Schule des Rades

Hermann Keyserling

Das Buch vom persönlichen Leben

III. Der Ur-Zusammenhang der Menschen

Forum und Atrium

Wenden wir uns jetzt einem anderen Aspekt der Doppelnatur des Menschen zu, welcher immer zugleich Individuum und Kollektivum ist. Die alten Römer unterschieden zwischen forum und atrium, was mehr oder weniger der heutigen Unterscheidung zwischen öffentlichem und Privat-Leben entspricht; ich sage mehr oder weniger, weil die römischen Begriffe gegenständlicher und in ihren Umrissen schärfer waren. Zum Forum gehörte dem Römer alles, was von der Gemeinschaft her oder auf diese hin zu geschehen hatte, zum Atrium weniger das Private als solches, als das Intime; denn Privat-Geschäfte gehen sehr wohl auch die Gemeinschaft an. So hat bei den Engländern, den einzigen den Römern ähnlichen modernen Menschen, das Wort private durchaus den Sinn von intim; das business gehört grundsätzlich nicht dazu. Da es sich alle Male um die gleichen Menschen handelt, die einerseits persönliche andererseits Kollektiv-Wesen sind, so ist es ausgeschlossen, beide Sphären scharf und klar voneinander zu scheiden und erst recht, dieselben scharf voneinander geschieden auszuleben. Wohl aber ist es möglich, ja es tut dringend not, die Grenzen so zu ziehen, daß das wesentlich Kollektive nur dem Forum zugerechnet wird, und das wesentlich Intime und Private nur dem Atrium. Tut man dies nun, dann leuchtet ein, daß im Geltungsbereich des Forums nur objektive und sachliche, in der Kollektivsphäre ihren Ort habende Gesichtspunkte letzte Instanzen sein dürfen, und in dem des Atrium ausschließlich persönliche und intime und damit subjektive.

Jedes politisch begabte und in bester Form befindliche Volk hat eben diesen Forderungen gemäß sein Leben organisiert. Nirgends war das öffentliche Leben eine so rein öffentliche Angelegenheit wie in Rom und neuerdings in England; dementsprechend spielten Nepotismus, Favoritismus, Korruption und Nachsicht eine sehr geringe Rolle. Und nirgends war je früher und je später das Heim so sehr Heiligtum, in welches die öffentliche Hand unter gar keinen Umständen eingreifen durfte, wie in den gleichen zwei Ländern. Es ist nun sehr interessant zu beobachten, daß es gerade das individualistische Zeitalter war, in welchem diese Grenzen verkannt und zuletzt verwischt wurden: dieser eine Umstand genügt zum Beweise dessen, daß es sich beim atomistischen Individualismus um ein Pathologisches handelt. Immer mehr wurde das Staatsleben zum Tummelfeld von Privatinteressen, wodurch das Forum seine Majestät fortschreitend verlor, was immer größere Parteilichkeit und Bestechlichkeit psychologisch möglich machte. In Europa geriet so das Forum fortschreitend mehr unter die Herrschaft der Parteien, wo es doch zu seinem Wesen gehört, daß es in seinem Bereich nur Unparteiischkeit und Überparteilichkeit geben darf. In Amerika entwickelte sich aus gleichen Ursprüngen die vielleicht eigentümlichste Gemeinschaftsform aller bisherigen Geschichte, jener Privatismus, den ich im gleichnamigen Kapitel meines Amerika-Buchs ausführlich behandelt habe: dort haben die Prinzipien des Privatlebens im hohen Grad die Stelle derer des öffentlichen Lebens eingenommen. Da nun aber Forum und Atrium einander wechselseitig postulieren, weil der persönliche Mensch sowohl Individuum wie Kollektivum ist, so ergibt solches Verkennen des Sinnes des Forums ein gleiches Verkennen des Sinns des Atriums, und in der Praxis entsprechende Mißgestalt. In Amerika, wo Gesichtspunkte des Privat-Lebens das öffentliche bestimmen, erscheint jenes jedes heimlichen Charakters bar. Aller Augen dringen in jedes Heim ein; es herrscht grenzenlose Publizität, alle denkbare Schranken überschreitende Indiskretion. Eben darum und insofern spielen Frauen im öffentlichen Leben Amerikas eine solche Rolle. Ursprünglich fehlt der Frau der Sinn für das Forum, das Sachliche und Objektive; immer ist sie Partei, und die Regel ist ihr dazu da, die Ausnahme zu bestätigen. Die Privatisierung des öffentlichen und Veröffentlichung des Privatlebens entspricht nun haargenau jenem Typus der unbefriedigten Frau, welche durch Neugierde Eigenerleben, durch Massenentschließungen darüber, wie es im Heim zugehen soll, das eigene Heim, und durch Erziehungswut im großen das Fehlen eigener Kinder ersetzt. Damit sage ich gar nicht, daß nur solche Frauen in Amerika eine Rolle spielen: aber der Allgemeinzustand entspricht ihrem Typus am besten, und daher spielt er die sichtbarlichste Rolle.

Interessenherrschaft, welcher Sonderart sie auch sei, ist nun immer asozial, denn auf der Ebene des Kollektivums gilt ausnahmslos der Satz: Gemeinnutz geht vor Eigennutz. Vollkommen unparteiische Gerechtigkeit und vollkommene Billigkeit in allem ist hier Ideal. Wo aber einmal Interessen über so viel tatsächliche Macht verfügen und wo sie in so viele Formen und Funktionen des Forums eingedrungen sind, wie dies im liberalistischen Zeitalter in fortschreitend höherem Grade der Fall wurde, erscheint es schwer, ohne Gewaltanwendung und ohne Aufrichtung neuer inappellabler Machtinstanz, welche überkommenes Recht aufhebt, die Übermacht der Interessen zu brechen. Daher, als Gegenpol zum amerikanischen Privatismus, der neueuropäische Etatismus. Gegen diesen als Übergangserscheinung ist nun nichts zu sagen; alle radikale Neuerung auf Erden wurde diktiert und dekretiert. Ferner ist Sozialismus im allgemeinsten Verstande des Wortes im 20. Jahrhundert zum mindesten für Europa Schicksal. Das Menschengeschlecht steht vor einer völlig neuen Aufgabe, für deren Lösung alle Präzedenzfälle fehlen: während alle früheren Gemeinschaftsformen darauf aufgebaut waren, daß relativ wenige als vollberechtigt zählten, wollen heute alle Menschen gleichmäßig zählen. Das ist innerhalb keines überkommenen Regierungssystemes möglich. Die Massen als solche müssen erfaßt, organisiert, nach Möglichkeit hierarchisiert werden, und das geht auf lange Zeit hinaus nur nach militärischem Vorbild, was, nebenbei bemerkt, nicht im mindesten beweist, daß wir einer kriegerischen Epoche entgegengehen müssen. Von Hause aus sind Kriegergeist und Militarismus sogar Gegensätze; mit Recht schrieb Ángel Ganivet in seinem Ideario Español:

Man pflegt die Begriffe kriegerischer Geist und militärischer Geist wie Synonyme zu verwenden — ich kenne aber keine zwei Begriffe, welche einander entgegengesetzter wären. Schon beim ersten Hinblicken erkennt man, daß der kriegerische Geist spontan, der militärische jedoch reflektiert ist; daß der erste im (individuellen) Menschen seinen Ort hat, der zweite in der Sozietät. Daß der erste eine Zusammenraffung der Kräfte (esfuerzo) gegen die Organisation darstellt, dieser einen effort der Organisation. —

An sich also ist Sozialismus im allgemeinsten Verstande bis auf weiteres europäisches Schicksal. Das ändert aber nichts daran, daß ein Übergreifen der Gesichtspunkte und Prinzipien des Forums in das Bereich des Atriums ebenso grundsätzlich verfehlt ist, wie das Umgekehrte. Und letzteres Übergreifen ist es, was die sozialistischen Massen vielfach wollen und betreiben. Dieses Streben hat seinen psychologischen Grund darin, daß der Mensch, je primitiver er ist, desto weniger Uneinheitlichkeit und Einheitsmangel verträgt. Je höherentwickelter ein Mensch, desto mehr ist er sich seiner Vielfalt und Vielschichtigkeit bewußt, desto besser verträgt er den Widerstreit der Kräfte in sich, desto weniger strebt er nach billiger und die Wirklichkeit verfälschender Vereinheitlichung, in der Praxis sowohl als in der Theorie. Je höher entwickelt ein Gemeinschaftsleben, über desto mehr voneinander unabhängige und doch harmonisch zusammenarbeitende Organe, so wie es die des Körpers sind, verfügt es. Wer da nun alles verstaatlichen will, der trachtet, ob er es will und weiß oder nicht, dem Menschlichsten im Menschen nach dem Leben. Dieses Menschlichste ist das Sanktum seiner Intimität, wozu durchaus nicht allein sein Familienleben gehört, sondern vor allem seine persönliche Einsamkeit, sein freier Wille als letzte Bewußtseinsinstanz. Man kann die ungeheure Gefahr, welche im Streben nach totaler Verstaatlichung liegt, am besten von der folgenden Erwägung her in ihrer ganzen Größe verdeutlichen: vom Kollektivleben her gilt nur das Objektive und Sachliche. Folglich kann es, wenn das Kollektivum alles durchdringend allein herrscht, kein als Wert und als letzte Instanz anerkanntes Subjektives geben: weder persönliche Liebe noch persönliche Überzeugung, noch ein persönliches Verhältnis zu Gott. Ja, es hört dann sogar schließlich die Möglichkeit eines persönlichen Verhältnisses zum Kollektivum, welches doch das bewußte Ziel aller solchen Organisierung ist, zu bestehen auf: als Maschinenteile leben die Einzelmenschen vom Ganzen her; sie werden wieder zu bloßen Sachen, wie es nach römischem Recht die Sklaven waren. Sich selbst aber stellt der Mensch, welcher mit solchem Zustand zufrieden ist, alsdann nach dem Idealbild der Ameise oder der Biene vor. Da er nun keine Ameise oder Biene ist, so bedeutet diese Vorstellung Lüge, und an dieser Lüge allein muß der ganze Bau, so stark er gefügt scheine, am Ende zerbrechen; wir sahen es schon an früherer Stelle und werden es immer wieder sehen, eine wie tödliche Gefahr Selbstbelügung bedeutet. Da ferner der Mensch wesentlich nicht Sache, sondern Person ist, so müßte auf die Dauer gerade im bestorganisierten Wohlfahrts-Zwangsstaat, welcher jedermann in allem zum Guten zwingt, größte Erbitterung erwachen und sich aufstauen, und zwar dieses Mal in den Herzen aller, nicht nur in denen der Sklaven, wie bei den Römern, denn fortan würden alle gleichermaßen versklavt sein. Vor allem aber ist kein Zwang unerträglicher als der Zwang zum Guten, weil ja das Wesen des Guten unablöslich an den freien guten Willen gebunden ist. Den hier skizzierten Zwangsstaat gibt es so schlimm sogar in Sowjetrußland nicht, und nie wird er sich in Europa verwirklichen lassen. Doch da nicht wenige in Ähnlichem ihr Ideal sehen, so tat es not, solch’ nicht Vorhandenes zu schildern. Es ist nun einmal so: sobald des Menschen Persönliches nicht als wichtigster Faktor anerkannt wird, hält kein Kollektivum lange zusammen. Daher der Grundsatz der englischen Politik, unter allen Umständen, sogar im Fall von Gewaltanwendung, den Willen der Regierten oder Bekämpften zu berücksichtigen. Solch persönliche Berücksichtigung bedeutet schlechthin jedem Menschen so unendlich viel mehr als alles Objektive, daß ein Schwächerer selbst da, wo er genau weiß, daß er sich Englands Willen fügen muß, dies schließlich freiwillig tut, welcher Unterschied vom Standpunkt von Geist und Seele alles bedeutet. Es genügt ihm, daß er sich gefragt und berücksichtigt fühlt und daß der Schein der Erpressung vermieden ward. Aus diesem einen Grunde ist das äußerlich so lose zusammenhängende britische Weltreich unter allen heutigen dauerhafter gefügt als irgendein anderes.1 Im Gegensatz hierzu tut es gerade heute besonders not, des Endes des römischen Weltreichs zu gedenken. Dieses brach aus vielen Gründen zusammen (die wesentliche Dauerunfähigkeit dieses Reiches hat Gautier in seinem Geiserich [Frankfurt a. Main, Societätsverlag] am besten herausgearbeitet), doch deren tiefster war der, daß gegen Ende bis zu sechs oder sieben Zehnteln der Bewohner Italiens den Sklavenstatus hatten, mithin als bloße Sachen galten. Zuletzt gab es da nur eine theoretische Möglichkeit der Rettung: nämlich die, welche Kaiser Konstantin dann praktisch ergriff, daß das Imperium selber offiziell das Christentum annahm, welches den Wert jeder persönlichen Menschenseele für höher erklärte als alles Sachliche. Doch diese Rettung kam viel zu spät, und so half sie nur über kurze Zeit hinweg. So mächtiger Haß gegen die Herrenschicht hatte sich im Unbewußten der meisten Reichsbewohner minderen Rechtes aufgestaut, und erstere Schicht selbst hatte in ihrem Unbewußten, von der Weltanschauung der Unfreien angesteckt, so schlechtes Gewissen bekommen, daß deswegen die Barbaren zuletzt leichtes Spiel hatten, das Westreich zu zerstören.

Scheiden wir jetzt, zum Abschluß dieses Abschnitts, so klar als möglich zwischen den naturgemäßen Geltungsbereichen des Objektiven einer-, des Subjektiven andererseits und versuchen wir gleichzeitig zu zeigen, wie beide innerhalb der Person zusammenhängen. Mit ihren kollektiven Trieben und Strebungen ist die Person selbst ursprünglich Kollektivum; als Kollektivwesen lebt sich also jeder persönlich desto mehr aus, je vollständiger sein Kollektives sich als solches auswirkt. Daher die persönliche Bereitschaft aller Menschen zu einem öffentlichen Leben irgendwelcher Art, ihr Drang nach öffentlicher Geltung, ihre instinktive Hochschätzung von Objektivität, Gerechtigkeit und Billigkeit. Ich sage aller Menschen, denn auch Frauen haben ein ursprüngliches öffentliches Leben: nämlich unter sich; dies erklärt, warum der Harem der echten Frau eigentlich immer, so ungern sie es zugibt, als grundsätzliche Existenzmöglichkeit einleuchtet. Frauen ziehen sich füreinander an, nicht für die Männer, welche selten die Nuancen bemerken, auf die es ihnen am meisten ankommt, und auch ihr echtestes Geltungsstreben lebt sich unter Geschlechtsgenossinnen aus. Im Grunde kämpfen sie, trotz aller Eifersucht, gern um geliebte Männer, ihren Sieg lieben sie zu zeigen, und das Heiraten und Verheiraten ist ihnen weit weniger Privatangelegenheit als den Männern, sie ist ihnen auch eine der hohen Politik. Im übrigen äußert sich ihr primärer Sinn für das öffentliche Leben in ihrem Hängen an Sitte und Tradition, oder aber, falls das Kollektivum neuen Lebensformen zustrebt, in ihrem besonders radikalen Revolutionärtum, endlich ihrem besonderen Ernstnehmen des männlichen Berufslebens.

Suchen wir nun nach einem Allgemeinbegriff, welcher den Sinn öffentlicher Betätigung vom persönlichen Leben am schärfsten abgrenzte, so finden wir ihn in dem des Dienstes. Das Dienstliche ist auch die Seele alles Amtlichen; insofern allein besteht Friedrichs des Großen Bestimmung des Königs als des ersten Dieners seines Staates zu Recht. Den tiefsten Sinn des Dienstes aber enthüllt am besten das Sonderbild des Militärdienstes. Da zählt das Individuelle, und Persönliche überhaupt nicht; der Soldat hat auf Befehl zu sterben und zu töten, blinder Gehorsam steht an der Stelle auf Grund persönlichen Urteils getroffener persönlicher Willensentscheidung; alles hängt sachlich und objektiv zusammen. Die Befehlsgewalt geht aber auch nicht von einem persönlichen Menschen aus, sondern vom Führer als solchem. Der Führer führt nie als Persönlichkeit, niemals als Mensch, so nahe die gegenteilige Annahme im Falle großer Führer liegt. Er personifiziert jeweils eine bestimmte Gemeinschaft als solche und muß deshalb als Führer von dem Nicht-Kollektiven in sich, seinem Persönlichen und Intimen genau so absehen wie der blind Gehorchende. Deswegen besteht eine autoritäre Beziehung vom Führer zur Gefolgschaft überall, wo die Verhältnisse gesund und klar sind, ausschließlich im strikten und genau umschriebenen Rahmen des Dienstverhältnisses. Gerade diese Beschränkung des Führerprinzips auf das Gebiet des Dienstes nun ist es, um derentwillen jeder gesunde Mensch so gern — in irgendeinem seiner Natur gemäßen Rahmen — dient: so und so allein nämlich lebt er die seiner Persönlichkeit zugehörigen kollektiven Tendenzen sinngerecht aus. Als Kollektivum will jeder dienen, als freies persönliches Wesen lehnt jeder vollentwickelte Mensch jeden Zwang, der auf seine persönliche Entscheidung ausgeübt wird, selbstverständlich ab: besteht die rechte Beziehung von Führer und Gefolgschaft, dann bleibt die individuelle und persönliche Freiheit auch im Fall des straffsten Verhältnisses zwischen Führer und Geführten gewahrt. Der General hat Befehlsvollmacht als General, nicht als persönlicher Mensch; der Soldat pariert Ordre als Soldat, nicht als Individuum. So hindert keinerlei Disziplin, und fordere sie auf besonderer Ebene Kadavergehorsam, die freie Entfaltung des Geistes und der Seele. Für diese ist ferner gut, daß sie gehorchend sich selbst zu überwinden und führend Selbstsicherheit lerne. Endlich bildet sich nur unter sinngerechtem Druck aus den Uranlagen ein solcher Charakter aus, der im Menschen seine besten Möglichkeiten frei auszuleben gestattete. Andererseits jedoch ist jede persönliche Identifizierung mit der Stellung des Führers oder des Geführten das Verderblichste, was es für die Seele überhaupt gibt. Zum Wesen des amtlich oder dienstlich Führenden gehört, daß aller Widerstand ausgeschaltet ist. Aber persönlich braucht jeder den Widerstand, nicht allein um an ihm zu wachsen, sondern um nicht zu verderben; der Widerstand der anderen gehört recht eigentlich zu ihm. So schuf sich sogar Gott sehr bald den Teufel als Opposition, da er sah, daß auf der Basis seiner Allmacht allein keine gesunden Dauerverhältnisse zu erreichen waren. Und ebenso verliert der alle innere Unabhängigkeit, mit welcher Menschenwürde steht und fällt, wer sich außerhalb des Dienstverhältnisses als Untergebener fühlt. Hier liegt eine der tiefsten Ursachen des immer erneuten Versagens der Deutschen als historischer Subjekte sowohl wie als selbstbestimmender Persönlichkeiten. Eine unglückliche Geschichte, zugleich eine besondere Anlage, auf die wir später genauer zu sprechen kommen werden, hat es so gefügt, daß das deutsche Volk seit Jahrhunderten in seiner Mehrheit die Mentalität entweder von nichts-als-Vorgesetzten oder von nichts-als-Untergebenen in sich ausgebildet hat, und dies zwar nicht nur in seinem öffentlichen Leben. Dies bedeutet eine so verhängnisvolle innere Verbildung, daß gleichzeitig weltoffene, vollausgeschlagene, starke und verantwortungsfreudige Persönlichkeiten im bisherigen Deutschland sehr selten und schwer erwuchsen. Im Dienstverhältnis lebt sich das Nicht-Kollektive im Menschen eben auch dann nicht aus, wenn dekretiert wird, daß es sich vollkommen in ihm ausleben soll.

Aber noch einmal: das öffentliche Leben gehört auf besonderer Ebene genau so zur Persönlichkeit, wie ihr intimes Leben. So gehört zu ihr auch das Zwangsmäßige des Dienstverhältnisses: nur das Persönliche im Menschen ist frei und will frei sein. Und so gehört auch das Sachliche des Berufslebens gerade in seiner Unpersönlichkeit dem Persönlichen dennoch notwendig zu und an.2 Nur darf der Mensch, so er nicht verderben soll, auch wo er sich ganz aufs Kollektive einstellt, niemals sich selbst, seine Persönlichkeit dabei aufgeben: von ihr her muß er dem Nicht- und Un-persönlichen leben und dabei alle Verantwortung auch dafür, was er als Kollektiv-Wesen leistet, persönlich auf sich nehmen. Führer kann der Feldherr und Staatenlenker nur als Kollektiv-Wesen sein; aber für sich muß er dennoch die volle Verantwortung für alles persönlich übernehmen. Gleiches gilt vom Richter: urteile er noch so sehr als Staatsbeamter — nur wenn er sich persönlich verantwortlich fühlt für das Todesurteil, das er fällt, wird er gerecht richten und anstatt in seinem Berufe zu verknöchern, wie es so viele tun, an ihm als lebendige Persönlichkeit wachsen. So liegen hier denn die Dinge grundsätzlich genau so, wie im Fall der Gesundheit und der Untergründe des Lebenskampfes; nur gilt hier Gleiches auf höherer Ebene. In ihren tieferen Schichten ist es freilich die Gana-Ebene (SM, VII); deswegen sind Politik und Krieg Normalausdrücke des Kollektivlebens, darf die Gemeinschaft zwingen und töten, gilt ihr das Individuelle nichts. Doch in seinen oberen Regionen gehört das Kollektive im Menschen dem gattungsmäßig Menschlichen und nur-Menschlichen an; daher das gegenüber allen anderen Wesen, die wir kennen, Einzigartige der Kollektivprobleme und -phänomene, die wir hier zu bedenken hatten. Ist alles Kollektive zunächst und für sich ein dem Individuum gegenüber Niederes, so kann dieses es zu einem Höheren umschaffen. So kann Recht zum Gefäß der Gerechtigkeit werden, Politik zum Ausdrucksmittel der Staatskunst, Mord zur Strafe und primitives Kollektivbewußtsein zum Körper rein geistigen Opferwillens.3

1Vielleicht darf ich hier auf das Kapitel Politik und Weisheit der Schöpferischen Erkenntnis hinweisen, in welchem nicht allein der oben bestimmte Grundsatz der englischen Politik als erster Grundsatz jeder guten Politik überhaupt ausführlich behandelt steht, sondern noch die zwei weiteren meiner Ansicht nach wichtigsten Grundsätze solcher: der Grundsatz der Konsequenz und der Grundsatz der unüberschreitbaren Grenzen.
2Ich verweise zur Erläuterung hier einen kleinen Aufsatz Vom Beruf ab, den ich 1921 im zweiten Heft des Wegs zur Vollendung veröffentlichte, obschon ich seither in einigen Hinsichten zu schärferen Einsichten gelangt bin.
Der Aufsatz Arbeit aus dem ersten Heft des Wegs zur Vollendung (1920), auf den der vorher zitierte zurückgriff, lautet wie folgt — ich drucke auch ihn ab, weil er mir als historisches Denkmal aus der Zeit größter deutscher Zersetzung interessant scheint.
3Eine erschöpfende Behandlung des Führer-Problems als solchen gehört in ein Buch vom persönlichen Leben offenbar nicht hinein. Doch will ich zur Ergänzung des hier Gesagten in einer Anmerkung einen kleinen Aufsatz des Jahres 1921, betitelt Von der Selbstführerschaft wieder abdrucken, welcher im zweiten Heft der Mitteilungen der Schule der Weisheit, Der Weg zur Vollendung, erschien.
Hermann Keyserling
Das Buch vom persönlichen Leben · 1936
III. Der Ur-Zusammenhang der Menschen
© 1998- Schule des Rades
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