Schule des Rades

Hermann Keyserling

Das Buch vom persönlichen Leben

VII. Wahrhaftigkeit

Weltanschauung

So bedeutet denn der Primat, welcher der Weltanschauung im Geistesleben der Deutschen zukommt, durchaus keine Anomalie. Wohl aber bedeutet er ein spezifisch Deutsches. Weltanschauung ist dem Deutschen das, was anderen Völkern bestimmter religiöser Glaube oder bestimmte sakrale Ordnung oder bestimmte praktische Lebenshaltung bedeutet. Weltanschauung ist der Niederschlag der Gesamtschau, welche alles totale Erleben, dessen germinales Gemüt fähig ist, als Endergebnis bedingt. Und eben darum hat das betreffende Wort keinen eindeutigen Inhalt und kann in andere Sprachen überhaupt nicht übersetzt werden. Als allgemeingültig kann nur das Folgende behauptet werden: Weltanschauung ist das national-typische geistige Vor-Bild, von welchem her der Deutsche zur Wirklichkeit in Beziehung tritt. Und deswegen muß Weltanschauung eine desto größere Rolle spielen, je frischer und jünger die bestimmenden Volksschichten sind. In meinem 1927 geschriebenen Spektrum Europas konnte ich die Deutschen noch als Volk von Gelehrten charakterisieren. Das war möglich und richtig, weil damals, als Erbe langer Vergangenheit, ein Traditions-gebundener und rückwärtsgewandter Geistestypus bestimmte. Seit dem Siege des Nationalsozialismus ist das deutsche Volk unzweideutiger denn jemals früher in seiner Geschichte ein Volk von Weltanschauern geworden.

Welcher Weltanschauer der Vergangenheit kann nun, von der genauen Erkenntnis der Urgründe her, als für Deutschland an erster Stelle artgemäß gelten? Keinesfalls Goethe. Der war einer der größten und radikalsten Realisten aller Zeiten, das genaue Gegenteil eines romantischen Illusionisten oder philosophischen oder religiösen Doktrinärs. Er suchte allezeit gegenständlich zu denken; nie hat er seine persönlichen Vorurteile der Welt aufzuoktroyieren getrachtet. Die Phantasie, welche er forderte, war die für die Wahrheit des Realen. Wohl aber gibt es einen anderen allgemein anerkannten ganz großen deutschen Geist, in welchem die deutsche Eigentümlichkeit einen bisher nicht überstiegenen geistigen Gipfel erreicht hat: das ist Hegel.

Hegel war, in der Tat, der Mann, in dem die besondere Weltanschauung, welche deutscher Art entspricht, ihren sowohl höchsten als extremsten Ausdruck gefunden hat und in dem sich gleichzeitig der Primat der Weltanschauung für den Deutschen am bisher eindrucksvollsten zeigt. Hegel sagte einmal, wenn die Tatsachen gegen mich sind, dann desto schlimmer für die Tatsachen. Ihm war nicht religiöse Beziehung zu einem Jenseits, sondern denkerische Erfassung des konkreten Allgemeinen Sinn und Höchstausdruck zugleich des Menschenlebens. Seine Weltanschauung war das Ergebnis der Ergriffenheit durch das Sinnhafte der Welt. Aber dieses stellte er dann wieder heraus und postulierte von der Herausstellung her, daß sich die Wirklichkeit seiner Voraussetzung gemäß verhalte. Keiner hat je so großartig und großzügig wie er von der Vernunft her dekretiert. Zwar ist Hegel niemals so weit gegangen, wie ein neuerer deutscher Philosoph, der da lehrt, es könne keinen Gott geben, weil dies der Würde der Menschen widerstritte, oder auch wie der alte Bodinus, welcher die Idee der Erbsünde ablehnte, weil Adam von der Menschheit keine Vollmacht hatte, in ihrem Namen zu reden und zu handeln. Doch Hegels Grundvoraussetzung, alles Wirkliche ist vernünftig, und alles Vernünftige ist wirklich, erlaubte ihm, aus der Vor-Stellung die Welt selbst zu entwickeln bis in alle Zukunft hinaus. Er lehrte die Identität von Denken und Sein. Gott sei wesentlich Resultat; inzwischen realisiere sich die Welt, indem sie sich selbst im Kopf des größten Denkers dächte.

Ich habe hier leicht karikierend referiert, damit Hegels Einzigartiges so scharf als irgend möglich hervortrete — denn das Eigentümliche der Karikatur ist ja, daß sie das Wesentliche der Verdeutlichung halber übersteigert. Das Interessante nun ist, daß Hegels Philosophie trotz allem Gesagten absolut nicht illusionistisch oder phantastisch ist, sondern eine der Wirklichkeit-nächsten, die es je gab. Das macht, daß seine Weltanschauung das Ergebnis totaler Ergriffenheit eines unerhört reich und differenziert erlebenden deutschen Gemüts durch die Totalität der Welt war. Daß Hegels lebendigstes Welterlebnis sich in Form eines panlogistischen und höchst abstrakten Systems äußerte, lag an der Eigenart des Ausdrucksmittels, mit dem die Natur ihn begabt hatte; grundsätzlich geurteilt, hätte er bei der Darstellung seines Weltbildes von aller Logistik und Dialektik absehen können. In Wirklichkeit und letztlich war Hegels Philosophie verdichtete Erfahrung, wie sich solche aus Weltfrömmigkeit ergibt. Daher das unerhört Visionäre seiner Geschichts- und Zukunftsschau. Daher seine für einen Philosophen einzig dastehende Fortwirkung in Form politischer Willensbildung, vom preußischen Staate seiner Zeit bis zu den revolutionären Parteien unserer Tage. Hegels Weltanschauung hatte eben im allerhöchsten Grade den Erlebnis-Charakter, welcher dem Wort für das deutsche Bewußtsein eignet. Nun aber kommt das ganz Besondere, was die Geburt deutscher Weltanschauung aus dem Gemüt bedingt. Alles Ei-hafte ist höchst lebendig und erlebnisfähig, aber es ist blind; es ist eine abgeschlossene Monade ohne Fenster und ohne direkten Kontakt mit der Außenwelt. Unter diesen Umständen muß der Deutsche mittels Hilfskonstruktionen den Zusammenhang mit der Welt für sein Bewußtsein herstellen, der ihm ursprünglich fehlt. Damit gewinnt die Projektion des Innerlichen eine vitale, ja beinahe viszerale Bedeutung, welche sie bei anders Veranlagten nicht hat — nicht unähnlich der Bedeutung, welche dem Netz im Fall der Spinne zukommt. Alle menschliche Innenwelt und damit alles Geistige lebt sich in Projektionen aus. Doch im Fall der meisten Völker erschöpft sich deren Rolle in Form unbewußt wirkender Voraussetzungen oder nicht diskutierter Glaubensdogmen, oder aber in Form von Bildern, deren Erleben Selbstzweck ist. Der Deutsche kann nur von in klarer Materialisierung vorgestellten Projektionen her an äußere Wirklichkeit überhaupt heran. So ist seine Weltanschauung dem Deutschen nicht nur in dem Verstande lebenswichtig, wie das Netz der Spinne, sondern auch wie die Brille dem Kurzsichtigen. An dieser Stelle können wir eine wichtige Lücke füllen, die das vorhergehende Kapitel vom Standpunkt vollständigen Verstehens deutschen Wesens hinterließ. Bestimmten wir das Gemüt als weiches Ei, welches zum Schutze einer harten Schale bedarf, so leuchtete aus diesem Gleichnis heraus nicht ein, wie das Gemüt überhaupt anders als innerlich verarbeitend, im inneren Umsatz aufgehend und insofern blind, auf Umwelteinflüsse antworten kann. Das Bild stimmt auch nicht durchaus. Tatsächlich kann das Gemüt durch seine Schale hindurch bewußt und sehend zur Welt in Beziehung treten — nur eben, wie gesagt, einzig mittels in klarer Materialisierung vorgestellter Projektionen. Dies gilt auf allen Gebieten. Hier hat alle deutsche Organisations-, Disziplin- und Systemsucht ihren tiefsten lebendigen Grund, hier das urdeutsche Führerprinzip: von jeher, seitdem es Deutsche heutiger Artung gibt, war jeder typische Deutsche, sobald er überhaupt ein Gemeinschaftsleben führte, nur dann nicht allein anderen, sondern auch sich selbst gegenüber richtig eingestellt, wenn er entweder führte oder geführt wurde. Das heißt, von jeher bedurfte er eines Soll-Motivs, eines von außen her nach innen zu Wirkenden, ob er es befehlend herausstellte oder gehorchend hinnahm oder als kategorischen Imperativ anerkannte (die Gebote der Treue, der Pflichterfüllung usf.), um seine eigene Wirklichkeit im Gemeinschafts­zusammenhang zu meistern.

Sogar sich selbst also muß der Deutsche befehlen oder erlauben, sogar sich selbst gehorchen, sogar mit sich selbst muß er sozusagen amtlich und dienstlich verkehren, wenn er in Form sein und bleiben und Haltung wahren will; stellt er sich anders zu sich, dann erscheint letztere durch den inneren Umsatz in seinem Gemüt, das alle Formen wieder und wieder einschmilzt, immerdar gefährdet. Aber eben hier hat auch die Lautheit deutschen Gefühlsausdrucks oder allgemein der deutsche Exhibitionismus seinen lebendigen Grund, eben hier das Bedürfnis, fremde Lieder zu singen, fremde Gedichte zu lesen oder aufzusagen; eben hier sogar, in leicht zu verstehender Übertragung, das Bedürfnis, fremde Landschaft und fremdes Volkstum zu erleben. Überall meint der Deutsche sich selber, wenn er sich mit Äußerem und Fremdem abgibt.

In manchen Hinsichten bedingt diese Anlage offenbar schwer zu behebende Unzulänglichkeit. Andererseits aber leuchtet gerade in diesem Zusammenhang die Wahrheit des Goethesworts: Nur das Unzulängliche ist produktiv besonders deutlich ein. Sicherlich würden die Deutschen nicht so viel forschen, nicht dermaßen viele Erfahrungen sammeln und zusammenfassen, wenn sie aus ihrem Instinkt oder ihrem unmittelbaren Lebensgefühl heraus zu leben vermöchten; da kumulierte Erfahrung immer weiser ist, als jeder nicht geniale Einzelne, und planmäßige Arbeit überall, wo große Zahlen in Frage stehen, mehr leistet als der noch so geniale Impuls, so müssen die Deutschen auf allen den Gebieten, die ihre Anlage ihnen als ihren natürlichen Wirkungskreis zuweist, mehr zustandebringen, als an sich glücklicher Veranlagte. Ähnlich steht es mit der deutschen Geistigkeit überhaupt. Der Deutsche ist im Durchschnitt durchaus nicht der geistig begabteste Europäer. Doch das Geistige bedeutet ihm mehr als allen anderen, weil er nur vom Geiste her einen bewußten Zugang zu sonstigen Wirklichkeiten findet. Vor allem aber liegt hier der Urgrund der deutschen Befähigung zur Weltanschauung. An dem Satze anknüpfend, daß Weltanschauung bei den Deutschen ähnlich lebenswichtig ist, wie dem Kurzsichtigen die Brille, kann man freilich, sofern man boshaft ist, zunächst die Folgerung ziehen: dieser und kein anderer Umstand erklärt, warum alle Deutschen, sogar die allerdümmsten unter ihnen, Philosophen sind: da stehen sie, sie können nicht anders. Doch das Entscheidende ist, daß diese Anlage und sie allein bewirkt, daß der Deutsche wirklich primär die Welt anschaut und sich nicht bei der praktischen Meisterung eines Ausschnittes ihrer bescheidet. Seine angeborene Kurzsichtigkeit bewegt ihn dazu, immer neue und bessere Sternenteleskope zu erfinden.

Hermann Keyserling
Das Buch vom persönlichen Leben · 1936
VII. Wahrhaftigkeit
© 1998- Schule des Rades
HOMEPALME