mächte vorherrschen werden, sie aber können nur wirken von innen heraus. Deshalb muß in Deutschland eine große innere Wandlung vor sich gehen, wenn es in der Welt von morgen das bedeuten soll, was es bedeuten kann.

Hermann Keyserling
Philosophie als Kunst · 1920
Deutschlands Beruf in der veränderten Welt
© 1998- Schule des Rades
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