Schule des Rades

Hermann Keyserling

Philosophie als Kunst

Zeitliche, zeitlose, ewige Geister

Emanation von Gott

Wozu schrieb ich das Vorhergehende? Um einer höheren Gesamtansicht den Weg zu bereiten. Die Begriffe zeitlich, zeitlos, ewig bezeichnen letztlich verschiedene Ansichten einer Wirklichkeit, die sich wesentlich überall gleichbleibt.

Alle Geister sind zeitlich in dem Sinn, daß sie allein im Rahmen einer bestimmten Kulturepoche möglich erscheinen; jenseits dieser fehlt ihrem Dasein und ihrer Wirkung die Voraussetzung. Verstanden kann ein Geist nur von solchen werden, deren Wesensstruktur der seinen einigermaßen ähnelt; wirken allein auf solche, die ihn einigermaßen verstehen. Damit sind dem größten Genie durch die Natur der Dinge so enge Schranken möglicher Bedeutsamkeit gesetzt, daß selbst die Ewigen, aus der Vogelschau betrachtet, zum Rang von Zeitlichen hinabsinken. Hat das lebendige Abendland einmal endgültig das Zeitliche gesegnet, so wird Goethe nicht mehr bedeuten, als heute die Großen von Memphis und Ninive, und dies ist weniger als die Meisten glauben; wird verfeinertem Qualitäts-Bewußtsein ein hoher Ausdruckswert auch in sonst unverständlicher Sprache offenbar, so fehlt diesem Wert nach dem Tod des ihn bedingenden lebendigen Geists doch jede fortwirkende Kraft. Solches gilt heute schon von vielen Werten des 18. Jahrhunderts, nicht zu reden von denen des Mittelalters und des Altertums; sie bedeuten uns nicht annähernd mehr soviel als wir vermeinen. Insofern gibt es überhaupt nur zeitliche Geister. Diese Erkenntnis rückt denn die vorhin scharf von einander Geschiedenen nahe zusammen. Und bedenkt man ferner, wie jeder Einzelne, auch der Ewige, nur das, genau das zu leisten vermag, dessen Voraussetzungen der Zeitgeist enthielt, welcher Umstand dem chronologischen Datum geradezu astrologische Bedeutsamkeit verleiht, so vergeht jede Illusion einer absoluten Zeitlosigkeit. — Allein in bedingtem Verstand sind doch auch alle Geister, wie sie einerseits zeitlich sind, andererseits zeitlos: jede Individualität ist einmalig, einzig, nie wiederkehrend, findet daher in keiner Epoche einen vollkommenen Spiegel. In irgendeiner Hinsicht gilt von jedem, was von den ausgesprochensten Exzentriks gilt: er ist ein Wesen rein für sich, trifft leichter sporadisch, im Lauf der Jahrhunderte, echtes Verständnis, als seitens der Masse der Mitlebenden. So sind viele Zeitliche durch ihre plötzlich über sie hereinbrechende Popularität befremdet, ja entsetzt worden: sie spürten nichts von der Verwandtschaft mit der Menge, die ihnen Beifall zollte, fühlten sich unverstanden eben dank dem, daß so viele sie zu verstehen meinten. Eben dies erhöhte ihr Einsamkeitsgefühl. So mag auch der Weise von Ferney sich seiner Zeit im Tiefsten fremd empfunden, mag er nach Ungeborenen Ausschau gehalten haben, die seine Seele begriffen … Hier spielt viel Zufall mit.

Es mag einer bedeutsam erscheinen, verstanden werden um solcher Äußerungen willen, die er, so wie sie aufgefaßt wurden, nie getan hat. So fühlt sich schlechthin jeder wesentlich einzig und inkommensurabel mit seiner Zeit, und dies mit Recht. — Aber auch jeder Geist kann virtuell als ewig gelten, womit das Gerüst der Unterscheidungen, das der erste Abschnitt aufrichtete, sich endgültig eben als Gerüst enthüllt, welches den eigentlichen Bau nicht trägt. Jedes Wesen, sofern es ist, desto mehr, sofern es sich ausdrückt, ist Offenbarung dessen, was in letzter Instanz die Gottheit zum Ursprung hat. Inhaltlich mehr, als das geringste Menschendasein, hat selbst Shakespeare nicht ausgesprochen. Was diesen auszeichnet, zum höchsten Rang erhebt, ist, daß er für das Wirkliche einen wunderbar geistesgemäßen Ausdruck fand. Aber dieser Superlativ setzt Positiv und Komparativ voraus. Weil wir vergleichen können, weil zum Vergleich der Stoff vorhanden ist, deshalb nennen wir Shakespeare ewig im Unterschied von Hinz und Kunz. Aber wie, wenn die Vergleichsmöglichkeiten fehlten? Bei karger Materie besitzt jedes Einzelne höchste Bedeutsamkeit. Es ist vielfach Zufall, wessen Erinnerung erhalten blieb. Ein bei Lebzeiten nie Aufgefallener wird leicht zum Vertreter seines Jahrhunderts. Wohl sind Qualitätsunterschiede unbedingt wirklich; die überragende Begabung, die unerreichte Ausdrucksfähigkeit Größter steht nicht in Frage. Aber daß diese gar so viel bedeutet, ist doch, vom Wesen her betrachtet, ein zufälliges Moment. Auch ohne Genie ist das Leben eine Emanation von Gott; was man Genie heißt, ist häufig nur Teilbegabung; viele Zeitliche waren viel größer im Ganzen als manche Unsterbliche. Letzten Grundes ist es Konvention im gleichen Sinn, wie solche jeder Kunst zugrunde liegt, daß wir den Maßstab der Ausdrucksfähigkeit anlegen. Wir setzen ein a priori, indem wir eine Rangskala aufstellen — gleichviel, ob diese letzthin überdies im Sinn der Schöpfung verankert sei. Berechtigt ist solch’ freigesetztes A priori freilich, denn es macht Geistesgeschichte allererst möglich. Ebensowenig wie voraussetzungslose Forschung, gibt es voraussetzungslose Existenz. So gibt es Genies nur, weil wir gewisse Qualitäten als rangbestimmend postulieren. Allein man könnte dem historischen Werden ohne Gewaltsamkeit auch ein anderes Koordinatensystem zugrunde legen; in diesem Fall ständen gänzlich andere Geister mit einem Mal als größte da. Nicht alle Kulturen hatten überhaupt einen Begriff vom Genie … Deshalb tut es nicht gut, auf die Unterschiede zwischen zeitlichen, zeitlosen und ewigen Geistern zu großen Nachdruck zu legen. Es tut auch nicht gut, so bestimmt vom Genie zu reden, wie vielfach geschieht. Auch hier handelt es sich um eine wesentlich willkürliche Abgrenzung. Wir müssen vielmehr einsehen lernen, wie geringfügig manche der Unterschiede sind, ohne deren Betonung Ästhetik vielleicht unmöglich wäre, wieviel Willkür allen Unterscheidungen zugrunde liegt, wie wenig irgendeine noch so anerkannte Rangordnung das Wesen erschöpft.

Auf allen Gebieten ist unter anderen Transformationen eine Umkehrung denkbar, dank der, wie unter christlichem Aspekt, die Ersten als Letzte erscheinen; überall kommt es auf die Wahl der Koordinaten an, und gegen keinen Ausgangspunkt ist formal das Mindeste einzuwenden. Wahrscheinlich gibt es ein System, das dem vorausgesetzten strebenden Menschen in Hinsicht auf sein äußerstes Ziel wie kein anderes entspricht: dies liegt unbewußt wohl allen Werturteilen zugrunde, in bezug auf welche sich ein consensus gentium feststellen läßt. Allein der Mensch ist nicht bloß oder vollständig strebend, vielleicht gibt es auch den Menschen nicht, oder nur zum Teil; deshalb bedürfen die Bestimmungen, die sich aus der Anwendung jenes Systems ergeben, auf alle Fälle der Korrektur. Polar zum Ansatzpunkte jenes gibt es ferner einen ideellen Ort, der, vom Geist her betrachtet, den Weltmittelpunkt bestimmt. Wer aus ihm heraus urteilt, der urteilt, nach menschlichen Begriffen, aus Gott heraus. Aber dann ergeht es ihm auch wie Diesem: auf Gerechte und Ungerechte muß Er die Sonne gleichmäßig scheinen lassen, alle Gegensätze wirken als notwendig in der Weltharmonie, keine Rangordnung erscheint Ihm vorzüglich vor anderen. Der als Gott zu urteilen sich anmaßende normale Mensch wird dergestalt zum vollendeten Skeptiker. Und da aus der Skepsis heraus kein schöpferisches Leben möglich ist, so frommt es den Meisten wohl besser, unbefangen den Teil der Wirklichkeit, dem ihr tätiges Interesse gilt, aus noch so willkürhaften Voraussetzungen heraus weiter zu behandeln. Der Philosoph allein soll tiefer und weiter blicken, denn seine Natur ist ursprünglich kosmisch zentriert. Daher ist es ihm gegeben, das verwickelte Koordinatengeflecht, das für die Menschheit die Wirklichkeit bestimmt, wieder und wieder vom ideellen Weltzentrum her auf dieses hin zurückzuregulieren. Es sei denn — welcher Fall zuweilen vorkommen soll —, daß sein persönliches System, obschon übermenschlich, erst recht exzentrisch sei.

Hermann Keyserling
Philosophie als Kunst · 1920
Zeitliche, zeitlose, ewige Geister
© 1998- Schule des Rades
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