Schule des Rades

Hermann Keyserling

Das Buch vom persönlichen Leben

IV. Seele

Organismus der Gefühle

Die organische Ur-Ordnung ist nicht rationaler Art und deswegen von Freiheit und Verstand, außer in destruktivem Sinne, überhaupt nicht beeinflußbar. Sie umfaßt Physisches und Psychisches — oder deren irdische Vorbedingungen — zugleich. Hier weiter abzuleiten oder näher zu bestimmen, ist erkenntnismäßig nicht zu rechtfertigen, denn gegeben ist uns einzig und allein das konkrete Sosein eines Urzusammenhangs, welcher wohl vielschichtig und darum in Bestandteile zu zerlegen, doch ohne Vorurteil auf anderes, als was er erscheint, nicht zurückzuführen ist. Wer da behauptet, Seele und Leib seien eins, oder alles Seelische wurzele im Blut, behauptet ebenso nachweislich Unrichtiges, wie wer da lehrt, auch der Körper sei Seele oder Geist. Das in vorliegendem Zusammenhang Wichtigste an besagter nicht-rationaler Ur-Ordnung nun ist, daß es sich bei ihr im wahrsten Sinn des Worts um eine Ordnung handelt, obgleich Geist und Freiheit an ihrem Zustandekommen überhaupt nicht beteiligt sind. Ja, hier darf man sogar sagen: je weniger sie beteiligt sind, desto fester und sicherer eine lebendige Ordnung, wo sie überhaupt besteht. Geist und Freiheit können irren und Irrwege gehen: dort, wo nur blindes Müssen waltet, kommen solche nicht in Frage; nur äußerer Eingriff kann hier das organische Gleichgewicht stören. Wie wunderbar nun alles Körperliche geordnet ist, weiß jeder. Doch studieren wir den tiefen und weiten Zusammenhang des Prä-Psychischen, den ich die Gana-Welt geheißen habe (SM, VII), jenes dichte Gewebe des blinden Müssens, welches bei Pflanzen die Totalität, bei allen außer den höchsten Tieren beinahe die Ganzheit und beim Menschen den größeren Teil seines Tuns und Lassens bedingt, dann beeindruckt einen, je tiefer man eindringt, desto mehr die Geordnetheit der Vorgänge, an denen Verstand überhaupt nicht beteiligt ist. Man gedenke nur der unfehlbaren Sicherheit des Instinktes, welcher Äußerliches, ja schlechthin Zufälliges in die Ordnung bestimmten Lebensablaufs notwendig hineinbezieht. — Auf der Urordnung der Gana nun baut sich beim Menschen — und unter uns bekannten Erdbewohnern bei ihm allein — eine selbständige, vom Verstand und Vernunft unabhängige emotionale Ordnung auf. Sie entsteht dadurch, daß der Urzusammenhang be-seelt wird, was durch die Entwicklung einer neuen Schicht lebendiger Existenz, eben der seelischen, möglich wird. Seele bedeutet in erster Instanz, exakt bestimmt, nicht mehr und nicht weniger als den Organismus der Gefühle. Es ist nicht richtig, daß Gefühle, so wie die Jungsche Schule lehrt, rationale Funktionen wären: vielmehr ist die emotionale Ordnung als solche höchst sinnvoll und entspricht, wo sie mit intellektuellen Begriffen zu fassen ist, sehr oft auch den höchsten Anforderungen der Vernunft. Nur liegt nicht darin die Hauptsache: Gefühle sind sinnvoll, so wie Musik sinnvoll ist, obgleich dieser Sinn rational nur in bezug auf ihre physikalische Grundlage zu erweisen ist. Nicht anders entspricht der geordnete Zusammenhang des Körperlebens Höchstforderungen des Intellekts. Das Wesentliche ist die Selbständigkeit der Gefühlssphäre, die eine Ordnung sui generis, mit entsprechenden nur ihr eigenen Normen darstellt; wie selbständig sie ist, illustriert die eine Tatsache — alles Nähere steht im Kapitel Emotionale Ordnung der Südamerikanischen Meditationen ausgeführt —, daß der emotionale Zusammenhang im gleichen Sinn auf der auf anderes nicht zurückzuführenden Beziehung Kompatibilität-Inkompatibilität fundiert ist, wie jeder rationale auf der Zurückführbarkeit alles Besonderen auf Allgemeines. Und es beweist diese Selbständigkeit die Gesamtheit aller Ergebnisse der Tiefenpsychologie, als welche zweifelsfrei festgestellt hat, daß die Psyche eine dem Körperlichen gegenüber unabhängige biologische Wirklichkeit mit anderen Normen und anderen Grenzen darstellt.

Über die Emotionen im weitesten Verstand nun hat Freiheit gar keine unmittelbare Macht. Die sind entweder da oder nicht da; sie sind entweder entwickelt oder unentwickelt, gebildet oder ungebildet: als Qualitäten zu schaffen sind sie nicht, und auch nicht zu kommandieren und zu dirigieren. Es gehört zum Wesen der Liebe, daß man sie nicht beherrschen kann, sondern ihr verfällt — diesem Schicksal ist nur dadurch vorzubeugen, daß man sich ihr nicht aussetzt, oder daß man die Bindung äußerlich zerreißt und dann abwartet, ob die Liebe nicht aus ihrem eigenen Gesetze heraus stirbt. Es gehört zum Wesen des Familiengefühls, in welches Mutter- und Kindesliebe miteinzubegreifen sind, daß es, wo überhaupt vorhanden, unabhängig von aller individuellen Velleität besteht. Gleiches gilt von echter Freundschaft in bezug auf geistige, Willens- und Interessen-Gegensätze. Hiermit können wir denn an den Eingangssätzen dieses Kapitels wieder anknüpfen, und gleichzeitig leuchtet ein, warum wir unsere Betrachtungen über seelischen Zusammenhang gerade so und nicht anders einleiteten. Über das Unterpersönliche hat der Verstand Macht; es unterliegt der Suggestion und Dressur. Durch Kenntnis der Naturgesetze kann das Unpersönliche im Menschen genau so gelenkt werden, wie jede Naturkraft. In ihrem eigenen Bereich sind Verstand und Vernunft allmächtig: überall, wo das Besondere als Sonderfall eines Allgemeinen behandelt werden kann, entscheidet das Allgemeine letztinstanzlich, wie die gefundene richtige mathematische Formel alles Konkrete, für das eine Gleichung gilt, prädeterminiert; auf den Verstand im Menschen aber wirkt Verstandesbeweis unmittelbar zwingend. Ganz anders steht es mit der Seele. Ihr Eigentliches ist wesentlich einzig und unterliegt nie als Sonderfall einem Allgemeinen. Es ist rein subjektiv, und darum können objektive Erwägungen als solche keinen Einfluß auf sie ausüben. Die Seele ist nur persönlich; deswegen trifft sie nichts direkt, was für die Sphäre des Nicht-, Unter- oder Überpersönlichen Geltung hat. Ihr Begriff bezeichnet ein sonderliches, nur qualitativ bestimmbares einmaliges Sosein, welchem das Subjektive schlechthin letzte Instanz ist. Unter diesen Umständen ist es offenbar die Seele, welche zuunterst den Menschen macht. Alles bisher Behandelte gehört wohl zu seiner Person, aber ist sie nicht. Die persönliche Seele ist er selbst. Die Einzigkeit der geistigen Persönlichkeit findet ihren Naturkörper im Organismus der Gefühle und in ihm allein.

So ist es in Wahrheit nicht die Vernunft, welche den Menschen als zoologische Spezies macht, sondern die Seele. Mit dieser These haben wir aber nur auf dem Umwege abstrakter Überlegungen deduziert, was jeder persönlich lebendige Mensch selbstverständlich weiß: evidentermaßen ist das ursprüngliche persönliche Erleben ein Gefühlsmäßiges, weder ein Empfindungsmäßiges noch ein Intellektuelles. Physische Schmerzen tun zwar weh, doch sie berühren nicht persönlich. Geistesinhalte aber sind an sich persönlich gleichgültig; was man objektiv sieht oder sehen kann, affiziert einen nicht. Da Linné den Menschen homo sapiens betitelte, klassifizierte er also inexakt. Nicht zwar weil die Esel und Narren die überwältigende Mehrheit bilden, sondern weil der Mensch an erster Stelle das fühlende Tier ist. Hiermit gelangen wir vom Studium der modernen Psyche her zum gleichen Ergebnis, zu dem auch die jüngste Urzeitforschung geführt hat (s. Gerald Heard, o. c.): nämlich daß das differentielle Urkennzeichen des Menschen-Tiers seine Sensitivität und Liebesfähigkeit ist, dank denen allein er ja Haustiere zu schaffen vermochte. Jene überragende Bedeutung des Emotionellen, die man schon bei höheren Affen findet, gipfelt sich beim Menschen zu dessen Supremat auf. Gewiß ist das spezielle Organ des Verstandes beim Menschen höher entwickelt, als bei anderen Geschöpfen; doch ohne Vorurteil kann nicht behauptet werden, daß verstandesmäßige Anpassung an die Wirklichkeit ein Höheres bedeute als instinktive; in der Tat, wäre wissenschaftliche Erkenntnis deren beste Art, dann wäre unser Geschlecht schon lange ausgestorben. Doch nicht nur rechte Bestimmung des Naturtatbestandes — sogar das ursprüngliche Wertgefühl verbietet, Verstand und Vernunft als des Menschen Wesentlichstes anzusprechen. Als klug gilt dem Mythos in erster Linie der Teufel. Jede höhere Religion sieht in bestimmter gefühlsmäßiger Gesinnung das Ideal, und noch die moderne intellektualisierte Menschheit versteht den Menschlichkeitsbegriff gefühlsmäßig: Unmensch, entmenscht ist nicht der Dumme, sondern der edler Gefühle bare. Diese Erwägungen führen, zu Ende gedacht, zu der schon vorweggenommenen Erkenntnis, die in den Meditationen ausführlich begründet worden ist, daß das, was seit jeher unter jener Seele verstanden wird, mit welcher jeder Mensch sich ursprünglich identifiziert, nichts anderes ist, als der Organismus seiner Gefühle. Nur weil dem also ist, hört die sachliche Ordnung bei einer Armee auf, letzte Instanz zu sein, sobald der Krieg persönlichen Einsatz des individuellen Soldaten verlangt: dann wird sie wesentlich zu einem Freundschaftsbund, innerhalb welchem Ehrgefühl, Kameradschaftlichkeit und Opferbereitschaft mehr bedeuten als alles nur mögliche technische Können; was man zumeist den Geist eines Heeres heißt, ist in Wahrheit seine Seelenstimmung. Nur weil dem also ist, konnte Jesu Lehre Epoche machen: indem er die Liebe zur Kardinaltugend erhob und von ihrem Grad das Seelenheil abhängig machte, war Jesus tatsächlich der erste bewußte Pionier der Menschlichkeit. Von hier aus leuchtet denn schon ohne weitere Erörterung ein, daß Fortschritt im üblichen Verstand unter Umständen zu Verbildung, Entartung und Sterilisierung führen kann. Ist der Mensch ein ursprünglich und wesentlich fühlendes und damit das liebende Wesen, dann muß jeder Fortschritt, welcher das Gefühlswesen im Menschen beeinträchtigt oder verbildet, einen Abweg bedeuten, welcher richtige Entmenschung einleitet.

Hermann Keyserling
Das Buch vom persönlichen Leben · 1936
IV. Seele
© 1998- Schule des Rades
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