Schule des Rades

Hermann Keyserling

Das Buch vom persönlichen Leben

II. Von den Untergründen des Lebenskampfes

Recht auf Besitz

Das erste Axiom welches Wahrhaftigkeit in diesem Zusammenhang anzuerkennen fordert, lautet: nichts Erdhaftes ist als solches idealisierbar. Das zweite: alles am Menschen, was dessen irdische Dauer ermöglicht, hat nur-irdische Wurzeln und im als solches weder vom Geist her zu verstehen noch auf diesen zurückzubeziehen. Das dritte und am schwersten anzuerkennende Axiom aber lautet: vom Geiste her beurteilt, ist nichts irdisch Notwendiges gut und sehr vieles unzweideutig böse.

Diese wenigen Axiome erklären erschöpfend die psychologische Möglichkeit sowohl als die Tatsächlichkeit sämtlicher Kosmologien. Theodizeen, Eschatologien und Anthropologien, in welchen überhaupt Problematik zum Ausdruck kommt. Der Mensch war einstmals besser, als er heute ist, er ist gefallen; sein Zustand bedeutet vor Gott unsühnbare Schuld; das Erdenleben bedeutet Prüfung; der Mensch ist Objekt eines irrationalen und unpersönlichen Schicksals; er ist das Geschöpf seiner Taten, von denen er die meisten zwangsläufig vollbrachte und die ebenso unvermeidlich sündhaften Charakter tragen: diese und andere Lehren haben sämtlich den Konflikt zwischen irdischer Tatsächlichkeit und Geistforderung zur Wurzel. Und befreie man sich auch noch so sehr von jedem überkommenen Glauben: in jedem geistig erwachten Menschen lebt ursprünglich ein schlechtes Gewissen, dessen Da- und Sosein jede beliebige unter den als Beispielen angeführten Weltdeutungen besser entspricht als irgendeine Theorie, welche dieses Leben schön und gut findet. Der Tod ist nun einmal vom Geiststandpunkt ein Ungeheuerliches, die physiologischen Tatsachen und physischen Notwendigkeiten sind nun einmal zum großen Teile widerlich, der ethische Konflikt ist nun einmal wesentlich unlösbar (W, 448 ff.), und sämtliche Ideale ohne Ausnahme, welche das tiefste Gewissen als absolut setzt, sind unerfüllbar. Mich durchschauert es jedesmal, wenn ich des gedenke, daß ausgerechnet heute, wo nur Fortschritt zu noch größerer Wachheit, als solche bisher erreicht war, das Menschengeschlecht vor dem Verderben retten kann, viele das Bild vom Leben als selbstverständliche Wirklichkeit preisen, das schon die Griechen in ein fernes Goldenes Zeitalter zurückverlegten. Wohl ist es möglich, daß es einen dem Bilde eines goldenen Zeitalters entsprechenden Zustand zu der Zeit gab, da der Mensch noch Tier war: wesentlich feinfühlig, neugierig, unaggressiv, liebend und liebesbedürftig, selbstverständlich sozial empfindend und dank dem noch nicht herausdifferenzierten Ich und dem noch nicht erwachten analytischen Denken problemlos.1 Insofern fand vielleicht auch wirklich einmal eine dem Mythos vom Sündenfall und dem von Kains Abfall sehr genau entsprechende Mutation statt. Aber diese hat nun einmal stattgefunden, wahrscheinlich lange bevor der Mensch zum Menschen im heutigen Sinne ward. Das Bild vom Leben als selbstverständliche Wirklichkeit zu preisen, das jenseits jener Mutation lag — das kann nur eine Lebensangst von nie dagewesener Grauenhaftigkeit erklären: nur sie vermag so tiefen Willen zur Lüge zu gebären. — Aber freilich braucht das seit dem Sündenfall ursprünglich schlechte Gewissen des Menschen nicht das letzte Wort zu haben. Die aufgezählten Uraxiome ermöglichen auch die Aufstellung einer Lebensgleichung, welche in positivem Sinne aufgeht.

Aus jenen Axiomen folgt nämlich vor allem dies: daß das Selbst-Bewußtsein nicht die irdischen Gründe und Untergründe des Lebens spiegelt. Niemand deutet sich die empfundene Paradoxie menschlicher Existenz unwillkürlich so, daß es erstaunlich sei, wie der Mensch in Anbetracht der erwiesenen Tatsachen des Lebens an Ideale glauben kann: er stellt die Frage ursprünglich und selbstverständlich umgekehrt. Suchen wir nun von dieser wegweisenden Allgemeineinsicht her der Gegebenheiten des Erd-Bewußtseins innezuwerden, dann offenbart sich uns, daß die Grund-Ängste und -Sorgen und -Nöte der Kreatur den Persönlichkeitskern nicht betreffen. Dann leuchtet unmittelbar ein, warum alle Heilande mahnten. Sorget nicht! und Fürchtet euch nicht! Dann werden wir uns ebenso evident des Widersinns all der modernen Lehren bewußt, welche das Sein oder die wesenhafte Existenz mit Angst und Sorge behaftet vor- und darstellen, und zugleich des dämonischen, ja satanischen Charakters der christlichen Dogmatiken, welche die religiöse Problematik in die Niederungen hinabzerren, wo die Ur-Angst herrscht (SM, II). Wir sahen im ersten Kapitel, daß der ganze Mensch eine Beziehung darstellt zwischen Selbst und Welt. Die organischen Wurzeln und Urphänomene des Menschenlebens nun gehören allesamt zum Nicht-Selbst; sie gehören dem Tiere, der Pflanze oder dem Anorganischen an, welche der Mensch auch ist, jedoch nur mit seiner Unterwelt, die sich zur Persönlichkeit ähnlich verhält wie der Darm zum Hirn oder die mineralischen Bestandteile der lebendigen Zelle zu dieser. Mit dieser Erkenntnis verschiebt sich nun die gesamte Problematik des niederen Menschenlebens, und manches bisher als höher Geltende wird in die Unterwelt, wo es hingehört, zurückverbannt. Dies gilt von allem dem, was mit den irdischen Ureigenschaften, der Ur-Angst und dem Ur-Hunger zusammenhängt. Da deren Bereiche und Begriffe in den Meditationen genau und ausführlich bestimmt worden sind, können wir hier ganz kurz rekapitulieren. Die Ur-Angst bezeichnet die Ur-Reaktion des Lebendigen auf die Übermacht der Außenwelt, gegen die es sich zu sichern strebt, der Ur-Hunger den Keim alles dessen, was sich differenziert als Wachstum, Fortpflanzung, Bewältigungs- und Machtstreben äußert. Ist dem nun also, dann sind sämtliche erdzugekehrten Triebe und Strebungen ursprünglich ohne geistige Bedeutung. Dann müssen sie samt und sonders im Zusammenhang analog beurteilt werden, wie die Darmfunktionen im Zusammenhang des Körperlebens. Dann besteht das erste Wort rechter Erkenntnis und zugleich die erste Erfüllung des Imperativs der Generosität gegen sich selbst darin, daß der Mensch dieses restlos Ungeistige als solches, das heißt als auf Geist nicht Zurückführbares und vom Geist her nicht zu Rechtfertigendes doch sich selber zurechnet.

Dank dieser Erkenntnis wird entscheidend Wichtiges möglich: eine Herausschälung des allergrößten Teiles erdverhafteten Daseins aus dem Körper dessen, was ursprünglich die Persönlichkeit tangiert und damit die Erledigung eines großen Teiles der Probleme, welche den Menschen bisher am meisten beunruhigt haben. Es erledigt diese die kurze und bündige Feststellung, daß sie falscher Fragestellung ihren Ursprung danken. Zeigen wir diesen Sachverhalt nunmehr an einer Reihe der wichtigsten Beispiele auf.

Die Ur-Angst gebiert in jedem Lebewesen als erstes Mittel der Selbsterhaltung den Sicherungstrieb. Doch wahre Sicherung gewährleistet dem Bewußtsein keinerlei Rüstung, denn nimmer ist gewiß, wer im Falle eines Streites Sieger bleiben wird, sondern einzig die Unmöglichkeit, angegriffen zu werden; wie denn schlimme Möglichkeit für ein der Vor-Stellung fähiges Wesen immer Schlimmeres bedeutet als schlimme Wirklichkeit. Die Unmöglichkeit, angegriffen zu werden, bietet nun einzig und allein das anerkannte Recht auf Besitz, das heißt das Recht, einen bestimmten Lebensraum ausschließlich zu be-sitzen. Daher das Ur-Prestige des Besitzers, welches die Gewalt nicht hat und niemals gehabt hat. Wenn auf der Ebene des Geistigen Autorität mehr ist und bedeutet als materielle Macht, so gilt Gleiches in bezug aufs Erdgebundene vom Prestige des Eigentums. So galt schon in Urzuständen Versklavung als Schuldbezahlung für normal, ja selbstverständlich; kaum bedurfte es je der Gewalt, um solches Recht durchzusetzen. Vom Standpunkt der Urinstinkte erwirbt nämlich der Schenkende oder Leihende damit ein evidentes Käuferrecht — welcher Standpunkt sich heute im Falle reicher amerikanischer Erbinnen besonders nackend äußert. Im Sozialkontrakt der Abhängigkeit — hier kommt es nicht darauf an, ob es diesem Begriff genau Entsprechendes tatsächlich gibt ist nämlich nie die Treue oder Loyalität das ursprünglich Bindende, denn Treue wurzelt im Geist, der sich selbst freiwillig binden muß, um überhaupt gebunden zu werden: das Ur-Verhältnis der Abhängigkeit ist das zwischen dem Brotgeber und -nehmer. So tief wurzelt diese so völlig ungeistige Auffassung im Menschenwesen, daß das Prestige aller Macht von den Urinstinkten des Menschen als Erdwesen so empfunden wird: dieser Mann besitzt so viel mehr als alle anderen, daß sogar das Schwert ihm gehorcht.

Hier ist es uns um Grundsätzliches und zeitlos Gültiges, nicht um Historisches zu tun. Doch dieses bietet zu jenem oft die einleuchtendste Illustration. So hat vielleicht keine Zeit einen schlüssigeren Beweis für die Richtigkeit unserer den Besitz betreffenden Betrachtungen erbracht, als es die ersten Jahrzehnte nach dem Weltkriege getan haben. Unzweifelhaft war es die plötzliche Verarmung, der Verlust jeglichen Sicherheitsgefühls, welcher weiteste Kreise des geschlagenen deutschen Volks von einem Tag zum anderen charakterlos und feige machte: jäh war in ihnen die nackte Ur-Angst vorherrschend geworden, und gegen diese waren sie desto weniger gewappnet, als jahrhundertelang in Geistformen verkörperte Sicherheit ihnen die eigenen Untergründe unbewußt gemacht hatte. So hatten, als die Zeit dafür reif geworden war, verhältnismäßig sehr wenige Vertreter echten Ur-Muts mit ihnen leichtes Spiel. Der gleiche Umstand erklärt, wieso plötzlich nicht allein nie früher vielleicht unter nordischen Völkern bekannte Geldgier, sondern auch bisher unerhörte Fähigkeit zu Gelderwerb erwachte: eben deshalb hat Deutschland Versailles und Inflation und ein Jahrzehnt irrsinnigen Vergeudens öffentlicher Gelder überstehen können. Unglaublich viele Deutsche entwickelten auf einmal viele der Fähigkeiten, welche ehedem als für die Juden charakteristisch galten. Man lese Werner Sombarts in vielen Hinsichten bestes Buch Die Juden und das Wirtschaftsproblem (Leipzig, 1911): Nach jeder Verbannung und Beraubung, so total letztere sein sollte, traten sie in neuen Wirtsländern doch wieder als den Einwohnern an Reichtum Überlegene auf, woraus Sombart mit zwingender Logik folgert, daß sie unmöglich alles verloren haben konnten. Not macht eben erfinderisch. Und dauernde Not erweckt den Sicherungstrieb zu solcher Hypertrophie, daß dieses eine Motiv genügt, um die jüdische Finanzmacht zu erklären. Im übrigen sind es in der ganzen Geschichte immer die politisch Entrechteten und nie die Bevorrechteten gewesen, welche sehr reich wurden, einfach weil sie lange genug reich blieben. Letzteres verdankten sie dem, daß sie am wenigsten auszugeben brauchten, sich weniger als andere der Gefahr aussetzten und mehr denn alle anderen auf Rückversicherung bedacht waren. Insofern kam seine Entmachtung Deutschland zeitweilig direkt ökonomisch zugute: in den Deutschen erwachten die in jedem Menschen latenten jüdischen Bereitschaften. Damit allerdings traten auch manche der unsympathischen jüdischen Charakterzüge in Erscheinung. Diese haben nämlich ursprünglich keinen rassischen, sondern einen elementaren Grund. Immer wieder, durch die Jahrtausende hindurch, ist den Juden ihr Besitz konfisziert, immer wieder sind sie entrechtet worden: so fehlt ihnen typischerweise das Sicherheitsgefühl, das allein Entfaltung der Seele zu kraftvoller Schönheit ermöglicht. Ähnlich drohten sich, bis daß die nationalsozialistische Bewegung eingriff, die Deutschen zu entwickeln.

Alles nun im Menschen, was von außen her direkt beeinflußt und verändert werden kann, gehört zum Nicht-Ich. Deswegen gibt Besitz niemals ein persönliches Problem auf. Daher das Ideal der Besitzlosigkeit oder der Überlegenheit über ökonomische Interessen, welches das ganze Menschengeschlecht von je in bezug auf den Durchgeistigten und Edlen bekannt hat. Doch eben darum hat es auch keinen Sinn, aus geistigen Erwägungen heraus Besitz zu bekämpfen. Besitz ist für mindestens neuntausend­neunhundert­undneunundneunzig unter zehntausend Menschen das eine sichere Mittel, um die Ur-Angst in sich zu überwinden oder zu neutralisieren. Allerdings stellt Privatbesitz nicht das einzig mögliche Mittel zu solcher Überwindung dar: auch ein allbesitzender Staat kann, theoretisch geurteilt, jedem vollste Sekurität gewähren, wie dies der Inka-Staat bisher am besten tat; oder aber Stellung kann Besitz ersetzen. Trotzdem ist und bleibt der Besitztrieb dermaßen primär, daß jeder Versuch, gegen diesen anzukämpfen, von Hause aus zum Scheitern verurteilt ist; er trägt der Natur, so wie sie ist, nicht Rechnung. Daher die besonders häufige Geldgier bei ehrlich überzeugten begabten Sozialdemokraten: ihrer Uranlage unbewußt, haben erwiesenermaßen unglaublich viele unter ihnen ganz naiv, ihrer eigenen bewußten Überzeugung zum Trotz, ihre errungene Stellung und Macht mißbraucht. Ebendaher ebenfalls die besonders häufige Unehrlichkeit verarmter Aristokraten, die zu Geschäftsleuten wurden; dies galt nicht erst von deutschen ab 1918, sondern besonders von den japanischen Samurais, nachdem diese ihre Privilegien verloren hatten: Sekurität war ihnen so selbstverständlich gewesen, und das besondere Ethos des Geschäftsmanns war ihnen so fremd, wogegen das des plündernden Kriegers ihnen im Blute lag, daß sie sich leichteren Sinns, als dies geborene Krämer tun, als unehrliche Makler betätigten. So folgt denn aus der richtigen Stellung des Besitzproblems recht eigentlich die Erledigung von dessen ganzer Problematik. Eine wesentlich gleich verbliebene Persönlichkeit mag sich, je nach ihren ökonomischen Umständen, besser oder schlimmer darstellen. Hieraus ergibt sich unabweislich, daß das Besitzproblem von außen her gelöst werden muß, unabhängig von allen geistgeborenen Theorien, doch unter vollkommener Berücksichtigung der menschlichen Urnatur. Diese ist unabänderlich feige und bedarf der Sicherung: so soll sie soviel als irgend möglich davon haben. Hier spricht nicht eine ernst zu nehmende Erwägung gegen eine rein praktische und utilitarische Auffassung. Umgekehrt aber gilt: wer immer auf Geist bezieht, was nicht des Geistes ist, leitet allemal Verbildungen und Verzerrungen in seinem und anderer Innern ein, so daß das Leben dank falschem Idealismus zwangsläufig böser wird, als es sonst geworden wäre. Wir sahen, wie ein falsches Gesundheitsideal verhäßlicht oder verroht, wie das Mißverstehen des moralischen Problems als eines spirituellen an den schauerlichsten Greueln der Geschichte Schuld trägt. Vom mißverstandenen Besitztrieb gilt Gleichsinniges im allerstärksten Maß. Schlechthin alle Ausbeutung der Massen im Namen der Zivilisation oder Kultur oder zu Gottes Ehre hat hier seinen Seinsgrund. Und Gleiches gilt von aller Häßlichkeit und Scheußlichkeit, welche der Aufstand der vormals Unterdrückten unter Marx’ Banner zur Folge gehabt hat und noch lange, lange weiter haben wird. Marx wird nämlich neuerdings in vielen Ländern auf eine Weise unterschätzt weil bestimmte Schichten, die seine Ideen vertraten, leicht zu besiegen waren —, daß dies gar leicht zu neuen furchtbaren Überraschungen führen mag. Ob Marx’ Lehre als ökonomische oder Geschichtstheorie haltbar sei oder nicht — diese Frage ist gegenüber ihrer erwiesenen ungeheuren Wirkung belanglos. Worauf es ankommt, ist dieses und dies allein: wie keiner vor ihm hat Marx sein ganzes Programm auf dem Dasein der Ur-Angst aufgebaut und dadurch tiefste und mächtigste Instinkte entfesselt. Deswegen wird kein Idealismus und keine neue Geistesreligion Marx besiegen, und zwar desto gewisser nicht, je mehr die ökonomischen Fragen mit Geistforderungen verquickt werden, welche in diesen Zusammenhang hineingehören. Man gedenke hier unter den vielen Ideen nur der einen, die zur Grundlage aller Revolutionen marxistischen Geists geworden ist: daß Eigentum Diebstahl sei. Diese Mißdeutung wirkt schon verderblich genug in den Seelen der Besitzlosen: vollends verhängnisvoll ist sie dadurch geworden, daß auch die Besitzenden unbewußt an sie zu glauben begonnen haben — denn das hat ihnen die Mentalität von Dieben oder Hehlern mitgeteilt, so daß auf die Dauer eine ganze Menschenwelt so wird, wie sie ein hämischer Denker einmal imaginiert hatte… Nur eine solche in materieller Macht verkörperte Weltanschauung wird der irrtumgeborenen ökonomischen Revolution dieser Wende ein Ende bereiten, welche den Urinstinkten auf bessere Weise Rechnung trägt, als es der Marxismus tut.

Versenken wir uns so tief als irgend möglich in das ökonomische Problem in seinem Zusammenhang mit dem persönlichen Leben: besser noch als dasjenige der Gesundheit läßt jenes einen dessen inne werden, wieviel Nicht-Persönliches, ja Nicht-Menschliches dem Menschen doch unabtrennbar zugehört. Bei sehr vielen, vielleicht den meisten Menschen geht das so weit, daß ihr primäres bewußtes Interesse — jedenfalls alle Male, wo nicht sehr ernste Krankheit oder akute Lebensgefahr auf deren Behebung alles Interesse zuspitzt — gar nicht das Leben; sondern den Besitz betrifft. Machiavelli schreibt vom Fürsten:

Wird er auch hie und da in die Notwendigkeit versetzt, jemand das Leben zu nehmen, so darf dieses doch nicht eher geschehen, als bis ein hinreichender Grund und offenkundiger Rechtsfall vorliegt. Und nie darf er das Vermögen dieser Opfer angreifen, denn leichter vergißt der Mensch den Mord seines Vaters, als er den Raub und Verlust seines Erbteils verzeiht.

Von der Einstellung zu anderen darf man immer auf die zu sich selber schließen: primär bezieht sich die Ur-Angst nicht auf das Sterben, sondern das Verhungern. Das instinktive Leben setzt seinen eigenen Tod, es akzeptiert ihn als angemessenes Schicksal, wogegen es ununterbrochen, so lange es währt, darum besorgt ist, seinen Unterhalt zu finden. Deswegen ist der Soldat, der da weiß, daß die Heeresleitung für seine materiellen Bedürfnisse vorsorgt, und dem es erforderlichenfalls erlaubt ist, zu rauben und zu plündern, vom Standpunkt seines eigenen Ur-Instinkts das gesicherteste Wesen dieser Welt; daher sein typischer Leichtsinn. Es ist nun im allerschlimmsten Sinne ungenerös und beweist überdies häßlichste Verlogenheit, solches Haften am Besitz moralisch zu verurteilen. Mit Ausnahme der äußerst seltenen echten Selbstüberwinder haften doch alle, was immer sie vorgeben, mehr oder weniger an ihm. Und für die überwältigende Mehrheit gibt es zum inneren Freiwerden nur den einen Weg, sich dieses einzugestehen und darüber klarzuwerden, daß der Besitz-verhaftete Teil ihrer mit ihrer Persönlichkeit nicht zusammenfällt: wird dieser Weg konsequent verfolgt, dann gewinnt das Subjekt auf die Dauer ganz von selbst Distanz zu seinen Erdwurzeln und läuft fortschreitend weniger Gefahr, durch falsche Einstellung seinen niederen Trieben zu verfallen oder vom Widersinn des historischen Materialismus überzeugt zu werden. Daß das Behauptete nicht nur für sogenannte höhere Menschen gilt, beweist das Gesamtbild Nordamerikas: in diesem Land, wo beinahe jeder unbefangen primäres Interesse für den Dollar bekennt, herrscht weniger Neid, Scheelsucht, Ressentiment, mehr Generosität und Mitfreude am Aufstieg anderer als irgendwo unter weißen Menschen (A, I, II, 7); dort findet ebendarum die marxistische Weltanschauung am wenigsten Anhänger. Das Ideal des über alle wirtschaftlichen Sorgen überlegenen europäischen Edelmanns aber setzte stillschweigend dessen Gesichertheit voraus.2 So können wir denn jetzt, in Analogie mit unserer früheren Behauptung, daß der Begriff des Lasters eigentlich aus dem Begriffsschatz gebildeter Menschen verschwinden können sollte, die Annahme aufstellen, daß auch schmutziger Geiz und Gier als Allgemeinerscheinungen auszumerzen sein müßten. Denn auch ihnen liegt letztlich Mißverstehen und kein böser Wille zugrunde.

Es könnte tatsächlich dahin kommen, daß die ökonomische Präokkupation als Dominante aus unserem Leben verschwände, wie sie denn in vielen Kulturen nie Dominante war. Dieses ideale Ziel wird aber, noch einmal, dann allein erreicht werden, wenn das ökonomische Problem unwillkürlich als das angesehen wird, was es tatsächlich ist: als ein rein irdisches und gänzlich ungeistiges.

1Vgl. hierzu Gerald Heard The source of civilization, London 1935, Jonathan Cape.
2Alfred Weber hat in seiner Kulturgeschichte als Kultursoziologie, Leiden 1935, gezeigt, daß die Geistigkeit des Rittertums gerade zu der historischen Stunde aufzublühen begann, da die Ritter zu — Rentnern wurden!
Hermann Keyserling
Das Buch vom persönlichen Leben · 1936
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