Schule des Rades

Hermann Keyserling

Das Buch vom persönlichen Leben

IV. Seele

Seelen-Bildung

Wir können jetzt die Erkenntnisse der ersten drei Kapitel in Zielrichtung auf die Erfüllung des persönlichen Lebens erstmalig zusammenfassen. Ein übermächtiges Nicht-Ich gehört mit zum integralen Menschen; letztlich gehört das ganze Weltall zu ihm. Im Menschen-Innern leben furchtbare Untergründe, welche er nicht verleugnen kann, wenn er nicht zugleich seine Oberwelt verdürftigen und entvitalisieren will. Die weite Welt des Kollektiven gehört notwendig zu ihm, obschon sie ein Unterpersönliches ist. Doch erst mit der Vorherrschaft der Existenz der Seele beginnt das eigentliche Menschentum. In der nur persönlich zu bestimmenden, rein subjektiven und allemal einzigen Seele liegt des in Wahrheit zum Menschen gewordenen Menschen normales Bewußtseins- und Erlebniszentrum. Von hier aus begreifen wir denn endgültig, warum aller wahre Fortschritt des Menschengeschlechtes instinktiv, trotz aller andersartigen und noch so allgemein akzeptierten Definitionen in Funktion der Seele vorgestellt worden ist und erst im Rahmen dieser in Funktion des Geistes. Sogar zu der Zeit, da der Glaube, daß intellektueller, wissenschaftlicher und technischer Fortschritt zu jedem Heil führen müsse, unerschütterliche Überzeugung schien, war dies zutiefst nicht anders: da wurde eben vorausgesetzt, daß der intellektuelle Fortschritt das Menschengeschlecht zwangsläufig auch humanisieren müsse. Es ist dies die großartigste Illustration, von der ich wüßte, dessen, wieviel cant der Mensch sich und anderen zumuten darf. Die Weißen, insbesondere die Engländer, glaubten bis vor kurzem ehrlich, die Asiaten im Sinn der Menschlichkeit zu zivilisieren, indem sie dieselben materiell ausbeuteten — zur Befriedung des Gewissens genügte der gleichzeitige Unterhalt von Missionaren. Die Amerikaner bezweifeln in ihrer überwältigenden Mehrheit heute noch nicht, daß Zusammenarbeit im Sinn einer Ford-Fabrik alle Beteiligten menschlich höher entwickelt; daher die tiefwurzelnde Verknüpfung aller amerikanischen Kirchen mit Bankwesen und Industrie. Im terroristischen Sowjetrußland aber sind jedenfalls die meisten jugendlichen Kommunisten des Glaubens, daß die Zwangsorganisation der Lenin- und Stalin-Zeit nur die Vorstufe bedeutet zu einem Paradies auf Erden, wo jeder persönlich glücklich sein wird. Es gibt aber nur Glück in Funktion seelischen Gefühls. Daher denn die supreme Bedeutung persönlichen Glaubens gegenüber allem, auch der besten staatlichen oder sozialen Organisation. Kein Staatsapparat hat je sehr lange gehalten, von dem die Mehrheit der Beherrschten nicht glaubte, daß dieser dem persönlichen Glück des Einzelnen diene. Härte und Grausamkeit betreffen ja für die jeweiligen Träger historischer Bewegung immer andere, äußerlich ausgeschiedene und innerlich aus Feigheit und Selbsterhaltungstrieb schnell verleugnete. Letztlich aber hat immer und überall Glaube über das Schicksal aller Gemeinschaftsformen entschieden. Konstantin der Große bekehrte sein Weltreich zum Christentum, um ihm das verlorengegangene Fundament in der Seele des Einzelnen wiederzugeben. Der Islam siegte dort, wo das Gefühl der besonderen, auf Gott bezogenen Brüderlichkeit, welche er vertrat, gegenüber herrschender Kastenordnung als seelische Erlösung wirkte. Buddhas an sich nur auf den einsamen Einzelnen bezogene Lehre aber wurde zur Weltmacht, insofern sie die Stimmung des Mit-Leidens und des Wunsches, Leid zu lindern und aufzuheben, schuf und unterhielt. So bekannte sich das erste und bisher einzige wirklich indigene Imperium All-Indiens, dasjenige Ashokas, offiziell zum Buddhismus. An dieser ausschlaggebenden Bedeutung des Glaubens, von dem der religiöse Glaube die höchste Potenz darstellt, gerade für das Gemeinschaftsleben, erkennt man mit letzter Klarheit, wie sehr alles für den Menschen letztlich auf die persönliche Seele ankommt; man sieht ferner, daß deren Welt wirklich eine eigene und selbständige ist, die sich auf andere Zusammenhänge nur projiziert. Ganz unmöglich ist es, einen Glauben aus der Gemeinschaft abzuleiten: er kann sich nur auf vorherbestehende Gemeinschaft beziehen und diese damit auf eine neue und höhere Ebene der Wirklichkeit hinaufhehen. Hierauf beruht die ungeheure Werbekraft der neuen antiliberalen und antidemokratischen Systeme: sie beruht darauf, daß sie alle dem rein mechanischen Zusammenhang, in dem es nur unentrinnbare Mitmenschen und keine Nächsten mehr gibt, einen neuen Glauben einzubilden trachten; jeder Glaube aber hat sein irdisches Substrat im Gefühl und damit in der Seele (SM, IX, X; U, III). Und gerade an den genannten jüngsten Lebensformen ersieht man besonders klar, daß das Seelenhafte und nicht das Religiöse hierbei entscheidet. Religiöser Glaube ist Geist-Glaube, oder er ist nicht; später werden wir uns mit diesem Probleme eingehend befassen. Der echte Bolschewist nun glaubt an Klasse und Materie leidenschaftlicher, als die meisten heutigen Christen an Gott glauben; der Fascist glaubt an den Staat, welcher niemals Geist in religiösem Sinne sein kann, der Nationalsozialist an Volkstum, Blut und Boden. In diesem Zusammenhang ist das Beispiel des Nationalsozialismus von allen das lehrreichste. Was immer von seiner Theorie und Weltanschauung gälte — ohne jeden Zweifel versucht er, die organisierten Millionen neu zu beseelen; die Volkwerdung, die er betreibt, bedeutet nichts anderes als Beseelung der mechanisierten Masse. Insofern sich nun der Nationalsozialismus religiös neutral verhält, zeigt er bereits klar, daß Be-Seelung ein anderes ist als Be-Geistung.

Ein wie sehr anderes sie bedeutet, können wir, an diesem Punkte angelangt, an früheren Gedankengängen dieses Kapitels anknüpfend, besonders einleuchtend verdeutlichen. Wir sagten damals, über Gefühle habe der Geist keine direkte Macht; auf dem Gebiet der Seele gäbe es keine Freiheit. Eine Seele haben bedeutet insofern: nicht anders sein und handeln zu können als auf bestimmte Art. Und hier steht Tieferes in Frage als die soggenannte Unwandelbarkeit des Charakters, von welcher in desto geringerem Grad die Rede sein kann, je höher und reicher organisiert ein Wesen ist: es handelt sich um innerlich und persönlich bejahtes bestimmtes seelisches Sosein. Daher der ursprüngliche Zusammenhang von Seelenhaftigkeit und Glaube, nicht aber von Seelenhaftigkeit und Wahrheits- und Fortschrittsstreben. Wer da sucht, will anderes, als er ist und hat; die Seele aber bejaht sich genau so, wie sie ist. Das Dasein behaupten kann aber nur Glaube, nicht Wissen; denn nie steht diesem etwas endgültig fest (U, III). Hieraus folgt denn rein theoretisch die ausschlaggebende, als Tatsache bereits festgestellte Bedeutung des Glaubens bei seelischer Gemeinschaftsbildung. Hierauf beruht die Unübertragbarkeit bestimmter Seelenartung über den Kreis der an ihr ursprünglich Teilhabenden hinaus. Hier fassen wir den wahren Tatbestand dessen, was Spengler als Pflanzenhaftigkeit der Kulturseele falsch bestimmt: es handelt sich nicht um Pflanzen- sondern um Seelenhaftigkeit. Kulturen sind übertragbar genau proportional ihrer Durchgeistung; daher die einzigartige Übertragbarkeit der griechischen, indischen, chinesischen und französischen (PK, X). An sich aber ist Kultur, im Gegensatz zur allezeit intellektbedingten und folglich allübertragbaren Zivilisation, ein rein Seelenhaftes. Daher die unüberschreitbaren Grenzen, die eine jede von jeder anderen abscheiden und die ausschlaggebende Bedeutung von Kompatibilität und Inkompatibilität in deren gegenseitigen Beziehungen. Daher der Dogmatismus jeder, die sich ihr Wertgefühl geistig erklären will. — So ist denn Seele einerseits das eigentlich Menschliche im Menschen, und andererseits widerstreitet ihre Sonderart doch jedem geistigen Vorurteil. Überall, wo es sich um Seele handelt, herrscht die gleiche Irrationalität, wie in den Beziehungen von Liebenden, wo Worte und Gebärde Bedeutungen haben, die mit ihrem rationalen Sinn außer jedem Zusammenhang stehen.

Ist die Seele also sonach ein in ihrer Eigenart unwandelbares und als unwandelbar bejahtes Sosein, so daß sich die Frage des Fortschritts in bezug auf sie nicht stellt, so kann sie andererseits wachsen und gebildet werden, oder umgekehrt verkümmern. Hierin ähnelt sie wirklich, von allen Organismen, am meisten der Pflanze. Ihr Entwicklungsziel ist nie auf das Wahrheitsideal zurückzubeziehen, als welches nur der Geist anerkennt: ihr Ziel ist Vollendung und insofern Schönheit. Damit haben uns unsere Betrachtungen denn auf eine Höhe hinangeführt, von welcher her überhaupt kein Zweifel mehr darüber verbleibt, daß es sich bei seelischen Zusammenhängen um ein völlig und wesentlich anderes handelt als bei allen intellektuellen, rationellen, unterweltlichen und besonders allen ursprünglich kollektiven. Das Problem der Liebe und damit das der Seele hat ursprünglich gar nichts mit dem Gemeinschaftsproblem zu tun. Andererseits kann die Seele vom an sich unter-persönlichen Ur-Zusammenhangsgefühl Besitz ergreifen: damit wird dieses transfiguriert. Es wird ein anderes aus ihm, als was es ursprünglich war. Hiermit hätten wir denn das ganze Problem der Menschwerdung bestimmt. Unterhalb seiner Person ist der Mensch ein Tier wie jedes andere, nur unvollkommener, gemeiner und grausamer. Doch die Seele kann dieses Unterpersönliche ergreifen, sich ihm einbilden: dann wird alles anders. Dann ist der Weg zu allem Adel und aller Schönheit offen. Dieser Weg kann aber nur von der persönlichen Seele her betreten werden. Daher die ausschlaggebende, alle mögliche andere sternenhoch überragende Bedeutung der Seelen-Bildung.

Hermann Keyserling
Das Buch vom persönlichen Leben · 1936
IV. Seele
© 1998- Schule des Rades
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