Schule des Rades

Hermann Keyserling

Das Buch vom persönlichen Leben

V. Das Prinzip der Polarisation und die Ehe

Liebesglück

Der Ur-Zusammenhang der Menschen gehört der Elementarordnung des Lebens an. Deswegen sind nur Verbrecher oder Kranke wirklich asozial. Meist existiert Gemeinschaftsfeindlichkeit überdies nur scheinbar: entweder das Bewußtsein spiegelt die eigene Wirklichkeit nicht, oder aber Vorurteile und Vortäuschungen überschichten vorhandenes Erleben. Die Familie gehört der emotionalen Ordnung an; sie entspricht insofern, für das Menschenleben, ursprünglicher Notwendigkeit, und es beweist Entartung, wenn sie sich zersetzt. Anders steht es mit der Ehe. Diese kann sein oder auch nicht, ohne daß das eine oder andere Naturwidrigkeit bedeutete. Sie ist keine Notwendigkeit vom Standpunkt der Erdkräfte und von deren Entfaltung; von der Natur her beurteilt, ist sie freie Schöpfung. Sie gehört eben überhaupt nicht der natürlichen, sondern der spirituellen Ordnung an. Deswegen sehen alle höheren Religionen — auch die, welche zum Geschlechtsleben negativ stehen — in ihr ein Sakrament. Deswegen bedurfte das Zusammenfinden von Mann und Weib, auf daß es den Charakter einer Eheschließung gewänne, zu allen Sinn-verstehenden Zeiten der Einsegnung oder gleichsinniger Weihehandlung.

Denn die Ehe ist mit der Natur-Lebensform der Monogamie, der man bei so vielen Tieren begegnet, keineswegs identisch. Seiner ursprünglichen Neigung nach ist der Mensch, ob Weib, ob Mann, überhaupt nicht monogam; stellt er sich trotzdem in der Regel so dar, so liegt das beim Manne zumeist an ökonomischen und beim Weibe, an pädagogischen Erwägungen. Menschengemeinschaft kann vorzüglich ohne Ein-Ehe bestehen, wärmster Familienzusammenhang gleichfalls, und zur Kindererziehung ist sie grundsätzlich nicht vonnöten. Wohl bietet das Heim, in welchem ein Vater und eine Mutter in harmonischer Ehe zusammenwirken, die günstigste Wachstumsatmosphäre für die Seele, doch es ist nicht unvermeidbar notwendig, wie dies gerade jüngste Erfahrung dartut, auf Seelenwachstum Wert zu legen. Endlich verkörpert die Ehe vom Standpunkt persönlichen Liebesglücks nur in Ausnahmefällen das Ideal, weswegen große Liebende meist besonders wenig Verständnis für deren Tugenden gezeigt haben. Wer auf der Basis blinder Verliebtheit eine Ehe einging, wird nur in seltenen Ausnahmefällen nicht, früher oder später, um das ersehnte Glück betrogen; schon die Urzeit wußte dies: sonst endete im Märchen nicht jede Liebesgeschichte mit der Hochzeit, welche zur Sicherheit auch nicht auf heute, sondern auf morgen angesetzt wird. Die Antike kam niemals darauf, die Begriffe von Liebe und Ehe zu assoziieren. Als in der Provence die eigentliche Liebeskultur Europas ihre Laufbahn anhub, wurde sogleich statutarisch festgelegt, daß es wahre Liebe nur außerhalb der Ehe geben könne und dürfe. Und ähnlichen Motiven dankt der moderne Ehebruchs-Roman seine Entstehung. Das Mißverständliche dieser Auffassung werden wir später erweisen. Doch soviel ist gewiß auf Verliebtheit oder Verfallenheit, diese Zustände unverantwortlichen blinden Müssens, die als der Gana-Ebene zugehörig nur durch deren völlig ungeistige und amoralische Normen bestimmt werden, welche wesentlich endlich sind und durch Geisteinfluß nicht dauerhafter gemacht werden können, als sie von sich aus sind, kann Dauerglück unmöglich begründet werden. In der Tat, wäre Glück, so wie Verliebte und Verfallene das Wort verstehen, Sinn und Zweck der Ehe, dann wäre sie zwar wohl erfunden worden, denn alle Liebe projiziert ihre Intensität in den Wunsch ewiger Dauer hinein, oder stellt sie in der Verkleidung dieser vor, doch längst hätte aufgetürmte Enttäuschung sie diskreditiert. Der Sinn und Zweck der Ehe liegt eben ganz anderswo, als Verliebte wähnen. Das Glück, das sie gewährt, liegt in einer anderen Dimension.

Hier sind vieltausendjährige Vorurteile zu erledigen. Die Ehe bedeutet ihrem wahren Wesen nach keine Institutionalisierung der Liebe, wie in christlich-germanischen Ländern oft gewähnt wird, keine Konvention zwecks Hervorbringung legitimer Kinder, wie sie das Römische Recht verstand; ebensowenig eine ökonomische Arbeitsgemeinschaft oder einen Sozialkontrakt: bei der Ehe handelt es sich in erster Linie und wesentlich um frei auf sich genommene und bejahte spirituelle Bindung. Deswegen besitzen viele Sprachen nur ein Wort für Versprechen und Verlobung: wenn einer sich zur Ehe entschließt, so bindet er sich im genau gleichen Verstande, wie wenn er sein Wort gibt. Deswegen werden junge Mädchen unwillkürlich ernst dem Leben gegenüber, sobald sich die Frage der Ehe für sie stellt, denn die erste Vorstellung, welche ihr Anspruch in ihnen weckt, ist die der Verantwortung, deren Idee der gleichen geistigen Ebene angehört, wie das Versprechen. Gleichsinnig drückt der junge Franzose seinen Wunsch, zu heiraten, oft so aus, daß er sich rangieren will: nämlich in eine neue und wesentlich ernste Ordnung. Selbstverständlich hofft jeder junge Mensch in der Ehe vollkommenes Glück zu finden; sonst entschlösse er sich schwerlich zu ihr, und schon auf der Ebene der Pflanze versteht die Natur zu locken. Doch Frauen, die in allen Lebensfragen intimen Charakters viel tiefer und weiser sind als beinahe alle Männer, wissen andererseits zugleich instinktiv, daß bloßer Verliebtheit nachzugeben kein Glück gewährleistet; selten kommt es vor, daß sie nicht bereit wären, selbst starke Verliebtheit einem Glück zu opfern, das ihnen ernster scheint. Und tausendjährige Erfahrung beweist, daß sie damit beinahe ausnahmslos recht handeln. Das Glück, welches die Ehe gewährt, ist nicht Funktion der Liebe allein. Und andererseits hat es Liebes- und Geldheiraten und Standesehen und Vermählungen aus politischen und religiösen Gründen gegeben, welche alle zuletzt zu gleicher Art von Glück geführt haben. — Woran liegt das? Es liegt daran, daß das geistige Band der Ehe wenn nicht alle, so doch die allermeisten Triebe, Tendenzen und Beweggründe, welche zur Vereinigung der Geschlechter drängen, zu einer autonomen Synthese auf höherer Ebene zusammenfaßt. Sie ist damit ein Mittel der Integration des Vielfachen zur Einheit, welche Integration, wie wir im vorigen Kapitel sahen, das eine Ziel alles wesenhaften geistigen Strebens ist.

Welches ist diese besondere Tugend der Ehe, die ihr die Macht gibt zur Vereinheitlichung und Integration? Die schon mehrfach angeführte Renaissance-Theorie der Entsprechung von Mikro- und Makrokosmos in ihrem Wahrheitsgehalt wird uns am schnellsten den Weg zum vollen Verständnis weisen. Tatsächlich gehören Natur- und Menschenschicksal als integrierende Bestandteile der Gesamt-Weltordnung an; insofern hat jeder Teil notwendig am Charakter des Ganzen partipiziert. Im Ehe-Stand allein nun wird diese totale und integrale Teilhabe des Individuums am Weltengeschicke frei und freiwillig auf sich genommen und bejaht.

Alles höhere organische Leben beherrscht das Gesetz der Polarität. Nie jedoch können das männliche und das weibliche Prinzip so innig miteinander verschmelzen, wie sie es ersehnen, es sei denn für kurze Augenblicke. Und ebensowenig gelingt es einem der Pole je, dem Kraftfelde des anderen zu entrinnen. Ob aktuell wirksam oder nicht — ewig bleibt die Spannung zwischen den Geschlechtern die erste und letzte Instanz aller lebendigen Dynamik. Was schon von Tieren gilt, gilt vom Menschen in einem weit höheren Grad der Intensität. Denn in seinem Fall sind die natürlichen Beziehungen, über das, was sie für sich sind, hinaus, noch Ausdrucksmittel für die Bedürfnisse und Kräfte der Seele und des Geists. So verwandelt sich das allgemeine Geschick hier zum persönlichen Schicksal. Daher das Schicksalhafte aller Menschenliebe. Auf der Ebene bewußtgewordenen und bestimmenden Geists nun findet dieses Schicksalhafte der unentrinnbaren polaren Spannung, welche jeden Menschen an seinen Gegenpol bindet, seinen Ur-Ausdruck in der unauflöslichen monogamen Ehe, und in ihr allein. Eine leidenschaftliche Liebe stimmt nicht notwendig zum integralen Schicksal; sehr oft bedeutet sie ein direkt Exzentrisches, weswegen sie ein Leben häufiger zerbricht oder auf Abwege führt oder zur Entgleisung bringt, als erfüllt. Unter keinen Umständen ist Liebe das integrale Schicksal, denn nie gelangen in ihr und durch sie sämtliche aktiven und passiven Haltungen, Betätigungs- und Erlebnismöglichkeiten zum Ausdruck, welche ein Sonderwesen im Zusammenhang aller Wesen und Dinge definieren. Liebe ist wesentlich nicht Verantwortung, und ohne Verantwortung gibt es kein persönliches Schicksal. Andererseits schafft die sogenannte polygame Ehe das bipolare Kraftfeld nicht, das aus der Einehe den Spiegel des Weltschicksals macht. Und gar die Möglichkeit der Scheidung, die bei der Eheschließung mit in Betracht gezogen wird — von jener Prämeditation der Scheidung zu schweigen, welche den Schlüssel zum Rätsel so vieler modernen Heiraten darstellt —, nimmt der ehelichen Bindung alles Schicksalhafte. Deswegen ist diese, überall wo Ehe in unserem Sinne existiert, für wesentlich unlöslich, ja als unlöslich par définition erklärt worden, ganz unabhängig davon, ob es und welche praktische Mittel es gab, durch Scheidung oder Annullierung das Schicksal zu korrigieren.

Diese Unauflöslichkeit der Ehebindung bewirkt nun als solche und selbsttätig eine Identifizierung des persönlichen Schicksals mit dem Weltgeschehen. Fortan ist es nie mehr der Wunsch des Augenblicks, welcher an erster oder letzter Stelle zählte, immer ist es die Ganzheit des Lebens. Seinen Ur-Ausdruck findet dieses Verhältnis im Zusammenbestehen von dem Gatten gelobter Treue durch alle Neigungen und Interessen hindurch mit der für die Kinder übernommenen Verantwortung. Doch nicht anders verhält es sich im Falle sämtlicher wesentlicher Geschehnisse und aller Stadien auf dem Lebenswege: ist man einmal zu zweit vereinigt, dann ist es unmöglich, dieselben zu eskamotieren. Dann ist es unmöglich, sich außerhalb des ganzen Lebens zu stellen, dieses oder jenes auszuschalten oder nicht zur Kenntnis zu nehmen, mit den Zufällen der Stellung, des Vermögens, der Laufbahn nicht zu rechnen. Dann muß jeder bemerken, zuerst an seinem Gatten, dann in der Rückspiegelung an sich selbst, daß die Jugend flieht. Dann muß jeder seine Aufmerksamkeit auf das heften, worauf es im gegebenen Leben wirklich ankommt, denn von Augenblick zu Augenblick zwingt ihn dazu das Echo, welches Erleben und Geschehen in der Seele des Gatten finden oder wecken. Es ist ein Zeichen reifer Kultur, wenn Sitte fordert, gerade im Eheleben alles Distanzierbare zu distanzieren, denn in der intimsten Form möglichen Zusammenlebens wirkt alles Nicht-Ich, das nun einmal zum Ich gehört, durch Bindung an ein nächstes Du, das es zurückspiegelt, besonders beengend; hier hat der Wortlaut des Zeitwortes nahe-gehen besonders prägnante Bedeutung. Doch keine Distanzierung kann hier Schminke-artig verdecken. Und je größer die Rolle, welche Schminke sonst in einer Menschengemeinschaft spielt — das sogenannte mondäne Leben ist ganz auf der Fiktion aufgebaut, daß aufgetragene Farbe Natur sei —, als desto näher und wirklicher wird die Realität dessen empfunden, was das Intime berührt. Die Intimität ist die hohe Schule der Wahrhaftigkeit, zumal in deren schwierigstem Aspekt: dem des Ertragens der Wahrheit.

Andererseits aber macht das Erlebnis des unentrinnbaren Geschicks in Form eines ganz und rein persönlichen Schicksals dieses selbe Unentrinnbare wertvoll und kostbar. Dann gewinnt alles und jedes persönliche Bedeutung, gleichwie ein an sich wertloser Gegenstand, den einem ein geliebtes Wesen zur Erinnerung schenkte, durch diesen Umstand teuer wird. Sagt ein Mensch nun einmal also Ja zum Geschicke, dann vertieft und verinnerlicht er sich und gewinnt immer näheren Kontakt, welcher zuletzt zur Identifizierung wird, mit seinem tiefsten Selbst. Dieses Selbst ist eine spirituelle Wesenheit. Sein eigenstes Bereich ist das des Sinns und nicht des Tatbestands. Je mehr dieses spirituelle Prinzip im Bewußtsein bestimmt, desto mehr wird das ganze Leben auf eine höhere Ebene transponiert. Immer weniger zählen alsdann die Tatsachen als solche, immer mehr bedeutet der Sinn, den sie für bestimmtes persönliches und einziges Sein und Dasein haben. Dann aber mag das, was an sich traurig oder hart oder bitter ist, gar zur Grundlage hohen Glücks, ja zur Bedingung seiner werden. Nicht allein die materiellen Güter: sogar Krankheit, Trennung und Tod verlieren alsdann ihren ursprünglich eigenen Sinn. Unter allen Umständen hat oder gewinnt alsdann alles Erlebte persönliche Bedeutung, und diese Akzentlage als solche steigert und vertieft das Lebensgefühl. Deswegen ist die Erinnerung an alle durchgekämpfte Widerwärtigkeit, an alles überstandene Leiden schön oder süß, während die wenigsten Freuden überhaupt erinnert werden: insofern Freuden selten tief ergreifen, bleiben sie bedeutungslos, und die Erinnerung an sie ist schal. Deswegen behaupten die meisten — sogar Goethe hat es getan —, nur wenig Erfreuliches erlebt zu haben: sie haben nichts Dauerhaftes davon gehabt und darum erinnern sie sich nicht.

Selbstverständlich ist es nicht unerläßlich, verheiratet zu sein, um des Lebens tiefsten Sinn zu realisieren: Heilige, Helden, Forscher, Erkenner, Künstler gedeihen am besten in persönlicher Abgeschiedenheit. Warum, ward bereits früher erklärt: entweder sind sie so Gefühls- und Beziehungs-reich, daß kein Rahmen sie fassen kann; sie sind nur zum Ausstrahlen berufen. Oder aber ihr Kosmos-gewollter dauernder Gegenpol ist kein mögliches menschliches Du, sondern eine Aufgabe, ein Volk, das Weltall, Gott. Doch die Naturtatsache, daß der Mensch nur als Androgyne vollständig wäre — für die Natur machen erst Mann und Weib zusammen den Menschen aus —, bedingt, daß sich bei den allermeisten die ganze mögliche Dynamik des Lebens dann allein entfaltet, wenn die ursprüngliche polare Spannung zwischen den Geschlechtern sich in ihr in einer Dauerform auswirkt. Hier aber kommt deshalb das Eheleben grundsätzlich allein in Frage, weil es gerade das Bewußtsein der Unmöglichkeit, aus dem Kraftfelde auszubrechen, ist, welche Mann wie Weib dessen sämtlichen Einflüssen öffnet. Die Neigung des Menschen, den wahren Problemen und den wahren Schwierigkeiten des Lebens nicht ins Gesicht zu sehen, ist unermeßlich groß: kein Wunder, denn Vogel-Strauß-Politik vereinfacht die Existenz. Neunundneunzig unter hundert Menschenleben dann allein ihr ganzes Leben, wenn äußere Umstände sie dazu zwingen, und solcher Zwang muß äußerst stark und mächtig sein, damit die Initiative erwacht zur Wandlung und zum Aufstieg. Man erinnere sich der Geschichte jenes indischen Chelah, der sich bei seinem Guru, einem großen Rishi, darob beklagte, daß er trotz jahrelangen Übens noch nicht weitergekommen sei. Der Weise warf den Schüler in den heiligen Teich und hielt dessen Kopf so lange unter Wasser, bis daß er fast ertrunken war. Nachdem er sein Bewußtsein wiedererlangt hatte, sagte jener zu ihm:

Erst wenn du dich so stark nach dem Heil sehnst, wie unter Wasser nach Luft, wird es dir gewährt werden.

So ist es im allgemeinen das frei-willig auf sich genommene und innerlich bejahte Opfer der eigenen Freiheit, welches an sich gleichgültigen Geschehnissen Schicksals-Charakter verleiht. Und im Fall der überwältigenden Mehrzahl aller Menschen ist es einzig solche Bejahung der Unentrinnbarkeit eines äußeren Geschehens, welches dieses auf die spirituelle Ebene geistigen Schicksals hinaufhebt. Die Buddhisten haben am besten verstanden, warum der Junggeselle, ob männlichen oder weiblichen Geschlechts, kein vollständiger Mensch ist, denn sie stellen ihn unmittelbar dem — Mönch entgegen. Der Asket, welcher allem entsagte, ist nach buddhistischer Auffassung das vorgeschrittenste Wesen dieser Erde, weil sein ganzes Leben Disziplin und Verantwortung ist in Hinsicht auf letzte Vollendung. Der Junggeselle hingegen weicht der Verantwortung aus, oder er verleugnet sie; deswegen sei er, dem Verheirateten gegenüber, ein Mensch geringeren Werts; ja er habe von allen Menschen die geringsten Chancen, auf dem Pfad, der gen Nirvana führt, voranzukommen.

Doch will ich mit den letzten Behauptungen beileibe nicht sagen, daß die Eheschließung als Opfergang aufzufassen sei. Das Wesentliche am betreffenden Opfer, so weit es wirklich ein Opfer darstellt, ist ja gerade, daß es zugleich tiefste Selbstbehauptung bedeutet. Und nur letzteren Aspekt des Zusammenhangs kann und soll der junge Mensch bei der Eheschließung innerlich erleben. Der letzte Sinn des Sinngemäßen, das einer tut, offenbart sich immer zuletzt, und wird er vorzeitig bewußt, so kann er daran sterben. Alles Leben gleicht einer Melodie. Dem Sinne nach ist das Ganze vor den Teilen da, so wie es vom Ganzen her in der Seele des Tondichters entsteht; doch sie aktualisiert sich nur von Überraschung zu Überraschung als zeitlicher Ablauf. Da kann das Ende gar nicht vorweggenommen, da kann kein Takt außer der Reihe gehört, da kann das Ganze als solches gar nicht realisiert werden, außer im Abspielen der Takte und Sätze in der rechten Folge. Genau in diesem Verstande kann der letzte Sinn einer Tat erst spät oder am Ende eingesehen werden — nicht weil die Weisheit spät komme, sondern weil es zum Wesen dieses oder jenes Motivs gehört, erst im letzten Satze anzuklingen. Genau in diesem Sinn, und nicht etwa um der zu wahrenden Unschuld willen, ist verfrühte Aufklärung verfehlt. Genau in diesem Sinne bedeutet es Störung des Lebensrhythmus, wenn ein junger Mensch, welcher zu heiraten wünscht, dabei anderes spürt, als Sehnsucht nach persönlicher Erfüllung. Und diese soll er als Erfüllung von Liebessehnsucht vorstellen, er soll glauben, die Liebe als solche sei und schaffe alle Erfüllung, denn die anderen, ernsten und tragischen Motive dieser Symphonie klingen erst in einem späteren Satze an. So ist es in der Ordnung, wenn ältere Berater das Gefühl haben, daß sie an ihren jungen Hörern vorbeireden, indem sie sie über die Wahrheit aufklären: die Jungen können solche Wahrheit gar nicht anerkennen, denn zu deren Auffassung fehlen ihnen die Organe. Aus allen diesen Gründen bezeichnet denn nicht allein Liebe, sondern sogar Verliebtheit, ein so Oberflächliches letzterer Zustand sei, den für Normalmenschen normalen Weg zum Eingang einer guten Ehe. Hier ist noch das Folgende zu sagen. Junge Menschen haben wenig bewußte Gefühle und Strebungen, und diejenigen, welcher sie sich bewußt sind, sind überdies wenig differenziert. Ihre Seele stellt eine Art von Skizze dar: erst die Lebenserfahrung vollendet sie zum Gemälde. Doch man muß eben damit anfangen, was man hat, und normalerweise gilt im Alter, da junge Leute freien, das ausschlaggebende Interesse der Liebe. Alles andere entfaltet sich später, ein jedes zu seiner Zeit. Doch wenn die jugendliche Seele eine Skizze ist, so offenbart sie desto deutlicher und reiner die großen Züge des späteren Gemäldes. Deswegen sind es gerade die Jungen, welche, wenn sie ans Heiraten denken, am meisten das Wort Schicksal gebrauchen. Deswegen nehmen sie ihr Wählen und ihre Wahl viel ernster, als es erfahrene Männer und vor allem vielerfahrene Frauen tun. Die Jungen sind es denn auch — dies gilt jedenfalls von den meisten wohlgeratenen Mädchen —, die bei der Eheschließung an erster Stelle an den geistig-seelischen Sinn der einzugehenden Verbindung denken — das heißt, soweit sie denken.

Bei der Ehe handelt es sich sonach wesentlich um keine körperliche, auch keine seelische, keine soziologische oder gar politische Beziehung — obgleich die Schwiegermutter auf spanisch madre politica geheißen wird! — sondern eine spirituelle. Der Weiheakt, welchen die Eheschließung sogar in den Augen solcher erheischt, die an keine positive Religion glauben, bekundet als solcher, daß es sich hier um eine Bindung handelt, welche nicht der Natur-Ebene angehört. Die Ehe ist, in der Tat, wie dies die Zeit, in der das christliche Sakrament der Ehe in Deutschland Wurzel faßte, so tief verstand, daß sie sofort das einzig zutreffende Wort für ihren Tatbestand fand, ein richtiger Stand. Das heißt ein bestimmter Stand in der kosmischen Ordnung, welche auf geistiger Ebene alles Empirische, was Leben zu zweit zufallen mag, in eine Sinneseinheit einbezieht.1 Diese eine Tatsache rechtfertigt den Unterschied, der zwischen Ehe, Konkubinat, Liaison, Verhältnis usw. gemacht wird. Diese eine Tatsache begründet und rechtfertigt die Vorstellungen von Ebenbürtigkeit und Mésalliance. Insofern jeder ursprünglich einen bestimmten Standort in der Natur- sowohl als der Geistesordnung hat, kann Ehe die Erfüllung, die sie sein soll, nur dort bedeuten, wo die Gattenwahl dem Standorte entspricht. Das heißt, sie muß gerade auch dem Nicht-Ich, welches unablöslich zum jeweiligen Ich gehört, vollständig Rechnung tragen.

Da dieses Nicht-Ich bei wenig individualisierten Menschen im Bewußtsein weitaus überwiegt, so kann es gar nicht anders sein, als daß die in der Tradition verankerten Gesichtspunkte, die bei der Eheschließung in Frage kommen sollen, mehr unpersönlicher als persönlicher Art sind. Und auch heute noch bedeutet soziale, religiöse, weltanschauliche, ja pekuniäre Kompatibilität den meisten Europäern ein Wichtigeres als die individuelle; denn im großen und ganzen leben sie, von ihrem persönlichen Selbste her beurteilt, außer sich; nur in den kurzen Perioden des Hoch-Gefühls, deren im Falle der meisten wichtigste, wenn nicht gar einzige, mit der Hoch-Zeit endet, zählt das Persönliche bei ihnen überhaupt. Sonst nehmen sie es kaum ernst. Bestehe deshalb auch die beste persönliche Harmonie zwischen Gatten solcher Artung: herrscht in bezug aufs eigentlich Unpersönliche keine Übereinstimmung, dann ist bald das Unheil da. Doch auch bei höchstindividualisierten Menschen stellt sich das Ehe-Problem nie wesentlich anders. Beruht die Neigung, welche zwei Menschen zueinander fühlen, ausschließlich auf Persönlichem, dann ist gerade im Falle tiefster und leidenschaftlichster nichts weniger indiziert als eheliche Verbindung, denn der banale Alltag mit seinen Sorgen, der intime Kontakt außerhalb der Liebes-Spannung und die unvermeidliche Einordnung des Persönlichen in einen unpersönlichen Pflichtenkreis kann da die Beziehung nur schädigen. Hier liegt die ideale Lösung nicht darin, daß jeder Hans sein Gretchen kriege, sondern daß Abaelard und Héloise trotz respektierter Konvention einander all’ das Positive sein und geben können, was im Wesen ihrer Liebe liegt. Hieraus folgt nun aber wiederum nicht, daß ein romantisches Verhältnis gegenüber der Ehe ein Höheres sei: es ist ein anderes. Und das spezifisch Bildende und Beglückende, welches die Ehe bietet, gewährt jenes nie.

Es ist wohl zweckentsprechend, wenn wir gerade an dieser Stelle unserer Betrachtungen jenes besonders Bildenden und Beglückenden der Ehe in dem Zusammenhang gemäßer Abwandlung und Erweiterung noch einmal gedenken. Die Ehe-Bindung bezieht fast alle natürlichen Bestrebungen in eine höhere Synthese ein; nicht allein die biologischen, sondern auch die moralischen, sozialen, ökonomischen und die, welche den Menschen über sich selbst hinausweisen. Eine vollkommene Ehe entspricht in der Praxis formell in hohem Grade dem, was in der Theorie das ideale philosophische System wäre: alles hängt von Grund aus und durchaus zusammen. Doch das einzigartige Glück, welches Ehe bieten kann, hat überdies in spezifischen Tugenden seinen Grund, auf die wir noch nicht hingewiesen haben. Selbstverständlich heiratet man zur naturgewollten Zeit des Freiens, um miteinander jung zu sein. Doch das Glück, welches Ehe allein gewährt, liegt gerade im Älter- und Altwerden miteinander. Einem wohl abgestimmten Paar bedeutet die Flucht der Jugend kein Unglück: alles und jedes, bis zum Verfall der Kräfte, gewinnt da positiven Sinn. Jedes Stadium auf dem Lebenswege hat seinen vorherbestimmten, seinem Eigen-Sein entsprechenden Ort. Dies gilt gleichermaßen und gleichsinnig von Freude und Leid, denn beide hängen innigst zusammen (W, II, 7). Wir zeigten, daß in der Ehe das Welten-Geschick zu rein persönlichem Schicksal wird. Doch das ist noch nicht alles: die Ehe hebt das innere Schicksal grundsätzlich über das Natur-Geschick hinaus; sie konstituiert es als selbständige, ausschließlich der Region persönlicher Bedeutung angehörige Melodie, womit sämtliche Tatsachen als solche entwirklicht und zu Sinnbildern umgeboren werden. Dank dem braucht die Liebe, zwischen Freund und Freundin das erste und letzte Wort, in einer Ehe nicht diese Bedeutung zu haben. Mehr und mehr, je weiter das Leben voranschreitet, wird sie zu einem Elemente unter anderen; und sie kann zugunsten anderer an Bedeutung einbüßen, ohne daß die Innigkeit der Beziehung darunter litte. Im Idealfalle liegt der Hauptnachdruck zuletzt auf dem inneren Wachstum, welches ein Gatte im anderen in beglückter Teilnahme schaut und fördert. Eheleute, welche ihr Zusammenleben auf diese höchste Ebene hinaufgehoben und sicher darauf begründet haben, sind dem äußeren Geschick damit buchstäblich überlegen geworden; was immer solchen zufalle und widerfahre, sie sind miteinander glücklich, denn alles und jedes hat für sie positive persönliche Bedeutung. Doch mehr oder weniger haben alle Gatten, welche des wahren und eigentlichen Sinnes der Ehe überhaupt für sich inne geworden sind, an deren Eigen-Tugenden teil. Man redet viel zuviel von der Erziehung, welche Eltern den Kindern geben: ungleich wichtiger dünkt mich die, welche die Kinder den Eltern zuteil werden lassen. Durch ihr bloßes Dasein zwingen die Kinder diese zu einer Haltung, die ihrem Stand entspricht. Insbesondere fordern sie, daß jeder der Eltern sein wahres Alter zeige und betätige. Wieviele Töchter haben nicht ihre oberflächlichen Mütter durch den Rat überrascht, dieses oder jenes Kleid anzuziehen, weil es sie älter mache! Wieviele Väter hat blindes Vertrauen in ihre Umsicht und Tatkraft nicht in Verlegenheit gebracht! In der Tat erlebt die Frau ihre Vollendung in der allwissenden Mutter, welche unmöglich jung sein kann, und der Vater im Typus des waltenden Gottes. In einer Zeit irrsinniger Überschätzung der ersten Lebenshälfte scheint mir diese Erwägung besonders beherzigenswert, denn nichts fällt heutigen Menschen schwerer als älter zu werden, das Positive dieses Vorgangs zu sehen und so den Ablauf des Lebens als Aufstieg zu erleben.

Doch habe ich nicht nur die Erziehung der Eltern durch die Kinder im Auge, wenn ich vom Erzieherischen der Ehe rede — in einem anderen Zusammenhang äußert es sich noch bedeutsamer. Hiermit habe ich nun freilich gerade das nicht im Auge, was die in Deutschland so schauerlich grassierenden Schulmeister-Naturen an ihr loben: etwa daß Männer den Frauen alle Sentimentalitäten abgewöhnt, oder diese deren Fehler gebessert hätten: wer einer Frau ihr Frauentum aberzieht und in den Fehlern überhaupt Abzulegendes sieht, der ist nicht wert, daß man mit ihm über Persönliches rede. Ich meine jene wichtigste rein individuelle Heranbildung zur Persönlichkeit, die erst mit der Lebensmitte beginnen kann.2

Erst nachdem sich die Jugend vollendet hat, beginnt bei den meisten der Vorgang inneren Wachstums, dessen Ziel die persönliche Vollendung ist, welche jeder im tiefsten meint, wenn er das Wort braucht. Der Rhythmus des Werdens der Seele fällt mit dem des Körpers nicht zusammen, und der Rhythmus beider ist verschieden von dem des Geists. Dieser, als Wesens-Kern des Menschen, bestimmt aber letztlich. Er wird nicht älter, er wird jünger mit den Jahren, sofern unter Jugend Vitalität und Wachstumsfähigkeit verstanden wird. Und er vermag normalerweise erst von der Lebensmitte an den Gesamt­organismus des Menschenwesens zu durchdringen. Gerade hier nun kann das Kraftfeld der Ehe durch sein bloßes Dasein mehr bewirken, als jede Seelen-Behandlung. Mein Ehe-Buch enthält einen Aufsatz Die Ehe als analytische Situation, welchen zu schreiben ich Hans von Hattingberg gebeten hatte. Diese Arbeit ist freilich spezialistischer geraten als ich’s wünschte. Gerade unabhängig von aller Pathologie ist die Ehe die analytische Situation par excellence. Hier besteht dauernder Kontakt von Unbewußtem zu Unbewußtem; alle Motive spielen vom einen zum anderen hinüber, alle Komplexe reagieren sich wechselseitig ab. So dauert hier allein die Behandlung lange genug, um vollständig zu sein; hier allein klingen sicher alle Motive an, welche zum Zweck des Heilwerdens anklingen sollen. Echte Liebe ist ein Besseres als jene Übertragung, mittels welcher der Psychotherapeut so viele seiner Erfolge erzielt. Vor allem aber will der Gatte wirklich des Gatten persönlich Bestes, was beim Außenstehenden niemals gewiß ist. Das Problem des Analytikers stellt sich ethisch ernster, als allgemein zugestanden wird. Ganz abgesehen davon, daß ohne Anlage zu indiskreter Neugier, zu Sadismus und zu Machtmißbrauch so leicht keiner diesen Beruf ergreift: der Analytiker muß von Sprechstunde zu Sprechstunde schauspielern; jedem Patienten gegenüber vertritt er anderes, Vater, Mutter, Geliebte, Tante oder Lehrer. Da nun von aller persönlichen Beziehung die Echtheit das ausschlaggebend Wichtige ist, so ergeben sich hieraus allein schon viele Mißstände…

1Vgl. den Aufsatz des Grafen Paul Thun-Hohenstein Standesehe und den meinen, betitelt: Von der richtigen Gattenwahl im Ehe-Buch (Kampen auf Sylt, Niels Kampmann Verlag, Volksausgabe. Geschrieben 1925).
2Vgl. hierzu den Aufsatz C. G. Jungs Vom Werden der Persönlichkeit in Wirklichkeit der Seele, Zürich 1934.
Hermann Keyserling
Das Buch vom persönlichen Leben · 1936
V. Das Prinzip der Polarisation und die Ehe
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