Schule des Rades

Hermann Keyserling

Das Buch vom persönlichen Leben

IV. Seele

Das Glücksproblem

Mit den letzten Gründen dieses Tatbestandes werden wir uns im Weltfrömmigkeits-Kapitel befassen. Hier sollten nur die Farbflecke hingeworfen werden, welche die Leuchtkraft des Bildes dieses Kapitels zu steigern geeignet sind. Kehren wir also zum Problem der richtigen Art, auf die Seele einzuwirken, zurück. Gerade auf sie wirkt Suggestion niemals im Guten, denn solche überschichtet jenes Eigenste, mit dem der Wert der Seele steht und fällt. Überdies — und man darf wohl sagen, Gott sei Dank — dringt Suggestion niemals bis zu der Tiefe durch, wo in der zarten Hülle der Seele der Kern geistiger Persönlichkeit sitzt. Tiefenwirkung setzt nämlich allemal freiwillige Aufnahme seitens der Tiefe voraus. Auf gewaltsame Suggestion antwortet das tiefste Zentrum des Menschen früher oder später allemal mit einer Gegenbewegung, welche stärker ist, als die Bewegung war, entsprechend dem von Hans Much entdeckten Gesetz, daß ein Minus von der lebendigen Natur in der Regel nicht durch ein einfaches Plus, sondern durch ein Mehrfaches desselben kompensiert wird. Dagegen reagiert gerade das Tiefste spontan auf unwillkürlichen Einfluß. Und das Urbild des Kraftfeldes solchen Einflusses ist die Familie. Deswegen kann diese nie genug, nie tief, nie zart genug gepflegt werden.

Nie zart genug: das ist wohl die Hauptsache dabei. Denn das Persönliche von jedermann, auch des äußerlich rauhesten Menschen, ist zart. Daher — nicht des Geschlechtes wegen — der ausschlaggebende Einfluß der Mutter. Wenn in den Meditationen die Frau und nicht der Mann als Urtypus des Menschen dargestellt werden konnte, so lag das daran, daß eben Zartgefühl des Menschen Ur-Differentialkennzeichen ist. Auf die Existenz größeren Zartgefühles bei der Frau kommt letztlich die an sich falsche Theorie heraus, daß alle bedeutenden Männer bedeutende Mütter gehabt hätten. Sie hatten meistens zartfühlende Mütter, welche das Eigene im Kinde hegten, oder aber die an sich harte Mutter (diejenige Napoleons!) war in bezug auf den ehernen Charakter des Sohnes als Mutter immer noch weich genug. Nun aber wollen wir unser Bild vervollständigen, indem wir den Einfluß, den die Familie ausübt, nicht in bezug auf die Kinder, sondern in bezug auf die Eltern kurz bedenken. Das, was von der Erziehung der Kinder durch die Eltern gilt, gilt genau so umgekehrt. Jeder macht in seinem Leben einen Dimensionswechsel durch, wo er von einem Wesen, für welches andere gerne sorgten, zu einem anderen wird, dessen Existenzberechtigung sich dadurch erweist, daß es seinerseits für andere sorgt. Was hier objektiv als wahr und richtig erscheint, hat seinen Seinsgrund in entsprechenden unwillkürlichen Haltungen der Seele. In diesem Sinne steht das innere Wachsen des Menschen auch in späteren Jahren in nächster Beziehung zum Familienleben, nur in differenziert umgekehrter Richtung. Des Menschen Seele wächst und entfaltet sich fortan proportional dem wohltätigen seelischen Einfluß, den er auf andere ausübt. So schließt sich denn der Kreis. Ist es wahr, daß die richtige zoologische Definition des Menschen die des fühlenden Tieres ist, ist damit die Entwicklung seiner Seele die Basis alles weiteren Aufstiegs — dann stellt die Familie eine schlechterdings nicht zu übertreffende Ur-Form des Lebens dar, welche nie genug gepflegt werden kann. Denn nur von ihr her gibt es überhaupt Kultur. Nur durch das Gefäß seiner Seele hindurch kann der Geist später den Menschen als Menschen tief ergreifen. Man gedenke der Bilder der meisten Götter und sonstigen übermenschlichen Wesen, von welchen Mythologie berichtet: ohne Ausnahme sind sie seelenlos in menschlichem Verstand. Dementsprechend gelten sie auch nie als Idealwesen. Von den indischen Göttern heißt es, daß sie als Menschen wiedergeboren werden müssen, um mehr als Götter zu werden. Eine der vielen Bedeutungen des Mittelmeer-Mythos vom Gottmenschen ist eben hier zu suchen. Um wie geistige Beziehungen es sich nun immer handele — immer bieten Familienbeziehungen dazu das Urbild. Mönche und Nonnen heißen einander unter sich Bruder und Schwester und Laien gegenüber Vater und Mutter: das Familiengefühl bedeutet eben die Urform aller Nächstenliebe. Der Nächste im christlichen Verstand ist das bejahte einzige Du; nicht das Du überhaupt. Einzigkeit im Rahmen der Gemeinschaft, und zwar unter Wertbetonung unabhängig vom objektiven Wert, erkennt einzig die Familie in bezug auf ihre Glieder an. Von hier aus leuchtet denn der einzigartige Tiefsinn der Idee einer heiligen Familie ein, ob sie als Heiligkeit der irdischen Familie oder als metaphysische Wirklichkeit verstanden werde, gleichviel. Hat man einmal erkannt, daß die Seele den Menschen macht, dann ist klar, daß einzig Begeistung und Heiligung der Seele den Menschen als Menschen zu einem Höheren erhebt, als er ursprünglich ist. Der Mensch aber, welcher wesentlich Mensch ist, will auch Mensch bleiben.

Zum Schluß nun noch eine kurze Betrachtung, welche das Glücksproblem in die bisherigen hineinbezieht (W, II, 7). Es bleibt sich offenbar gleich, ob die Stellung eines Menschen im seelischen Zusammenhang vorzüglich die eines Nehmenden ist, wie beim Kinde, oder die eines Gebenden, wie beim vollausgeschlagenen Erwachsenen, denn Geben und Nehmen sind gleich normale, notwendig zusammengehörende und der gleichen Daseins-Ebene zugehörige Haltungen. Das Kind wird vorwiegend durch Aufnehmen innerlich gefördert, der Erwachsene vorwiegend durch Ausstrahlen. Alles persönliche Glück auf Erden beruht nun auf einer von beiden im warmen Seelenraum. Kinder als Kinder spüren das Glück, das ihnen durch ihr unbedingtes Bejahtwerden zuteil wird, im Augenblicke selten; erst nachdem sie selber erwachsen, werden sie sich darüber klar. Eltern nun finden im Geben, so viel Opfer es auch bedeute, höchstes Glück. Doch nicht genug dessen. Viele beneiden die überschwengliche Verehrung, welche großen Staatsmännern gezollt wird: keine solche Verehrung kam je derjenigen gleich, die jedem guten Vater dort, wo die Familiengefühle nicht zurückgebildet sind, und jeder guten Mutter seitens wohlgeratener Kinder ohne Byzantinismus und ohne Nebenabsicht selbstverständlich gezollt wird. Ich persönlich bin mehr Feindschaft als Freundschaft gewohnt. Seitdem nun meine Kinder zu solcher Bewußtheit herangewachsen sind, daß Verkehr auf gleicher Ebene mit ihnen möglich ist, empfinde ich es mehr und mehr als unverdiente, ja als erschütternde Gnade, wie unbedingt sie mich bejahen, wie restlos sie mich als den akzeptieren, der ich bin; wie sie mich verehren, obschon ich nie auch nur den geringsten Versuch gemacht habe, meine Fehler vor ihnen zu verbergen.1

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Verschiedene Spezialprobleme, die der Familienzusammenhang auf gibt, habe ich in der letzten Niederschrift dieses Kapitels, das ursprünglich Familie heißen sollte, dank der veränderten Fragestellung nicht oder nur andeutungsweise behandelt. Eine ausführliche Betrachtung über den heute auf der ganzen Erde die Geschichte zum großen Teil bestimmenden Gegensatz der Generationen wird der Leser im Essai Le conflit des générations meines Buchs Sur l’art de la Vie (Paris 1936, Librairie Stock) finden. Ich möchte aber doch in Form einer Anmerkung einen Teil dessen abdrucken, was ich 1934 über das Familienproblem schrieb und was dem die letzte Form gab, was ich zuerst skizzenhaft im Dezemberheft 1932 der Zeitschrift Atlantis über den gleichen Gegenstand veröffentlicht hatte.
Diese Betrachtungen suchten den ewigen und unwandelbaren Sinn des Familienlebens zu bestimmen. Doch daraus folgt mitnichten, daß die Bestrebungen des innerlich selbständig gewordenen Individuums Irrwege bedeuten und daß gar in Reaktion und Restauration das Heil läge. Das Heil liegt niemals dort, schon aus dem sehr einfachen aber entscheidenden Grund nicht, weil Restaurationen unter allen Umständen illusorisch sind; die Spuren großer Umwälzungen bleiben dem organischen Gedächtnis für immer eingeprägt. Selbstverständlich sind alle Jungen Vertreter der einzigartigen Situation der Nach-Weltkriegs-Zeit. Und aus ihr erwachsen selbstverständlich neue Lebensformen. Das müssen wir akzeptieren. Heute haben wir als Voraussetzung weiteren Lebens anzuerkennen, daß das alte Gleichgewicht zerstört ist zwischen der wesentlich unwandelbaren Elementar-Natur und dem durch Erkenntnis veränderten Bewußtsein samt seinen durch Willensentscheidung modifizierten Zielen. Unter diesen Umständen kann sich vernünftigerweise nur die Frage stellen: wie sind die ewigen Werte, soweit sie verloren gingen, im veränderten Leben neu zu verkörpern und wie ist also eine Neuverknüpfung zu schaffen zwischen Seele und Geist?
Für statisch veranlagte Völker, die sich im Gleichgewicht befinden, liegt hier kaum ein Problem. Insofern scheiden die romanischen Völker im Rahmen der kurzen Zukunftsschau, die uns jetzt obliegt, nahezu aus. Die Franzosen haben es längst bewiesen, daß geistige Beweglichkeit und Fortschrittlichkeit ausgezeichnet mit extremen Konservatismus auf allen nichtrationalen Gebieten zusammengeht. Desto mehr tut neue Einstellung zur Familie und die Schaffung einer neuen Synthese zwischen Geist und Seele allen dynamischen Völkern not, und das sind die nordisch-germanischen und zum Teil die Slawen; sehr lange bleibt es auch in Rußland beim heutigen Zustand nicht. Da ist denn klar, daß Heil in dieser verstandeshellen Zeit nur von tieferem Verstehen des Gesamtzusammenhangs des Lebens kommen kann. Verstehen ist schöpferisch. Wirklich als Irrtümer erkannte Überzeugungen hören zu sein auf; durch Vorurteil und falsch gerichteten Willen verdrängte Energien strömen bei richtiger Einsicht von selbst wieder ins Bewußtsein ein.
Selbstverständlich gibt es keine unabänderlichen Gleichgewichtsformen in der Ehe. Wie Vorherrschaft des Mannes und der Frau wieder und wieder einander abgewechselt haben, so sind neue Formen denkbar, die der persönlichen Freiheit und Selbstbestimmung des Einzigen mehr Rechnung trügen, als dies irgendeine frühere Form tat, ohne daß deshalb die ewige Form der Ehe gesprengt würde. Und ebenso selbstverständlich ist ein Verhältnis von Eltern und Kindern denkbar, das dem merkwürdigen gleichzeitig zentripetalen und zentrifugalen Verhältnis der Generationen zueinander besser Rechnung trüge, als dies jemals eine traditionelle Ordnung leistete. Die Ehe geht uns hier nichts an. Was nun die Beziehung der Eltern zu den Kindern betrifft, so möchte ich hier vor allem auf drei besondere Aspekte hinweisen, welche anscheinend nicht von genügend vielen bisher bemerkt worden sind. Ein großer Teil der Konflikte zwischen Eltern und Kindern beruht darauf, daß Kinder von einem bestimmten Augenblicke an nicht Wärme, sondern Kühle suchen; sie wollen ja ausfliegen aus ihrem warmen Nest, und erst wenn das Bedürfnis eigenen Nestbaus erwacht, gewinnen sie neuen Sinn für die Wärme des Elternheims. So beruht denn die Gefährdung, welche die Familie innerhalb der nordischen Völker zur Zeit erlebt, sicherlich zu einem erheblichen Teil darauf, daß der gewecktere Verstand das Streben nach Kühle potenziert, indem er ihm durchaus recht gibt; daher die extreme Sentimentalitätsfeindschaft der letzten Generationen nicht nur Rußlands, sondern auch Englands und Deutschlands. Ist dieser Zusammenhang nun einmal verstanden, dann dürfte es einsichtigen Eltern nicht allzu schwer fallen, einer Entfremdung der Kinder dank zu viel exhibierter Liebe vorzubeugen. Doch das Korrelat dazu stellt ein scheinbar Entgegengesetztes dar. Viele Entfremdung beruht darauf, daß die Väter nicht echte Väter und die Mütter nicht echte Mütter sein wollen: das moderne Postulat, daß man jung und zeitgemäß werden soll, zerstört gerade die nahe Beziehung zu ihren Kindern, welche sie retten wollen. Da ich diese Seite des Familien- und Erziehungsproblems in den Kapiteln Das überschätzte Kind und Die Vorherrschaft der Frau von Amerika ausführlich behandelt habe, dürften hier stichwortartige Andeutungen genügen. Vater und Mutter bedeuten dem Kinde in erster Linie Pole seiner eigenen Psyche, die sich zunächst in den Eltern verkörpern und langsam in das eigene Ich zurückziehen. In diesem polaren Verhältnis verkörpert der Vater das Prinzip der Distanz und die Mutter dasjenige der Intimität, der Vater das des unentrinnbaren irrationalen Schicksals und der undiskutierten Autorität, die Mutter das des Verständnisses, nicht aber von gleich zu gleich, sondern von oben herab. Wollen nun Väter Kameraden sein und Mütter Gefährtinnen, dann wird dieses Primordiale zerstört. Hier liegt wahrscheinlich eine der Hauptursachen der Sehnsucht nach Autorität und Schicksal-Erleiden der letzten Generationen, sowie der neueinsetzenden Frauenverachtung. — Doch das Verhältnis zwischen Eltern und Kindern erscheint noch in einem weiteren Sinn verschoben und verändert, und hier handelt es sich um ein Novum von außerordentlicher Bedeutung. Walter Frederking hat, von den Lehren der Schule der Weisheit ausgehend, das Folgende ausgeführt (Deutsches Ärzteblatt, 1934, Heft 14):
Wir haben bisher die Kultur des Vaters und des Sohnes gehabt, das heißt die beiden ersten Glieder der Dreieinigkeit ins Historische projiziert. Führen wir diese uralte, vom Christentum ausgestaltete symbolische Auffassung in derselben Richtung weiter, so hätten wir als eine dritte Kulturphase die des Heiligen Geistes zu erwarten. Was können wir uns darunter vorstellen? Der Creator spiritus oder Logos spermatikós ist der schöpferische, verantwortungsbewußte Geist der Inspiration und Initiative. Er betätigt sich an den gegebenen Gestaltungen des Lebens umgestaltend. Dieses bietet sich ihm in der rhythmischen Folge seines Ablaufs, im Wechsel der Generationen, der Lebensperioden. Der schöpferische Geist faßt es in neuen Gebilden zusammen, gibt ihm neue Richtungen, einen eigenen Sinn, der dem Wesen des Lebendigen entspricht. So wird er zum Sinneserfasser und -Verwirklicher. Damit würde die Kluft zwischen Natur und Geist verschwinden, ohne daß die Spannung zwischen ihnen aufgehoben wird. Sie wirken in einer höheren Einheit zusammen. Es verlegt sich damit der Schwerpunkt des Menschen auf die Erde, deren Herr er geworden ist. Wohl ist der Geist Erd-jenseitig, aber er verwirklicht sich nur im Leibhaftigen. Also auch die Kluft, zwischen Jenseits und Diesseits vermag derart zu schwinden. Und ähnlich die zwischen Leib und Seele, die ebenfalls in eine umfassende Einheit eingehen würde. Von einer solchen Kultursinndeutung aus würde sich vieles, was bisher galt, in seiner Bedeutung verschieben. Vater- und Muttersymbol würden zurücktreten, nicht mehr Himmel und Erde wären die beiden Pole, sondern Geist und Leben. Nicht mehr die Familie, das Vater-Mutter-Sohnverhältnis gäbe das Ursymbol ab, sondern eine andere Urbeziehung. Der Geist der Inspiration und Initiative verkörpert sich im Vorbild und Führer. Dieser gibt die Richtung, und sein Bild wirkt formend und umformend. So wird das Führer- oder — um in der Sprache der deutschen Psychoanalyse zu reden — das Heldensymbol dazu bestimmt, an die Stelle des früheren Leitsymbols zu treten. Vater und Mutter werden damit nicht ausgeschaltet, sondern fügen sich weniger betont als zuvor der Generationenfolge ein. Ein solcher neuer Geist der Initiative ist hart aber elastisch und zugleich lebensvoll. Damit unterscheidet er sich deutlich von dem Lebensgefühl der anderen Kulturepochen. Während in der ersten die starke Lebensfülle von einem starren Geist beengt wurde, ohne zu leiden, entwickelte sich in der gespaltenen zweiten immer stärker auf der einen Seite eine weichere Lebendigkeit, auf der anderen eine etwas lebensdürre Geistigkeit (Goethe und Kant als Typen) … Schon in der Jugendbewegung begann sich der junge Mensch der Reifezeit von den Eltern mehr zu lösen. Daß dies nicht selten mit Protest geschah, ist nicht das Entscheidende. Vielmehr wurde nunmehr das Heldensymbol entscheidend wirksam. Diese Entwicklung hat sich inzwischen weiter fortgesetzt, und zwar auch beim Erwachsenen. Es handelt sich bei diesem zum Teil nicht mehr um den Kampf zwischen Vater- und Mutterrecht, sondern es beginnt sich ein neues Männerrecht zu entwickeln.
Ich persönlich glaube nicht, daß das Heldensymbol als solches den Vater zu ersetzen im Begriff ist. Ich glaube auch nicht, daß das Symbol des Vaters für das Kind eine Verlagerung erlebt. Wohl aber beginnt beim Jüngling offenbar das geistige Vorbild gegenüber dem Erzeuger das Übergewicht zu erlangen. Dies nun bedeutet nichts Geringeres als einen weiten Schritt voran im Prozeß des Einbruchs des Geists. Indem nämlich der Akzent beim Vater nunmehr auf dem Vorbildlichen und nicht dem Väterlichen ruht, wird es vom Prinzip, welches einerseits Zwang ausübt, andererseits Nachfolge oder gar Nachahmung fordert, zum Leitbilde des eigenen Wegs zum Eigenen. Denn das geistige Vorbild, auch wo es anfangs gläubige Nachfolge schafft und anregt, trägt in sich den Keim zur Befreiung von aller Bannung durch Fremdes; in diesem Sinne trennte sich jeder schöpferische Geist irgendeinmal von dem, welchem er anfangs folgte, der ihm also zutiefst nie anderes als Geburtshelfer und Wegweiser zu sich selber war. Hört nun die innere Abhängigkeit vom Vater als Allgemeinerscheinung zu bestimmen auf, ohne Rebellion, ohne bewußte Gegensatzstellung, doch auch ohne daß das Vorbildliche am Vater an schöpferischer Kraft für die Seele des Sohnes einbüßt, dann wird eine ungeheure Befreiung des Individuums erfolgen. Dann wird das Prinzip der Freiheit wie niemals früher noch die persönliche Entwicklung bestimmen. Dann wird das Leben jedes Einzelnen, welches bisher sogar in den individualistischsten Ländern in hohem Grade Fortsetzung, Nachfolge und Nachahmung war, in bisher unerhörtem Grad persönlich werden. Ich kenne schon Familien, in denen ein bedeutender Vater, bei höchster Autorität, gleichwohl nicht den geringsten lastenden Druck auf seine Kinder ausübt, weil diese sich überhaupt nicht die Frage stellen, es ihm gleichtun oder ihn fortsetzen zu müssen — sie lassen sich freiwillig polarisieren, so wie es Schüler tun — und sich ihm gegenüber vollkommen unbefangen fühlen. Aus diesen Kindern wird selbst bei geringerer Begabung mehr werden im Sinne echter Persönlichkeit, als aus innerlich Abhängigeren. Das ist, ihre Seele wird von Hause aus mehr geistbestimmt sein, als sie es in früheren Generationen war. Nun, solche Vergeistigung der Seele als allgemeiner Entwicklungsvorgang ist nur möglich im Rahmen richtig verstandenen Familienlebens. Deswegen kann dieses nie genug gepflegt werden.
Hermann Keyserling
Das Buch vom persönlichen Leben · 1936
IV. Seele
© 1998- Schule des Rades
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