Schule des Rades

Hermann Keyserling

Das Buch vom persönlichen Leben

II. Von den Untergründen des Lebenskampfes

Persönliche Entscheidung

Oft habe ich es ausgesprochen, daß die eigentlichen Weltenstunden von Christus und von Buddha noch in der Zukunft liegen. Erst in und dank der Drangsal der Revolte der Erdkräfte wird ganz erfaßt werden, welch epochemachendes Ereignis im Prozeß des Einbruchs des Geists des ersteren Erscheinung bedeutet. Und erst nachdem die Wissenschaftlichkeit höchste Ausbildung erfahren hat, wird ganz ermessen werden, daß und inwiefern das Denken, wie Buddha es verstand und übte, nämlich als vitale Wirklichkeit, als die Ganzheit des Lebens von innen her durchdringende und schöpferisch verwandelnde Kraft, ein Wichtigeres ist, als all das scharfe Denken über die Dinge und deren Meisterung von außen her, auf welche das heutige Abendland so stolz ist. Es ist nämlich nicht richtig, daß die Neu-Anerkennung der seelischen Wirklichkeit und insbesondere von deren unbewußten Regionen, welche die Tiefenpsychologie eingeleitet hat, an sich schon zu einer Verwesentlichung und Vertiefung des Lebens vom denkenden Geiste her führte. Und so ist es auch nicht wahr, daß erfolgte Heilung durch analytische Behandlung bis auf ganz seltene Ausnahmefälle das bedeutet, was sie bedeuten soll: nämlich eine dank Hebung vorher verdrängter oder projizierter psychischer Wirklichkeit auf die Subjektstufe erfolgte metaphysisch bedeutsame Integration. Wohl vermag der moderne Seelenarzt unter Umständen Unbewußtes und Bewußtsein in Einklang zu bringen und dieses insofern zu vertiefen, als der tiefst verwurzelte schon wirkende Teil der Psyche zur Dominante wird. Doch nie noch hat ein solcher Seelenarzt in dem Sinne geheilt, wie dieses Heilige und Heilande nachweislich unzählige Male getan haben. Das heißt nie noch hat er aus seinem Patienten ein Mehr dessen gemacht, als er schon ohnehin war; nie hat er ihm etwas hinzugegeben. Vor allem aber: nie hat er ihn souverän gemacht; technisch ausgedrückt: nie noch gelang die Lösung von Übertragung wirklich. Gelingt die Ablösung von der Person des Arztes, so verbleibt desto mehr die Bindung an die Theorie der Analyse. Wer zu einem Seelenheiler geht, will aber mehr werden, als er vorher war, nicht bloß entspannt, entkrampft, zurechtgerückt, und kann er zu seinem Führer nicht als zu einem ihn hinaufhebenden oder durch Ausstrahlung verwandelnden Wesen aufschauen, dann sucht er seine Zuflucht in einer unpersönlichen Zauberformel. Daher die verblüffende Ähnlichkeit der Adepten der Tiefenpsychologie mit den Dogmengläubigen des frühen Christentums; daher die Rolle echter Kirchenväter, welche ihre Schulhäupter im Kreise ihrer Gefolgschaft spielen. Dazu aber kommt das Folgende. Das Heil liegt bei geistig-seelischen Krisen allemal in vollzogenem Einstellungswandel (SE, 399-434) — gerade die Einstellung aber ändert sich am schwersten, und als Allgemeinerscheinung darum am spätesten. Zu Beginn unserer Ära geschah im großen ganzen zunächst nicht mehr, als daß der unverwandelte antike Realismus in bezug auf Götter, Dämonen, Gesetz und Ritual sich neuen Gegenständen zuwandte. Genau gleichsinnig ist die heutige Allgemeineinstellung den neuerschlossenen Seelen- und Geistesräumen gegenüber zunächst noch die alte des wissenschaftlichen Objektivismus; flach wie vor wird der Hauptnachdruck seitens der allermeisten unwillkürlich auf wissenschaftliche Theorie gelegt, zu der das persönliche Erlebnis nur das Material liefert. So erkennt der Mensch, welcher durch die Schule der neuen Psychologie ging, zunächst nur theoretisch an, daß er eine böse Unterwelt hat, die unablöslich zu ihm gehört, daß seine Libido phantastisch wandlungsfähig ist, daß vieles vormals für gut oder böse geltende ambivalent, daß sein Ich nicht das Letzte in ihm ist. Vielleicht lernt er auch dank Beschäftigung mit Heinrich Zimmer und Richard Wilhelm metaphysisch verwurzelte Mythologie und empirische Psychologie zusammenzuschauen — über das Schauen als solches kommt er nicht hinaus; neues erkenntnis-bedingtes Leben (SE, 116 ff.) weckt es nicht in ihm. Darin aber liegt der anerkannte Zweck der ganzen Übung. Zur Überbrückung des als unangenehm empfundenen Zwiespalts dient dann solcher Schwindel, wie ihn das Unbewußte vorzuspiegeln jederzeit bereit ist — denn der Geist begann seine Karriere auf Erden als Lügner und Schauspieler (SM, II und X). So habe ich Jung-Schüler gekannt, die eine ganz banale Integration erreicht hatten, nun aber fest behaupteten, diese käme buddhahafter Erleuchtung oder Kaiser-Shun-hafter Weltüberlegenheit gleich. In Wahrheit waren sie wohl einige Verkrampfungen los, im übrigen aber so eingebildet geworden; daß sich die Lebenslüge später oft furchtbar rächte. Hier möchte ich zu Nutz und Frommen aller das tragische Ende von Oscar A. H. Schmitz in der Erinnerung festhalten. Er war ein extrem verehrungsbedürftiges Gemüt, wäre in früheren Jahrhunderten wohl Benediktinermönch geworden. Zunächst kam er gläubig zu mir: ich lasse mich aber nicht verehren. Nicht allein weil ich mich nicht für verehrungswürdig halte, sondern weil ich eine meiner Hauptaufgaben darin sehe, jeden zur Selbstbestimmung anzuleiten; Jüngerschaft darf es meiner Überzeugung nach auf der heutigen Bewußtheitsstufe nicht mehr geben. Da verschrieb er sich mit Haut und Haaren der Tiefenpsychologie. Seine ganze Vorstellung vom Wege religiöser Erlösung projizierte er in die Etappen des Jungschen Integrationsprozesses hinein und wähnte sich zuletzt eines beinahe artha-artigen Zustandes teilhaftig geworden. Da erkrankte er an einem äußerst schmerzhaften Krebsleiden. Und wie dessen massiver Ernst ihn anfiel, da gewahrte er entsetzt, daß die Überlegenheit, auf deren Erreichnis er so stolz war, überhaupt nicht existierte. Seine letzten Tage boten ein Bild schauerlichen Rechtens mit dem Schicksal. Es rächt sich eben, sobald das Leben ernst macht, furchtbar, wenn einer als Religion auffaßt, was nicht Religion ist und in empirischer Lösung metaphysische Befreiung sieht.1

Ganz unmöglich können Psychoanalyse und Tiefenpsychologie den modernen Heilsweg bedeuten, den so viele in ihnen sehen. Das hat über die genannten Ursachen hinaus auch noch den folgenden Grund. Jeder Heiler überträgt unwillkürlich sein persönliches Niveau. Es ist nun physiologisch ganz unmöglich, daß ein Analytiker ein Vollendeter wäre. Keiner verspürt den Drang, in den Seelen anderer zu wühlen, der es für sich nicht nötig hätte. Im allgemeinen gilt vom Analytiker Äquivalentes wie vom Psychiater, von dem ein vielerfahrener Konstitutionsarzt einmal behauptete: bei jedem von ihnen hätte sich anfangs die Frage gestellt, ob er nun als Arzt oder als Patient ins Irrenhaus einziehen solle. Jeder Analytiker, von dem ich wüßte, ist ein ungelöster analytischer Fall, so sehr er durch Analyse aller Weihen zuteil geworden zu sein wähnt, und zwar muß er ein analytischer Fall sein, sofern er das Unbewußte anderer auffangen können soll, wie dies sein Beruf fordert, anstatt sein persönliches Sein unbefangen auszustrahlen. Wäre er ein Vollendeter, ein Meister, dann könnte er nicht mehr analysieren. So erklärt es sich, warum die Kirchenväter der Psychologie des Unbewußten, anstatt durch Erfahrung toleranter, weiter, ironischer und freier zu werden, sich statt dessen mit fortschreitendem Alter immer fester in den Geleisen ihrer Lehren festfahren.

Der vorgeschrittene moderne Mensch befindet sich sonach wirklich, wie wir’s zu Beginn dieser Betrachtungen andeuteten, in eben der Lage, wie einerseits Christus, andererseits Buddha seine erlösungsbedürftigen Zeitgenossen vorfand: in herausgestellten Vorstellungen befangen, ob diese den Kategorien des Gesetzes und des Ritus (Juden) oder erstarrten Mythos (Hellenen, hinduistische Inder) angehörten. Sowohl Jesus wie Buddha mußten deshalb lehren, das Heil liege in einem μετανοειν, im Gewinnen einer neuen und fruchtbareren Einstellung. Und dank seiner wunderbaren, immer bis zur letzten Tiefe vordringenden Verstandesklarheit hat der Buddha auf eine auf die heutigen Mißstände unmittelbar übertragbare Weise aussprechen können, wo der Grundfehler liegt und worauf es ankommt. Freilich gibt es alle die Erscheinungen, von denen die Mythen und Legenden berichten, ja es gibt deren noch sehr viel mehr. Doch der Heilsbeflissene sieht von allen diesen Erfahrungen ab, weil sie zum Heil nicht nützen — nicht weil es sie nicht gibt. Die wissenschaftliche Fragestellung als solche ist vom Standpunkt des Lebens zu verwerfen.

In der heutigen Krisis ist Buddhas Entscheidung in positivem Sinne aktueller, als die von Jesus, und sie ist auch aktueller, als sie’s vor zweieinhalb Jahrtausenden in Indien war. Heute bedarf es zur Gewinnung eines höheren Zustands keiner zeitweiligen Verleugnung der Ratio, wie dies am Ende der europäischen Antike tatsächlich der Fall war. Und heute sind wir sehr viel theoretischer noch, sehr viel mehr Äußerlichem verhaftet, als es Inder jemals waren. Da überdies das mögliche theoretische Verstehen bei uns viel tiefer reicht, als bei Buddhas Zeitgenossen, besteht entsprechend größere Gefahr, sich bei vermeintlichem Alles-Verstehen zu beruhigen und so die persönlichen Entscheidungen nicht zu treffen, auf die es im persönlichen Leben in allen Fällen letztlich ankommt. So wollen wir denn in diesem Kapitel einen Rückzug antreten aus dem Reich verführerischer Theoreme und uns ausschließlich befleißigen, so tief als möglich zu realisieren, was uns als innere Wirklichkeit entgegentritt. Nur von dort her wird schöpferische Lebensmeisterung möglich. Daher wollen wir auch möglichst alles vergessen, was wir über das Unbewußte und die Untergründe gelesen haben: es genügt, daß theoretisches Wissen uns mittelbar lenkt, indem es uns vor Irrwegen und Vorspiegelungen bewahrt.

1Oscar A. H. Schmitz Schriften enthalten übrigens vieles von bleibendem Wert. Wirklich bedeutend ist sein Versuch einer polaren Ethik in Brevier für Einsame, wovon im Freiheitskapitel mehr; und sein Geist der Astrologie und sein Dionysisches Geheimnis, auch manches in seiner dreibändigen Selbstbiographie könnten in aller Zukunft vielen Anregung bringen. (Die meisten Schriften von O. A. H. Schmitz sind im Verlag Georg Müller, München, erschienen).
Hermann Keyserling
Das Buch vom persönlichen Leben · 1936
II. Von den Untergründen des Lebenskampfes
© 1998- Schule des Rades
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