Schule des Rades

Hermann Keyserling

Das Buch vom persönlichen Leben

V. Das Prinzip der Polarisation und die Ehe

Ehe als Kunst

Wir haben uns hier vielleicht ein wenig mehr, als die strikt verstandene Thematik eines Buchs vom persönlichen Leben fordert, mit dem Problem der Eheschließung beschäftigt.1 Für das persönliche Leben steht natürlich das Problem der Eheführung gegenüber dem vorhergenannten voran. Und gerade da erweist sich die Geistigkeit des Ehe-Bands: ohne echte Kunst gelingt keine Eheführung, und die Kunst ist auf Erden recht eigentlich die Eigen-Ebene des Geists. Doch auf dieses letzte Problem können wir hier noch nicht unsere Aufmerksamkeit konzentrieren: das kann erst im vorletzten Kapitel dieses Buchs geschehen. Dieses Kapitel wollen wir damit beschließen, daß wir unsere Sondererkenntnisse über die Ehe in den allgemeinen Rahmen des Problems der Polarisation wieder hineinbeziehen. Zum besten Übergang wird uns die Betrachtung einer besonders wichtigen, aber auch besonders häufig falschverstandenen Seite des Problems der Ehe als Kunst dienen. Richtig verstandenes und geführtes Ehe-Leben verstärkt gerade nicht die Neigung, sich auf der Ebene des nur im oberflächlichen Verstand Persönlichen festzulegen: es lehrt vielmehr die meisten derer, welche überhaupt bildungsfähig sind, schneller und leichter als alles andere, dieses vom tief-Persönlichen zu unterscheiden. Ist nämlich die Ehe unlöslich, dann muß jeder verständige Mensch darnach trachten, sie auf solcher Ebene zu begründen, wo die störendsten Konflikte sich erledigen; das aber ist einzig und allein die Ebene der geistigen Persönlichkeit. So erzieht die rechtverstandene und -gefühlte Ehe unwillkürlich auch dazu, das vom Geiststandpunkt Unter-Persönliche nach Art eines Tieres zu behandeln und die Ehe-Beziehung in ihrer Einzigkeit so herauszuarbeiten, daß gerade die eingehaltene Bindung frei macht. Als Illustration dessen, was hier ist oder sein soll, diene die Eifersucht.

Als Tier ist jeder Mensch eifersüchtig und soll es sein; denn da er als Erdwesen eben Tier ist, so hat jede Frau recht, welche einem Mann, der sie zu lieben vorgibt, nicht traut, falls er tatsächlich keine Eifersucht kennt. Doch andererseits kann diese Eigenschaft ihrem Wesen nach nur dem Tier im Menschen eignen; deswegen ist es buchstäblich irrsinnig, ihre Konflikte persönlich zu nehmen. Da gibt es nur ein richtiges Verhalten: das Tier an gefährlichem Ausbrechen zu hindern. Und da dieses nicht klüger ist, als andere Tiere auch, so gelingt es bei genügender Lebensweisheit leicht. Der Mann darf der Frau, welche ihn liebt, und umgekehrt, nie zeigen, was Eifersucht verderblich aufflammen lassen könnte. So verbot und verbietet es die noch heute in Frankreich zum Segen der Ehen fortwirkende Tradition des 18. Jahrhunderts dem Gatten, zugegen zu bleiben, wenn seine Frau einen anderen Mann empfängt. Die Frage, ob ein Partner zur Eifersucht Grund hat, stellt sich vernünftigerweise überhaupt nicht: als blinde Naturkraft hat die Eifersucht immer Grund zum Ausbrechen, sobald die entsprechenden Reize auf sie einwirken, so wie der Stier automatisch wütend wird, wenn er ein rotes Tuch sieht. Diese überaus wesentliche Scheidung zwischen dem Tier und dem persönlichen Menschen in sich nun lehrt die Ehe tiefe Menschen heutiger Bewußtheitsstufe unwillkürlich vornehmen. Keiner, welcher für die moralische Zukunft zählt, glaubt noch an jenes Besitzrecht eines Gatten auf den anderen, jene scheußlichste aller Ausgeburten des Unterweltgeists, mit welchem frühere Zeiten das Problem zu lösen unternahmen. Ich weiß von keinem bedeutenden Manne und von kaum einer bedeutenden Frau irgendeiner Zeit, welche buchstäblich die eheliche Treue gehalten hätte. Denn hier hat Christus recht mit seinem Spruch:

Wer da ein Weib ansiehet, ihrer zu begehren, der hat schon die Ehe gebrochen mit ihr in seinem Herzen.

Und nichts beweist größere moralische Oberflächlichkeit, als jene Sophistik, dank welcher Frauen, welche gerne alles bis auf das eine gewähren, sich für treu halten. Die sinngemäße Lösung des Dilemmas liegt unter gar keinen Umständen in einer Restauration der alten, harten und starren Normen: sie liegt dort, wo sie meistens liegt, in einer Richtigstellung der Bezeichnungen. Und das bedeutet für diesen Fall: in einer tieferen Fassung des Treue-Begriffs. Treue in der Ehe darf nur mehr als Treue zur spezifischen Ehe-Bindung verstanden werden. Von dieser richtigen Bestimmung aus geurteilt, erscheint nun der, welcher sich aus dem Gefühl der Eifersucht oder des Betrogenseins heraus scheiden läßt, viel untreuer als der Ehebrecher. Worauf es wirklich ankommt, ist die Ehebindung als solche zu pflegen und ihre Schädigung zu verhüten. In diesem Zusammenhang aber bedeuten Aufmerksamkeit, Einfühlung, Takt, Rücksicht, Verständnis, Helfen- und Fördern-Wollen ein weit Wichtigeres als Treue im üblich-buchstäblichen Verstand.

Jede polare Spannung und damit jedes polare Verhältnis wirkt sich eben in allen seinen positiven Möglichkeiten nur dann aus, wenn es sich rein darstellt; wenn so genaue Entsprechung zwischen Voraussetzung, Funktion und Ergebnis besteht, wie in einer richtig angesetzten Gleichung. So stellt die Ehe nicht das Generalideal aller möglichen Beziehungen zwischen den Geschlechtern dar, sondern sie bezeichnet ein ganz bestimmtes, von anderen qualitativ verschiedenes Spannungsverhältnis. Daß wir die Ehe ausführlicher, als alle anderen möglichen Beziehungen, behandelt haben, liegt an der ungeheuren Bedeutung für das persönliche Leben gerade dieser persönlichen Beziehung zwischen Menschen. Nun aber geht andererseits aus unserer genauen Untersuchung dieser Beziehung implizite hervor, daß die Ehe ein richtiger Beruf ist, zu dessen meisterhafter Ausführung es der inneren Berufung bedarf. Die hat nicht jeder, und so sollte es seitens der öffentlichen Meinung verurteilt werden, wenn Menschen heiraten, welche seelisch — nicht allein physiologisch — nicht dafür geeignet sind. Die, welche keine Berufung zur Ehe haben, sind andererseits aber die, welche typischerweise andersartiger schöpferischer oder fruchtbarer polarer Beziehung besonders häufig fähig erscheinen. Hier wurzelt die Wahrheit der Idee des Zölibats für geistlich Strebende. Ich habe nie verstehen können, wieso ehrliche Menschen, welche Bescheid wissen könnten, es über sich bringen, den Unsinn nachzuplappern, daß die geschlechtliche Energie in spirituelle umzusetzen sei. Jede differenzierte Funktion äußert sich, um welche Schichten immer es sich handele, ausschließlich auf ihrer Sonderebene auf die ihr angemessene Art; ein direktes Umsetzen von Körperlichem in Geistiges gibt es nicht. Im hier betrachteten Sonderfall liegen die Dinge ganz anders und sehr viel einfacher, als meistens angenommen wird: wer dazu berufen ist, Yogi oder Heiliger zu werden oder Gott zu schauen, ist meist ursprünglich so organisiert, daß seine Grundpolarität ein Zurücktreten des Physischen fordert; unterdrückt also ein solcher seinen Geschlechtstrieb, so befreit ihn das. Bei jedem anderen hingegen führt Gleiches zu verderblicher Verdrängung. Darin liegt noch ein Vorzug der Ehe für die allermeisten Menschen: indem sich der Geschlechtstrieb in ihrem Rahmen einerseits befriedigt, erfährt die Befriedigung andererseits in ihm doch nicht die Überbetonung, welche, wie Bertrand Russell einmal richtig bemerkt hat, für illegale Beziehungen so charakteristisch ist. Bei Mystikern trifft es buchstäblich zu, daß Gott oder Göttin die ihnen entsprechenden Liebesgegenstände sind. Von hier aus können wir denn endlich auch das sogenannte sachliche Interesse in den Zusammenhang persönlichen Lebens richtig einstellen. Es gibt überhaupt keine wirklich sachlichen Interessen, welche der Rede wert wären. Sieht einer seinen Lebensberuf in der Philosophie oder Geschichte oder Kulturkunde oder Naturforschung oder der Staatsführung oder der Kunstausübung, dann bedeutet dies, daß seine Sonderstellung im Kosmos ein ähnlich gespanntes Polaritätsverhältnis zwischen ihm und seinem Interessenbereiche setzt, wie solches sonst zwischen einander liebenden Menschen besteht. Ein solcher Mensch wächst an seiner Arbeit, seinem Berufe, seinem Amt, wie ein anderer an einem geliebten Weibe wächst. Und genau im selben Sinne, wie das normale Ergebnis der Geschlechtsliebe das Kind ist, ist es beim geistigen Schöpfer das Werk. Doch auch hier hüte man sich vor Verallgemeinerung: wie gerade die glühendsten Liebesbeziehungen kinderlos bleiben müssen, um ihren Sinn zu erfüllen — alle Bedeutung liegt hier nur darin, was ihre Liebe für die Liebenden selbst bedeutet —, so ist nicht jeder, der sich in geistigen Beziehungen auslebt, geistig schöpferisch. Der Kontemplative, der Gottestrunkene, auf niederster Stufe der Kunstgenießer entspricht auf der Ebene geistigen Erlebens dem Liebhaber im Unterschied vom Gatten, oder aber dem Weibe im Gegensatz zum Mann. Und man schätze den tief Erlebenden, aber Nicht-Schöpferischen ja nicht deshalb geringer ein: im lebendigen Kosmos entspricht der Kontemplative dem Täter, der begeisterte Zuhörer dem Dichter, der Versteher dem schöpferischen Philosophen, der Gläubige dem Religionsstifter im Sinne echter organischer Korrelation.

Wir werden die Behandlung des für das persönliche Leben entscheidend wichtigen Problems der Polarisation im nächsten Kapitel fortsetzen und soweit als möglich zu Ende führen. Halten wir hier vor allem dieses fest: auch als geistige Persönlichkeit ist der Mensch eine Beziehung und keine Monade; niemals ist er allein und nichts vermag er aus sich selbst allein. Um persönlich zu wachsen und voran- und höher hinanzukommen, bedarf er der Mitwirkung der ganzen Welt. Eben deswegen kann er im Höchstfall deren Angel sein.

1Das Problem der Ehe hat soviele Aspekte, daß nur polyphone Behandlung seiner es einigermaßen erschöpfen kann. Dies ist dank der Zusammenarbeit von 24 verschiedenen Geistern in verschiedenen, genau aufeinander abgestimmten Fragestellungen im Ehe-Buch geschehen, dessen Lektüre ich jedermann, der es noch nicht kennt, als Ergänzung vorliegender Betrachtungen ans Herz legen möchte. In der ersten Niederschrift dieses Kapitels, welches ursprünglich nur von der Ehe handeln sollte, wurden noch weitere Sonderaspekte des Eheproblems berücksichtigt, deren Betrachtung im Text dieses Buches die erweiterte Fragestellung der Endfassung verbietet. So wähle ich den Ausweg, einen Teil des 1934 Geschriebenen in Form einer Anmerkung beizufügen.
Die Geschichte verläuft oft einem Gesetz gemäß, welches dem des musikalischen Kontrapunkts vergleichbar ist. So hat Leonie von Ungern-Sternberg in ihrem schönen Beitrag zum Ehe-Buch das Problem der Ehe der Zukunft sehr glücklich dahin bestimmt, daß der unvermeidlichen Mechanisierung oder Gleichschaltung des äußeren Lebens Personalisierung des Innenlebens entsprechen müsse; dann allein könne Niedergang vorgebeugt werden. Die Institutionen als solche verlieren, in der Tat, immer mehr ihre bildende Kraft. Es liegt im Wesen unserer Zeit, schreibt Frau von Ungern, daß die objektiven Normen sich vom Lebendigen als solchem lösen und nur noch Werkzeuge des Lebens formen. Alle Gebrauchsgegenstände werden mehr und mehr auf gewisse Typen gebracht, wie sie zur Zeit des Handwerks undenkbar waren. Aber die rein menschlichen Beziehungen entziehen sich immer mehr festen und hergebrachten Formen. Es gibt normalisierte Kochherde, Schreibpulte und Automobile, aber keine normalen Ehen mehr. Das äußere Leben spielt sich immer mehr gemäß entsprechenden Schemen ab. Alles aber, was nicht zur Erhaltung der Gesellschaft als wirtschaftlich fundiertem Ganzen dient, was nur persönlich ist, wird der objektiven Stützpunkte beraubt, wird auf reine Spontaneität, wache Bewußtheit und Tapferkeit gegründet… Das Eigenleben der Institutionen erstirbt; sie sind kein Rahmen mehr, in dem der Mensch emporwachsen kann, aber auch kein Schicksal mehr, das ihn zerbricht. In Deutschland geben sich viele der Einbildung hin, daß obige auf westliche Zustände hin geschriebene Betrachtungen hier nicht gelten: in Deutschland gelten sie mehr als irgendwo, denn in keinem anderen Lande erfolgt die Gleichschaltung mit gleicher Vehemenz und Suggestionskraft. Deswegen stellt sich das Problem kompensatorischer Personalisierung des Innenlebens bei uns am akutesten und schicksalschwangersten. Andererseits aber ist in Deutschland die echte Standes-Ehe, und das will sagen die einzige überhaupt echte Ehe, von allen Ländern Europas am ehesten neu zu begründen, weil einerseits der aristokratische Gedanke eine Wiedergeburt erlebt, und weil andererseits extreme äußere Gleichschaltung im persönlichen Menschen mehr als seit Jahrhunderten den Sinn für die Bedeutung des rein Persönlichen weckt oder doch bald wecken wird.
Der Individualismus des 19. Jahrhunderts hat sich auch in der Ehe ad absurdum geführt, und aus den gleichen Gründen, wie auf den in früheren Kapiteln behandelten Gebieten: weil er dem Nicht-Ich, das unablöslich zum Ich gehört, nicht Rechnung tragen wollte. Und hier erwies es sich auf besonders bittere und schmerzliche Weise, daß vom Nicht-Ich nicht abgesehen werden kann, weil dieses Absehen zum vermeintlich Besten des Persönlichen geschieht und nun gerade dieses leidet. Das Ende jeder Liebe tut weh. Ist nun aber eine ihrem Wesen nach zu Dauer bestimmte auf Verliebtheit gegründet, als welche nicht anhalten kann, so ist späteres Unglück unvermeidlich. Scheidung mit ihrer Publizität ist aber allemal etwas Häßliches, jede feinere Seele tief Verwundendes. Sehen Frauen nun gar in der Ehe nichts als ein möglichst kurzes Abenteuer, ist dementsprechend der Scheidungsprozeß ihr Element, wie dies von so vielen Amerikanerinnen gilt, dann verrohen sie so, daß man im Extremfall sagen kann: von allen Dirnen sind die sich ewig wiederverheiratenden anständigen Frauen die wenigst achtbaren. Überdies aber sind sie innerlich allemal elend. Die Individualisten indes, gleichviel welchen Geschlechts, die ihre verfehlte Grundeinstellung dadurch zu korrigieren trachten, daß sie eine beliebige Ehe aushalten und ihre ganze innere Erfüllung außerhalb derselben suchen, fahren nicht besser, denn die Intimität der Ehebeziehung bindet sie doch an Haupt und Gliedern. Es gibt nur eine wirkliche Lösung des Eheproblems: nicht den falschen Menschen zu freien und mit dem richtigen unlöslich verbunden zu bleiben, was immer geschehe. Diese Lösung, welche dem Sinn nach die der ältesten und besten Tradition ist, gewährleistet allein dauerndes Glück.
Nur setzt gerade die traditionelle Lösung auf der heutigen Bewußtheitsstufe andere Zahlen zur Eintragung in die algebraische Gleichung voraus, als dies vor der Emanzipierung des Individuums der Fall war. Es setzt gerade die Errungenschaften des individualistischen Zeitalters voraus. Jene Personalisierung des Innenlebens, welche zur Kompensierung der unausweichlichen Mechanisierung oder Gleichschaltung des Äußerlichen unerläßlich ist, wenn der heutige Zustand nicht zum Niedergange führen soll, setzt voraus, daß nunmehr das Individuum selbständig, selbstherrlich, aus freier Initiative von sich aus tue, was ihm früher Tradition oder die Weisheit Anderer und Älterer abnahm. Daß also das Individuum auch hier, in diesem persönlichsten Falle, das Nicht-Ich bewußt in sich hineinbezöge. Und das ist möglich. Das ist hier sogar besonders gut möglich, gerade weil tiefste persönliche Interessen den Ausschlag geben, weil gerade das tiefste Ich mit dem Nicht-Ich zusammenhängt. Wirklich eingesehene Irrtümer hören auf zu bannen, klare Erkenntnis zeitigt von selbst entsprechende Entschlußkraft; vom Bewußtsein her wird so, durch einen unwillkürlich verlaufenden Prozeß, das Unbewußte umorientiert, neu eingestellt, verwandelt. Und so erfolgt auf die Dauer ganz von selbst das hier entscheidend Wichtige: die dem Nicht-Ich entsprechenden, auf dieses bezogenen Strebungen werden aus der Verdrängung herausgehoben und neu vitalisiert. Dieses durchaus nicht Irrationale ist es, was die so viel und laut geforderte Wiedergeburt des Instinktiven tatsächlich bedeutet. Mitnichten liegt in Neuüberantwortung an das blinde Müssen das Heil, sondern im genauen Gegenteil dessen: in einem persönlichen Integrationsprozeß, einem Integrationsprozeß im persönlich höchstbewußten Individuum. Nur solcher kann eine neue und bessere Lösung irgendeines Gemeinschaftsproblems bewirken. Im Falle dessen, welches die Ehe stellt, diese persönlichste und intimste aller Gemeinschaftsformen, ist aber diese Apokatastasis, diese Wiederbringung des Nicht-Ich zugleich der eine Weg zum rein-persönlichen Glück. Die folgende zusammenfassende Formel macht wohl am deutlichsten, was hinfort, und zwar zum erstenmal in der Geschichte, grundsätzlich möglich wird: das normale Zusammenfallen von Liebes- und Standesehe.
Noch einige wenige Worte über das Problem, ob sich die Form der Ehe in der Zukunft wenig oder viel oder gar nicht zu wandeln hätte; es bedarf nur weniger Worte, da das meiste dessen, was in diesem Kapitel auszuführen unterlassen wurde, im Ehe-Buche erschöpfend behandelt steht. Die Zeit ausschließlichen Besitz-Rechts eines Menschen auf den anderen ist selbstverständlich um. Es ist indessen mehr als unwahrscheinlich, daß sich die Institutionen als solche wesentlich ändern sollten. Seit Adam und Eva, die doch vor recht langer Zeit schon diesen Planeten bewohnten, hat sich sehr wenig in diesem Sinn geändert; und was sich fortan ändern sollte, wird unter allen Umständen geringfügig sein gegenüber dem, was unverändert beharren wird. Was sich hingegen wesentlich ändern wird, ist die Auffassung der Dinge. Immer mehr wird die öffentliche Meinung ebenso large urteilen, wie es die großen und freien Geister von jeher taten; immer mehr wird sich entsprechende Freiheit auch im Leben äußern. Das heißt, immer mehr Menschen werden lernen, ein reiches Leben zu führen und solches Leben gelten zu lassen, ohne dadurch bewährte Rahmen zu sprengen. Legalisiert dürfte wenig von dem werden, was heute nicht legitim ist; es ist unmöglich, den Unterschied zwischen Ehe und Verhältnis, zwischen legitimen und illegitimen Kindern zu verwischen, ohne daß lebenswichtige Belange darunter litten. Aber wenn andererseits, entsprechend den Einsichten unseres zweiten Kapitels, das Gesetz und damit das Legitime als solches seinen Heiligkeitscharakter einbüßt, wenn ferner das Besondere und Einzige der Ehebeziehung schärfer als früher erfaßt wird, dann wird ohne Insistieren — denn es gibt kein gröblicheres Insistieren als das Legalisieren — manches allgemein möglich werden, was heute noch undurchführbar scheint. Im sozialistischen Zeitalter werden immer mehr Menschen nicht in der Lage sein, zu heiraten; dementsprechend werden freie Beziehungen selbstverständlich häufiger werden. Aber man wird nicht über deren Sondercharakter reden: mag dieser so oder anders sein — hier wird bald die gleiche Diskretion Anstandsregel sein, das gleiche Tabu obwalten, wie gegenüber dem Privatleben von Eheleuten. Andererseits wird man immer mehr erkennen, daß das Familienleben ein Beruf ist, den nicht jeder erfüllen kann, und daß die Ehe ein ganz besonderes Band darstellt. So werden weniger Menschen heiraten, die nicht heiraten sollten, und weniger Menschen den falschen Partner. Alle diese Differenzierungen liegen nun im Sinne neuen Reichtums, neuer Tiefe des persönlichen Lebens. Eine Differenzierung aber wird den Reichtum des persönlichen Lebens am meisten fördern — und mit dieser ist es heute besonders schlimm bestellt. Außerordentlich viele junge Menschen glauben sämtliche Probleme des Lebens vom Wahrhaftigkeitsideal aus lösen zu können. Im Kapitel Delicadeza der Südamerikanischen Meditationen haben wir gezeigt, daß die Schönheit andere Wurzeln hat als die Wahrheit; und daß es unter Umständen, gerade vom Standpunkt des tiefsten Geists, mehr darauf ankommt, was verletzt und was nicht verletzt, als darauf, was wahr ist und was nicht. Ein reiches persönliches Leben ist nur möglich, wenn Schweigen und Verschweigen als ebenso positive, mit Kunst zu handhabende Lebensäußerungen gelten, wie Reden und Zeigen. Und wenn erkannt und anerkannt ist, daß vieles Köstlichste im Leben, mit Schweigen und Geheimhalten steht und fällt.
Hermann Keyserling
Das Buch vom persönlichen Leben · 1936
V. Das Prinzip der Polarisation und die Ehe
© 1998- Schule des Rades
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