Schule des Rades

Hermann Keyserling

Philosophie als Kunst

Erscheinungswelt und Geistesmacht

Spiegelbild

Auch denen unter Ihnen, die nie über philosophische Probleme nachgedacht haben, wird die folgende Wahrheit, sobald sie vor sie hingestellt ward, augenblicklich einleuchten: daß es nicht die Welt an sich ist, die wir erfahren, sondern ihr Spiegelbild im Bewußtsein. Genau so, wie wir unser eigenes Gesicht nur im Spiegel sehen können, genau, so erfahren wir nicht eigentlich die Dinge selbst, sondern die Art, wie sie unser Bewußtsein affizieren. Dieser Umstand ändert nichts am Wirklichkeitscharakter der Welt, denn Dasein ist überhaupt nur als Erfahrbarkeit zu definieren. Aber er beweist allerdings, daß jene für sich und unsere Vorstellung von ihr zweierlei sind, auch wo sie sich untereinander decken. Das erfahrende, aufnehmende Bewußtsein hat es nun allein mit dem Reiche jener zu tun. Daher Kants berühmte Lehre, daß unsere Welt Vorstellung ist, und deren prägnanteste Ausgestaltung dahin, daß die Natur aus Erscheinungen besteht, die nach Gesetzen zusammenhängen. In der Tat führt keine mögliche Erfahrung hinter die Spiegelbilder des Wirklichen, die das Bewußtsein liefert. Dies gilt nicht allein von der Erfahrung der Außenwelt, sondern auch dessen, was in und durch uns geschieht. Auch das, was wir selbst erschaffen und tun, wird uns, sobald es getan ist, zur Erscheinung, und vorher sind wir uns seiner als eines Tatsächlichen nicht bewußt.

Diese unbestreitbaren Aussagen erschöpfen aber die Wirklichkeit nicht. Die ganze Naturlehre, sofern sie Phänomenologie ist, das heißt den Zusammenhang der Erscheinungen nach Gesetzen darstellt und begreift, ist eine Lehre vom Spiegelbild; und mag man nun logisch noch so unanfechtbar nachweisen, daß es uns versagt ist, hinter den Spiegel zu blicken — ein Jenseits seiner existiert. Wie das Ich ein Du postuliert, wie das Dasein eines Jenseits des Spiegels im Fall jedes einzelnen Subjekts unmittelbar gewiß ist, und im Falle anderer zwar niemals unmittelbar erwiesen, aber ebenso wenig geleugnet werden kann, so existiert alle Wirklichkeit nicht nur für uns, sondern auch für sich — sei dies in noch so verschiedenartiger Form; die Erscheinung bedeutet nirgends die letzte Instanz. Überall wird sie durch irgend etwas hervorgebracht, was an sich nicht erscheint, was als absolute Wirklichkeit angesprochen werden muß. Über diese, soweit sie das Wesen der Außenwelt bezeichnet, will ich hier nichts sagen. In unserem Fall ist sie zweifelsohne eine geistige Macht. Diese vermag die Welt der Erscheinungen nicht allein zu erkennen, sondern zu erschaffen, zu lenken, zu verändern, zu verändern aus einem dunklen, an sich nicht erscheinenden Machtgrunde heraus. Im Fall der Erscheinungen, die ihren Seinsgrund in uns haben (unserer eigenen Vorstellungen, Taten usw.) vermögen wir dies unmittelbar; in allen anderen Fällen wenigstens mittelbar, durch willensbestimmte Intelligenz, indem wir die Erscheinungswelt zwingen, sich anders zu entwickeln, als sie es, sich selbst überlassen, getan hätte. Sieht man die Welt nun aus diesem Gesichtswinkel an, so besteht sie nicht aus Erscheinungen, sondern aus Entscheidungen. Das heißt, jede Erscheinung setzt zu ihrem Dasein prinzipiell eine Entscheidung voraus.

Über das, was die nicht erscheinende Wirklichkeit nun eigentlich ist und bedeutet, ist viel spekuliert worden. Schopenhauer legte dem Erscheinenden einen Willen zugrunde, Kant einerseits das Ding an sich, andererseits die intelligible Freiheit, Hegel, hierin an die Griechen anknüpfend, eine schöpferische Vernunft. Da ich hier nicht zu Philosophen von Beruf spreche, will ich mich auf die Diskussion der verschiedenen Theorien nicht näher einlassen. Ich will unmittelbar an das anknüpfen, was ohne Rücksicht auf den Wert dieser gewiß ist und zugleich Außerordentliches bedeutet: daß es jenseits des vom Bewußtsein Gespiegelten schöpferische Mächte gibt, zu denen wir Menschen als wollende, wirkende, geistige Wesen mitzählen; und daß es insofern von uns selbst abhängt, welcher Art die Erscheinungen sind, die uns umgeben. Im Letzten und Wesentlichen sind wir frei. Diese Freiheit besteht nun aber, bei genauem Hinsehen, in einer wichtigsten Hinsicht darin, daß es von uns abhängt, wohin wir den Akzent in unserem Bewußtsein legen. Je nachdem, wie dies geschieht, entwickelt die Erscheinungswelt sich anders. Wir können den Akzent auf die Erscheinungswelt als solche legen, in der es keinen Raum für freie Initiative gibt, oder auf die Geistesmacht in uns; auf das Gewordene oder auf das Werdende; auf die äußere Spiegelung oder das innere Sein. Je nachdem, wie wir von uns denken, entwickeln wir uns selbst, genau im gleichen Sinne, wie die Außenwelt so oder anders wird, je nachdem, welche Ideen und Ideale wir in ihr zu verwirklichen streben. Auf diese Weise erweist sich die Weltanschauung, der ein Mensch oder eine Zeit huldigt, als ausschlaggebende Macht wie jeder gegebene Glaube die Menschen und durch sie die Welt sich selbst entsprechend ummodelt, genau so geschieht es, wenn auch auf weniger merkliche, sanftere Weise, durch die Philosophie. Und bei dem eigentümlich theoretischen Charakter des deutschen Volkes hat die herrschende Philosophie jeweilig mehr bedeutet und bewirkt, als die Meisten ahnen.

Hier, in Deutschland, ist die Erkenntnis, daß die Welt, die wir erfahren, Erscheinung ist, wenn nicht geboren worden, so doch zur vollen Reife und Macht gelangt. Kant hat ihr ihre klassische Form gegeben. Aber wie es für den Menschen immer symptomatisch ist, was ihm vor allem auffällt, so ist die Tatsache, daß hier eine Philosophie des Erscheinenden, der wohl ein abstraktes Ding an sich (Kant), eine abstrakte Vernunft (Hegel), oder ein ohnmächtiger Wille (Schopenhauer) zugrunde liegen soll, aber keine lebendige schöpferische Kraft, mit ein Ausdruck dessen, daß es dem Deutschen besonders nahe liegt, den Nachdruck auf die Vorstellungen als solche, die Tatsachen, das Spiegelbild, nicht auf das, was dieses bewirkt, zu legen. Und da die Erscheinung als solche keine schöpferische Macht enthält, so bedeutet dies, daß es ihm nahe liegt, den persönlichen Anschluß an das Schöpferische in seinem Wesen zu verlieren. In der Tat ist dem so: die typische deutsche Gelehrtenhaftigkeit, die auch den meisten deutschen Tätern anhaftet, bedeutet nichts anderes, als daß der Deutsche dazu neigt, nicht unmittelbar aus seinem Wesensgrund heraus zu leben, sondern sein Bewußtseinszentrum in einer herausgestellten Vorstellungswelt, der sich das Lebendige dann unterordnet; zu begründen, wodurch das Spiegelbild zum Herrn über das Wirkliche wird. Weiter aber wirkt die Philosophie, die den Erscheinungscharakter der Welt betont, auf das gleiche Verhältnis steigernd hin. Hierher rührt es vor allem, daß das deutsche Volk im Ganzen, im Laufe des letzten Jahrhunderts, bei sonst gleich gebliebener Naturanlage immer unschöpferischer, immer tatsachenbefangener, und im tiefsten geistigen Sinn immer ohnmächtiger geworden ist. Immer mehr ist es deutsche Art geworden, mit der gegebenen Erscheinungswelt als letzter Instanz zu rechnen, innerhalb dieser zu induzieren, zu deduzieren, zu organisieren, aber nie unmittelbar Neues, Originales hervorzubringen, so daß schließlich der Zusammenhang mit dem tiefsten schöpferischen Grund beim deutschen Volk von heute in einem seit Menschheitsgedenken unerhörten Grad gelockert erscheint. Eben deshalb sind äußere Mächte in Deutschland zuletzt allmächtig geworden. Daß es heute der Entente versklavt ist, nachdem es sich vorher freiwillig in das Netzwerk von Wilsons 14 Punkten verstrickt hatte, ist nur der äußerlich-äußerste Ausdruck eines schon lange bestehenden Verhältnisses: selbstbeherrscht im tiefsten metaphysischen Sinn waren die Deutschen schon lange nicht mehr, weil sie an ein schöpferisches Selbst in sich schon lange nicht mehr glaubten. Immer waren es andere, äußere Mächte, zu ihrem wahren innerlichen Wesen meist ohne jede Beziehung, die regierten.

So herrschte eine rein äußerliche Naturwissenschaft oder Jurisprudenz, eine Philosophie, die vom Innenleben nichts wußte oder dieses im Spiegelbild der Vorstellungen so festhielt, daß es eben dadurch dauernd herausgestellt erschien; so herrschte die abstrakte Armeeorganisation, ein mechanischer Beamtenapparat, dem selbst die handgreiflichsten lebendigen Kräfte dieser Zeit entgingen. Wie dann der eine oder andere Apparat aus äußeren Gründen zerfiel, da erwies es sich, daß es überhaupt keinen inneren Halt gab. Die Zersetzung bestimmter religiöser oder ethischer Begriffe — an sich ein Fortschrittsmoment, denn jede Sondergestalt ist wesentlich sterblich — führte zur Immoralität und Irreligiosität schlechthin, der Niederbruch des äußeren Staats- und Armeeapparates zum Verlust jeder Haltung, beinahe der Menschenwürde, zur vollendeten inneren Anarchie. Die wahrhaft ekelerregende Demoralisation, die heute auf allen Gebieten in die Augen fällt, bedeutet aber genau das Gleiche, wie schon lange die deutsche Unoriginalität und Irrealität im Geistesleben, denn auch auf geistigem Gebiet steht das Erkannte, Erfundene, an sich noch so Tiefsinnige, typischerweise außer Zusammenhang mit der lebendigen Wirklichkeit und kann diese daher nicht beeinflussen. Ihnen allen ist der Begriff des Verredens wohl vertraut: über ausgesprochene Dinge verlieren wir leicht die Macht, weshalb schöpferische Geister sich instinktiv davor scheuen, das zu besprechen, was organisch werden soll. Nun, während der letzten Jahrzehnte hat das ganze deutsche Volk seine mögliche Bedeutung gewissermaßen verredet, indem es durch Herausstellen seines gesamten Geisteslebens den Zusammenhang mit seinem schöpferischen Wesen fortschreitend aufhob. So besaß es zuletzt überhaupt nur äußeren, keinen inneren Halt. Die Demoralisation dieser Tage beweist durch ihre bloße Möglichkeit — denn sie, nicht die Tatsache, ist das Entscheidende —, daß das deutsche Leben schon lange rein äußerlich zusammengehalten war. Hierzu aber konnte es — und dies ist das Bedeutsame — nur deshalb kommen, weil es in der Macht des Geistes liegt, den Nachdruck auf diese oder jene Seite der Wirklichkeit zu legen, weil er also wesentlich frei ist und der Deutsche seine Freiheit dazu benutzt hat, sich selbst seines höchsten Gutes zu entäußern. Auch auf geistig seelischem Gebiete ist Selbstmord, so unsinnig er scheint, nicht allein eine Möglichkeit, sondern für viele eine Wünschbarkeit. Wenn ein Geist immer nur in der Welt der Erscheinungen als solcher weilt, dann wird er unwirklich und spiegelhaft wie sie; das Wesenhafte wird ihm zuletzt ganz unzugänglich, sein Leben wird mechanisch wie das eines abschnurrenden Räderwerks. Und damit wird es vollkommen unfähig, Bedeutendes hervorzubringen; es versinkt in unentrinnbarer Subalternität. Wenn ein Mensch immer nur bemerkt, was da ist, und nie das Werdende, so kann er nicht einmal ein leidlicher Politiker sein. Wenn er sich immer nur auf den Boden gegebener Tatsachen stellt, so kann er durch keine neuen, selbstgeschaffenen, das Antlitz der Erde verändern. Wenn er sich immer nur darüber klarzuwerden versucht, was außer ihm geschieht, so muß die innere Klärung ausbleiben. Daher das unwahrscheinlich Barbarische bei überaus vielen äußerlich oft gut gebildeten, und jedenfalls häufig sogar gelehrten Gliedern des deutschen Volks. Ja, wenn einer als Geist fortlaufend in der Vorstellungswelt als solcher lebt, so wird er schließlich vollkommen irreell. Er verliert — ein trister Dauerdichter oder Ideolog — jeden bewußten Zusammenhang mit dem Geschehen, sein Denken wird unverantwortlich sowohl als wirkungslos, und so täuscht er sich immerdar nicht allein über den wahren Charakter alles außer ihm Werdenden, sondern vor allem über sich selbst. Daher die ungeheuere, dem Außenstehenden ganz unverständliche Selbsttäuschung, der die Deutschen durch Jahrzehnte erlagen. Sie hielten sich für etwas ganz anderes, als was sie sind. So stehen sie heute, erschüttert, vor einem zertrümmerten Götzenbilde ihrer selbst.

Dieses ganze Verhängnis ist wesentlich der Erfolg eines philosophischen Fehlers. Deutschland hatte Jahrzehnte lang sein Bewußtsein in der Erscheinungswelt, die ein äußerliches Spiegelbild ist, zentriert, und damit seinen eben doch vorhandenen Willen, seine Kraft in den Dienst des Äußerlichen gestellt. Es hätte ihm aber von jeher freigestanden, den Akzent auf die Geistesmacht in sich zu legen. Sollen die Deutschen je wieder hoch kommen, so muß dies jetzt geschehen. Aus der Äußerlichkeit müssen sie sich zum Innerlichen zurückwenden, bewußten, unmittelbaren Anschluß wiedergewinnen an den schöpferisch-lebendigen Mittelpunkt ihrer selbst.

Die angelsächsischen Völker haben nie bei dem Gedanken Halt gemacht, daß die Welt aus Erscheinungen besteht: für sie besteht sie in erster Linie aus Entscheidungen. Diese, übrigens spät, erst jüngst durch einen Deutsch-Amerikaner, wenn ich nicht irre, aus der Wirklichkeit abgezogene Lehre ist ein Ausdruck ihrer Willensnatur. Gleichen Sinn hat der Pragmatismus, nach dessen Doktrin die Wirklichkeit auf Postulaten als Grundlage ruht. Die tiefste Bedeutung dieser Lehre liegt nicht in der Zurückführung der Wahrheit auf die Nützlichkeit oder die Produktivität — sie liegt in der Behauptung, daß nicht allein alle Werte, sondern letzthin alle Wirklichkeit frei vom Menschen in die Welt gesetzt wird. Sie ist also eine Philosophie nicht allein der Freiheit, sondern beinahe der Willkür. Gleichviel nun, inwieweit diese Philosophie als Wahrheitsausdruck den Geist befriedigt — ihr symbolischer Wert steht außer Frage: die Angelsachsen sind die Rasse der Initiative der modernen Welt, und obschon sie an reiner Geistesbegabung sowohl den Deutschen als den Romanen und Slawen nachstehen — die meiste positive Veränderung der Welt geht auf sie zurück. Dies rührt eben daher, daß sie den subjektiven Nachdruck nicht auf den Erscheinungscharakter der Welt, sondern auf die Geistesmacht in sich legen, welche jene zu verändern vermag, daß sie ihr Bewußtsein sonach von vornherein im schöpferischen Grund zentrieren. Und daß dem wirklich also ist, beweist der Umstand, daß man im genannten Verstand Angelsachse werden kann, ohne angelsächsischen Blutes zu sein: in Amerika, wo die pragmatistische Lebenseinstellung am stärksten ausgeprägt erscheint, werden auch die Deutschen bald zu Menschen der Initiative. Was angelsächsischen Geistes ist, lebt, ob sonst noch so primitiv, aus dem schöpferischen Grund heraus. Daher auch das Fortbestehen der Religiosität unter ihnen und die relative Unerschüttertheit der Moralität. Die Angelsachsen nutzen ihre Freiheit besser aus als die Deutschen der letzten Jahrzehnte, welche sich freiwillig der Außenwelt versklavt hatten. Deshalb ist es letztlich freie, metaphysische Wahl — ich betone dies ausdrücklich, obschon ich die Tragik in Deutschlands Schicksal nicht verkenne, denn geistige Initiative hätte diesem vorzubeugen gewußt —, welche die Deutschen zur Niederlage und die Angelsachsen zum Sieg geführt hat. Nicht in dem äußerlichen Sinn, daß eine Nation besser als die andere durchgehalten hat — sondern in dem, daß beide verschieden geworden sind. Der heutige Tiefstand des deutschen Lebens in jeder Hinsicht, nur symbolisch besiegelt, nicht hervorgerufen durch Niederlage und Revolution, ist Deutschlands eigene metaphysische Schuld. Von dieser Wahrheit, so bitter sie sei, müssen Sie alle sich durchdringen. Daß Deutschland heute nicht allein politisch ohnmächtig, zermürbt, sondern unoriginal, glaubenslos, entsittlicht dasteht, hängt nicht von der Übermacht oder dem verleumdenden Unverständnis der Feinde, sondern von wirklichem eigenen Versagen ab. Und eine äußere Umkehrung dieses Verhältnisses wird nie und nimmer durch politische Schlauheit, sklavenmäßigen Fleiß, Konjunkturausnutzung oder reaktionäre Umtriebe gelingen, sondern nur durch innere Umkehr des deutschen Menschen selbst. — Sie sehen, Philosophie ist kein unpraktisches Theoretisieren, sie klärt nicht nur auf, sie weist den Weg. Wenn der Deutsche so erbärmlich dasteht wie heute, so hat dies seine guten und bestimmbaren Ursachen. Man soll nicht seine letzte Instanz im Äußerlichen haben, nicht sich gehorsam auf den Boden der Tatsachen stellen, sich nur mehr oder weniger geschickt anpassen dem, was ist — man soll den bewußten Akzent auf die Geistesmacht in sich legen, auf den schöpferischen Grund. Wo immer dies geschieht, wird das Flache tief, verwandelt Ohnmacht sich in Macht, wird der äußerliche Begriff zur inneren Einsicht. Je nachdem, wie er sich selbst will, ist der Mensch zur Ohnmacht oder zur Macht bestimmt.

Die Deutschen müssen sich also fortan anders wollen, als sie waren. Die deutsche Anlage ist der von heute zu allen Zeiten ähnlich gewesen. Immer lag das, was sie heute vernichtet hat, als mögliches Verhängnis in der Luft. Nicht weniger als viermal im Ganzen ist Deutschland politisch zusammengebrochen. Immer wieder, nach mehr oder weniger langen kulturellen und spirituellen Aufschwungszeiten, ist es verflacht, hat es sich barbarisiert. Aber andererseits ist es auch immer wieder aus den Niederungen emporgestiegen. Diese Aufschwünge waren meist solche gewaltigster Art. Die zerrissenen Stämme Germaniens allein, kurzfristig geeint, haben der Übermacht der Römer getrotzt. Deutsche Kaiser allein, an sich sämtlich tragische Gestalten, haben im Mittelalter jenen Traum eines transzendenten Heldentums verwirklicht, den alle träumten. Von einem derben deutschen Bauernsohne, Martin Luther, ging der Impuls aus, welcher die völlig veräußerlichte christliche Kirche regenerierte. Und vor etwas über 100 Jahren kam nicht allein, nach schmachvollstem Niederbruch, ein politischer Wiederaufschwung — wie gerufen erstanden zu gleicher Zeit Geister gewaltigsten Formats, von unvergleichlicher Innerlichkeit und Macht. Diese Aufschwünge stehen in Korrelations-Verhältnis zum periodischen Niedergang. Ein Volk, das sich so veräußerlichen kann, wie das deutsche, ist eben deshalb außerordentlicher Verinnerlichung fähig. Aber bis heute ist diese, man muß es gestehen, allemal die kürzere und als Ausnahme wirkende Phase gewesen. Deutschlands große Zeiten waren immer kurz und krampfartigen Krisen gleich. Dies muß fortan anders werden. Der Zustand der Verinnerlichung, einmal wiedergewonnen, muß sich zum Dauerzustand konsolidieren, denn solches hängt von freiem Menschenwollen ab. Das deutsche Bewußtsein muß seinen Akzent dauernd in die Tiefenlagen verlegen, denn nur so kann es, in einer spirituell vorausgeeilten Welt, überhaupt wieder bedeutsam werden. Nie wieder darf es geschehen, daß die Großen, die Deutschland hervorbringt, nur als interessante Erscheinungen äußerlich angestaunt werden — sie müssen zu lebendigen Geistesmächten in ihm werden, zu Mächten dauernder, ewiger Art. Hierzu aber weist den Weg eine aus dem Leben unmittelbar hervorquellende, diese unmittelbar zum Ausdruck bringende Philosophie.

Hermann Keyserling
Philosophie als Kunst · 1920
Erscheinungswelt und Geistesmacht
© 1998- Schule des Rades
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