Schule des Rades

Hermann Keyserling

Philosophie als Kunst

Entwicklungshemmungen · Ein Mahnwort an diese Zeit

Diskrepanz zwischen Realität und Vorstellungswelt

Ein wesentliches Kennzeichen der Gegenwart scheint mir der Umstand zu sein, daß sich die vorgestellte Welt der Menschen in außerordentlich geringem Umfang mit der Wirklichkeit deckt. Teils sind die Voraussetzungen ihres Denkens hinter denen ihres Seins zurückgeblieben, teils glauben sie anderes zu wollen, als was sie tatsächlich erstreben, teils täuschen sie sich über den Sinn der Richtung, die sie verfolgen. Dies ist nun freilich nichts Unerhörtes, nichts unserer Epoche ausschließlich Eigentümliches: die Diskrepanz zwischen Realität und Vorstellungswelt, welche letztere allein den bewußten Verlauf des Lebens lenkt, ist vielmehr ein Grundzug alles Menschenschicksals. Aber selten hat sich dieser Widerstreit deutlicher geoffenbart. Es ist so weit gekommen, daß ganze Klassen gegen eine vorgestellte Zukunft ankämpfen, die in Wirklichkeit schon zur Vergangenheit gehört. Gar viele der Rahmen, in welchen die Menschen noch zu leben wähnen, sind bereits zersprungen; nicht wenige der Voraussetzungen, um welche erbittert gekämpft wird, sind tatsächlich schon lange gefallen; ja mancher zweifelt noch an der bloßen Möglichkeit von Veränderungen, deren Wirklichkeit nicht von gestern datiert. Ich mag auf Einzelheiten nicht eingehen. Wie viele allein der gewohnten Begriffe, mit denen wir in aller Unschuld fortoperieren, der neuen Weltlage gegenüber versagen, wird jeder in seiner Sphäre leicht entdecken; worauf ich hinauswill, ist das Folgende: durch Verkennen des Tatbestandes entstehen Scheinprobleme, und es gibt nichts Unfruchtbareres, die Entwicklung Hemmenderes, als mit Gespenstern zu kämpfen.

Denn unsere Aufgaben ergeben sich aus den Tatsachen, können sich nur aus diesen ergeben; wer der Zukunft dienen will, muß den Sinn der Gegenwart verstehen; versagt hier sein Urteil, so kann er nichts Gutes wirken. Der Asket, der die Welt verneint, ist berechtigt, Ideale zu predigen, die hier auf Erden zum Tode führen, denn er will es ja nicht anders: jeder das Leben bejahende Idealismus, der nicht von wirklicher Gegenwart ausgeht und in eine mögliche Zukunft hinausweist, ist theoretisch ein Mißverständnis und praktisch eine Kalamität, so ehrwürdig seine Vertreter oft sein mögen; er führt nicht aufwärts, sondern bergab. So ist der, welcher heute noch für das Rittertum kämpft, was immer er sonst sein mag, in politischer Hinsicht ein Schädling; er streitet für eine Erscheinung, die in der jetzigen Weltphase nicht leben kann, opfert die Wirklichkeit einem Phantom. Wer die Verflachung, die der Amerikanismus mit sich bringt, durch den Hinweis auf das Goethesche Weimar, oder die Entseelung, welche die Mechanisierung der äußeren Berufe zur Folge hat, durch Verbreitung mystischer Doktrinen noch aufhalten zu können wähnt, beweist weniger Tiefsinn als gefährliche Blindheit für den Zug der Zeit. Diese Probleme sind im gemeinten Sinne gar keine Probleme mehr, sie sind bereits gelöst. Es ist schon entschieden, daß die nächste Zukunft nach außen zu der seelenlosen Maschine gehört, bestehe sie aus Eisen oder aus Menschenfleisch. Denn wer sich im technischen Wettbewerb bei unpraktischen Fragen nicht aufhält, wird selbstredend im Vorteil bleiben. Wer das nicht einsieht, dem ist nicht zu helfen. Seiner Zeit aber wird er erst recht nicht helfen. Wie soll der ihr nützen, der sie verkennt, dessen Wirklichkeiten Gespenster sind? Der sich abmüht, Ereignisse aufzuhalten, die schon eingetroffen sind, oder Ideale predigt, die abseits von aller möglichen Entwicklung liegen? Wer schöpferisch wirken will, hat zunächst und vor allen Dingen die faktische Sachlage zu erfassen und diese unbedingt gelten zu lassen. Dann aber eile er der Geschichte voraus; von der Zukunft her erkläre er der Gegenwart den Krieg. Denn nur von der Zukunft aus ist sie zu überwinden. Wer sich an Vergangenes klammert, und sei dieses noch so ideal, wird niedergeworfen und fällt umsonst, ein Märtyrer seines Einsichtsmangels. — Unglücklicherweise aber äußert sich die Gegnerschaft gegen ein Neues beinahe immer als Rückzug auf ein Altes, als Reaktion. Es hält eben leichter, sich auf Dagewesenes zu besinnen, als Unbekanntes zu ersinnen. Brauche ich besonders zu betonen, daß ein Rückzug, gleichviel wohin er gerichtet ist, schon als solcher eine Entwicklungshemmung bedeutet? Das Leben kann ja nicht zurück, es ist unfähig, sich zu wiederholen; jede durchmessene Wegstrecke liegt für immer hinter ihm. Wo der Mensch zurückwill, stemmt er sich der Natur entgegen, und diese ist stärker als er. Allein die Wenigsten begreifen das. War ein vergangener Zustand besser als der gegenwärtige, dann richten die Meisten ihre ganze Kraft darauf, jenen wiederherzustellen, ohne auch nur die Frage aufzuwerfen, ob sie Erreichbares erstreben. Solche Kurzsichtigkeit rächt sich schnell und bitter genug: was sie wollen, das erreichen sie nicht, und was sie erreichen, das ist nicht gut. Sie bringen eine Weltanschauung zur Herrschaft, deren Ideale nicht vor Augen, sondern im Rücken liegen; sie gehen an den wirklichen Aufgaben vorbei und verlieren sich, von Trugbildern verführt, in heillosen Sackgassen.

So begegnen wir heute in den gebildeten Ständen einer Hochschätzung der traditionellen aristokratischen Lebensform, wie sie überschwenglicher vielleicht nie vorgekommen ist. Man erklärt dieses gern kurzweg mit Snobismus und Eitelkeit, trifft aber schwerlich das Richtige damit: die tiefsten Beweggründe des Menschen sind selten kleinlicher Art, und eine so allgemeine Erscheinung muß aus tieferen Ursachen hervorgehen. Ich sehe das wahre Motiv des modernen Vornehmheitskultus in der Verbildung eines ursprünglich richtigen Instinktes. Richtig ist der Instinkt, daß einer in Materialismus verfaulenden, in Egoismus zerfallenden Generation nur durch das Eindringen vornehmer Gesinnung aufgeholfen werden kann; berechtigt ferner die Erwartung, vornehme Gesinnung vor allen unter Edelleuten anzutreffen, denn ererbte Gesichtspunkte wurzeln tiefer als erworbene. So meinte es Nietzsche, der Begründer der Herrenmoral, und ich bin überzeugt, daß sogar die Snobs es im Grunde ebenso meinen. Aber daß der adelige Geist mit der empirischen Form, welche ihn in den letzten Jahrhunderten verkörperte, identisch sei, das ist nicht wahr; und daß die Sehnsucht nach Herrennaturen sich in der Vergötterung feudaler Zustände und Gebärden äußert, das ist ein Mißverständnis. Der Adel als Institution ist eine zeitlich bedingte Erscheinung, deren jede sich irgend einmal überlebt; das Rittertum ist heute nicht mehr lebensfähig, die Gesten eines El Cid würden in unserer Welt wahrscheinlich lächerlich wirken. Der ritterliche Geist hingegen, der Adel als Lebensgesetz und Seinsideal, ist unvergänglich und wird jeden höheren Menschen in stets verjüngter Form auch in fernster Zukunft beseelen, ebenso lebendig wie zu den Zeiten Homers. Was tut nun der, welcher seine Sehnsucht nach kraftvollem Menschentum als Sehnsucht nach alten Formen versteht, oder sein Ideal in diesen verkörpert sieht? Er fälscht sein Ideal. Der Herrenmensch ist das strikte Gegenteil des Reaktionärs, er ist der, welcher überall die Initiative ergreift, allezeit über den Verhältnissen steht, jedem Ereignis gegenüber seine Führerschaft behauptet und auch dort noch aufrecht fortschreitet, wo die anderen erschöpft niedersinken. Und aus diesem progressiven Prinzip par excellence ist in der Vorstellung des Modernen eine Antiquität geworden! Weiter kann ein Mißverständnis nicht gehen, Schlimmeres kaum bewirken: hier hat sich ursprüngliches Zukunftsstreben zum Vergangenheitskultus verbildet. Echte Aristokraten, von Natur zu Führern berufen, bleiben störrisch hinter ihrer Zeit zurück, Feuilletonisten glauben höhere Menschen zu werden, indem sie sich vornehm gebärden, und Oscar Wilde wird von vielen als Vollender Friedrich Nietzsche verehrt. Und doch hätte es anders kommen können, der Zeitgeist war ursprünglich richtig orientiert. Die moderne Welt ist nicht halb so artistisch gesinnt als sie vorgibt, sie ist im Unklaren über ihre Ziele und verbirgt ihr Verkennen des Wesens in blindem Glauben an die Form.

Der moderne Ästhet ist in der Regel ein Erschöpfter, einer, dessen kraftlose Sehnsucht anderen Daseinsformen gilt. Ursprünglich ästhetische Naturen sind auch heute überaus selten. Bei den allermeisten bedeutet die artistische Weltanschauung weniger eine Überzeugung, als eine Lebensversicherung: die Theorie, die Müllern den ersten Platz zusichert und dem, was Müllern fehlt, jeden Wert abspricht, ist Müllers Beifall gewiß. Das Ästhetentum ist die sublimierteste Form der Reaktion: wie der politisch Zurückgebliebene in veralteten Staatsformen das einzige Heil erblickt, so ist die Form schlechthin dem Ästheten der einzige Wert. Da hat es denn nichts zu bedeuten, wenn der Gehalt keiner Prüfung standhält, da ist es belanglos, ob es aufwärts geht oder nicht. Die Form ist das Einmalige, das Endgültige, die Weltanschauung der Form schließt jeden Fortschritt aus. Wer nicht weiter kann, mag sich immerhin zu ihr bekennen: wir lebendigen Menschen weisen sie ab. Wir wollen nicht Altes genießen, sondern Neues schaffen. Es ist Zeit: nur zu viele jugendfrische Geister hat die Ästhetenmoral in ihrer Entwickelung gehemmt.

Hermann Keyserling
Philosophie als Kunst · 1920
Entwicklungshemmungen · Ein Mahnwort an diese Zeit
© 1998- Schule des Rades
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