Schule des Rades

Hermann Keyserling

Das Buch vom persönlichen Leben

Einführung

Herr der Schöpfung

Tiefer als so manche bestimmende moderne Weltanschauung versteht die elementare Grammatik das Menschenleben und dessen Sinn: denn ganz selbstverständlich ist ihr bei allem sprachlich Faßbaren das Subjekt die letzte Instanz. Es ist nicht wahr, daß irgendeine Sache über Persönlichem stände. Wohl gehört letzteres seinerseits höheren Zusammenhängen an: diese aber sind nicht sachlicher, sondern überpersönlicher, nicht objektiver, sondern transsubjektiver Artung. Persönlichkeit kann reales Überpersönliches verkörpern: hier liegt der Seinsgrund aller erfahrungsbewährten sakralen Ordnung und geistigen Hierarchie. Wo indes Persönlichkeit nicht Überpersönliches, sondern Sachliches verkörpert, oder wo der Nachdruck nicht auf ihr liegt — vom Grenzfalle zu schweigen, wo sie fehlt —, dort liegt Entmenschung vor.

Nun ist Sachlich-sein-Können andererseits eines der Unterscheidungsmerkmale des Menschen-Tiers, und den Ergebnissen und Schöpfungen dieser Einstellung verdankt es seine heutige Machtstellung innerhalb der Natur. Wie reimt sich diese Tatsache mit der obigen Behauptung zusammen? Sie reimt sich so zusammen, daß das Sachliche die Apparatur darstellt, deren das Menschen-Tier zum Lebenskampf bedarf, gleich wie die Spinne des Netzes; daß aber alles Übertierische im Menschen mit der Übersteigung und Überwindung der Sachlichkeit steht und fällt.

Aller bisherige biologische Fortschritt des Menschengeschlechts ist der Hauptsache nach zweifelsohne mit der Höherentwicklung dieser zusammengefallen. Herr der Schöpfung ist nicht der nackte Mensch, will sagen nicht der Mensch, welchen das Muttertier in die Welt setzt, sondern erst der bewehrte; der nackte Mensch befindet sich, im Gegenteil, verglichen mit allen anderen Wesen, mit dem Weltganzen in schlechtestem Gleichgewicht. Seinem naturgeborenen Organismus eignet weder die Kraft des Löwen, noch die Schnelligkeit des Hirsches, noch, des Falken Fernblick, weder die chemische Ausrüstung der Giftschlange und der brasilianischen Kröte, noch die physikalische des elektrischen Aales oder des wellenempfängliche Antennen tragenden Seidenspinners. Sein Körper ist, verglichen mit dem von Tiefseebewohnern, Chamäleons und Tintenfischen, äußerst phantasiearm. Seine unmittelbare Regenerationsfähigkeit ist gering; ohne helfende Heilkunst wäre das Menschengeschlecht schon in primitivsten Zuständen ausgestorben. Der Mensch kann nicht, wie die Termiten, durch unmittelbare Umbildung des Organismus Könige, Krieger und Arbeiter züchten. Auch seine bestentwickelten Sinne sind stumpf; die ihm so besonders notwendige Prophetengabe — denn er muß bewußt vorausdenken, um zu leben — ist viel dürftiger angelegt bei ihm als bei jedem Laubfrosch, jedem Zugvogel, jedem Hund. Nur eines hat der Mensch, immer als Tier beurteilt, anderen gegenüber voraus: den Verstand. Allein dieser ist erst in hochausgebildeter Form anderen Selbsterhaltungsmitteln auf Erden einigermaßen ebenbürtig. So hat denn erst das wissenschaftlich-technische Zeitalter das Versprechen einzulösen begonnen, das der Weltschöpfer laut dem Urmythos des Zweistromlandes dem Menschen im Paradiese gab: daß er der Herr der Schöpfung sein würde (A, II, 2). Begonnen, sage ich, denn noch heute, im großen betrachtet, sind zum mindesten die Mikroben mächtiger als er. Man führe nicht deren Massensterben dagegen an, denn Gleiches kommt auch unter Menschen vor, und bei diesen gibt es viel weniger sicheren und auch nicht annähernd gleich reichlichen Ersatz. Endlich kann es sogar geschehen, daß der Verstand selbst, dank seinem Mangel an Sinn für den organischen Gesamtzusammenhang, dem Menschen-Tier zuguterletzt das Grab gräbt. Immerhin ist heute so viel wahr: der wissenschaftlich und technisch ausgebildete Mensch ist in genau dem gleichen Grade Leitfossil, wie es einstmals Saurier und Ammoniten waren. Wir leben heute im geologischen Zeitalter des Menschen.

Das erscheint nicht gerade als viel, wenn man sich andererseits vor Augen hält, wie unvergleichlich schauerlich dieses Tier die übrige Schöpfung verwüstet. Und der Triumph des Menschen-Tiers erscheint vollends von fragwürdigem Wert, wenn man erkennt, daß er andererseits erwiesenermaßen eine Gefährdung des in nicht tierischem Sinne Menschlichen bedeutet, wie es in der bisherigen Menschengeschichte keine größere gab. Verglichen mit dem amerikanisierten Weißen erscheint der wildeste Primitive nicht etwa tierischer, sondern gerade menschlicher. Dieser ist gar nicht auf materielle Tatsachen und deren biologisch zweckmäßige Meisterung eingestellt: er lebt unmittelbar aus geistig-seelischen Voraussetzungen und Zusammenhängen heraus. Und so unexakt in wissenschaftlichem Verstand seine meisten Vorstellungen seien — sie geben realen subjektiven Beziehungen zur Welt einen bewußtseinsgerechten Namen. Alle Primitiven leben aus ihrem Subjekt und damit ihrem Geistig-Seelischen heraus, ganz einerlei ob ihnen im übrigen differenziertes Ich-Bewußtsein eigne oder nicht. Demgegenüber weiß der amerikanisierte Weiße im Extremfall nur mehr von objektiven Zusammenhängen; und das will sagen: in ihm hat die Apparatur sachlicher Herausstellungen fast alles Bewußtsein seiner eigenen begeisteten Menschenseele verbaut. Daher jenes Tier-Ideal, das ich in meinem Buche über Nordamerika als Grundideal seiner heutigen volkstypischen Eingeborenen geschildert habe. Daher jene Seelenverkümmerung, deren Höchstausdruck zur Zeit, da ich dies schreibe, Sowjetrußland bietet. Henri Bergson hat nun den Menschen und das höhere Insekt — die Termite, Ameise und Biene — als die zwei Höhepunkte der bisherigen Tier-Schöpfung hingestellt, welche damit in divergierender Richtung — graphisch ausgedrückt, in Form einer Gabelung des zuerst vielleicht einheitlichen élan vital verlaufen wäre. Dem mag so sein: sintemalen alle lebendige Schöpfung ein einziges Wunder ist, kann hier keine wissenschaftliche Hypothese auf mehr Gewißheit Anspruch erheben, als ein Ammenmärchen. Übernehmen wir nun Bergsons Hypothese für den Augenblick, dann sind wir berechtigt, weiter zu sagen: der Mensch verfügt über ein Quantum Wahl- und Entschlußfreiheit, welches, wie wohl viele heute sagen möchten, größer ist, als er’s vertragen kann. Denn unzweifelhaft hat er im Lauf des letzten Jahrhunderts die naturgemäße Entwicklung willentlich dem Insekten-Ideal zu abgebogen. Es besteht kein Zweifel, daß Technisierung und Industrialisierung zu einer Konvergenz des Menschen mit der Termite führen. Im Maschinismus erlebt der Chitinpanzer des Kerbtiers eine Renaissance, in alles vorausbestimmender Organisation dessen starrer Reflexbogen, im Kollektivismus dessen höchste Gemeinschaftsform, in welcher wirklich der Einzelne nichts, das Ganze alles ist. Denn kann beim Menschen auch nie ein lebendiges Zentrum, welches seinen Ort im Ganzen als solchen hätte, das persönliche Subjekt ersetzen, so führt das Zusammenwirken von zwingender Suggestion und Initiative-Verlust doch einem sehr ähnlichen Bilde zu. Dieses aber ist seinem Sinne nach nicht bewundernswert, sondern schauerlich, denn vollkommene Massenorganisation kann beim Menschen so allein zustande kommen, daß vom Subjektiven völlig abgesehen und alles und jedes von außen her und auf Äußerliches hin bestimmt wird; daß also der Mensch nicht allein zum Maschinenteile wird, sondern sich und seinen Nächsten auch als solchen fühlt und beurteilt. Vom Menschenstandpunkt ist ja auch der Termitenzustand schauerlich. Man bedenke die folgenden Sätze Maeterlincks:

Die Zivilisation der Termiten, die früheste aller auf Erden, ist die merkwürdigste, komplexeste, intelligenteste und in gewissem Sinne logischste und zur Meisterung der Lebensschwierigkeiten zweckmäßigste, welche je bisher auf unserem Planeten entstanden ist. In vielen Hinsichten ist sie, obschon grausam, finster und vielfach abstoßend, der Zivilisation der Biene, der Ameise und sogar des Menschen überlegen. Im Termitenhaufen werden die Götter des Kommunismus zu unersättlichen Molochs. Je mehr sie erhalten, desto mehr fordern sie. Und sie bestehen auf ihren Forderungen, bis daß das Individuum vernichtet und sein Elend vollständig geworden ist. Diese furchtbare Tyrannei ist ohne Analogie unter den Menschen: denn während sie bei uns wenigstens einigen zugute kommt, hat im Termitenhaufen keiner einen Vorteil davon. Die Disziplin ist erbarmungsloser als die der Karmeliter und Trappisten; und die freiwillige Unterordnung unter Gesetze und Regeln, von denen man nicht weiß, wer sie auferlegt hat, findet in der menschlichen Gesellschaft nicht ihresgleichen. Eine neue Form von Schicksal, vielleicht die grausamste von allen, jenes soziale Fatum, welchem wir selber zutreiben, ist bei den Termiten den Schicksalsformen zugesellt, denen wir schon unterworfen sind und die uns reichlich genügend scheinen. Da gibt es keine Rast, außer im Schlafe aller: Krankheit wird nicht geduldet, Schwäche spricht sich selbst das Todesurteil. Der Kommunismus ist bis zur Grenze des Kannibalismus und der Koprophagie vorgeschoben … Zwang und Elend aller zum Vorteil und Glück von niemandem — dieses alles, damit eine Art universeller Verzweiflung fortgesetzt, erneut und vervielfältigt werden könnte, solange die Welt währt. Diese Insektenstaaten, welche vor uns Menschen entstanden, könnten beinahe als Karikatur unserer selbst gelten, oder als Verkleidung jenes irdischen Paradieses, welchem die meisten zivilisierten Völker zustreben…

Vollkommene Organisation ist bei Menschen jedenfalls nur bei vollständiger Unterdrückung des Subjekts durch Sachliches möglich, denn das Subjekt steht und fällt mit seiner Eigenwilligkeit, welche eine Tatsache jede Identifizierung des menschlichen Ideals mit einem maschinellen ausschließt.

Was erlaubt uns im übrigen mit Gewißheit zu behaupten, daß der Termitenzustand wirklich die Erfüllung des ursprünglichen Termitenideals bedeutet und nicht vielmehr ein in der Entartung Festgefahrenes? P. D. Ouspensky1 vertritt auf sehr geistvolle Weise letzteren Gesichtspunkt, und bei der ungeheuren Intelligenz, die dem Termitismus zugrunde liegt, ist er kaum weniger wahrscheinlich als der Bergsonsche. Vielleicht hat sich auch im Termitismus, wie in der Extremform des Amerikanismus, ursprüngliche freie Initiative in maschineller Vollkommenheit festgefahren… Doch sei dem nun so oder anders: der Mensch ist nun einmal keine Termite, und man kann nur das werden, was man ist. So bedingt Annäherung an Termiten-Vollkommenheit beim Menschen nicht allein Wertverlust, wie sie es vielleicht auch bei jener bedeutet hat, sondern organische Entartung im elementarsten physiologischen Verstand. Das Termitengeschlecht hat sich dank seinen möglichen Opfern Unsterblichkeit auf Erden erobert: Amerikanisierung entvitalisiert und führt darum dem Ende zu. Sie macht auf die Dauer körperlich steril und bedroht damit die nackte Existenz des Menschen-Tiers. Der übertriebene Arbeiter unter Menschen konvergiert mit der geschlechtslosen Bienenarbeiterin — und unter Menschen hat die Natur keine Typen vorgesehen, denen ihre Physiologie es unmöglich machte, sich zum Arbeiter-Ideal zu bekennen. Hier liegt wahrscheinlich der tiefste Grund der heutigen Gefährdetheit des homo europaeus. In China hat der Konfuzianismus dafür gesorgt, daß das Seelische durch keinerlei Arbeitsamkeit erstickt würde; dem halb-asiatischen Rußland jedoch, das sich bewußt zu noch schlimmerem Insektismus bekennt als Nordamerika, erhält seine religiöse Begabung, sein mangelnder Sinn für Ordnung und seine zivilisatorische Zurückgebliebenheit, zunächst wenigstens, die Vitalität.

Unter diesen Umständen ist nichts verständlicher, als daß allenthalben der Wunsch nach einer Richtungsänderung in der vom Geist gewollten und bestimmbaren Entwicklung laut wird. Allein mich will bedünken, daß der Angelpunkt des Problems noch kaum gefaßt worden ist. Wissenschaftlicher Fortschritt und Technisierung sind Schicksal; dessen Aufhaltung kommt gar nicht in Frage, zumal gerade die Nicht-Europäer sich am leidenschaftlichsten zu ihnen bekennen. Jene sind als solche auch gar nicht zu beklagen, da ja erst der bewehrte, nicht der nackte Mensch sich überhaupt in dem biologischen Gleichgewicht im Naturzusammenhang befindet, welches jedem anderen Tiere eignet. Nur deren Übertreibungen sind lebensfeindlich, und noch besitzt der Mensch genügend Wahlfreiheit, Erkenntnisfähigkeit und Initiative, um möglichem Verhängnis vorzubeugen. Wahr ist hingegen dies: die mächtigsten bisherigen Gegenbewegungen gegen den Intellektualismus, in welchem in Europa der Urschaden und die eigentliche Wurzel von Amerikanismus und Bolschewismus gesehen wird, verfehlen das Ziel von Hause aus. Größerer Sinn für Gemeinschaft und Gemeinwohl, welchen Staatsmacht fordert und züchtet, kann nämlich die Konvergenz mit dem Insekt nur steigern.

  • Erstens lassen sich Gefühle nicht befehlen, auch nicht anders künstlich wecken, als im Sinne kurzlebiger Suggestionserscheinungen — und jede nicht innerlich, von der Seele zusammengehaltene Gemeinschaft ist eine Zwangsorganisation und damit dem Ideal des freien Menschen entgegengesetzt.
  • Zweitens kann vollkommene Gemeinschaftsordnung unter Menschen nur im Rahmen Intellekt-geborener sachlicher Herausstellungen und mittels dieser hergestellt und zusammengehalten werden, so daß gerade die Akzentlegung auf die Gemeinschaft zwangsläufig den Insektismus fördert.
  • Drittens ist es im Fall des Menschen grundsätzlich widersinnig, ihn dadurch vorwärts bringen zu wollen, daß man sein Eigenstes, Verstand und Vernunft, bekämpft. Dieser Widersinn entwertet praktisch auch ursprünglich richtige Intentionen.

So ist es durchaus zu begrüßen, wenn sich das Menschen-Tier, welches Gefahr läuft, Insekt zu werden, auf seinen Warmblut-Charakter zurückbesinnt. Doch wenn es damit auf das verzichtet, was das Menschen-Tier zum Herren über die übrigen Warmblüter gemacht hat, dann spricht das meiste dafür, daß er vom verachteten Insekt besiegt werden wird.

Meiner Überzeugung nach gibt es nur einen Ansatzpunkt, von dem her einer Entartung des Menschen wirklich vorgebeugt und von dort her Höherentwicklung angebahnt werden kann. Dieser ist der folgende: die Versachlichung der Außenseite des Menschenlebens, welches nicht allein Schicksal, sondern auch zu begrüßen ist, insofern der Mensch nur vom Intellekte her eine der tierischen ebenbürtige Einordnung im Weltganzen erringen kann, muß durch Vertiefung und Steigerung des Persönlichen, die Veräußerlichung muß durch entsprechende Verinnerlichung, die Veröffentlichung durch entsprechende Intimisierung kompensiert werden. Dann allein, dann aber allerdings kann die biologische Höherentwicklung des Menschen-Tiers zum Aufstieg des Menschen in höherem Sinne führen. Ich sage absichtlich führen, denn sie kann wirklich führen insofern, als es die Funktion des Verstehens ist — das menschliche Äquivalent für den sicheren tierischen Instinkt —, welche die erforderliche Richtungsänderung in der Entwicklung einzuleiten fähig ist.

1Vgl. sein New model of the universe, principles of the psychological method in its application to problems of Science, Religion and Art, pp. 56-66 (New York and London, 1934, Alfred A. Knopf). — Ouspensky genießt in dem Esoterismus zugewandten Kreisen Englands, Frankreichs und Amerikas hohes Ansehen. Er ist jedenfalls ein tiefer und reicher Geist, voller genialer Einfälle, welche er freilich allzu aphoristisch vorträgt, ein Psycholog allerersten Ranges und von echter Begabung für sogenannte okkulte Zusammenhänge. Seiner Anlage nach ist er Nicholas Roerich nahe verwandt. Es ist wohl möglich, daß diesem innerlich sehr weiten Russentypus, trotz seiner Chaotik und seinem Mangel an Form, als der Gegenerscheinung des bolschewistischen Termitismus, noch eine bedeutende Rolle in der Weiterentwicklung der Menschheit zur Menschlichkeit zukommen wird.
Hermann Keyserling
Das Buch vom persönlichen Leben · 1936
Einführung
© 1998- Schule des Rades
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