Schule des Rades

Hermann Keyserling

Das Buch vom persönlichen Leben

II. Von den Untergründen des Lebenskampfes

Schrecken ohne Ende

Sind diese Untergründe nun wirklich häßlich und böse? Wir schränkten diese Behauptung bereits ein, indem wir hinzufügten vom Geiststandpunkt. Einzelnes davon ist wesentlich häßlich und böse; hiervon später. Aber alles Untergründliche ohne Ausnahme wird häßlich und böse durch Rückbeziehung auf Geistiges und Ausdeutung desselben im Rahmen eines Wertsystems. Diesem Sonderprobleme müssen wir näher nachgehen, denn trotz aller Errungenschaften der Tiefenpsychologie ahnen noch immer die allerwenigsten, wie wahr Shakespeares so oft zitierter Vers ist: there is nothing either good or bad, but thinking makes it so. Dem Unbewußten eignet desto größere Verwandelbarkeit, je tiefer die Schichten liegen, um welche es sich handelt. So können gleiche psychische Urelemente den Aspekt von Göttern oder Teufeln annehmen, je nachdem sie angesehen werden, und geht solches Ansehen von starrem Vorurteil aus, so gibt der fragliche Aspekt eine verfälschende Dauer-Vorform ab für Leben und Erleben. Warum hört bei den meisten Menschen in Geldsachen die Gemütlichkeit auf, warum werden die allermeisten nicht allein lieb- sondern gewissenlos, sobald sie in irgendeinem Sinne um ihr Recht kämpfen müssen? Weil sie zutiefst wissen, daß es sich bei Geld und Recht um Unterweltliches handelt, weil sie keine innere Möglichkeit haben, es weder als solches offen anzuerkennen, noch aus ihrer Ahnung der Wahrheit moralische Konsequenzen zu ziehen, weil sie infolgedessen sich selbst belügen und betrügen müssen, um den erforderlichen Kampf durchzukämpfen und dies infolgedessen allein unter psychologisch negativem Vorzeichen geschehen kann. Hier bietet die typische Widerwärtigkeit von Erbstreitigkeiten unter Geschwistern das vielseitigste Prototyp. Ein einseitigeres, aber noch lehrreicheres bietet die Eifersucht. Eifersuchtsgefühl ist selbstverständlich lebendig, wo Menschen einander anhangen, doch nur in der Unterwelt lebt es an dem ihm gemäßen Ort, denn es gehört ganz und gar der untersten Animalität an. So fordert rechte Einsicht einerseits, sie als Naturtatsache gelten zu lassen, verbietet jedoch andererseits, dieselbe ins Oberweltleben hinaufzuziehen und ihrer Dämonie dort Spielraum zu gewähren, denn auf den Ebenen von Geist und Seele gibt es kein Besitzrecht. Wo immer nun Liebende und Gatten dies verstehen und darnach handeln, fördert die Eifersucht des Lebens Reichtum und Schönheit; sie erhält die Sehnsucht von dunkler Tiefe her lebendig, schafft Spannungen, welche die Merk- und Erlebnisfähigkeit differenzieren und steigern. Sobald diese Elementarmacht jedoch an die Oberfläche hinaufbeschworen wird, sobald sie über die Bewußtseinsfunktionen Gewalt gewinnt, macht sie das Leben zur Hölle. Leibhaftige Dämonen ergreifen alsdann von den ahnungslosen Menschen Besitz, die zunächst oft bloß auf Grund unsinniger Konvention Eifersucht spielten, und selten gelingt es dann noch beizeiten, sie zu bändigen und in den Tartaros zurückzustürzen.

Ist es also Verkennung und falsche Behandlung der menschlichen Unterwelt, die an den meisten Häßlichkeiten des intimen Lebens schuld ist, so gilt Gleiches von der meisten Ungerechtigkeit, welche im Großen wie im Kleinen vorkommt, insonderheit von aller Ausbeutung und Knechtung von Mensch zu Mensch. Dank der Vielschichtigkeit seiner Natur, an welcher er keine Schuld trägt und die er nicht ändern kann, ist jeder Mensch nicht allein gezwungen, sowohl Böses als Gutes zu tun, sondern er ist auch, mit verschiedenen Teilen seines Wesens, gut und böse. Dieses äußert sich gar oft in allerseltsamster Verteilung. So ist der eine als im öffentlichen Leben wirkender Mann untadelig, jedoch ein wahres Scheusal in seiner Familie, sind umgekehrt vorbildliche Gatten und Familienväter als Geschäftsleute völlig skrupellos. Dies wird psychologisch dadurch möglich, daß solche Menschen ihr Gutes als Ablaß, oder Generalpardon für alles Schlechte in ihrem Gewissen buchen und bei jeder Gelegenheit sich selber vorweisen. Wird solcher Widerstreit nun entweder naiv oder bewußt so akzeptiert, wie er ist, dann bleibt er trotz aller seiner Nachteile erträglich. Furchtbares jedoch erfolgt, sobald ein Mensch auf den Generalpardon seines Gewissens hin nun in allem und durchaus gerecht zu sein und zu handeln behauptet. Hier fassen wir die Wurzel aller Zwangs- und Ausbeutungssysteme und beinahe aller Greuel, die mit Eroberung und Bekehrung und Vergeltung in aller bisherigen Geschichte verknüpft gewesen sind. Das meiste Unheil kommt von der Überzeugung, im Besitz des absolut gerechten Rechts, des einzig wahren Glaubens, der einzig richtigen Weltanschauung zu sein. Hier können wir ein weiteres Axiom aufstellen: wer immer aus Neigung Zwang ausübt, nicht aus Notwendigkeitserwägungen heraus, dessen Geist ist seiner Unterwelt Knecht. Das Freiheitsproblem wird später eingehende Behandlung finden, doch soviel können und müssen wir jetzt schon aussprechen: auf der Ebene der Persönlichkeit, das heißt der einen und einzigen Ebene, auf welcher der Mensch als Selbst seinen Ort hat, stellt sich die Frage möglichen Zwanges überhaupt nicht, denn hier zählt einzig und allein die strikt persönliche Entscheidung, die von keinerlei Äußerlichem direkt beeinflußt werden kann; auch Suggestion reicht bis zum Persönlichkeitskerne nicht hinab. Nun wird keiner bestreiten, daß der Zwang gerade in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts in der Oberwelt eine ungeheure Rolle spielt: das macht, daß diese von der Unterwelt beherrscht wird, sowenig sie davon weiß. Unser ganzer Planet durchlebt eben zur Zeit die Periode der Revolte der Erdkräfte (RM, I). Und weil nur wenige sich den wahren Sinn des Sachverhaltes eingestehen, äußert sich dieser Ausbruch, der an sich sehr wohl schön sein und direkt eine teilweise Wiedergeburt des Heldenzeitalters einleiten könnte, in den meisten Fällen dämonisch oder teuflisch.

Die Möglichkeiten der Selbstbelügung im Menschen sind unermeßlich und damit die Möglichkeiten, Himmel in Höllen umzuwandeln. Ungeheuerlich groß ist die Zahl der Väter und besonders der Mütter, die im Gefühl höchster sittlicher Berechtigung ihre durch eigenes bitteres Kindheitserleben erzeugten Komplexe an ihren wehrlosen Kindern abreagieren. Ich kenne ganze Dynastien traditionell schlechter Ehen, traditionell mißhandelter oder revoltierender Kinder, welche samt und sonders dem Bewußtsein eines gerechten Soll ihre Vitalität danken. Den letzten Zweifel am Ausgeführten behebt die folgende Überlegung, deren metaphysische Begründung der Leser in den beiden Schlußkapiteln der Meditationen finden wird. Alle Gana-Melodien sind als solche endlich und kurzlebig, und sind sie einmal verklungen, dann sind sie für immer tot: Deswegen hinterlassen Eruptionen der Unterwelt, je mehr sie nur das sind, und je weniger Oberweltliches in direkte Mitleidenschaft gezogen ist, desto weniger böses Blut; sie werden vergessen, und nicht zwar nur von dem, welcher Gana-besessen mordete, raubte und zerstörte, sondern auch von dem, welcher noch so sehr darunter litt. Demgegenüber werden Greuel desto mehr als Greuel empfunden, je mehr geistige Motive mitwirken. Alle Kontinuität im Leben schafft eben allein der Geist. Wird nun ein System aufgestellt, in welches das Gana-gemäße Böse als berechtigter Bestandteil hineinbezogen wird, dann erfolgt zweierlei: erstens wird das an sich Endliche und Einmalige und nur darum von Fall zu Fall Erträgliche grundsätzlich ins Unbegrenzte wiederholbar; aus dem Ende mit Schrecken wird der Schrecken ohne Ende. Zweitens macht erst das Berechtigt Erklären seiner das Unterweltliche im geistigen Verstande böse; an und für sich ist die Natur allen ethischen Forderungen gegenüber indifferent. Die traditionelle Jurisprudenz unterscheidet richtig zwischen Mord und Totschlag, Affekt-Handlung und überlegt verübter: es wäre Zeit, anzuerkennen, daß es nichts Furchtbareres gibt, als kühle Sachlichkeit in der Ausübung und Behandlung des Gana-mäßigen. Die mildeste Härte, welche solcher Sachlichkeit ihren Ursprung dankt, wird notwendig als ein Böseres empfunden, denn die schrecklichste blind verübte Gewalttat.

Hermann Keyserling
Das Buch vom persönlichen Leben · 1936
II. Von den Untergründen des Lebenskampfes
© 1998- Schule des Rades
HOMEPALME