Schule des Rades

Hermann Keyserling

Das Buch vom persönlichen Leben

IV. Seele

Das Menschliche

Das vorhergehende Kapitel erwies, daß dasjenige, was im inneren Menschen dem äußeren Kollektivum entspricht, ursprünglich der Sphäre des Unter- und Unpersönlichen und nicht der des Überpersönlichen angehört. Deswegen stellt sich das Freiheitsproblem in bezug auf das Kollektivum oder von ihm her nicht. Nun sahen wir aber andererseits, daß der Mensch Gemeinschaftsformen willkürlich erschaffen kann. Wie ist das möglich? Es ist eben deshalb möglich, weil dem Kollektivum im Menschen kein freier Wille eignet. Es gehört der Tier-Ebene an; zuunterst der Gana-Ebene, welche wesentlich träge und welcher Zwang gemäß ist; zuoberst der des Menschen als Tieres, wie er sich in der Masse darstellt, innerhalb welcher das Individuelle abgebaut erscheint. Alle Tiere aber kann man dressieren, und von allen ist der Mensch das allerdressierbarste, denn keines ist in seinen Äußerungen so wenig ein für alle Male festgelegt. Von hier allein aus ist der Sinn aller Erziehung einzusehen, welche öffentlich geheißen wird und von welcher erwiesen ist, daß sie Besseres leistet als die privat genannte: ihr Sinn ist Einpassung des Individuums in das Kollektivum. Bei der gegebenen Eigenart des letzteren kann solche Einpassung nur durch zweierlei gelingen: durch Suggestion und durch Dressur (zu welch’ letzterer auch das willkürliche Schaffen oder Ausnutzen charakterbildender Schwierigkeiten gehört), denn hier gilt es, das Kollektive im jeweiligen Individuum direkt zu erfassen. In der Familie, in welcher an erster Stelle die Person zählt, ist solche Erfassung unmittelbar überhaupt nicht möglich. In einer öffentlichen Anstalt jedoch gelingt sie desto leichter, je größer und in der Zielsetzung einheitlicher diese ist und je mächtiger infolgedessen das Kraftfeld bestimmter Artung, welches sie darstellt und in dem der Einzelne sich in entsprechender Verwandlung behaupten muß. Dementsprechend haben es Männer, welche ganz daheim erzogen wurden — es sei denn, ihnen werde im späteren öffentlichen Leben von Hause aus eine so privilegierte Stellung zugestanden und ihre soziale Aufgabe setzte solche Distanz voraus, daß direkter Kontakt und Einklang überflüssig erschienen —, im späteren Leben immer überaus schwer; und zwar haben sie es desto schwerer, je kollektivistischer der herrschende Zeitgeist ist. Denn das Individuum bedarf offenbar des Eingebrochenseins, wie man von Pferden sagt, der Dressur im Sinn automatisch-gewordener Gemeinschafts-gerechter Reaktionsart desto mehr, je mehr das Kollektivum als solches bedeutet. Daher die Vorzugstellung, welche Drill, Exerzieren, diskussionsloses Behaupten und Hinnehmen in der Erziehung zum Soldaten, der Urform aller Massen-Erziehung, eignet. Im Bereich der Erziehung des Kollektiven im Menschen zum Kollektivleben gehört nun aber auch alles, was ins Bereich der Erziehung zur Sachlichkeit fällt; alle solche Erziehung ist dem Wesen nach eine öffentliche Angelegenheit, denn nur Gemeinschafts-gerechte Formung des Kollektiven im Individuum macht es fähig, überhaupt so sachlich zu sein, wie dies von jeder vom Kollektivum ausgehenden oder auf dieses bezogenen Betätigungsart gelten muß, wenn sie sinngerecht und erfolgreich sein soll. Und erst solche im Elementaren begründete Sachlichkeit macht Sachlichkeit auf höheren Ebenen physiologisch möglich. Die Sachlichkeit als solche entspricht eben ursprünglich dem Kollektiven und widerstreitet dem Persönlichen, für welches das Subjektive allemal letzte Instanz ist. Insofern ist die Sachlichkeit des Künstlers, des Forschers und Denkers ein ganz anderes als die vorher gemeinte: sie beruht auf höchstpersönlicher Leidenschaft für Schönheit und Wahrheit.

Weil dem so ist, deswegen sind nicht nur Frauen typischerweise ursprünglich unsachlich, sondern auch alle Männer, die keinerlei Gemeinschaftserziehung genossen haben oder ursprünglich so eigenwillig sind, daß kein Kollektivum sie gleichzuschalten vermag. Deswegen liegt es in der Natur der Dinge, daß in unserem kollektivistischen Zeitalter auch die Mädchen vom Kollektivum erfaßt und schwer zu sozialisierende Knaben und Jünglinge als minderwertig gebrandmarkt werden, bis daß der Nachweis erbracht ist, daß sie individuell höher begabt sind und dadurch der Gemeinschaft von Nutzen werden können. Wer überhaupt kollektivistische Voraussetzungen, welcher Schattierung immer, innerlich anerkennt, dessen (vielleicht ihm selber unbewußtem) Ideal muß die Karikatur, welche Aldous Huxley in seinem Roman Brave New World (deutsche Ausgabe Welt - wohin?, Leipzig, Insel-Verlag) von der kommenden Welt gezeichnet hat, näherkommen, als jeder bisher verwirklichte sozialistische Zustand. In der dort geschilderten Gemeinschaft findet die Haupterziehung der Kinder während ihres Schlafes statt. Durch Lautsprecher wird ihnen, Nacht für Nacht das sozial von jedem Typus Verlangte suggeriert, so daß sie später gar nicht mehr anders können, als ihr Lebtag freiwillig ausführen, was ihnen in ihrer Kindheit eingegeben ward.

Ein kollektivistischer Zustand, welcher dem Menschen ein wirkliches Ideal bedeuten könnte, ist nun aus den allgemeinen Gründen unerreichbar, die schon in der Einführung in dieses Buch skizziert wurden und zu welcher das vorige Kapitel die wichtigste Ergänzung gab, in dem es feststellte, daß in jedem Menschen zwar unzurückführbare soziale Triebe und Strebungen leben, ohne deren Ausbildung und Auswirkung vollausgeschlagenes Leben unmöglich ist, daß es jedoch ebenso unzurückführbare individuell-persönliche Strebungen gibt, von welchen das gleiche gilt. Nur das Nicht-Persönliche kann durch Suggestion und Dressur wirklich erfaßt werden. Die dem Persönlichen nächste Gestaltung, die noch vom Kollektivum her geschaffen werden kann, bezeichnet das Art-Typische, im Unterschied vom sachlich bestimmten Berufs-Typischen. Zum Gentleman kann man freilich dann allein erzogen werden, wenn die persönliche Anlage dazu in einem lebt, doch die spezifische Form des Edelmanns, welche jener darstellt, kommt durch Kollektivbildung zustande. Im gleichen Verstande unterscheiden sich auch die verschiedenen Völker, deren Rassenanlagen naheverwandt sind, hauptsächlich durch den Typus, welchen öffentliche Erziehung in weitestem Verstand aus den letzteren formte; deswegen gelingt Bekehrung von Volk zu Volk so leicht; im Fall von kleinen Kindern allemal (man denke an die gleichen Fürsten- und Adelsgeschlechter, die in verschiedenen Ländern wohnen, und in die gleichmäßige Amerikanisierung aller Kinder verwandter Abstammung von nach den Vereinigten Staaten Ausgewanderten), und sogar in dem von Erwachsenen dann, wenn ein anderer Typus, als der, zu welchem einer als Kind geformt wurde, der individuellen Anlage gemäßer erscheint (Houston Stewart Chamberlain). Von den Nationen des 19. Jahrhunderts, wie sie sich von der Französischen Revolution ab ausgebildet haben, darf man sogar so weit gehen zu behaupten, daß sie vor allem Suggestionsphänomene darstellen. Rabindranath Tagore, welchem natürlicherweise nur die Art Volkstum, die er von seiner Heimat her kennt, ganz echt scheint, definierte einmal die Nation als das zur Machtentfaltung und Gewaltanwendung zusammengefaßte Volk. Die Definition stimmt, vom unterdrückten farbigen Menschen her gesehen, doch an und für sich ist sie zu eng. Die Nation im Verstande des 19. Jahrhunderts ist in erster Linie ein durch einheitliche öffentliche Meinung geschaffenes und zusammengehaltenes psychisches Ganzes; ihr Prototyp ist nicht irgendein altes europäisches Volk, sondern das neuwerdende der Vereinigten Staaten Nordamerikas. Nur dank dem Überwiegen der Suggestion als Bildungsfaktor über Blut und Brauch haben so große und doch einheitliche und organisatorisch leicht erfaßbare Gebilde entstehen können, wie es die ursprünglich vielfältigen Völker im 19. Jahrhundert geworden sind. Und mir scheint es durchaus nicht sicher, ob gleich große Gebilde weiter zusammenhalten werden, sollte der psychische Faktor einmal gegenüber denen der Abstammung und Anlagegleichheit wieder an Gewicht verlieren. Doch wie dem auch werde: die Tendenz alles Kollektivismus, den ja, wie man nie vergessen sollte, der spezifische Nationalismus des 19. Jahrhunderts, dem der Staatsbürger als solcher der Volksgenosse war, vorbereitet hat, zielt auf ein Überwiegen der Suggestion und des Drills, also der Bildekräfte, die von außen nach innen wirken, über die alles dessen, was nur von innen nach außen erwachsen und geschehen kann. Insofern hat gerade der Liberalismus jenen freiwilligen Verzicht auf Freiheit vorbereitet, welcher eines der Hauptkennzeichen dieser Wende ist: kommt alles Wesentliche, was positiv bewertet wird, auf suggestivem Wege zustande, dann erscheint individuelle Initiative nur in einem Falle nicht in erster Linie gefährlich: nämlich in dem, wo ein individueller Vertreter des Kollektivums diesem Suggestionen erteilt. — Nun fühlt und weiß aber jeder in seinem tiefsten Innern, daß sein Wesenskern ein Jenseits gegenüber allem darstellt, was durch Suggestion und Dressur erfaßt und beeinflußt werden kann. Sonst wäre ja keiner wirklich selbstverantwortlich. Insofern weiß sich jeder des Inne-Werdens Fähige zutiefst als ein anderes, als der Stand oder das Volk, das er mit anderen Schichten seines Wesens auch ist (Sp, 5. Aufl., 377).

Man heißt den Prozeß der Kollektivierung, dessen allgemeinste Umrisse wir hier skizzenhaft umschrieben, zumeist Mechanisierung. Und obgleich letzterer Begriff viel zu eng ist, um all’ den Tatsachen, welche er einordnen soll, gerecht zu werden, so leistet er doch gute Dienste bei Erfassung des Negativsten am fraglichen Phänomen: des unaufhaltsam fortschreitenden Verlusts an Seele und Persönlichkeit, der zunehmenden Härte und Grausamkeit, der Entchristlichung, Entmenschung, der wachsenden Nicht-Achtung alles Persönlichen in allen seinen Aspekten, wovon Sowjet-Rußland das schauerlichste Beispiel gibt, dessen prototypisches Sinnbild jedoch im Amerika der Prosperity-Zeit zu finden ist. Denn das Unmenschlichste sind nicht Haß, Mord und Grausamkeit: hier sind immerhin persönliche Leidenschaften im Spiel, sie bejahen ihr Opfer, indem sie dasselbe zu vernichten trachten, und so wirken sie, wie alle Geschichte beweist, in der Nachwirkung lebenssteigernd, wo die Vitalität eines Volks oder eines Menschen noch nicht geschwächt ist. (In wie tief organischem Sinne dies der Fall ist, sieht man an der sprunghaften Geburtenvermehrung, welche nach jeder Massen-Massakrierung einsetzt, eine Vermehrung, die noch keine Prämie auf Kinderreichtum je auch nur in annähernd vergleichbarem Grade erzielt hat; die Eingeweide sind eben analphabetisch.) Im Prosperity-Amerika war alles auf Wohlfahrt und Behagen und Menschenfreundlichkeit eingestellt, doch ohne jede Berücksichtigung des Individuellen. So hat gerade dort die extremste Entpersönlichung und damit Entmenschlichung aller bisherigen Geschichte eingesetzt, die stärkste Insektifizierung und damit der stärkste physiologische Vitalitätsverlust. — Dieses Problem habe ich nun schon so oft ausführlich behandelt (SE, II; A, 3; VJ, 5, 6, 7; RM, II, IV; AV, XV, XVI), daß sich weitere Beschäftigung mit ihm an dieser Stelle erübrigt. Doch in den folgenden Betrachtungen muß weitergeführt werden, wovon erstmalig das Kapitel Die emotionale Ordnung der Südamerikanischen Meditationen gehandelt hat. Und dazu müssen wir hier dessen Grundergebnisse noch so kurz resümieren. Dort stellte es sich heraus, daß es den Nächsten im christlichen Verstande in der mechanisierten modernen Welt gar nicht mehr gäbe, und daß an seine Stelle der unentrinnbare Mitmensch getreten sei (SM, 269), das heißt die dank der Überwindung von Raum und Zeit durch die Technik jeden unmittelbar umgebende und unentrinnbar bedrängende menschliche Umwelt, eine übermächtige Masse von Millionen ins intimste Privatleben eingreifender Unbekannter. Diese Umwelt trüge keinen anderen Charakter als die tote Umwelt. Dieser gegenüber sei positives gefühlsmäßiges Verhalten ausgeschlossen. Ja sie müsse jeder nicht Gefühlsstumpfe direkt als widerwärtig und odios empfinden, insofern jeder in bezug auf ebensoviele andere, als ihn bedrängend umgeben, nicht Nächster, sondern unentrinnbarer Mitmensch ist, was vielseitige Reibung und allseitiges Sich-Stören bedingt. Dieses Kapitel schloß wörtlich folgendermaßen:

Nichts verständlicher, als daß unter diesen Umständen in gleichsinnig nie dagewesener Inbrunst der Schrei nach neuer Gemeinschaft ertönt. Aber die wird durch keine Rationalisierung, keine Kollektivierung, keine soziale Fürsorge, keinen Wohlfahrtsstaat, erst recht keine Ausrottung des Individualismus durch kommunistische Gesinnung, sie wird auch durch keine Wiedererweckung des christlichen Kosmos gelingen, denn Restaurationen großen Stiles gibt es nicht in einer Welt, deren Motto Einmal und nicht wieder ist. Neue Gemeinschaft kann einzig und allein durch die Apokatastasis der Gefühlssphäre als solcher, der in der Gana wurzelnden, von der Empfindung gespeisten emotionalen Ordnung zustandekommen. Und deren Problem stellt sich unabhängig von aller Technik, aller Masse, kurz alledem, was das Fortschrittszeitalter geschaffen und herausgestellt hat. Selbstverständlich ist auf der einmal beschrittenen Bahn noch vieles zu tun; so ist die ökonomische Krise nur aus intellektueller Einsicht heraus mittels sachlicher Organisation zu überwinden. Überhaupt können Verstand und Tüchtigkeit eine völlig neue Grundlage schaffen für das menschliche Lebensproblem — die Grundlage, welche dem geologischen Zeitalter des Menschen (A, II, 2) entspricht. Doch das eigentlich menschliche Problem stellt sich reiner denn je in seiner gleichzeitig ursprünglichen, urtümlichen und ewigen Form, denn nie noch war das Menschengeschlecht auch nur annähernd gleich entmenscht. Es gilt auf der Basis und im Rahmen des von der Vernunft begründeten höheren neuen Zustands eine neue Welt der Seelen-Bestimmtheit aufzubauen. Die wird eine Welt nicht der angeblichen Menschheits- sondern der echten Nächstenliebe sein. Engste Beziehungen, kleinste Kreise werden entscheiden. Ein Vorbild dessen, was für uns Aufgabe ist, gibt es in der Vergangenheit: Alt-China hat es verkörpert. Dort gab es schon vor Jahrtausenden viel zu viele Menschen. Dort lag schon damals nahe, alle soziale Struktur auf den unentrinnbaren Mitmenschen und nicht den Nächsten zu gründen. Doch die Integralität des chinesischen Menschen, welcher ursprünglich ein Empfindungswesen war, wies ihm einen glücklichen Mittelweg. Gerade innerhalb einer für frühe Zeiten beispiellosen Massenhaftigkeit und Organisiertheit wurde aller Nachdruck auf die Gefühle zum Nächsten gelegt. Die konfuzianische Lebensphilosophie wurzelt ganz und gar in der Beziehung von Mensch zu Mensch, in Liebe, Freundschaft, Loyalität; im Höchstfall auf Ehrfurcht. Deswegen ist China nie untergegangen. Deswegen wird es auch diese Krisis, so lange sie währen mag, ungealtert überstehen. Denn der Jungbrunnen des Menschen ist seine Gefühlssphäre, sein Reich der Seele.

Der Ur-Zusammenhang der Menschen, wie ihn unsere Kritik des Menschen aus der Vielfalt und Vielschichtigkeit seines Wesens herausschälte, besteht in der Tat grundsätzlich ohne Mitwirkung der Seele. Er ist ein wesentlich objektiver Zusammenhang, an Sachlichem orientiert. Nur insofern er dieses ist, ist er ein reiner Ausdruck des ursprünglich Kollektiven. Aber das eigentlich Menschliche liegt oberhalb dieser Ebene. Wer als persönlicher Mensch seine Erfüllung finden will, darf freilich nichts von dem Unter- und Nicht-Persönlichen verleugnen, was ihm nun einmal zugehört; durch jede Ausschließung von Bestandteilen seiner Ganzheit verdürftigt und vermindert er sich. Doch den Nachdruck in sich muß er auf das legen, was oberhalb des Kollektiven liegt: das ist zuunterst die emotionale Ordnung, das Reich der persönlich fühlenden Seele.

Hermann Keyserling
Das Buch vom persönlichen Leben · 1936
IV. Seele
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