Schule des Rades

Hermann Keyserling

Das Buch vom persönlichen Leben

III. Der Ur-Zusammenhang der Menschen

Individuum und Kollektivum

Es steht völlig außer Frage, daß der Mensch, darin allen Organismen gleich, ursprünglich ein Gemeinschaftswesen ist, denn er gehört organisch einem über-individuellen großen Ganzen an. Er ist ein Glied in der Kette der Generationen, welche Kette gegenüber dem Einzelnen präexistiert. Artentod ist im Laufe der Erdgeschichte, soweit wir dies beurteilen können, allemal, auf für Kausalbetrachtung rätselhafte Weise, auf einmal erfolgt — auf einmal natürlich vom Standpunkt des Zeitmaßes der Natur, deren Augenblicke keine Sekunden sind: bei alten Menschengeschlechtern hat es so mancher persönlich beobachten können, wie solche, in einer Generation noch zahlreich, lebenskräftig und gesund, nach zweien oder dreien plötzlich gar nicht mehr vorhanden sind. Die Ableger eines gleichen Baums verdorren, wenn dieser abstirbt, gleichviel wohin sie verpflanzt wurden, gleichzeitig mit dem Stammvater. So starben im Laufe der Erdzeitalter ganze Stammbäume, als ob sie Individuen wären, aus. Dieser in der Sukzession nachweisbare unlösliche Zusammenhang besteht aber auch in der Simultaneität. Bei Lebewesen, in deren Gestalt Individuum und Kollektivum verfließen, wie bei Siphonophoren und ähnlichen Tierkolonien, äußert sich dies körperlich. Bei in Staatenform lebenden Insekten, wie den Ameisen, Bienen und Termiten, äußert es sich in einem dem Zusammenspiel der körperlichen Organe an Vollkommenheit gleichwertigen konzentrischen Zusammenwirken vielfacher, in Einzelwesen verkörperter Gattungsinstinkte; bei Herdentieren in einem von der empfindenden Psyche her bestehenden Primat der Gruppe gegenüber dem Einzelnen. Aber auch die am einsamsten lebenden Organismen stehen irgendwie mit anderen in Korrelation. Zu solch ursprünglich einsamen Tieren gehört der Mensch ursprünglich nun nicht; seine normale Lebensform stellt, wie wir später genau zeigen werden, das Familienleben dar. Immerhin kann er, dank seiner größeren Individualisierung und Freibeweglichkeit, von der Existenz anderer im Einzelfalle mehr absehen als irgendein sonstiges Tier. Nichtsdestoweniger präexistiert gerade beim Menschen das Gemeinschaftliche dem Einzelnen in besonders eindrucksvoller Form, nämlich in der ursprünglicher Bindung innerhalb der freier Entscheidung fähigen individuellen Seele. In ihr, nicht ober- oder außerhalb ihrer lebt jenes Urwir, dessen Begriff im heutigen deutschen Schrifttum eine wachsende Rolle spielt. Die Präexistenz des Gemeinschaftlichen gilt erstens im historischen Verstand, insofern das Kollektiv-Bewußtsein allemal als älter nachzuweisen ist als das persönliche, und insofern Stammesgenossen unter Primitiven in Hierarchie und Arbeitsteilung beinahe bienen-artig zusammenhängen. Es gilt vor allem aber auch auf der Stufe höchster Verstandesklarheit. Dort äußert es sich, und zwar je weiter die individuelle Differenzierung fortschreitet, nicht desto weniger, sondern desto mehr, in einer echt-organischen Korrelation der verschiedenen Anlagetypen untereinander, und am eindrucksvollsten wohl in der inneren Forderung nach solcher Ergänzung, welche jeder von seinem freien Subjekt her selbstverständlich stellt. So ergänzen einander Könige, Künstler, Staatsmänner, Priester, Krieger, Händler, Arbeiter; so brauchen Fürsten und Dichter einander, Schaffende und Verstehende, Käufer und Verkäufer, und dies zwar grundsätzlich nicht anders, wie Bienen und Klee einander benötigen. Es gibt schlechterdings keine Betätigung des Menschen, mit der einzigen Ausnahme der religiös-metaphysischer Selbstverwirklichung zugewandten, welche nicht solches Korrelations­verhältnis voraussetzte. Es ist schon so, wie ich es in meiner 1906 geschriebenen Unsterblichkeit — wohl dem Werk der bisherigen philosophischen Literatur, welches am radikalsten den Zusammenhang des Lebens gegenüber dem Einzelnen als das Primäre hinstellt — immer wieder als Leitmotiv wiederholte: für das Individuum selbst ist das Individuum das Letzte nicht. Wie sehr es sich hier um Elementar-Organisches handelt, beweist letztgültig die eine Tatsache, daß es keinen Beruf gibt und daß keiner auch nur denkbar ist, dessen Begriff nicht voraussetzte, daß er seinen Mann ernährt und dessen Wurzel nicht insofern animalisch wäre. Denn einen rein-geistigen Beruf gibt es nicht; auf der Ebene des Geistes gibt es nur Berufung im Sinn von Sendung, Begnadung, und für Berufung fehlt dementsprechend auch ein von der Gemeinschaft her vorherbestehender Betätigungsrahmen.

Das skizzierte Kollektive im Menschen — eine ausführliche Beschreibung können wir uns hier sparen (U, VI, VII, A, II, 3) — liegt augenscheinlich auf der gleichen Existenzebene wie das der Tiere und Pflanzen. Um ein geistiges Problem handelt es sich hier überhaupt nicht, sondern einzig und allein um einen Natur-Tatbestand. So sollte die normale Stellung des denkenden Menschen dazu eine ebenso schlicht und ehrfürchtig anerkennende sein wie gegenüber den sonderbaren Eigenschaften eines Minerals. Doch da es sich in diesem Falle um ihn selber handelt, so ringt sich der Mensch, wofern das Denken bei ihm eine Rolle spielt, zu solch schlichter Weisheit schwer durch. Und dem ausgesprochensten Denker unter weißen Menschen, dem Deutschen, fällt es besonders schwer, gerade dort kein Problem zu sehen, wo tatsächlich keines vorliegt. Der Deutsche erscheint — im Gegensatz zu den meisten Völkern, denen zu Weniges problematisch ist — darin unterentwickelt, daß ihm das Organ für das Selbstverständliche und dessen besonderen Sinn fehlt. Er versteht schwerer als alle, daß nur praktische Probleme einer Lösung fähig und insofern im eigentlichen Sinne überhaupt Probleme sind, und daß die unmittelbare praktische Lösbarkeit vom freien Willen her überall aufhört, wo Individuum, Wille und Intellekt nicht letzte Instanzen sind. So läßt der Deutsche nur sehr schwer die Tatsache eines unauflöslichen Mysteriums gelten, als welches doch schon die bloße Tatsache seines persönlichen Lebens ist, und versteigt sich allzu leicht dahin, im qualifiziert Irrationalen als solchen ein Verstandes- oder Vernunftproblem zu sehen. Daher fast alle Theorie darüber, wie sich der Einzelne dem Kollektivum gegenüber verhalten soll. Einer solchen Mentalität gegenüber hilft nur Grenzbestimmung, deren klassisches Vorbild die Kantsche Vernunftkritik darstellt. Und da können wir nichts Besseres tun, als ohne weiteren Übergang zunächst einige axiomatisch gewiß wahre Thesen aufzustellen, deren Richtigkeit sich später an der Betrachtung von Erfahrungstatsachen erweisen wird.

  • Zum ersten: der Mensch ist ein Gemeinschaftswesen; jeder atomistische Individualismus bedeutet deswegen falsche Weltanschauung.
  • Zum zweiten: der Mensch ist Kollektivum mit einer anderen Schicht seiner, als er persönliches Wesen ist: deswegen ist es nicht minder falsch, das Individuelle aus dem Kollektiven abzuleiten oder es auf dieses zurückzubeziehen.
  • Zum dritten: was am Menschen kollektiv ist, gehört dem unpersönlichen Teile seines Wesens, mithin dem Nicht-Ich, an; deswegen bedeutet Identifizierung mit dem Kollektiven Entpersönlichung.
  • Zum vierten: im Gegensatz zum Subjektiven, das in allen persönlichen Belangen letztinstanzlich entscheidet, tut es im Fall des Kollektivlebens ein Objektives.
  • Hieraus aber folgt als fünftes Axiom: auf der Ebene des Kollektivlebens steht Sachlichkeit höher als Persönlich-Sein.

Die aufgezählten Axiome fassen, soweit ich sehe, die ganze Problematik ein, welche die Kollektivität dem persönlichen Leben bietet. Und ihre Summe und ihr Zusammenhang ergeben eine Grunderkenntnis, welche viele geltenden Vorurteile mit einem Schlag erledigt: daß das Kollektivum als solches, obgleich es dem Individuum präexistiert und obgleich dieses sich in concreto nie ohne Schaden für sich selber von ihm lösen kann, in erster Instanz ein unterhalb des Persönlichen bedeutet. Das Kollektivproblem ist das höchste Problem des Menschen-Tiers. Daß es auf dieser untersten Stufe überhaupt Problem ist, liegt an dem schon früher behandelten allgemeinen Tatbestand, daß die Natur im Fall des Menschen die Form und Ordnung, deren er zu seinem Gedeihen bedarf, nur vorbereitet: seiner eigenen Initiative ist es überlassen, sie zu vollenden, oder auch nicht (A, II, 8).

Das vom Standpunkt des persönlichen Lebens Wichtigste an den aufgezählten Axiomen, mit dessen Erläuterung wir darum anheben wollen, ist dies, daß das im Menschen an der Kollektivsphäre teilhabende dem unpersönlichen Teil seines Gesamtwesens zugehört, und daß sich daraus die besondere Norm und das paradoxale Ideal der Sachlichkeit ergibt; nicht etwa daraus, daß dem Geist Sachlichkeit als Wesensattribut eigne (Schelers Irrtum). Verschärft man sein inneres Unterscheidungsvermögen proportional der Intensivierung der Fähigkeit des Inne-werdens, so stellt man bei der Betrachtung des hier behandelten Tatbestands zunächst vor einem vollständigen Rätsel. Es sind nicht ursprüngliche Gefühle, die eine Kollektivität zusammenhalten, sondern wo Gefühle im Gemeinschaftsleben nachzuweisen sind, bedeuten diese nachträgliche Projektionen seelischer Energien auf Zusammenhänge, welche zunächst ohne sie bestehen. Es treibt und drängt die Menschen ursprünglich von innen heraus, jedoch ganz blind, ganz irrational, ganz ohne Gefühlsbetonung, sich mit anderen zusammenzuschließen, das so entstandene Ganze den Teilen gegenüber, die eigene Person inbegriffen, voranzustellen und von ihm her zu denken und zu handeln. Daß bei solchen Zusammenschlüssen das anerkannte Ideal oder Programm nicht das Wesentliche sein kann, beweist die theoretisch unendlich große Anzahl möglicher Ideale und Programme, auf welche hin oder von denen her ein gleicher Zusammenschluß erfolgen kann: dieser selbst ist offenbar das Urphänomen. Hier handelt es sich ganz augenscheinlich um eine Verwirklichung mittels freier Initiative eben dessen, was auf allen untermenschlichen Stufen der Organismenwelt von selbst geschieht oder von vornherein da ist; es handelt sich um einen organischen Erfüllungsvorgang auf der Ebene des Unterindividuellen und Unterpersönlichen, aber doch dem Einzelnen und Einzigen notwendig Zugehörigen.

Dieses durchaus Lebendige nun aber erwächst beim Menschen auf dem Umwege über Sachen; es schließen sich Jugend- und Männerbünde, oder auf der Intellektualisiertheitsstufe Vereine und ähnliche Gemeinschaften zunächst vom Sachlichen her oder auf Sachliches hin zusammen. Dann erst erfolgt die Verlebendigung. Ist ein vom Sachlichen her oder auf solches hin geschaffener Zusammenhang einmal vorhanden, dann fehlt es auf die Dauer selten, daß nicht auch Herz und Gemüt dabei wären. So liebt jeder schließlich seine Berufsarbeit, welche immer sie sei und so gezwungenermaßen er sie zuerst übernahm. Auch der völkische oder staatliche Zusammenhang existiert unabhängig von bewußten Gefühlen. In der Regel erfolgt in diesem Fall Gefühlsbetonung erst oder nur im Augenblicke der Gefährdung — dann projiziert das Individuum seine persönlichen Emotionen auf die Gesamtheit. Am deutlichsten ist dieser Projektionscharakter auf die Kollektivität bezogener Gefühle an der Liebe zum König und besonders zum Feldherrn zu erkennen, welcher tatsächlich allemal persönlich geliebt wird, wo Identifikation des Einzelnen mit dem Heer erfolgt und dieses ihm durch den Heerführer symbolisiert wird. Hier gilt es genau zuzusehen, scharf zu denken und klar zu unterscheiden. Es ist nicht wahr, daß der Zusammenhang eines organischen Kollektivums vom Bestehen entsprechender persönlicher Gefühle abhinge. Wohl sucht jeder Regierende oder Befehlende solche zu wecken, denn diese verstärken den Zusammenhalt. Aber wenn es letztlich auf das ständige Dasein patriotischer Leidenschaft ankäme, dann hielte kein Volk zusammen. Gemeinschaft in ihrem urtümlichen Verstand hat eben ihren Ort auf einer der vielen dem so komplizierten Menschenwesen zugehörenden unpersönlichen Daseinsebenen. Dies ist es, was sie, wo sie wirklich besteht, so stark macht: über sie hat persönliche Einsicht und persönlicher Wille, hat, allgemeiner, geistige Initiative überhaupt keine unmittelbare Macht. Das übliche Mißverstehen dieses Sachverhalts rührt wohl hauptsächlich daher, daß von der Sonderpsychologie des Schöpfers, Bildners oder Führers von Gemeinschaften her geurteilt wird, denn sie sind es, welche die später von Massen übernommenen Begriffe und Worte prägen. In Wahrheit nun liegen die Dinge beim schöpferischen Oberhaupt ganz anders als bei der Kollektivität als solcher: jener ist allemal eine Persönlichkeit, welcher Führung, Meisterung, Bildung und Gestaltung des Kollektivums Künstler-Aufgabe ist. Ihm ist der Urzusammenhang der Gemeinschaft nur Material, persönlich steht er über ihr, und er liebt sie persönlich hauptsächlich in dem Sinne, wie der Schöpfer sein werdendes Werk liebt. Damit aber ist gesagt, daß von der Psychologie führender Persönlichkeit her das ursprüngliche Gemeinschaftsproblem überhaupt nicht verstanden, geschweige denn gelöst werden kann.

Was Gemeinschaft ursprünglich zusammenhält, das sind die ursprünglichen sozialen Triebe — und indem wir diese behandeln, kommen wir zugleich in die Lage, das wahre Verhältnis von Individuum und Kollektivum richtig zu bestimmen (A, II, 3). Der Mensch gehört nicht bloß einem Kollektivum an, er ist Kollektivum, und nicht zwar bloß körperlich, sondern gerade auch psychisch; und dieses psychische Sein wird durch das Dasein bestimmter ursprünglicher Triebe bestimmt und als Erscheinung geschaffen. Völlig falsch ist die Theorie, gemäß welcher der Mensch von Hause aus nur Individuum und Egoist wäre, und durch moralische Höherbildung Altruist und Gemeinschaftswesen würde: in jedem leben primäre kollektive Tendenzen, die auf der Ebene der Psyche als Naturgegebenheit eine über das Individuum hinausreichende Einheit schaffen, welche in besonderer und höherer Form die physische Einheit der Tierkolonie spiegelt. Dies zuerst klar nachgewiesen und intellektgerecht gefaßt zu haben, ist das Verdienst der sogenannten Individualpsychologie; sie zuerst hat zumal dieses Wichtigste aufgezeigt, daß die Verkümmerung oder das Fehlen der sozialen Triebe ein Beweis richtiger Erkrankung ist, womit der direkte Nachweis dessen erbracht ist, daß die sozialen Triebe dem Individuum als solchem organisch zugehören. Die Individualpsychologie hat hier insbesondere auch gegenüber Henri Bergson recht, welcher (in seinem Alterswerk über die doppelte Wurzel von Moral und Religion) behauptet, daß das meiste an der Moral im weitesten Verstand aus dem bloßen Druck von Kollektiv-Notwendigkeit erschöpfend zu erklären sei, welcher Druck sekundär entsprechende Gewohnheit zeitige. Hiergegen ist ganz allgemein zu sagen: nie entscheidet Äußerliches beim wesentlich seelisch bestimmten Menschenwesen letztlich. Bestände in der Region des Subjektiven keine Entsprechung zur sachlichen Erforderlichkeit gemeinschaftsgerechten Verhaltens — welche Entsprechung unter anderen Geschöpfen einen Höchstausdruck im blinden Instinkt der Ameisen und Bienen findet —, die durch das bloße Dasein von Verstand und Wahlfreiheit immerdar gefährdete Menschengemeinschaft zerfiele nicht nur sporadisch, wie sie’s in Revolutionszuständen tut oder wenn Verbrecher vorherrschen — sie wäre längst vollständig zerfallen und das Menschengeschlecht wäre damit ausgestorben. Tatsächlich besteht die erforderliche Entsprechung. Und somit haben wir die paradoxale Tatsache als weiter Unzurückführbares gelten zu lassen, daß das Individuum als solches, innerhalb seiner eigenen Seele, Neigungen hat, denen das Individuum nicht letzte Instanz ist. Dies erklärt denn die organische Möglichkeit der Sachlichkeit. Selbstverständlich gibt es solche auf über-organischer Ebene; die des schöpferischen Künstlers zum Beispiel ist rein geistigen Ursprungs und Sinns. Aber alles Höhere muß sich auf Erden in ihm entsprechendem Niederen verkörpern, um durch Verbindung mit den Triebkräften der Erde die Vitalität zu erlangen, die ihm an und für sich fehlt; ohne solche Vitalität ist es aber auf Erden machtlos. So ist alle Sachlichkeit organisch dadurch vorgebildet, daß der Mensch, von Hause aus ein denkendes Wesen, ursprüngliche Triebe hat, die nicht vom Individuum in ihm her und auch nicht auf dieses hin bestehen, sondern von einer Wirklichkeit her, welche das Denken nicht unmittelbar zu fassen vermag. Hier lasse man sich durch den Begriff eines Wir, welches gegenüber dem Ich die höhere Instanz wäre, nicht irreführen. Wo immer das Bewußtsein so weit differenziert ist, wie beim Abendländer des 20. Jahrhunderts, präexistiert kein Wir jemals, in der Region des Subjektiven, dem persönlichen Selbst. Auf der Stufe, wo gegenständlich von einem Urwir die Rede sein kann, spielt das Denken noch keine Rolle. Eine neue und höhere Synthese des Individuellen und des Kollektiven ist aber nur möglich vom Ich her, dank dessen Erweiterung. Dem Denken bleibt das Ich, wie reich ein Mensch sich immer entwickele, die letzte Real-Instanz.

Beziehen wir nun die folgenden Sätze der Einführung zu diesem Buch (die ich dem vorliegenden Zusammenhang entsprechend ein wenig kürze) in die bisherigen Gedankengänge hinein:

Sachlich-sein-können ist eins der Unterscheidungsmerkmale des Menschen-Tiers, und den Ergebnissen und Schöpfungen dieser Einstellung verdankt es seine heutige Machtstellung innerhalb der Natur. Das Sachliche stellt die Apparatur dar, dessen das Menschen-Tier zum Lebenskampf bedarf, gleich wie die Spinne des Netzes.

Der Mensch als Verstandeswesen bedarf ganz allgemein der Herausstellung von aus der Vorstellung heraus Geborenem, um zu anderen Wesen und zu den Dingen in organische Beziehung zu treten. Doch nie hätte er einen gebieterischen und unwiderstehlichen Drang zum Erschaffen der fraglichen Herausstellungen gespürt, wenn ihn nicht das Dasein in ihm selber lebendiger primärer Triebe, welche nicht vom Individuum in ihm ausgehen und sich auch nicht auf dieses beziehen, von früh an so tief beunruhigt hätte, daß er zur Hilfskonstruktion der Anerkennung einer besonderen Daseinsebene griff, auf welcher das Kollektive auf Individuelles bezogen werden konnte; denn nur vom Individuum her operiert Verstand, im Unterschiede vom Instinkt. Die fragliche konstruierte Ebene ist eben die des Sachlichen. Auch die früheste Erd-Verkörperung des an und für sich rein geistigen Soll-Motivs hat ihren Ort auf ihr: auf frühester Stufe wirken ethische Imperative nicht also, daß das Individuum um eines geistig Höheren willen soll, was es nicht will, sondern auf die Weise, daß rein objektive Regel selbstverständlich befolgt wird, wobei persönliche Velleität überhaupt nicht in Frage kommt. Tatsächlich nun aber sind auch intellektuell hochentwickelte Menschen überaus häufig im gleichen Sinne primitiv: auch sie stellen sich die Frage persönlichen Wollens, persönlicher Überzeugung, persönlicher Verantwortung gar nicht, wenn ihnen einmal sachliche Notwendigkeit eingeleuchtet hat. Das macht, daß dem Verstande alles Allgemeingültige, alles Objektive, alles auf der Projektionsfläche des Sachlichen Belegene besser einleuchtet und darum wichtiger scheint, als das eigene Subjektive und Persönliche des Menschen, der mit dem also urteilenden Verstand begabt ist. So allein erklärt sich die so häufig zu beobachtende Erscheinung, daß Menschen, in welchen gar kein ursprünglicher Opfersinn lebt, dem bloßen Zwang der Logik folgend, Entschließungen fassen oder hinnehmen, die ihren Interessen äußerst abträglich sind. Die Allerwenigsten derer, von denen das Gemeinte gilt, sind so gemeinnützig gesinnt, wie es der Wortlaut ihrer Bekenntnisse zu glauben nahelegt. So ist das normale erste Stadium nach dem Erlaß eines neuen einschneidenden Gesetzes dies, daß die meisten, welche ihm zustimmten, wenn nicht andere so doch sich selber fragen, wie es vielleicht zu umgehen sei. — Nun sagten wir, die Ebene der Sachlichkeit sei eine konstruierte: das spricht zunächst ebensowenig gegen ihre Berechtigung, als das Konstruierte des Netzes gegen die Spinne spricht. Allerdings aber liegen die Dinge im Falle, der uns hier beschäftigt, besonders, denn das ursprünglich und lebendig Kollektive ist nicht identisch mit dem sachlich-Allgemeinen, so gut es ihm jeweils zu entsprechen scheint. Es stellt einen richtigen Ersatz dar, der dem Bewußtsein Identität von Wesensverschiedenem vortäuscht; das Bewußtsein aber läßt hier die Vorspiegelung falscher Tatsachen leichter noch als sonst gelten, weil der Verstand ein sonst unlösbares und ihn immerdar beunruhigendes Problem um jeden Preis erledigen will. Aber solche Erledigung gelingt doch nicht ohne sehr hohen dafür bezahlten Preis. Daher das Starre der meisten menschlichen Kollektiv-Ordnungen, wo doch das Leben, im Gegensatz zum Leblosen, wesentlich nicht starr ist. Und solche Starrheit charakterisiert sehr bezeichnenderweise im höchsten Grade nicht die spätesten, sondern gerade frühe Stufen. Gerade hier, wo neuzeitliches Intellekt-feindliches Vorurteil das Ideal instinktiv oder intuitiv zusammenhängender Gemeinschaft situiert, herrscht rationalste Ordnung; es herrscht die gleiche streng rationale Ordnung, wie innerhalb des Körpers, nur daß hier andererseits des Körpers wunderbare Anpassungs-, Regenerations- und Wachstumsfähigkeit fehlt. Mögen die Voraussetzungen Primitiver noch so mythischen oder mystischen Charakter tragen — alles von diesen Abgeleitete ist streng logisch-konsequent und systematisch geordnet, und das Sachliche hat über das Persönliche den absoluten Primat. Man erinnere sich nur der Ehe-Gesetze der Australneger, des extremen Formalismus in der Rechts-Theorie und -Praxis der Neger, an das fast mathematisch Strenge aller Stammesgesetze überhaupt.

Denken wir nun von hier aus an den modernen intellektualistischen Kollektivismus, dessen Prototyp im Nordamerika der Prosperity-Zeit zu suchen ist (gleichviel, ob heute [1935] noch gilt oder später gelten wird, was damals galt, als ich mein Nordamerika-Buch schrieb), so frappiert an erster Stelle nicht die Verschiedenheit, sondern die Ähnlichkeit mit primitiven Zuständen. So fiel mir der Nachweis nicht schwer (A, II, 1, 2), daß die einseitige Entwicklung von den ausschließlich intellektualistisch-moralistischen Voraussetzungen des 18. Jahrhunderts her unaufhaltsam nicht einem höheren, sondern einem direkt primitiven Zustand zugeführt hat und unmöglich einem anderen hätte zuführen können. Der vorhandene Unterschied aber beweist keine Vorzugsstellung der Amerikaner. Da die Individualtriebe bei echten Primitiven neben den Kollektivtrieben eine sehr geringe Rolle spielen, tötet die strenge Sachlichkeit ihrer Lebensordnung das subjektive Leben nicht; dieses kann sich mit jener ohne Lüge identifizieren. In Nordamerikas heutigem Zustand hingegen beengen und unterdrücken die Herausstellungen das überkommene höhere persönliche Leben, denn Menschen der Entwicklungsstufe, wie sie für heutige Abendländer die höhere Norm darstellt, können gerade das Wesentliche ihres Lebens in kollektivistischer Form nicht mehr ausleben; bei ihnen sind kollektive und individuelle Triebe scharf von einander unterschieden, und bei letzteren liegt normalerweise das Übergewicht. So wird bei ihnen das Sachliche, dem sie sich vollkommen hingeben, zur Kruste oder Schale, ähnlich derjenigen von Insekten. In dieser Schale aber erstickt die Seele. Von hier aus erkennen wir ganz deutlich, inwiefern der Kollektivismus grundsätzlich verfehlt ist: insofern er das Besondere dem Allgemeinen, das Individuelle dem Kollektiven opfert. Das tut er bei noch so kollektivistisch zusammenlebenden echten Primitiven nicht.

An diesem Punkte können wir auch das individuelle Ur-Problem richtig einstellen. Genau so, wie der Mensch primäre, auf das Individuelle nicht zurückführbare Kollektivtriebe hat, genau so hat er, seitdem einmal der Individuationsprozeß stattfand, primäre, auf nichts Kollektives zurückführbare Individualtriebe. Prägnanter ausgedrückt: genau so objektiv, wie jeder persönlich Kollektivum ist, ist jeder seither andererseits Individuum und als solches auf Kollektives weder zurück- noch erst recht zu ihm hinzuführen. Hier brauchen wir uns nicht weiter auszubreiten: daß und inwiefern jeder Mensch ein Einzelner und Einziger ist, weiß jeder für sich ganz genau, und nur Vorurteil kann als Norm einen Wir-Zustand künstlich konstruieren, in dem diese Differenzierung aufgehoben erschiene: eben sie kennzeichnet die bisher höchste Entwicklungsstufe des Menschen. Wohl aber stellt sich jetzt eine Frage, die sich auf früheren Stufen nicht stellte: nämlich die, Selbstbewußtsein und reales Kollektivum richtig zueinander in Beziehung zu setzen. Da finden wir denn zunächst, daß zwischen den zwei Arten von Trieben innerhalb des Menschen, nachdem sie sich einmal scharf differenziert haben, eine unlösliche Spannung besteht. Es ist einer der vielen Fehler des evolutionistischen Zeitalters, daß es die Gewohnheit geschaffen hat, sich alle Entwicklung so vorzustellen, daß durch Herausbildung von Neuem das Alte erledigt wäre, daß die Geburt jenes schmerzlos verliefe und daß seither alles spannungslose Harmonie auf neuer höherer Ebene sei. Tatsächlich ist der individualisierte Mensch notwendig ein unharmonischeres Geschöpf als der nicht-individualisierte. Seitdem sich das primär Individuelle aus dem fortlebenden ebenso primären Kollektiven heraus differenziert hat; kann es spannungslose und einfürallemalige Harmonie nicht mehr geben; seither wohnen mindestens zwei, zumeist aber sehr viel mehr Seelen in jedes Menschen Brust. Der primitivste Ausdruck des fortan schicksalsmäßigen Zwistes ist der Konflikt zwischen Egoismus und Altruismus. Auf elementarster Stufe muß Egoismus sein, denn wo Überlegung noch gar keine Rolle spielt und das Kollektive im Individuum das tatsächliche Übergewicht hat, hängt die Selbsterhaltung des Individuums unmittelbar vom Dasein regelrechter Ich-Sucht ab. Deswegen ist das menschliche Baby das Prototyp des Egoisten; jede Mutter weiß, wie schwer es fällt, ihm auch nur die Anfangsgründe des Altruismus beizubringen. Das Problem des Egoismus ist gerade am Säugling am schärfsten zu erfassen, weil dieser ja aus dem Schoß des Kollektivums noch kaum entlassen ist, nur in bezug auf seine Mutter lebt usf.; jahrelang besteht nicht nur psychisch, sondern bis zu einem gewissen Grade sogar physiologisch das, was physisch die Nabelschnur bedeutet, unzerrissen fort. Mit fortschreitender Aufhellung, Erweiterung und Differenzierung des Bewußtseins hört dieser primitive Egoismus auf, mögliche letzte Instanz zu sein. Nachdem äußere Konflikte das Kampfterrain vorbereitet haben, wird sich der Mensch bald des inneren Konflikts zwischen seinen individuellen und kollektiven Tendenzen bewußt und dies natürlich desto mehr, je begabter er ist und je mehr sich sein Bewußtsein aufhellt und vertieft. Kein Heiliger hat je auch nur einen einzigen Augenblick lang das gute Gewissen gehabt, das den meisten Tölpeln während schlimmster aber erlaubter Gewalthandlungen eignet; kein einigermaßen geistig erwachter Mensch kann jemals glauben, daß er auch nur ein einziges Mal in seinem Leben in allen Hinsichten gut gehandelt hätte. Hiermit stehen wir schon mitten in der ethischen Problematik drin. Sobald der Mensch eine höhere Entwicklungsstufe erreicht hat und mit Geistbewußtsein begabt worden ist, erscheint Ich-Sucht unbedingt minderwertig. Aber warum? Weil das Ich, das egoistisch sein kann, gar nicht der ganze persönliche Mensch ist, dessen Elementarnatur allemal aus individuellen und sozialen Trieben zusammengesetzt, ist. Vom ganzen Menschen stellt das Ichsüchtige, wie wir es heißen mögen, nur einen geringen objektivierten Teil dar. Man kann folglich nicht, einmal behaupten, wie manchmal geschehen ist, dieses Ich sei das Bündel der Macht- und Lusttriebe im Menschen, denn auch die Macht- und Lusttriebe setzen, soweit sie andere Menschen betreffen, eine innere Beziehung zu ihnen voraus. Das Wesentliche am Egoisten ist, daß alle Triebe in ihm eine Invertierung oder Umkehrung erlitten haben; anstatt auszustrahlen, wirken sie zentripetal. Dieses Zentripetale ist beim Baby das Normale; alles, was es wirklich angeht, geht in ihm vor, betrifft sein eigenes Werden und Wachsen. Wer als erwachsener Mensch genau ebenso eingestellt bliebe, der wäre ein so übersteigerter Geizhals, wie solchen weder Natur noch Kunst darzustellen vermag. Abschließend können wir sagen: der Egoist ist nur ein Menschen-Fragment, und der Mensch wird ganz proportional der Abnahme und Auflösung des Ichsüchtigen in ihm. Schon auf der Natur-Ebene gilt sonach das Christus-Wort, daß nur derjenige seine Seele gewinnt, der sie verliert.

Nur liegt das Heil nicht im Selbstverzicht im Sinne dessen, was man gemeiniglich Altruismus heißt: dieser ist nicht das Gegenteil des Egoismus, sondern nur sein Gegenpol auf gleicher Ebene. In jedem normalen Weibe herrschen primäre Hingabetriebe vor, und altruistische Triebe — wohl zu unterscheiden von geistentsprossenem Opferwillen! — beweisen nie anderes und niemals Höheres, als daß im betreffenden Menschen, ob Mann, ob Weib, weibliche Tendenzen leben. Im übrigen ist bekannt, wie oft gerade hingebende, nur für andere lebende Frauen zugleich von Besitz- und Machttrieben dermaßen besessen sind, daß ihr Altruismus letztendlich einen Höchstausdruck von Egoismus darstellt. Ferner sollte klar sein, daß die Selbstbehauptung eines bedeutenden Menschen in seiner Eigenart und seinem Eigenwillen, auch wo ein gutes Teil Egoismus mitspielt (keiner ist frei davon!), auch vom sozialen und altruistischen Standpunkt ein Wertvolleres darstellt als alle Anpassung an Durchschnittsmenschen gemäße Konvention. Denn jeder bedeutende Einzelgänger ist Pionier eines höheren Allgemeinzustandes und alle, sogar zerstörerische Kraft wirkt im großen ganzen segensreicher als Schwäche. Heilung von der Ich-Sucht, wo solche vorhanden, gewährleistet einzig und allein die Schaffung eines weiteren und tieferen Ichs als bestimmenden Lebenszentrums, welches Ich höherer Ordnung alles primär Individuelle und alles primär Soziale im Individuum zugleich umfaßte. Ist nun ein solches Ich konstituiert, dann ist der betreffende Mensch im rechten Sinne sowohl Einzel- wie Kollektivwesen. Beide Aspekte und Bestandteile seiner leben sich alsdann in ihm im rechten Verhältnis zueinander aus. Dann aber stellt sich überhaupt nicht mehr die Frage, ob nicht im Individuellen ein Niederes zu sehen sei: evidentermaßen erscheint alsdann vielmehr das Individuelle als das eine und einzige gegebene Verkörperungsmittel und Aktionszentrum für alles Höhere geistiger und seelischer Art.

Hermann Keyserling
Das Buch vom persönlichen Leben · 1936
III. Der Ur-Zusammenhang der Menschen
© 1998- Schule des Rades
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