Schule des Rades

Hermann Keyserling

Das Buch vom persönlichen Leben

V. Das Prinzip der Polarisation und die Ehe

Ebenbürtigkeit

Mehr will ich über diesen Aspekt des Problems nicht sagen. Nehmen wir jetzt den Gedankengang wieder auf, in dem wir die Ehe als einen besonderen Stand bestimmten. Ein Stand ist einzig vom Geist her zu bestimmen: dieser eine unanfechtbare Satz beweist den geistigen Urgrund der ehelichen Beziehung. Aber freilich kann Geist von sich aus jedes beliebige Element bevorzugen, herausheben, betonen und überbetonen, und meist hat er dies, so oder anders, mit schädigendem Endergebnis getan. Die Idee der Ebenbürtigkeit gibt an sich einer ewigen Wahrheit Ausdruck. Sie meint, grundsätzlich bestimmt, daß es der wenn nicht erreichten, so doch erreichbaren Niveau-Gleichheit hinsichtlich der Natur sowohl als der Kultur bedarf, damit die komplementären Pole der Mann-Weib-Beziehung sich wirklich entsprechen; insgleichen, damit das gleiche Niveau sich in der Nachkommenschaft fortsetze, denn dieses hängt mehr von der Familienatmosphäre ab, als von dem Blut. Mit dem Niveau nun hat es die folgende Bewandtnis. Jede begeistete Seele stellt einen Sinneszusammenhang dar, dessen Mittelpunkt so oder anders, höher oder tiefer liegen kann. Je nach der tatsächlichen Lage ist der Mensch oberflächlich oder tief, überlegen oder subaltern; der Überlegene steht naturgemäß über den Dingen, welche den Subalternen beherrschen. Der Mittelpunkt des fraglichen Sinneszusammenhangs ist der eigentliche Brennpunkt der Persönlichkeit; je nach seiner Lage, also je nach dem Niveau, erhalten alle Sondereigenschaften einen anderen Sinn. Er ist andererseits rein innerlich bedingt, aus der Natur nicht abzuleiten. Insofern stellt das Niveau recht eigentlich die empirische Basis aller Werte dar. Hieraus folgt denn, daß die erkannte Leitlinie eines Lebens an sich noch nicht genügt, um seinen Sinn zu bestimmen: es gilt vor allem zu erkennen, auf welcher Ebene sie liegt. Genau wie ein Piccolo, dem es beschieden ist, zum Oberkellner aufzurücken, dasselbe Horoskop haben mag wie ein Napoleon, genau so gibt das Niveau überhaupt dem irgendwie Bestimmten erst seinen letzten Sinn. Nun ist der Sinn des Ebenbürtigkeitsgebots sowohl als dessen prinzipielle Gültigkeit wohl klar: nur niveaugleiche Menschen können sich im Guten ergänzen. Erstens ergänzen sie sich im Fall von Niveauverschiedenheit nicht wirklich, denn gerade das für das Zusammenstimmen Wesentliche fehlt. Zweitens und vor allem zieht, gemäß dem Übergewicht der Schwerkraft auf Erden, das Niedere das Höhere naturnotwendig herab. Es ist unmöglich, Niederes und Höheres zur Harmonie zu bringen auf der Basis der Gleichberechtigung: entweder dieses gewinnt die Oberherrschaft oder jenes. So ist denn Niveaugleichheit das Minimalgesetz der richtigen Gattenwahl.1

Die wahre Ebenbürtigkeit besteht sonach in der Niveaugleichheit. Damit ist klar, daß die Ebenbürtigkeitsforderung absolut berechtigt nicht allein, sondern daß sie zwingend ist, wenn anders der Ehestand seine höchsten Tugenden auswirken soll. Da jeder Einzelteil eines Menschen von dem Gesamtniveau seinen Sinn erhält, so ist es recht eigentlich sinnwidrig, einen Menschen zu freien, und stimme man im einzelnen noch so gut mit ihm überein, welcher als Ganzes unter einem steht. Dies kann nimmer gut ausgehen, vom Standpunkt der Gatten sowohl als von dem der Nachkommenschaft. Da Seele notwendig auf Seele wirkt, und Gen auf Gen, so muß die unebenbürtige Ehe mit seltenen Ausnahmen zur persönlichen Herabminderung und zum Kulturrückgang der Rasse führen. Dies haben alle Völker mehr oder weniger stark und deutlich gefühlt. Doch die allermeisten Menschen waren von jeher äußerlich, und so wüßte ich von keiner historischen Norm, die sich nicht als letztlich verfehlt und schädigend erwiesen hätte. Im Laufe unserer Betrachtungen über die Familie stellten wir fest, daß die Ehe aus deren Rahmen herausfällt, weil sie grundsätzlich in einer Verbindung von Individuen nicht gleicher Abstammung besteht, die einander persönlich, aus persönlicher Zuneigung wählten und nicht von Hause aus zusammengehören; sie ist also weder ein Problem des Kollektivums überhaupt, denn gerade auf dem Persönlichen ruht hier der Nachdruck, noch insbesondere der Verwandtschaft. Was letztere betrifft, so beweisen die strenge Exogamie fordernden Gesetze der meisten Primitiven, daß sich die menschliche Ur-Natur dieses Umstandes instinktiv bewußt ist. Der Sinn und Grund seiner liegt in einer Steigerung dessen, was schon bei Protozoen nach einer bestimmten Zeitdauer der Vermehrung durch Teilung Verschmelzung mit anderen Tieren fordert: nämlich in der Erforderlichkeit der Erhaltung und Steigerung der Spannung. Leben ist ein Spannungsphänomen; dauernden Ausgleich schafft allein der Tod; von Gleichgewichtsmangel zu Gleichgewichtsmangel strömt es in die Zukunft hinaus. So fordert die Fortpflanzung die Vereinigung mit Fremdem. Nur darf es nicht so fremd sein, daß es den Typus sprengt und jedes Gleichgewicht vernichtet; in letzterem Fall erfolgt buchstäbliche Zersetzung oder Artentod. Praktisch nun ergibt sich aus der Notwendigkeit der Spannungs-Erhaltung einerseits, und gleichzeitiger Nicht-Gefährdung des Grundgleichgewichtes andererseits, die Erforderlichkeit der Alternanz von Perioden der Inzucht mit solchen der Blutmischung. Im Kapitel Blut der Südamerikanischen Meditationen schrieb ich darüber das Folgende (S. 87/88):

Jedes Kulturvolk hat sich auf irgendeiner Stufe an den Normen der Ebenbürtigkeit oder Rassenreinheit orientiert. Damit tat es jedesmal recht, solang die besondere Periode eines stabilisierten und dabei vitalen besonderen Gleichgewichtszustandes währte. Nie aber währte sie lang; bald bedingte Fixiertheit Erstarrung und Vitalitätsverlust. Dann lag die Rettung, falls solche überhaupt noch möglich war, allemal in der Verjüngung dank Orientierung an den entgegengesetzten Normen. So finden wir in entgegengesetzten Zuständen entgegengesetzte Ideale im gleichen Sinne heilsam wirkend. Hat der Vollmensch alter Kultur allen Grund, auf Rassen-Reinheit und Ebenbürtigkeit zu halten, auf daß kein fremdes Gen das bestehende optimale Gleichgewicht erschüttere, so fordert gesunder Instinkt überall, wo Neues entstehen soll, Mischung. Dieser Instinkt leitete die Eroberer des alten Römerreiches; so entstanden die heutigen Kulturvölker. Gleicher Instinkt läßt Nordamerika alle Kasten- und Rassenvorurteile im Rahmen der weißen Menschenabart ablehnen. — Was hier von Völkern gilt, gilt ebenso von Familien und Einzelnen. Bedeutende Individuen sind immer aus der Art Geschlagene, denn keine Art als solche ist bedeutend. Ihre Bedeutung hängt, soweit sie biologisch faßbar ist, von einem höheren vitalen Spannungsgrade ab, und dies ist der Grund, warum hohe Begabung so oft mit gemischtem Blut zusammengeht, warum alle hervorragenden Völker der Geschichte aus besonders günstiger Blutmischung hervorgingen, ihren Höhepunkt zu der Zeit erlebten, wo die Spannung, welche jene bedingte, in besonders günstiger Ratio stabilisiert war, und ihre Bedeutung proportional dem Ausgleich und damit Nachlassen der Spannungen im Nationalcharakter einbüßten.

Je mehr nun auf dem Individuellen und Persönlichen der Nachdruck liegt, je mehr Aufstieg und nicht Erhaltung von Bestehendem Ziel ist, desto mehr sollte bei der Eheschließung das Motiv der Ergänzung an die Stelle dessen der Artgleichheit treten; Niveaugleichheit sollte Minimalforderung sein bei aller Gattenwahl, und die Vermählung mit einem Partner höheren Niveaus das Ideal, denn nur solche dient der Rassenhöherzucht. Leider aber ist wahre Einsicht in Europa immer nur ausnahmsweise am Werk gewesen, und auch dort ist schwer zu entscheiden, ob nicht mehr Glück als Verstand dabei beteiligt gewesen war; ich denke hier zumal an die nie vorauszusehende Übertragbarkeit des Niveaus eines bedeutenden Stammvaters durch mehrere Generationen. Meist ist gerade das Ausschlaggebende — die Niveaufrage — gar nicht berücksichtigt und aller Nachdruck auf Partielles oder Äußerliches gelegt worden. Meist ist das Niveau nicht nach dem Maßstabe dessen, was es wirklich bedeutet, sondern nach dem der äußeren Stellung, der auf dem Papier nachweisbaren Abstammung, dem des Ansehens eines Namens, des Vermögens, der Beschäftigung, der Ansichten, ja der rein zoologisch bestimmbaren Rasse bemessen worden, also so verkehrt als irgend möglich. Daß dies zu keinen katastrophalen Konsequenzen geführt hat, liegt einzig daran, daß im Falle aller, außer der drei letzten Motive, echtes höheres Niveau in irgendeinem Verstande wenigstens bei Vorfahren vorlag, an dem die Erben desto häufiger teilhatten, vor je kürzerer Zeit jene Vorfahren lebten. Doch je länger die fragliche Zeit, desto mehr entspricht Berufung auf gute Abstammung dem Geist der kapitolinischen Gänse. Die innere Gespanntheit und Vitalität des Familientypus läßt bald so weit nach und fixiert sich zuletzt so sehr in reiner Mittelmäßigkeit, daß sogar Aufkreuzung mit Götterblut solchen Geschlechtern keine bedeutenden Kinder mehr entlocken könnte, denn dem Geist der Erde entspricht das Niedere und Mittelmäßige weit besser als das Erhabene. Wer also ausschließlich Pastoren oder Professoren oder Juristen zu Vorfahren hat, der ist, wenn nicht töricht, so doch sicher kein Vollmensch, sondern ein Fragment.

Hier habe ich vor allem den Aspekt möglicher Nachkommenschaft, also der körperlichen Übertragung, betont; aber was in bezug auf die Kinder gilt, gilt natürlich erst recht hinsichtlich der gegenseitigen psychischen Beeinflussung, Steigerung oder Herabminderung von Mann und Frau. Die so tiefsinnige Idee des Standes ist gerade in Deutschland so lange schon verkannt worden, daß darum allein schon eine echte Standesehe bei uns zu den allergrößten Seltenheiten gehört. So muß denn vieles besser verstanden und von dort aus real anders werden, damit die Ehe wieder das bedeute, was sie bedeuten kann. Daß sie in den letzten Jahrzehnten fortlaufend an Prestige und Würde eingebüßt hat, ist kein Wunder: ein Wunder ist vielmehr, daß dies nicht in noch höherem Grade geschehen ist. Es gilt also, die Ehe zu restaurieren auf einer den neuen psychologischen und soziologischen Umständen entsprechenden neuen Ebene.

1Obige Betrachtungen über den Sinn von Niveau sind ein Zitat aus meinem zweiten Aufsatz im Ehe-Buch, welcher auch sonst vieles näher ausführt, was ich hier nur in seinen großen Zügen behandeln kann.
Hermann Keyserling
Das Buch vom persönlichen Leben · 1936
V. Das Prinzip der Polarisation und die Ehe
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