Schule des Rades

Hermann Keyserling

Das Buch vom persönlichen Leben

V. Das Prinzip der Polarisation und die Ehe

Leidenschaften der Seele

Es ist klar, daß jede Soll-Fragestellung Gefühlen gegenüber falschem Denken entspringt. Die Berechtigung solcher Fragestellung setzt die Möglichkeit freier Entscheidung voraus; diese aber fehlt überall, wo irrationale und nicht rationalisierbare Lebenswirklichkeiten im Spiele sind. So beweist die Forderung, der Mensch solle guter Vater oder Sohn oder Freund, die Frau solle — und zwar möglichst nur — selbstlose Mutter oder selbst-aufopfernde Gattin sein, recht eigentlich Irr-Sinn. Dementsprechend haben wohl die meisten Zersetzungen der emotionalen Ordnung im modernen Westen einen ihrer tiefsten Gründe in den Gegenbewegungen, welche dieses Mißverstehen im Unbewußten auslöst. Bei den Völkern, welche wissen, daß Familienzusammenhang zum Gebiet des Selbstverständlichen und deshalb Nicht-Problematischen gehört, sind solche Zersetzungserscheinungen selten. — Aus den gleichen Gründen nun, welche Anwendung der Soll-Fragestellung Gefühlen gegenüber verbieten, stellt sich auf deren Gebiet auch die Fortschrittsfrage niemals direkt. Nicht daß der Geist keinerlei Einfluß auf die Gefühle ausüben könnte: er vermag es aber nur deren, nicht seinen Normen gemäß, genau wie chemische Substanzen nur in Erkenntnis und Befolgung der Gesetze der Chemie wunschgemäß beeinflußt werden können. So ist die erste Frage, die man in bezug auf seelische Zusammenhänge zu stellen hat, nicht die: sind bestimmte Institutionen und Lebensformen theoretisch gut oder schlecht, fortschrittlich oder altem Brauch gemäß, sind gewisse Rechte berechtigt oder zu fordern oder zu annullieren? Sondern: sind gewisse Gefühle vorhanden oder nicht? Fehlen sie, dann fehlt den betreffenden Menschen organisch Wesentliches, und die noch so vortrefflichen Institutionen haben dann keinen lebendigen Halt. Und zersetzt sich oder verendet irgendwo Tradition, dann bedeutet dies in erster Linie nie Abbau zugunsten eines möglichen Höherbaus: es bedeutet in erster Linie, daß bestimmte Gefühle entarten oder absterben. Wohl stellt sich gegebenenfalls die Frage, ob sich die gleichen Seelenkräfte nicht in Geistnorm-gemäßerem Rahmen auswirken könnten, als sie es bisher taten. Doch das Entscheidende ist immer und überall, ob sie vorhanden, und wie hoch sie ausgebildet sind.

Vom Geiste her beurteilt, ist die Seele ein Statisches und Pathisches. Keine Initiative geht von ihr aus; aus eigenem Gesetz verändert sie sich nur in dem einen Sinn, wie sich Pflanzen vom Samen zu Stamm, Blatt, Blüte und Frucht fortverwandeln. Die Seele ist in bezug auf jede einmal geprägte Form streng traditionalistisch. Trotzdem ist sie allemal persönlich zentriert. Hier stellt sich denn jedem in bezug auf sein persönliches Leben eine wichtigste Frage: wie stehe ich, sowie ich mich als letztlich existent fühle, als geistiges Selbst, zu meiner eigenen Seele? — Versenken wir uns von dieser Fragestellung aus in unser innerstes Erleben, so werden wir dessen inne, daß die persönliche Seele mit der Persönlichkeit nicht zusammenfällt. Jene stellt nur die Hülle oder den Körper dieser dar. Sie ist der Inbegriff aller der nur-persönlichen Eigenschaften, mit denen sich wohl die Frau, in deren Psychismus der Geist eine geringe Rolle spielt, identifiziert, und auf die sich ihre Liebe beim durchaus bejahten Manne heftet; vom Geist her mag man dieses Persönliche die Summe aller vorhandener Eigenarten und Idiosynkrasien heißen. Doch kein Geist-bewußter Mann identifiziert sich zutiefst mit ihr, und auch keine Geist-bestimmte Frau; daß auch die letzte Behauptung zutrifft, wird durch die eine Tatsache bewiesen, daß jede Geist-bestimmte Frau in erster Linie nicht das gegebene Da- und Sosein, sondern die geistige Möglichkeit des geliebten Mannes bejaht und ihre Hauptaufgabe darin sieht, deren Entwicklung zu fördern. Bis zu welcher Grenze hinauf die Seele persönlich ist, ersieht man am eindeutigsten aus der begrenzten Rolle, welche das Individuum als solches in der Familie spielt. Hier wird wohl jeder Einzelne in seiner Eigenart bejaht, doch nur insoweit, als er eine Abart oder Abwandelung des Typischen darstellt. Das Unbedingte, welches seine Einzigkeit darstellt, wird kaum, wenn überhaupt berücksichtigt. Darum entsteht allemal Konflikt, sobald ein Familienmitglied aus der Art schlägt, aus der Art aber schlägt wiederum jedes, dem seine individuelle Initiative und das Neue in sich und außer sich, zu dem sie führen kann, mehr bedeutet als das Überlieferte. Grundsätzlich stört Familienzusammenhang individuelle Entfaltung freilich nicht. Dies liegt daran, daß jener ursprünglich überhaupt nicht der Daseinsebene angehört, auf welcher die Frage möglichen Fortschreitens sich sinnvoll stellt. Deswegen beeinträchtigt Familienbindung dort, wo die entsprechenden Gefühle sehr hoch entwickelt sind, wie in Europa bei den romanischen Völkern, die individuelle Freiheit prinzipiell überhaupt nicht und präjudiziert Nicht-Fortschrittlichkeit eines Menschen in bezug auf das, was dem Bereich der Tradition zugehört, ebenso grundsätzlich nichts über den Grad der persönlichen Selbständigkeit. De facto aber entsteht Konflikt überall und allemal, wo der Drang zur Äußerung des persönlich Eigenen vorherrscht. So hält die Großfamilie nur in relativ unindividualisierten Zuständen zusammen, und ist das Normale in hochindividualisierten Zuständen dies, daß jedes Individuum eine eigene und neue Familie gründet, deren Sonderseele vom jeweiligen neuen jungen Paare ihre Prägung erhält. So ist die Seele persönlich nur in dem Verstand, daß der Kern eines an sich Kollektiven einzig ist. Doch dieser persönliche Kern gehört nicht mehr der Region der Seele, sondern derjenigen des substantiellen Geistes an. Daher die psychologische Möglichkeit dessen, daß so viele Religionen und Philosophien ein geistiges un- oder überpersönliches Jenseits des Individuums behaupten: denn im Sinn der Eigenheit und Idiosynkrasie ist in der Tat nur die Seele persönlich. Unter höheren Religionen ist es sogar aus schließlich die christliche (von welcher, in diesem Zusammenhang betrachtet, die mohammedanische eine Abart darstellt), welche ausdrücklich eine Unsterblichkeit just der Seele annimmt. Soweit es sich hier nicht bloß um Nomenklatur handelt — und zweifellos handelt es sich nicht bloß darum — liegt dies an dem früher behandelten Kompensations-Verhältnis des subjektivistischen Christenglaubens zum objektivistischen Römertum, sonach um ein empirisch-zufälliges Verhältnis. Die richtig bestimmte Seele kann nicht unsterblich sein, denn sie gehört durchaus der Erd-Ordnung an (SM, IX).

Nichtsdestoweniger — wir sagten es schon — ist ein Fortschritt und Aufstieg des Menschen als Menschen nur im Körper seiner Seele möglich. Es war ein großer, wenn auch wohl begreiflicher Fehler des Menschen während jener ersten Jahrtausende, nachdem der Geist in ihn eingebrochen war, daß er sein Irdisches und Erdhaftes verleugnen zu können wähnte. Da stellt sich denn die Frage, wie jenes Wachstum der geistigen Persönlichkeit zustande kommt, welche jeder Geistbewußte als Ziel seines persönlichen Lebens anerkennt. Die Antwort lautet: sie kommt nie aus der Initiative des Einzigen allein zustande, sondern allemal durch seine Polarisierung mit dem, was er selbst nicht ist. Hier jedoch handelt es sich nicht bloß um jene Zurechnung des Nicht-Ich zum Ich, welche wir in bezug auf alle Schichten des Menschenwesens als Forderung hinstellten, sondern um ein Spannungsverhältnis. Aus der Spannung von Seele zu Seele, oder auch von Seele zu anderem, das sie tief ergreift, erfolgt jenes Neu- und Mehrwerden, welches Persönlichkeits-Entwicklung kennzeichnet. Solche Spannung aber manifestiert sich als solche immer auf der Gefühlsebene, oder sie ist nicht da. Leidenschaftsloses Interesse gibt es nicht. Desinteressiertheit hat dort allein positive Bedeutung, wo sie als Attribut sonnenhaften und nur in diesem Sinne zweckfreien Ausstrahlens in die Erscheinung tritt. Gleichgültigkeit ist, wie und wo immer sie sich äußere, ein recht eigentlich menschenunwürdiger Zustand, denn der Mensch als das Welt-offene Tier sollte von allem affiziert werden; nichts dürfte ihn unberührt lassen; nur Begabungsmangel entschuldigt sie allenfalls. Serenität und Gleichmut dürfen nur insoweit als Werte gelten, als diese Worte Drüberstehen über Kleinem und Kleinlichem und Gewachsensein großem und schwerem Schicksal dank Übermacht des Geistes bezeichnen. So wie diese Worte gewöhnlich verstanden werden, bezeichnen sie nicht Tugenden, sondern Verfallserscheinungen. Die vielbewunderte Serenität des Greises bedeutet selten Besseres als Erloschensein seelischer Glut, und der Gleichmut des vom Schicksal Getroffenen selten Besseres als Abgestumpftheit oder Abdankung. Obschon ich schon früher darauf hingewiesen habe (W, 45), möchte ich doch auch hier daran erinnern, wie Alt-China den Weisen kennzeichnete: durch eine Kombination der Ideogramme für Wind und Blitz: weise sei nicht der abgeklärte alte Mann, welcher alle Illusion verlor, sondern der dem Wind gleich unaufhaltsam vorwärtsstürmt und an keiner Station zu fassen ist; welcher dem Blitz gleich die Luft reinigt und, wo es gerade nottut, einschlägt. Ohne glühende Leidenschaft für seine Wahrheit und damit für deren Gegenstand, das Weltall, ist gerade kein echter Philosoph denkbar (PK, I), er, dessen Typus von der überwältigenden Mehrheit nach dem Bilde des kastrierten Maultiers vorgestellt wird. Gerade er befindet sich im intensivsten Spannungsverhältnis zum Nicht-Ich, da er es durch und durch erkennen und damit an ihm wachsen will. Nur der Seelenzustand des Gottsuchers ist ein noch gespannterer: bei der Unendlichkeits-Spannung, die zwischen Gott und Mensch besteht, und bei der brennenden Sehnsucht dieses Menschentypus nach Vergottung kann das nicht anders sein.1

So verläuft auch das geistige und geistliche Wachstum mittels der Leidenschaften der Seele. Nur dienen diese hier einem höheren Prinzip, als die Seele selbst eines darstellt: der geistigen Persönlichkeit.

1Ich möchte hier doch ausdrücklich auf die beiden zusammenhängenden Tagungsvorträge Spannung und Rhythmus und Ökumenische Spannung und Weltüberlegenheit in Wiedergeburt hinweisen, weil ich besser wie dort das Grundproblem der Spannung zu behandeln nicht in der Lage bin.
Hermann Keyserling
Das Buch vom persönlichen Leben · 1936
V. Das Prinzip der Polarisation und die Ehe
© 1998- Schule des Rades
HOMEPALME