Schule des Rades

Hermann Keyserling

Das Buch vom persönlichen Leben

IV. Seele

Kultur der Familie

Grenzen wir die Erkenntnisse dieses Kapitels nun möglichst scharf und schroff von denen des vorhergehenden ab. Dort zeigten wir Sinn und Notwendigkeit des öffentlichen Lebens auf, wobei sich jedoch herausstellte, daß dieses sich durchaus auf das Kollektive im Menschen bezieht. Das Persönliche äußert sich hier nur in der inneren Haltung, welche die Persönlichkeit dem Nicht-Ich gegenüber einnimmt. Eigentliches Seelenleben nun ist durch und durch persönlich. Kann dieses sich nun im Rahmen öffentlichen Lebens entwickeln? Nein, das ist vollkommen unmöglich. Unmittelbare Seelenkultur ist nur möglich im Rahmen des Atriums, im Gegensatz zu dem des Forums. Womit denn der Gegensatz zwischen Kollektivum und Gefühlsverband seine entscheidende Bestimmung erhält.

Den Gegensatz von Forum und Atrium behandelten wir bereits in Blickrichtung auf jenes (S. 149 ff.). Jetzt liegt uns ob, die damaligen Betrachtungen durch ebenso eingehende, welche das Atrium betreffen, zu ergänzen. Hiervon haben aber die bisherigen Gedankengänge dieses Kapitels schon so viel geleistet, daß uns eigentlich nur mehr Verbindungsstriche zu ziehen und I-Punkte aufzusetzen übrigbleibt. Alles nur-Persönliche ist offenbar ohne öffentliche Bedeutung sowohl, als ohne öffentliche Betätigungsmöglichkeit. Keine sachliche Kategorie findet Anwendung darauf, kein allgemeingültiges Urteil wird ihm gerecht. Und äußert sich Glaubensgemeinschaft als äußerliche Macht, so tut sie es nur, insofern die Person zu diesem Zweck und Ende im Kollektivum aufgeht und damit ihren eigentlichen Charakter verliert. Die Seele als solche kann dort allein wachsen und gedeihen, wo gerade sie und nur sie mitsamt ihren ausschließlichen Normen bejaht wird. Nun bejaht kein anderer einen jemals so vollständig, wie einer sich selbst bejaht; leidet er unter seinem So-und-nicht-anders-Sein, klagt er sich noch so sehr an, verurteilt er sich — unter allen Umständen identifiziert er sich alsdann mit dem Zentrum in sich, welches höheren Wert fordert, und damit bejaht er doch seine eigensten Gefühle und damit seine Seele. Hieraus könnte folgen, daß die Einsamkeit der seelenförderndste Zustand ist, daß also der Öffentlichkeit, der weitesten Gemeinschaft unmittelbar der einsame Einzelne gegenüberstände. Dem ist aber nicht also, und zwar aus dem folgenden Grunde. Alle Gefühle sind gerichtet oder ausgerichtet; sie brauchen, um zu leben, einen entsprechenden Gegenstand, an den sie sich heften, und umgekehrt rufen entsprechende Gegenstände sie hervor. Folglich ist selbstgenügsames Seelenleben grundsätzlich unmöglich. Der Seelenvolle, welcher äußerlich einsam lebt, erweist sich allemal als einer, dessen überquellender Reichtum einen weiteren Kreis fordert, als irgendein Atrium einschließen kann. Von ihm gilt allemal mehr oder weniger das Lao Tse-Wort:

Das Gemüt des Weisen ist kein gewöhnliches Gemüt,
sein Herz schlägt gleichmäßig für alle Dinge.

Und so lebt er den Beziehungsreichtum seiner Seele allemal mehr oder weniger so aus, daß er, gleich Jesus, alle Mühseligen und Beladenen zu sich ruft. Doch auch er empfängt jeden in der Intimität. Und redet er öffentlich zu vielen, so ist der springende Punkt dabei doch der, daß jeder fühlt, daß er sich an ihn persönlich oder an das Persönliche in ihm wendet — nicht wie der Volkstribun an das Kollektive im Menschen.

Woher nun diese Intimität, die jede seelische Beziehung kennzeichnet? Sie hat ihren Grund darin, daß Gefühle keine fernwirkenden Kräfte sind. Niemals reichen sie unmittelbar über den Nächsten, so wie ihn Jesus verstand, hinaus. Nur aus sich erweiterndem molekularem Zusammenhang, von Intimität zu Intimität, kann durch Kontaktmetamorphose auf die Dauer ein umfassendes Kraftfeld für ein gleiches Nähegefühl entstehen. So sind alle Glaubensgemeinschaften aus kleinen geschlossenen Kreisen erwachsen und haben ihren Halt immerzu an ihnen weitergehabt. — Die seltenen ganz großen Seelen, die aus der äußeren Einsamkeit heraus ganze Glaubensgemeinschaften und Kulturseelen zu schaffen vermögen, sind dermaßen selten, daß wir uns über das Gesagte hinaus mit ihnen nicht zu beschäftigen brauchen. Sie sind nie attachiert und brauchen es nicht zu sein, denn gleich der Sonne strahlen sie übermächtig aus. Alle anderen Menschen müssen sich demgegenüber attachieren, wenn sie seelisch wachsen wollen. Sie bedürfen intimer Dauerbeziehung. Deren Urform nun ist die Familie. Sie ist zwar nicht die einzige: auch die Freundschaft, so wie noch Luther das Wort verstand, ist eine Urbeziehung. Neben der Familie hat auch die Freundschaft von Urzeiten an als selbständiges Band der Intimität existiert, zumeist in der Form von Männer- und Mädchenbünden oder in der von Orden. Noch im heutigen Südamerika bedeutet solche Ur-Freundschaft die stärkste Gefühlsbindung, welche das Leben geordnet zusammenhält, ja dort gibt es Freundschaft und Feindschaft sogar unter Mitgliedern einer gleichen Familie, welche Gefühlstatsache wichtiger genommen wird als alle rationale Erwägung (SM, IX). Im sich mehr und mehr vermännlichenden Nachkriegs-Europa aber beginnen Bünde unverkennbar wieder die Rolle zu spielen, die sie in Europa zuletzt in Griechenland spielten. Und man komme hier ja nicht gleich mit Stellungnahme für oder wider die Homosexualität. Frühere Betrachtungen erwiesen, wie scharf man zwischen Eros und Sexus unterscheiden muß.

Gefühl ist dem Trieb gegenüber ein Selbständiges. An sich rein seelischer Artung, muß es sich auf das Körperliche projiziert haben, auf daß dessen Triebe gefühls-betont erschienen. So bedeutet mann-männliche Freundschaft absolut nicht notwendig Homosexualität; den Hauptgrund dafür, daß letztere nicht positiv bewertet werden darf, sehe ich darin, daß einer Verquickung von normalem Gefühl und abnormer Sexualbetätigung vorgebeugt werden soll, was im Falle aller nicht abnorm Veranlagter grundsätzlich möglich ist. Gegen noch so innige Männerfreundschaft und noch so intime seelische Beziehungen zwischen Älteren und Jüngeren ist an sich nichts zu sagen; zweifellos hat auch diese Form von Atrium zu aller Zeit seelisch Wertvolles gefördert, und wahrscheinlich ist es in Zeiten vorherrschenden öffentlichen Lebens das beste Mittel, das Prinzip der Exklusivität, in dessen Zeichen allein die Seele gedeiht, als Macht-Faktor lebendig zu erhalten. Aber leider pflanzt sich das Leben durch Orden, Gemeinschaften, Freundschaften und Kreise nicht fort, weil sich eben deren eigenstem Sinne nach nur Wesen gleichen Geschlechts in ihnen verbinden, was die Bildung dauerhafter Tradition ausschließt. Und dann erstarren Freundschaftsverbindungen früher oder später schicksalhaft zu mechanisch zusammengehaltenen Organisationen, denn Gefühlswärme läßt sich ohne Speisung aus den Tiefen der Ur-Natur nicht perpetuieren. Nur im Falle sehr kleiner Eliten, aus äußerst sorgsamer Siebung hervorgegangen, war das für die Dauer jemals anders. Darum sind alle die Völker, welche das Familienleben nicht als Keimzelle alles Menschenlebens höchstschätzten, auf die Dauer in einem Nordamerika und Sowjetrußland analogem Sinn gefühlsmäßig verkümmert. Selbst der Höchsttypus des bisher familienlos gezüchteten Menschen, der Spartiate, war innerlich ein rüder Haudegen, und was immer der alt und bitter gewordene Plato meinte — nicht auf seinem Typus beruht die Größe Griechenlands. Der Janitschare aber gar, obschon meist Abkömmling höchstgezüchteten Bluts, hat das Vorbild zum russischen Rotarmisten geliefert. So können wir uns hier, wo es uns einzig um das Existenz-Problem der Seele zu tun ist, deren Wachstumsnormen und deren Kultur, auf die Betrachtung des Familienproblems beschränken. Wir dürfen es um so mehr, als das Problem in beiden Fällen grundsätzlich gleich liegt: auch die Familie hat menschliche Bedeutung nur, insofern sie nicht als Bluts- sondern als Seelenverband angesehen wird. Das Gefühl ist das Wesentliche an ihr, und nicht der objektiv nachweisbare genetische oder genealogische Zusammenhang.

Beschränken wir sonach unsere folgenden Betrachtungen auf das Familienproblem. Schon früher deuteten wir an, daß unter allen Tieren nur für den Menschen das Familien-Leben, also ein Leben, welches grundsätzlich mehr als zwei Generationen zusammenhält, normal sei. Dies liegt eben daran, daß beim Menschen die Seele bestimmt. Triebhaften oder instinktiven Zusammenhang gibt es nur zwischen Mann und Weib und Mutter und Kindern — beim Menschenvater ist schon zweifelhaft, ob er als Tier nicht die Ur-Neigung hat, gleich dem Schweine seine Kinder aus Eifersucht aufzufressen — und dieser Zusammenhang löst sich selbstverständlich, sobald die betreffenden Gana-Melodien ausgespielt sind (SM, VII). Dementsprechend sind alle genealogischen Zusammenhänge wesentlich konstruiert, das heißt vom Verstande erdacht oder registriert und dann als Einheiten willkürlich gesetzt; Konstruktionen sind sogar die komplizierten Zusammenhänge solcher Art, die Primitive anerkennen. Als bloßes Blut- und Erd-Wesen ist der Mensch einfach da und nur selbstverständlich, physiko-chemisch, physiologisch, biologisch, im Höchstfalle triebhaft mit dem nächstliegenden Nicht-Ich verbunden, welches sein Dasein bedingt und seinen Lebensraum abgrenzt. Deswegen gibt es eine nicht-seelische Beziehung zu Blutsverwandten nur bis zur ersten Generation vorher und nachher, und zur Erde nur innerhalb der engen Grenzen, welche das Wort Boden ursprünglich bezeichnet, das heißt der Grenzen des unmittelbaren Wurzel-Lebensraums. Doch der Mensch ist eben wesentlich Seele; deren ursprünglicher Raum reicht so weit, wie die ursprüngliche Erinnerung und die ursprüngliche Voraussicht. So erweitert sie von sich aus den Raum dessen, was von Natur aus unter die Begriffe Blut und Boden fällt. Nun aber erweist das Urphänomen der Entsprechung, welches die Renaissancezeit soviel tiefer als alle spätere verstand, seine ganze lebendige Bedeutung. Wir handelten schon vielfach von der Vielschichtigkeit des Menschenwesens und betonten auch immer wieder, daß der Mensch dahin gelangen muß, alles Nicht-Ich, welches ihm faktisch zugehört, sich auch persönlich zuzurechnen. Solche Zurechnung oder besser Zuordnung nun erfolgt spontan von der Seele her in bezug auf den Blutszusammenhang. In bezug auf diesen konvergieren die verschiedenen Strebungen im Menschen spontan zum Einklang. Genau wie das seelisch liebende Weib auf die Dauer den Drang spürt, sich auch körperlich hinzugeben, und beim zuerst nur begehrenden Mann auf die Dauer auch die Seele mitanklingt und auf ihrer Ebene bindet, genau so steht es mit Mutter-, Kindes- und schließlich mit Verwandtenliebe im weitesten Verstand. Je mehr die Seele sich differenziert, je reicher, tiefer und erlebnisfähiger sie wird, desto mehr kann sie seelische Verwandtschaft spüren, und die hängt außer in den sehr seltenen Fällen der Wahlverwandtschaft fast immer mit Bluteinheit zusammen. Woraus sich denn ergibt, daß die Familie das eigentliche Nest der Seele darstellt. Aber eben daraus ergibt es sich, wie völlig verfehlt es ist, eine einsinnige Entwicklungslinie von der Familie zur sozialen Gemeinschaft und gar bis zum Staate zu ziehen: eine solche Linie gibt es nicht. Wohl gibt es Sippenherrschaft, doch deren Prinzip ist grundverschieden von dem der sozialen und politischen Gemeinschaft. Was die Großfamilie ist und bedeutet, kann der deutsche Leser neuerdings an einem der schönsten Erzählungsbücher der modernen Literatur ermessen, Nora Walns Süße Frucht, bittre Frucht China (Berlin 1935, Wolfgang Krüger Verlag; Titel des englischen Originals: The House of Exile): sie hängt durchaus subjektiv, in der Stimmung der Innigkeit, zusammen, und ist damit das strikte Gegenteil eines Staates, welchen sie andererseits gar leicht, wie die Erfahrung aller Völker lehrt, gerade kraft des rein Persönlichen ihres Zusammenhangs beherrscht. Noch nie ward aus einer Familie als solcher ein Reich. Das Prinzip der Familie ist das des Atriums, das der sozialen und politischen Gemeinschaft ist das des Forums; jenes verkörpert einen subjektiv-seelischen Zusammenhang, dieses einen objektiv-sachlichen. Größere Gegensätze kenne ich nicht.

Am Familienproblem kann dem Geiste nun zum ersten Male einigermaßen deutlich werden, wie sich der Mensch trotz seiner Vielschichtigkeit und der Nicht-Kongruenz der Normen, die ihn auf verschiedenen Ebenen beherrschen, als Einheit fühlen kann. Dazu bietet das Vererbungsproblem den besten Ansatzpunkt. Zu Anfang unserer Betrachtungen über die Gesundheit befaßten wir uns mit der völligen Unverständlichkeit des Zusammenhangs und Zusammenspiels der Hormone. Die Phänomenologie der physischen Vererbung nun gibt kein geringeres Rätsel auf: die Gene benehmen sich wie richtige Atome, Einzeleigenschaften werden einzeln vererbt und der jeweilige Phänotypus ersteht aus mosaikartiger Zusammensetzung. Das vollends Unverständliche ist nun, daß auch psychische Eigenschaften sich ähnlich mosaikstückartig fortzupflanzen scheinen; vollkommen tatsachengerecht scheint man sagen zu dürfen dieses hat einer vom Vater, jenes von einem Onkel mütterlicherseits. Doch hier trügt der Schein. Was sich von Psychischem wirklich dergestalt fortpflanzt, sind Elementaranlagen. Diese sind derartig elementar, daß die Verpflanzung in ein nicht einmal fremdes, sondern nur etwas verschiedenartiges Milieu genügt, um zur Entfaltung des Elementaren zu einem von dem der Eltern gänzlich verschiedenen höheren Psychismus zu führen. Jede Revolution, welche frühere Oberschichten stürzt, jede Auswanderung in fremdes Land bietet hierfür so eindeutige Beispiele, daß sich jede nähere Erörterung dieses Tatbestandes erübrigt. Unter diesen Umständen stellen beim Menschen offenbar erst Bluts- und Traditionsgemeinschaft zusammen die wahre und vom spezifisch menschlichen Standpunkt unteilbare Vererbungs-Einheit dar (NW, II). Der konkrete Mensch stellt also letztlich eine Beziehung dar, nicht nur zwischen persönlichem Subjekt und Welt, sondern auch als Gattungswesen zwischen physischen und psychischen Vererbungsreihen. Deren Schnittpunkt definiert sein elementares Wesen. Von hier aus leuchtet denn ohne weiteres die vollkommene Absurdität jedes Zucht- und Rassegedankens ein, welcher nur das Körperliche berücksichtigt. Doch als nicht minder selbstverständlich leuchtet ein, daß es ebenso unmöglich ist, bei der Erhaltung und Höherbildung eines Menschentypus vom Blute abzusehen; ohne ein Fortleben gleicher oder wenigstens naheverwandter Elementaranlagen sind sie unmöglich. Nun genügt allereinfachste Überlegung dazu, zur Einsicht zu gelangen, daß der erforderliche Einklang zwischen bestimmter Physis und bestimmter Psyche nur in kleinem und geschlossenem Kreise perpetuiert werden kann. Woraus denn folgt, daß alle Menschenzucht, im Unterschied von der Erziehung, welche Sache des Kollektivums ist, ausschließlich im Rahmen der Familie erfolgen kann, allenfalls ergänzt durch Fortbildung im kleinen und geschlossenen Kreise Gleichgesinnter. Damit ist aber weiter erwiesen, daß die Dauer von Kultur im Unterschied von Zivilisation ganz und gar von lebendiger, fort und fort überlieferter Familientradition abhängt. Im 20. Jahrhundert wird erstmalig der Versuch gemacht, die Volksgemeinschaft als engste Gemeinschaft auszubauen. Es ist nicht unmöglich, daß der Versuch gelingt; vielleicht entspricht diese in bezug auf frühere Zustände unerhörte Erweiterung des Verwandtschaftskreises der begonnenen neuen Phase unseres Planeten. Doch schon heute, 1935, sieht man, daß der weite Kreis der Volksgemeinschaft genau den gleichen Grundnormen unterworfen werden muß, um zu bestehen, wie die traditionsbewußte Familie: das Blut muß rein erhalten und die Volksseele ihrer Eigenart gemäß, unter Ausschluß fremder Einflüsse, gebildet werden.

An diesem Punkte angelangt, erkennen wir klar, daß es verfehlt ist, die Seele als solche trotz ihrer wesentlichen Subjektivität in Funktion der Einzigkeit der Persönlichkeit zu bestimmen. Alle Gefühle sind gerichtet; die meisten sind pathisch, das heißt sie bedürfen der Evokation von außen her, um zu entstehen und zu gedeihen; so ist gerade die Seele nicht das letztlich Einzige und Einsame im Menschen; hier hat sich das spätere Christentum (das frühe, zumal das griechische hat ihren Begriff richtiger bestimmt) in ungenauen und zum Teil direkt falschen Vorstellungen festgelegt. Man darf geradezu behaupten: alle Seele ist in erster Instanz, wo sie überhaupt ausgebildet vorliegt, Kulturseele; das heißt in erster Instanz bestimmt die lebendige Tradition ihr Sosein, genau so wie der Gattungstypus in erster Instanz das Sosein des Einzelkörpers bestimmt. Von hier aus leuchtet denn die vollkommene Verfehltheit des individualistischen Atomismus und des Intellektualismus mit letzter Deutlichkeit ein. Dank der Freiheit seiner geistigen Initiative kann der Mensch so ziemlich jede Verbildung an sich vornehmen, welche ihm einfällt. Doch gestaltet er sich selbst als individualistischer Atomist und als abstrakter Intellektualist, dann muß er seine Seele verlieren — wie er sie denn tatsächlich überall verliert, wo ein entsprechender Zeitgeist herrscht. So gelangen wir denn zur folgenden End-Bestimmung der Seele: sie gehört auf besonderer Ebene notwendig einem Kollektivum an; außerhalb dieses kann sie nicht gedeihen. Nur handelt es sich hier um ein rein seelisches Kollektivum, aus sich persönlich einander zugehörig fühlenden Seelen gebildet, und in diesen Personen liegt des Kollektivums Halt. Die Urform eines von der Seele her bestehenden Kollektivums aber ist der Familienkreis.

Bedarf es überhaupt noch weiterer Erörterung, um klarzumachen, wie notwendig Kultur der Familie zur Kultur des persönlichen Lebens gehört? Alle Entwicklung und Entfaltung beginnt beim Kinde, und bilden im wahren Sinne des Worts kann dessen Seele nur eine Familie, welche das ist, was sie sein soll. Hier liegen die Dinge genau umgekehrt, wie Nordamerika wähnt. Ich persönlich gehe hier sogar so weit, daß ich behaupte: nur das entschuldigt, vom Standpunkt der Seele, das Übergreifen der öffentlichen Erziehung in immer mehr Bezirke, welche vormals der Familie vorbehalten waren, daß nur mehr wenige Eltern in der Lage sind, ihre Kinder daheim auszubilden und daß die psychische Atmosphäre allzu vieler Heime in allen Kreisen, nicht allein unter Proletariern, so übel ist, daß alles gut erscheint, was die Kinder dieser entreißt. Grundsätzlich liegen die Dinge immerdar so: nicht das Wichtigste, sondern das wenigst Wichtige bei der Aufzucht von Kindern ist deren sogenannte Erziehung. Heute ist wissenschaftlich erwiesen, daß nicht allein die Totalität aller Anlagen angeboren, sondern daß auch deren spätere allgemeine Ausprägung und Anwendung im Falle aller einigermaßen erheblichen Begabungen innerlich vorgebildet ist. Daher der gute Erfolg der von Amerika zuerst im großen betriebenen und in Deutschland vom Nationalsozialismus energisch übernommenen Bevorzugung ungelernter, aber zu ihrem Beruf innerlich berufener Menschen bei der Besetzung verantwortlicher Stellungen. Hier liegen die Dinge von den Instinkthandlungen der Tiere, welche keinerlei Schulung bedürfen, um richtig ausgeführt zu werden, weniger verschieden, als man früher meinte; denn Üben ist ein ganz anderes als Schulung: zum Üben treibt einer Natur Gemäßes eigenster Trieb. Einzig die Sonderart der Ausprägung oder Anwendung der Anlagen hängt vom Milieu im weitesten Verstande ab, zu dem an erster Stelle der Zeitgeist zu rechnen ist; so bewiesen noch vor fünfzig Jahren nur wenige Ingenieur-, geschweige denn Chauffeurfähigkeiten. Die allgemeine Schulung, welcher jeder bedarf, um sich im Gemeinschaftsleben zu behaupten, sowie die Ausbildung spezifischer Talente gelingt — diese Frage behandelte bereits das vorige Kapitel — freilich am besten vom Kollektivum her, denn bei dem allgemein Schulbaren handelt es sich vom Standpunkt der persönlichen Seele um Äußerliches, und zur Ausbildung besonderer Anlagen regen Ehrgeiz und Interesse, welche erst die Konstellation möglichen Wettbewerbes bei den meisten weckt, am ehesten an. Doch das persönliche Sein — und das heißt beim Kinde die Seele, denn der eigentliche Geist erwacht in der Regel erst sehr viel später — kann die Schuldisziplin überhaupt nicht beeinflussen, keinesfalls im Guten. Sie kann sie höchstens scheinbar gleichschalten — damit aber verbiegt und verbildet sie dieselbe allzuleicht. Sie kann sie ferner an sich irre werden lassen, und damit schwächt und entvitalisiert sie sie. Die Seele ist das Gebiet des selbstverständlich Daseienden, des Unproblematischen; damit aber auch des Intimen, Verschwiegenen, Zarten, Schamverhüllten, wesentlich Verletzbaren, das keine Bloßstellung und damit keine Öffentlichkeit verträgt. Keinerlei Kritik, welche ihr Wesen antastete, frommt ihr je, sondern nur ihrem Sein entsprechende Dogmatik. Zart und verletzbar ist die Seele bei jedem Menschen, auch beim scheinbar rauhesten oder härtesten; sonst wäre nicht gerade dieser so leicht zu Tode beleidigt; nur die Schale ist eben wirklich rauh und hart bei ihm. Im höchsten Grade empfindlich und verletzbar ist sie beim Kinde, denn das Kind hat überhaupt keine Schale um seine Seele. Des Kindes Seele ist dermaßen zart, daß nicht nur einzelne Eindrücke aus dem Bewußtsein verdrängt werden können — der ganze persönliche Mensch kann verdrängt werden. So leben erschreckend viele Menschen, deren Kindheit unbehütet war, vom Standpunkt ihrer Seele zeitlebens buchstäblich außer sich. Nur in einer Atmosphäre, wo gerade das Persönliche wichtig genommen wird, wo Liebe ein rein positives Verhalten zum ganzen werdenden Menschen bedingt; nur dort, wo eine kongeniale Atmosphäre dem Zartesten hold ist, öffnet sich das ganze Unbewußte dem Einfluß anderer so, wie dies geschehen muß, damit gerade die Seele wachse und sich über das hinaus bilde, was im Phänotypus ohnehin zur Ausprägung gelangt wäre; alles jedoch, was die Kultur einer Seele macht, liegt jenseits von dessen Naturausdruck. Diese absolute Überlegenheit der Heimatmosphäre über der Schule wird abschließend durch die Tatsache bewiesen, daß nur unwillkürlicher Einfluß tief auf die Seele einwirkt; dieses gilt so weit, daß Schweigen stärker wirkt als Reden. In den ersten entscheidenden Jahren aber wirken beinahe ausschließlich Vater und Mutter also unwillkürlich, da mit diesen lange Zeit hindurch ein ähnlicher rapport auf psychischer Ebene fortbesteht, wie er vor der Geburt körperlich bestand. Deswegen entscheidet die Seele des Hauses immer an erster und an letzter Stelle, wo immer die Frage der Seele und nicht die von Geist und Können gestellt wird; nur außergewöhnliche Begabung und außergewöhnlicher Charakter — letzterer vor allem im schlechten Sinn — stellen hier Ausnahmen dar. Wie tiefe Regionen hier beeinflußt werden, zeigt am deutlichsten, daß es nicht wesentlich darauf ankommt, daß die Beziehung zwischen Kindern und Eltern das sei, was man harmonisch heißt. Sicher ist es kein Zufall, daß ein außerordentlich hoher Prozentsatz großer Seelen — nicht nur bedeutender Menschen, denn die waren nicht immer seelenvoll — in sogenannten unglücklichen Familienverhältnissen aufwuchsen; ebensowenig ist Zufall, daß allzu glückliche Verhältnisse typischerweise Charakterlosigkeit oder wenigstens Weichheit schaffen (AV, IX). Spannungsmangel ist alles Lebens Feind, denn alles Leben behauptet sich und wächst an der Spannung zur Umwelt. Was bei den Eltern wirkt, ist überhaupt nicht die empirische Sonderart und jeweilige Erscheinung, sondern das tiefste Sein. Ich erinnere mich des tiefen Eindrucks, den es mir in meinen Jünglingsjahren machte, da ich in einer russischen Erzählung das folgende las. Ein tiefreligiöser Bauer blickte erstaunt auf, da jemand behauptete, daß Gott gut sei: Gut soll Er sein? Das ist eine falsche Bestimmung. Streng ist Er. Tatsächlich sieht und verehrt das Unbewußte des Kindes im Vater eine unbestrittene irrationale Schicksalsmacht, dem antiken Jupiter vergleichbar; und auch in der Mutter zutiefst nicht die Gute, sondern die Nährende, Sorgende, die Überwachende. Und so ist nicht Liebe das allererste Band — kleine Kinder sind solcher gar nicht fähig —, sondern ein tiefes Vertrauensverhältnis, das auch das Böse und Schmerzliche als selbstverständlich berechtigt setzt. Dank diesem Umstande spielt das Tun der Eltern eine sehr geringe Rolle: ihr Sein wirkt unmittelbar. Und ebenso unwichtig ist letztlich das laute Sagen; die Kultur der Familie ist grundsätzlich die des nicht in Frage gestellten und willig aufgenommenen schweigenden Einflusses. Ich selbst habe von frühester Kindheit an eigentlich alles bemerkt, was in meinen Eltern vorging, und es immer als eine Art überflüssiger und taktloser Schauspielerei empfunden, wenn sie mir überdies Vorträge hielten — besonders natürlich, wenn diese zu ihrem wahren Wesen nicht paßten; da setzte automatisch Gegenbewegung ein. Meinen eigenen Kindern gegenüber übe ich auf diese Erfahrung hin keinerlei Vorsicht hinsichtlich dessen, was ich sage: auf das Bewußte kommt es überhaupt nicht an, denn das Unbewußte überträgt sich unmittelbar. Ähnlich steht es ja mit der sogenannten Aufklärung: keine theoretische Aufklärung hat je einem Mädchen, das nicht schon von sich aus erwacht war, irgend etwas gesagt. Deswegen vergißt es so leicht, was es erfuhr, weil dieses Wissen es stört. Ist es aber einmal erwacht, dann bedarf es der Aufklärung allenfalls in technischer Hinsicht. Die Dinge liegen beim Menschen nicht wesentlich anders als beim Tiere, und tun sie es, so beweist das allemal Verbildung, wenn nicht pathologische Anlage. Bei der Frau ist die Kindheit ein wesentlich offener, Jungfrauentum ein abgeschlossener Zustand, der meist erst mit der Mutterschaft einer neuartigen Offenheit Platz macht. Ein Jenseits dieser Naturtatsachen gibt es auf gleicher Ebene nicht.

Die einzigartige Bedeutung der Familie liegt also auf dem schweigenden, unwillkürlichen und unbewußten Einfluß, den ihre Atmosphäre ausstrahlt. Diese gestaltet das Selbstverständliche im Menschen. Jetzt ist wohl vollkommen klar, daß ein absoluter, ein richtiger Wesens-Unterschied zwischen Familieneinfluß und Erziehung besteht — den übrigens keine Kultur besser als die Alt-Chinas verstand, in deren Bereich im Heime grundsätzlich nie erzogen, sondern wo die Erziehungsarbeit Freunden und Lehrern außerhalb des Hauses überlassen wurde, woraus sich — wiederum selbstverständlich — das einzigartig ungetrübte und warme Verhältnis von Vätern und Söhnen ergab. Hiermit gelangen wir denn zu dem Prinzipiellen, wo das Familienproblem zu einem rein und ausschließlich persönlichen wird. Eine der deutschen Eigentümlichkeiten ist schier grenzenloses Erziehen- und Erzogen-werden-wollen, mit dem Glaubenskorrelat, daß Erziehung wirklich Wesentliches vermag. Insofern unter Erziehung Innerliches verstanden wird, vermag sie es nicht; bis zur persönlichen Seele dringt keine Erziehung vor. Der das Gegenteil behauptende Aberglaube, den übrigens erst das 18. Jahrhundert mit seinem Institutionalismus großzuzüchten begann, hat beim Deutschen das zur Ursache, daß gerade seine Seele dem Deutschen am schwersten bewußt wird. Daher einerseits der eigentümliche Exhibitionismus des Deutschen: er muß hören oder sehen, um zu fühlen. Daher die Bedeutung des Singens von anderen komponierter Lieder, oder des Aufsagens von anderen geschaffener Gedichte. Deswegen zutiefst gelten die Deutschen wesentlich als Volk der Dichter und Denker und fühlen sie sich auch selber so: nur diese Typen vermögen ihn seiner selbst bewußt zu machen. Es ist bekannt, daß keiner, welcher viel Erfolg in der Liebe hat, viel spricht von ihr oder Liebesgeschichten liest oder Liebesgedichte schreibt. Die deutsche Leidenschaft zum Erziehen und Erzogenwerden hat einen ähnlichen psychologischen Grund. Unfähig, das unbewußt und unwillkürlich Wirkende richtig einzuschätzen, sucht der Deutsche alles durch Nachweisbares zu erreichen. Dies führt gar leicht zu richtigen Grotesken. In deutschen okkulten Vereinigungen soll bloße Erhöhung des Grades oder Ranges, die nach der Absolvierung bestimmter Pensa erfolgt, aus dem Schüler einen Meister machen; durch Examina bewiesenes Wissen soll intuitives Können, wie es bei allem Führen die Hauptsache ist, gewährleisten; soundso viele Monate Gemeinschaftsleben sollen Volksverbundenheit schaffen.

Hermann Keyserling
Das Buch vom persönlichen Leben · 1936
IV. Seele
© 1998- Schule des Rades
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