Schule des Rades

Hermann Keyserling

Das Buch vom persönlichen Leben

VII. Wahrhaftigkeit

Utopien

Auf einer Außenhandelstagung sprach eine einflußreiche Persönlichkeit 1933 oder 1934, unter Beifallstürmen, ungefähr das Folgende aus: Außenhandel muß sein; nicht wegen der Wirtschaft, nicht um des Handels, des Unternehmers willen, auch nicht, weil dies für den Arbeiter notwendig ist, sondern um der Weltanschauung willen. Zu keiner Zeit trat wohl das primäre Philosophentum der Deutschen so rein und allgemein zutage als in dieser, wo allem Intellektualismus und Rationalismus Fehde angesagt ist. Den Deutschen interessiert wirklich primär die Weltanschauung. Er ist nicht religiös orientiert, auch nicht primär auf Zwecke oder Tatsachen bedacht: primär interessiert ihn der Sinn im Doppelverstande des möglichen geistigen Urgrunds und der geistigen Bedeutung, welche Dinge und Ereignisse für ihn persönlich haben.

Hierin liegt nun an sich durchaus keine Anomalie. Die vielleicht wichtigste prinzipielle Errungenschaft der Kulturkunde ist die, daß der Mensch primär nie von realer Erfahrung, sondern von Subjekt-geborener Vorstellung ausgeht, die nicht die geringste Beziehung zur Realität, so wie sie die Wissenschaft versteht, zu haben braucht.

Jeder natürliche Vorgang, schreibt Leo Frobenius, hat einmal in das Bewußtsein des Menschen eintreten müssen (nämlich um überhaupt bewußt zu werden, K.); solches erfolgte stets erstens als Ausdruck, zweitens im Zustande der Ergriffenheit und drittens auf dem Umwege über eine Identifikation und erst auf dem langen Umwege über die Eingliederung oder Einfügung gelangte es in einer Spätzeit wieder zur Anwendung, das heißt zur wahren Naturbedeutung, die nun aber bewußt ward.1

So wurde — ich greife einige Beispiele aus verschiedenen Überlieferungen heraus — sogar der Geschlechtsverkehr zuerst nicht direkt erlebt, sondern erst von der Vorstellung der Kopulation von Himmel und Erde her gelangte der Mensch zur Vorstellung seines eigenen Geschlechtsaktes; so wurden die Gestirne zuerst als Rinder oder Antilopen vorgestellt, und dann erst die Rinder oder Antilopen als solche vom Bewußtsein rezipiert. Das zitierte Werk von Frobenius enthält eine große Menge solcher Feststellungen auf dem Gebiet der Frühkulturen, und sie alle beweisen, daß das geistige Erleben damit beginnt, daß eine aus dem eigenen Innern geborene Vorstellung auf ferne Dinge projiziert und von diesen auf das Nahe und Nächste zurückübertragen wird, so daß der Mensch erst von seiner Vorstellung her sehr langsam und auf vielen Umwegen zum Bewußtsein der Wirklichkeit gelangt, so wie sie ist. Das heißt: das, was er als Naturwesen von jeher selbstverständlich sah und tat und litt, wurde ihm erst durch den Umweg über Projektion und Deutung zum persönlich-menschlichen Erlebnis. In diesem Sinne war die Tatsache eine seiner spätesten Entdeckungen, und die Materie gar hat erst die Wissenschaft der letzten Jahrhunderte durch Abblendung der übrigen Gegenstände innerer Erfahrung im Bewußtsein zum Erlebnis gemacht.

Von den grundsätzlichen Einsichten her, die das Kapitel Einbruch des Geists der Südamerikanischen Meditationen darlegt, ist dieser Zusammenhang ohne weiteres zu verstehen. Das Geist-Bewußtsein ist zunächst ein Bewußtsein der eigenen inneren Bilder, welche für sich mit keiner Natur-Gegebenheit direkt zusammenhängen. Je primordialer ein Zustand, desto weniger besteht Anpassung und Angleichung zwischen Geisteswelt und Natur; unter uns beweisen das die Kinder. Doch selbst bei größter Natur-Angepaßtheit bleiben die eigenen geistigen Voraussetzungen dem Menschen ein a priori. Newtons hypotheses non fingo bringt reinen Aberglauben zum Ausdruck. Von allen weißen Menschen dieser Zeit sind die Angelsachsen der Tatsachen-Welt am angepaßtesten, aber andererseits sind gerade sie am wenigsten von Vorurteilen frei. All’ ihr Wirklichkeits-gerechtes Handeln geht von bestimmten und sonderlichen geistigen Voraussetzungen aus, in deren Licht sie alles sehen, die jedoch in der Natur nicht enthalten sind und auch dem Eigen-Sinn ihrer Praxis nicht immer entsprechen. Der besonderen Anlage dieser Menschenart gemäß sind diese Voraussetzungen hauptsächlich religiöser und moralischer Art; denn auch der Fortschrittsbegriff ist ursprünglich ein moralischer; auf intellektuelle Höherentwicklung ist er erst sekundär übertragen worden. Die religiös-moralischen Voraussetzungen der Engländer sind durch ihre Natur, die von den herrenhaften Normannen geprägt wurde, mitigiert; daher auch ihre nationaltypische Selbstironie, ihr Kultus des Humors: der eigenmächtige Seeräuber rettet sich vor unbequemen Gefühlen inneren Widerspruchs dadurch, daß er in moralischen Normen letztlich Spielregeln sieht. Die Nordamerikaner gleichen oder doch sehr ähnlichen Bluts haben, im Gegenteil, im wesentlichen die sehr andersartigen alttestamentlichen Voraussetzungen übernommen, gemäß denen der Mensch arbeiten soll und am erworbenen Reichtum die Gnade Gottes spürt, betontes Herrentum aber als Hoffart zu verurteilen ist. Die Australier endlich, vielleicht die reinblütigsten aller britischen Auswanderer, verachten oder hassen die Arbeit, weil diese in ihrem Unbewußten mit der Zwangsarbeit des Sträflings assoziiert ist. Es gibt wohl keine denkbare Voraussetzung, in deren Licht nicht irgendein Volk die Welt gesehen hätte. Chinesen, Inder und Juden sehen in jeder Gewaltanwendung ein Böses und Niedriges. Den historischen Germanen galt Arbeit als erniedrigend; erst dank Benedikt von Nursias Ordensregel gewann sie in Europa langsam an Ansehen. Jeder echt-nordische Edelmann hat die Anschauung im Blut, daß Erobern anständiger ist als Verdienen. Offiziell ist Rußland marxistisch und materialistisch, doch die Materie, wie Rußland sie heute versteht, entspricht dort, wie Nikolai Berdjajew gezeigt hat, in ihrer aktivistischen Lebendigkeit, wenn nicht unserem Geist-, so jedenfalls unserem Lebensbegriff. Im übrigen wird in Sowjetrußland vorausgesetzt, daß zwischen der objektiven Wahrheit und dem Klassen-Subjektivismus des Proletariats Identität besteht. Voraussetzungslose Wissenschaft gibt es dort noch weniger als im mittelalterlichen Europa; so werden, gemäß dem gleichen Berdjajew, die Elektronen-, Quanten- und Relativitätstheorie als bourgeoise Vorstellungen von Sowjetrußland abgelehnt. — Einige Völker gehen davon aus, daß der Mensch nur vom Vater, und andere, daß er nur von der Mutter abstammt, und entsprechend sehen sie ihre Kinder. Wieviel gerade hier auf Vorurteil ankommt, beweist die Tatsache, wie selten Väter merken, wenn ein Kind nicht von ihnen gezeugt worden ist. Je mehr das Sosein eines Menschen primordialem Zustand entspricht, desto vollständiger lebt er in einer bildhaften Mythenwelt, die er auf alle äußere Wirklichkeit überträgt. Das letzte großartige System dieser Art, das unter weißen Menschen noch lebendig ist, ist das der katholischen Kirche, welche die Natur einer vorausgesetzten übernatürlichen Ordnung restlos einfügt. Solange diese dem lebendigen Zustand ganz entsprach, gab es eigentlich auch keine geistigen Probleme.2 Problematisch wurde die Welt allemal erst dank Wucherung einer bestimmten Funktion unter Rückbildung anderer; so dankt die modern-europäische Problematik der Steigerung des Erkenntnistriebs bei gleichzeitiger Abschwächung der Glaubensfunktion sowie der Intensität des Bilderlebens, dank welcher Abschwächung die Bilder an Evidenz einbüßten, ihre Entstehung. Doch Problematik kann offensichtlich verschiedensten Ursprungs und Charakters sein: moralischen, praktischen, wissenschaftlichen, weltanschaulichen, religiösen; dies hängt von der vorherrschenden Anlage ab. Praktische Probleme kennt notgedrungen jeder Mensch, welcher überhaupt arbeiten muß, um zu leben, moralische jeder, dessen persönliche Form und Ordnung nicht mit der zusammenfällt, die das Leben der Gruppe, welcher er zugehört, bestimmt. Religiöse Problematik kennt nur der besondere Typus des Gottsuchers; denn daß sie der, welchen bestimmter Glaube ganz besitzt, nicht kennen kann, ist klar. Doch auch die allermeisten derer, welche über das Wesen der Religion oder den Wert dieses oder jenes Dogmas spekulieren und räsonieren , sind religiös unproblematisch, einfach weil sie nicht religiös sind; sie haben keine direkte und vitale Verbindung mit dem Göttlichen; sie sind in Wahrheit nur wissenschaftlich interessiert, und der Gegenstand ihres Interesses ist zufällig die Religion.

Soviel über diesen allgemeinsten Aspekt des Problems des Primats geistigen Bild-Erlebens gegenüber der äußeren Erfahrung. Der folgende speziellere ist für das praktische Leben noch wichtiger. Die ursprüngliche Beziehung des denkenden Geistes zur Natur ist — immer aus den gleichen schon angeführten allgemeinen Gründen — keine gegenständliche, sondern eine utopische (AV, VII). Als Erstergebnis des bemerkten Widerstreites zwischen äußeren und innerlichen Wirklichkeiten entsteht normalerweise keine Vorstellung, welche eine Anpassung jener an diese bedeutete, sondern eine Utopie; der psychologische Moment ihres jeweiligen Geborenwerdens ist der gleiche, wie der des ethischen Problems, als welches sich niemals stellen würde, falls zwischen den beiden Ordnungen von Wirklichkeiten kein Widerstreit bestände. Infolge des Primats des Bewußtseins der eigenen Innen- gegenüber dem von der fremden Außen-Welt ist die erste Reaktion des Menschen auf allen Widerstreit die Forderung, die äußere Wirklichkeit im Sinn der inneren umzugestalten. Und diese Forderung erscheint desto erfüllbarer, je simplistischere Intellektualität sie stellt. So kann man denn die Utopie leidlich genau als erstgeborene Tochter intellektueller Verallgemeinerung bestimmen, die theoretisch wie praktisch alles das, was nicht in ihr System hineinpaßt, ignoriert oder abweist oder im Grenzfall ausrottet. Da nun der Verstand als solcher kein höheres Ideal kennt als dies, in einer Welt zu leben, in welcher seine Normen allein gälten, und da ferner dem Verstand desto mehr, je primitiver und undifferenzierter er ist, elementarste und einfachste Systeme als plausibelste einleuchten, so ergibt sich daraus a priori, was alle Erfahrung bestätigt, daß simplistische Utopien die größte Werbekraft beweisen müssen. Daher zunächst die unausrottbare Werbekraft jedes Aberglaubens, welcher Unzusammenhängendes in einfachen Zusammenhang bringt, gegenüber jeder dem verwickelten Charakter der Wirklichkeit Rechnung tragenden Theorie. Daher das unausrottbare Vorurteil zugunsten der Einheit oder Einheitlichkeit, jene Mutter aller philosophischen und sonstigen Systematik. Daher jene so leicht widerlegbaren Vorstellungen, deren ungeheure Macht die Geschichte von Adam an bis heute gleichwohl eindeutig beweist (ich wähle nur wenige Beispiele unter Hunderten aus), daß das Böse endgültig von dieser Erde verbannt werden könnte, daß das Heil im Siege dieser oder jener ausschließlichen Religion oder Weltanschauung liege, daß Armut und Krankheit auszurotten seien, daß ein Reich oder eine Sprache oder ein für alle gültiges politisches System besser sei als viele usf. — Daher ferner aber auch die Werbekraft, die in der Härte, ja Grausamkeit jedes Utopismus liegt. Warum und inwiefern rücksichtsloses Bekenntnis zur Macht als solches in der trägen Gana Bereitschaft zu Gehorsam weckt, sahen wir im zweiten Kapitel. Hierzu aber tritt ein anderes, die Werbekraft der Härte noch sehr erheblich steigerndes Moment. Für den reinen Verstand gibt es Falsches einfach nicht, oder existiert es, so sollte es nicht dasein. So kann der reine Intellektualist oder Moralist (was psychologisch und praktisch auf das gleiche hinausläuft) in der Liquidierung dessen (dieser in Sowjetrußland übliche Ausdruck sollte allgemein beibehalten werden, denn von allen möglichen ist er der sinngemäßeste) nichts Übleres erblicken, als die Ausmerzung einer in eine richtig angesetzte Gleichung versehentlich hineingeratenen falschen Größe. Daher ferner der rücksichtslose Imperialismus jeder Weltanschauung, welche nicht grundsätzlich Ausschließlichkeit fordert. Was einstmals an der christlichen und islamischen erlebt ward, erleben wir heute in gesteigertem Maße an der amerikanischen, marxistischen und kommunistischen.

Doch bei diesen negativen Bestimmungen dürfen wir nicht stehenbleiben. Die menschliche Innenwelt hat nun einmal den Primat gegenüber der äußeren Erfahrung. Deswegen ist es psychologisch nicht möglich, daß der Geist in seinem rationalen Aspekt an erster Stelle zu gegebener Wirklichkeit in andere als utopische Beziehung träte. Denn auch die harmlosesten Arbeitshypothesen sind, psychologisch geurteilt, in erster Linie Utopien; es soll so sein, daß die Naturgesetze allgemeingültig seien und daß die letztgefundene Theorie das letzte Wort bedeute. In Utopien aber wurzeln vor allem auch sämtliche Weltverbesserungsbestrebungen. So wäre ohne ursprünglichen Utopismus jedes Fortschrittsstreben gerade in positivem Sinn psychologisch unmöglich geblieben. Aus allen diesen Gründen stellt sich die Frage, den Utopismus auszurotten oder über ihn ein für allemal hinauszuwachsen, überhaupt nicht: es stellt sich einzig die, die gegebene Uranlage besser als bisher geschah zu nutzen.

1Leo Frobenius, Kulturgeschichte Afrikas, Zürich 1933. S. 161.
2Inwiefern das Christentum selbst seit Augustin den Glauben mit dem Zweifel in notwendigen Zusammenhang brachte, so daß die spätere bestimmend gewordene Problematik dennoch Tochter des kirchlichen Christentums ist, lese man bei Alfred Weber (o. c. 176, 241 ff.) nach.
Hermann Keyserling
Das Buch vom persönlichen Leben · 1936
VII. Wahrhaftigkeit
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