Schule des Rades

Hermann Keyserling

Philosophie als Kunst

Deutschlands Beruf in der veränderten Welt

Universalismus

Offenbar führt die Spirale der historischen Entwicklung einem Zustand entgegen, der sein letztes europäisches Analogon im Mittelalter fand. Jene Welt war, bei aller farbigen Mannigfaltigkeit, durchaus universalistisch, und die von morgen wird es nicht minder sein. Wie dies von allen wirklich notwendigen Zeitströmungen gilt, wird auch der Strom, der zu einem Rinascimento des mittelalterlichen Universalismus führt, aus vielen, ja aus allen nur möglichen Quellen gespeist: Internationalismus und Nationalismus interferieren in ihm, Etatismus und Syndikalismus, Idealismus und Utilitarismus, der Wunsch nach Selbstbestimmung jedes Einzelnen, ob Individuum oder Volk, und der nach allumfassenden Zusammenschlüssen, wie solchen Weltpolitik und -wirtschaft postulieren; aber die resultierende Gesamtströmung trägt unstreitig universalistischen Charakter. Universalistisch denken alle überlegenen Geister in allen Landen, und auf die Dauer verkörpern doch sie die stärkste Macht; universalistisch ist die Weltanschauung des Sozialismus, die heute wohl schon, in irgendeiner Form, über die Hälfte der zukunftsbewußten Europäer zu ihren Bekennern zählt; die universalistische Ideologie der russischen Revolution findet, trotzdem sie von allen Tatsachen ad absurdum geführt scheint, doch allenthalben ein stetig erstarkendes Echo. Aber das Mittelalter war nicht allein eine Epoche der Universalität, sondern auch der Spiritualität, der seelischen Bestimmtheit, und auch in diesem Punkt bewährt sich der Vergleich: was in Europa vor dem Weltkrieg mehr abstrakter Gedanke war, wird immer mehr, vom Blut der Leidenschaften getränkt, zur lebendigen Gesinnung, so daß sich ursprüngliche Interessen- und Weltanschauungsgemeinschaft unaufhaltsam zum Glaubens- und Liebesbund vertieft, was den Universalismus spiritualisiert. Indes gemeinsames Kämpfen und Leiden die Deutschen aller Stämme und Stände wie nie früher zusammenschloß und ihnen, durch das neue beseligende Erlebnis des nationalen Einheitsgefühls hindurch, die Sehnsucht eingab nach erweiterter Gemeinschaft, einer Gemeinschaft, die nicht Verderben und Tod zur Voraussetzung hätte, fanden sich vier Fünfteile der Menschheit im Deutschenhaß, welcher wiederum Solidarität voraussetzte und deren Bewußtsein vertiefte. Seither aber wächst in beiden Lagern die Zahl der Millionen, die sich innerlich aufbäumen dagegen, daß Begriffen botmäßige tote Maschinerie das heilige Leben blind beherrschen darf — diese Gefühlsgemeinschaft aber schafft unaufhaltsam eine internationale Gemeinde, die schon heute die Kriegsgegensätze tief unter sich sieht. Gleichzeitig erstarkt die religiöse Stimmung in der ganzen Welt, als Ausdruck der Erkenntnis, daß es ein Tieferes, Wesentlicheres gibt als das, was den Völkermord herbeiführte und rechtfertigt, und der tiefen Sehnsucht, das Leben endlich wieder an absoluten Werten zu orientieren.

So steigen denn die totgesagten Ideale der Humanität, der Gerechtigkeit, der allgemeinen Menschenliebe desto strahlender am geistigen Horizonte auf, je grauenerregender die Landschaft ist, die sie beleuchten. Bald werden sie den Zeitgeist ganz bestimmen. Schon heute tun sie es in hohem Grad: seitens der Völker (was immer von deren meisten Führern gälte) ist es keine heuchlerische Phrase, wenn sie vornehmlich für Ideale zu kämpfen behaupten, so leicht der Nachweis irdischer Ziele sei, so mißverständlich jene gefaßt seien und so entsetzlich die angewandten Mittel sind — sie kämpfen wirklich bewußt für Menschheitsziele, für als ewig gedachte Werte, und das wesentliche hierbei ist nicht der Widerspruch mit der empirischen Wahrheit, sondern daß es eben Ideale sind, welche den Kampfeswillen beseelen, daß es ihrer bedarf, um den Krieg im Gang zu erhalten, daß sie es vermögen, ganze Völker zur Schlachtbank zu führen, welches beweist, wie gewaltig deren Macht schon heute ist, kaum geringer als zur großen Zeit der Kreuzzüge. Diese Richtung des Zeitgeistes nun kann sich in Reaktion gegen das, was während dieser Jahre geschah, was ihm vorausging und was seine Folge war, nur verstärken und vertiefen. So münden wir ohne jeden Zweifel in eine Geschichtsperiode ein universalistischer und spiritualistischer Signatur. Bald werden die Verherrlicher rein irdischer Ziele, der Vergewaltigung, der Bereicherung, des Staats als Selbstzwecks keine Macht mehr verkörpern, denn deren Ideale werden nicht mehr bestimmen, wie sie es im Mittelalter nicht taten, kein Akzent mehr wird auf ihnen ruhen, so vielen sie auch weiter gemäß sein mögen. Eine allgemeine Verinnerlichung wird Platz greifen. Und bei der Herbeiführung dieses Zustandes werden wiederum äußere Umstände mithelfen, wie dies immer der Fall sein muß, wenn auf Erden eine Wandlung im Großen stattfinden soll. Die Welt, die jetzt entsteht, schon halb entstanden ist, wird, wie eingangs ausgeführt, sehr anders aussehen, als die von vor 1914. Vielleicht wird Europa als politisch-ökonomische Vormacht am Ende sein. Viele Traditionen werden gebrochen, viele Lebenslinien ausgestorben sein, und ein großer Teil der Hindernisse, die heute dem neuen Geist entgegenstehen, wird damit fehlen. Der Ruin aller Mittelstände wird den unteren Volksschichten ein Quantum Geist und Charakter zugeführt haben, das sie befähigen wird, die Zukunftsideale, deren Hauptträger sie schon heute sind, aber bei deren Verwirklichung sie bisher durchaus versagten, fortschreitend klarer zu erfassen und dieselben immer mehr zu gestaltenden Lebensmächten auszubilden. Die materialistischen Zwecksetzungen werden in spiritualistische umschlagen, die Feindschaft gegen den Bourgeois wird sich vom Neid gegen seinen Besitz zur Ablehnung seiner Gesinnung verwandeln. So wird Reichtum, wenn nicht überflüssig, was das Ideal wäre, so doch bedeutungslos geworden sein vom Standpunkt der Zeit. Andererseits wird nun die Selbstbehauptung der materiell auf der Höhe gebliebenen traditionellen Kulturträger, deren günstigere Erbanlage sie nach wie vor an die Spitze der Kulturbewegung berufen wird, neue Formen annehmen müssen, um zu bestehen: an die Stelle des Luxusstandards wird ein Schlichtheitsstandard treten, menschliche und geistige Überlegenheit werden wieder einmal bestrebt sein, sich an sich, ohne äußere Beihilfe, Geltung zu verschaffen, so daß Oberstes und Unterstes konvergieren werden in der Tendenz, geistige Mächte als dominierend anzuerkennen und die Idee höher einzuschätzen als das Geld. So führen denn alle nur möglichen Wege zu dem einen Ziel, daß aus der materialistischsten Weltepoche, die es gegeben, mit geschichtlicher Notwendigkeit eine spiritualistische hervorgehen wird.

Was wird, was kann die Rolle der Deutschen sein in dieser veränderten Welt? Es ist klar, daß die Richtung, in der sie sich während der letzten 40 Jahre vornehmlich fortentwickelt haben, samt den Anschauungen, an denen sich diese Entwicklung orientierte, sie keiner großen Zukunft entgegenführen wird. Die Welt von morgen wird spiritualistischen Charakter tragen, also werden die größten materiellen Erfolge nicht viel in ihr bedeuten. Sie wird universalistischen Geistes sein, also wird wenig Gewicht darauf gelegt werden, welches Volk jeweilig an Zahl und Macht das stärkste ist. Kein nationaler Chauvinismus wird in ihr gedeihen, obschon Gleichgewichtsfragen auch in ihr nach wie vor die ihnen gebührende sekundäre Rolle spielen werden, denn das Nationale an sich ist kein mögliches Ideal: man übersteigere seinen Sinn so viel man will — es ist und bleibt eine empirische Grenzbestimmung, also im besten Fall eine günstige Ausdrucksform. Die jenen hervorrufenden und begünstigenden Fragen werden sich auch nicht mehr stellen, denn ein Nationalitätenproblem kann es genau nur so lange geben, als den Volksindividualitäten nicht die doch selbstverständliche Achtung erwiesen wird, die jeder Gebildete jedem Nebenmenschen zollt. Also kann Deutschlands große Zukunft keinesfalls darauf beruhen, was Alldeutsche erträumen. Und doch kann das deutsche Volk mehr bedeuten in der Welt von morgen, als irgendeins: dazu braucht es bloß wieder anzuknüpfen an seine größte Tradition und sich seiner eigensten Begabung gemäß weiterzuentwickeln. Der Deutsche ist nicht politisch veranlagt, hat wenig Beruf zu einer Kultur der schönen Form, ist weniger erfinderisch als manche, weniger ausdrucksfähig; aber als einzigem eignet ihm die Gabe angeborener Universalität. So kann er mehr sein als die anderen nur, insofern er universeller denkt, fühlt und ist. Auch heute ist er dem Typus nach universell. Aber bei der geringen Instinktsicherheit, die ihn kennzeichnet, hat er sein Ideal lange Zeit in andere Typen hineinverlegt, Typen ungeistiger, praktischerer, engerer Art, die eben deshalb hinter den gleichen bei anderen Völkern zurückstehen, weil das Material ein geistig zu reiches ist.

Der deutsche Nationalist wirkt unangenehmer als alle anderen, weil jedermann spürt, daß er ein inneres Recht nur hat zur Universalität, deutsche Realpolitik, deutsche Geschäftstechnik erweckt eben deshalb leicht den Eindruck besonderer Skrupellosigkeit, weil deren Betreiber wesentlich Idealisten sind und nun innerhalb des Materiellen mit unbeirrbarer Logik ein Ideal verfolgen, anstatt weltanschauungslos Geschäfte und Geld zu machen, was dem Sinn dieser Betätigung besser entspricht und den, der sie ausübt, seelisch weniger in Mitleidenschaft zieht. Diese Fehler haben während der ersten Phasen des Weltkriegs ihren Höhepunkt erreicht. Damals fand, wie ein geistreicher Mann einmal bemerkt hat, ein richtiger Bourgeoisaufstand statt. Während vorher immerhin geistigere Elemente auf geistigem Gebiet den Ton angaben, siegte nun die Weltanschauung derer, welche früher, seitdem es Deutsche gibt, im Höchstfall die zweite Geige spielten, und ihre Freude darob war überschwänglich groß. Nun glaubten sie in allem von jeher Recht gehabt zu haben, ihr Selbstbewußtsein wuchs, die Masse gab ihm Gewicht und Einflußkraft; immer mehr bestimmten sie die öffentliche Meinung, die psychische Atmosphäre, welche letztere zeitweilig so stark war, daß sie auch solche, die es von sich aus besser wußten, ergriff … Der Bourgeois hat nicht recht behalten: Heute fühlt es schon die Mehrzahl des Volkes, daß die Weltanschauung, die Katastrophen wie diese rechtfertigt, nicht richtig ist. Und immer sehnsuchtsvoller schaut es nach denen aus, um derentwillen der deutsche Name von der aufstrebenden Menschheit einst ebenso verehrt ward, wie er heute gehaßt wird … — Deren Typus ist heute nicht seltener als früher, wahrscheinlich sogar viel zahlreicher vertreten. Aber während der letzten Jahrzehnte lag nicht auf ihm der Akzent deutscher Bedeutsamkeit. Und darauf kommt es an. Immer und überall sind es Minoritäten, kleinste Kreise, ja Einzelne, welche bestimmen, und die, welche es jeweilig tun, drücken der Gesamtheit den Stempel ihres Geistes auf.

Der Typus des universellen Deutschen muß wieder zum führenden werden. Es geht nicht länger an, daß die universellst veranlagte, die umfassendst gebildete Nation sich vom Geist ihrer engsten Vertreter bestimmen lasse, sosehr, daß jeder Außenstehende glauben muß, der typische Deutsche sei eben der Affärist. Das Subalterne muß wieder in die ihm angemessene subalterne Stellung zurücktreten. Geschieht dieses nun, so wird es nicht etwa die Armseligkeit von einstmals restaurieren, denn es gibt kein Zurück für ein junges, aufstrebendes Volk, es wird die deutsche Tatkraft keineswegs lähmen, die sich dem äußeren Leben so einzig gewachsen erwiesen hat: diese wird nur beseelt und gelenkt werden von einem weiterblickenden und tiefer verstehenden Geist; das Besondere wird aus dem Geist der Universalität heraus betrieben werden. Damit aber wird sich der Deutsche mit einem Schlage in einer Vorzugsstellung befinden in der veränderten Welt. Ihm wird diese in Wahrheit naturgemäßer sein als die nun vergehende, die mehr seinen Begriffen als seinem Wesen entsprach. Ihm werden deren Forderungen die günstigsten Bedingungen bieten seiner eigenen höchsten Selbstverwirklichung. Jedes Volk hat seine Zeit, heißt es; dies ist insofern wahr, als jede Geschichtsperiode zum Sich-geltend-Machen besondere Eigenschaften verlangt, was den Akzent der Bedeutsamkeit der Völker, je nach ihrer Veranlagung, vom einen zum anderen von Zeit zu Zeit verlegt. Die neue Ära nun wird gerade das vom Europäer verlangen, worin der Deutsche die übrigen übertrifft.

Hermann Keyserling
Philosophie als Kunst · 1920
Deutschlands Beruf in der veränderten Welt
© 1998- Schule des Rades
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