Schule des Rades

Hermann Keyserling

Das Buch vom persönlichen Leben

VII. Wahrhaftigkeit

Wissenschaftliche Wahrheit

An Hegel also hat das besondere innere Müssen des Deutschen, das ihn eine Weltanschauung zu haben zwingt, von welcher her er denken und handeln kann, seinen vorbildlichen Ausdruck gefunden. Die Hegelsche Staats- und Rechtsphilosophie halte ich ihrem tiefsten Ur-Sinne nach für die platonische Idee aller deutschen Weltanschauung überhaupt. Das Individuum erfüllt sich im Staate; das persönliche Wollen erfüllt sich im Recht: grundsätzlich ist das die bestmögliche Synthese von Vorstellung und gelebter Wirklichkeit, deren ein Wesen fähig ist, das nur von der Herausstellung her zu sich selbst sowohl als zur Welt findet. Denn es ist ganz falsch, im Hegelschen Staat ein Über-Ich zu sehen, wie dieses einige Theoretiker des Fascismus tun, und im Recht eine metaphysische Substanz (als wir beide jung waren, sagte der Dilthey-Schüler Bernhard Groethuysen mir einmal vor dem Sein ist das Recht, da zu sein…): für derartige Mythenbildung war Hegel viel zu realistisch. Er erkannte, daß der Deutsche seine Subjektivität am besten innerhalb eines objektiven Rahmens, welchen bestes Wissen erschuf, auslebt, und das Gute am sichersten nicht allein tut, sondern will, wenn er sich auf der Bahn eines herausgestellten Rechts bewegt, welches bestes Gewissen erfand. Über die Gültigkeit von Hegels allgemeiner Theorie der Identität von Denken und Sein läßt sich streiten: sicher ist, daß der Deutsche, um in Form zu sein, es nötig hat, daß Denken und Sein so weit als irgend möglich zusammenfallen; auf Instinkte und Impulse und Gewohnheiten ist bei ihm nicht zu bauen, außer im ganz kleinen Kreise gemütvoll-innigen und, sinnigen Heim- und Heimatlebens. Daraus folgt für den Deutschen einmal mehr die Notwendigkeit eines Primats der Weltanschauung. Und hieraus, noch einmal, die einzigartig prototypische Bedeutung Hegels.

Hegel lebt, in der Tat, als Leitbild im Deutschen wie kein zweiter Geist. Von hier aus ersieht man denn vollendet klar, wie unvergleichlich geistig Deutschland ist, und wie sehr die irren, welche wähnen, Deutschland hätte sich in Gestalt des Dritten Reichs vom Geiste abgewandt. Es vertritt nur, wieder einmal in einer Verjüngungsphase begriffen, jungen Geist. Aber dieser ist, trotz seinem Bekenntnis zu Blut und Boden, genau so universalistisch, wie es der mittelalterliche war. Echten und zugleich nicht universalistischen Geist gibt es überhaupt nicht. Der Ausdruck des deutschen Universalismus in seiner nationalsozialistischen Form ist dessen Totalitätsanspruch. Mag sich deutsches Denken seiner Absicht nach noch so sehr auf eine Idee beschränken — das war einmal die allgemein-christliche, dann die spezifisch-katholische oder protestantische, ist heute die Synthese des Nationalen mit dem Sozialistischen: allemal wurde die noch so eng definierte Idee aus innerer Notwendigkeit ihrer selbst heraus, dank dem selbständigen Weiterdenken jedes einzelnen Deutschen, auf die Dauer weltumspannend. So wie die Deutschen einmal sind, ist es eben gänzlich ausgeschlossen, ihnen ihren Universalismus und ihre Problematik zu nehmen, denn jede Weltanschauung ist ihrem Anspruche nach weltumfassend, und alles Denken geht von Problematik aus.

Von hier aus erscheint klar, warum das auf romanische Völker so konfus und abstrus wirkende deutsche Mittelalter trotz aller seiner Nachteile und alles seines Versagens Deutschlands bisher deutscheste Epoche bedeutet. Es tut dies nicht wegen seines Partikularismus, sondern wegen seines Universalismus. Ist einmal letzterer die Grundanlage, wie dies beim Deutschen angesichts seiner angeborenen Weltfrömmigkeit mit wahrscheinlich einzigartiger Ausschließlichkeit der Fall ist, dann muß eine Weltanschauung, welche auch äußerlich universalistisch ist, entsprechend dem Korrelationsgesetz von Sinn und Ausdruck (SE, I, 2), notwendig echter, weil sinngemäßer wirken, als eine äußerlich enge, dann müßte die einzige buchstäblich allgemeingültige Weltanschauung, die ihrem eigenen Begriff nicht widerspräche, eine solche sein, die alle nur möglichen Sonderweltanschauungen auf höherer Ebene in sich begriffe und damit vorwegnähme oder erledigte. Das wäre eine kosmisch zentrierte, allen allzumenschlichen Vorurteilen überlegene. Aber an dergestalt Allgemeingültiges zu glauben, ist der beschränkte Mensch nicht fähig. So stellt sich sogar der indische metaphysisch-religiöse Universalismus, der umfassendste und weitherzigste von allen, praktisch als Summe unzähliger nebeneinander als gleichberechtigt anerkannter Sondersekten dar. Im deutschen Mittelalter war dies bis zu einem gewissen Grade anders. Die buchstäblich universale, nichts ausschließende übernatürliche Ordnung des damaligen Christentums entsprach in dessen Blütezeit dem deutschen Weltanschauungsbedürfnis beinahe ideal; damals war der kritische Verstand noch nicht genügend erwacht und entwickelt, um eine reinliche Scheidung zwischen Religion, Weltanschauung und Lebensgefühl zu fordern und vorzunehmen: so interferierten und störten einander die verschiedenen Normen für die verschiedenen Funktionen von Geist und Seele kaum, und von undifferenziertem Totalitätsempfinden her konnte auch das deutsche Weltanschauungsbedürfnis befriedigt erscheinen. Heute ist das sehr anders geworden. Den entscheidenden Schritt zur Zerstörung der mittelalterlichen Totalität bezeichnet die Reformation.

Nichtsdestoweniger wird der Protestantismus auch vom Katholizismus her gesehen — völlig falsch beurteilt, wenn er nur als Zerstörer des mittelalterlichen Totalismus beurteilt wird: er ist in erster Linie die urdeutscheste Geistes-Erscheinung. In ihm erst nämlich ist das Christentum aus dem deutschen Gemüte wiedergeboren worden; mit ihm erst wurde es, über seine religiöse Bedeutung hinaus, dank Betonung der persönlichen Überzeugung, zu einer Frage persönlicher Weltanschauung. Damit wurde das vormals gebundene persönliche letztverantwortliche Denken frei. So wurden sich erst im protestantischen Geist die urdeutsche Problematik und damit das geistbestimmte Deutschtum überhaupt ihrer selbst ganz bewußt. Diese protestantische Problematik hat dann in Kontaktmetamorphose auch den Katholizismus eingedeutscht, welch letzterer in Deutschland überall, bis zu der Grenze, wo ein unzweideutiges Dogma dem Selbstdenken Halt gebietet, genau so weltanschaulich (im Gegensatz zu rein religiös) und genau so problematisch ist, wie der Protestantismus. So ist das deutsche Philosophentum recht eigentlich das Kind der Reformation. Die Deutschen sind wesentlich Weltanschauer, genau so wie die Inder wesentlich religiös gestimmte Metaphysiker sind; und erst Luther hat diesen ihren Urtypus freigelegt. Somit besteht das Urteil, daß Luther der Freisetzer des eigentlichen Deutschtums sei, in einem viel tieferen Sinne noch zurecht, als die es meinen, welche es am häufigsten aussprechen. Erst mit Luther gelangte der Bedeutungsakzent im Deutschen dorthin, wo er liegen muß, auf daß der Deutsche im besten Sinne national erscheine. Eben darum begann auch, mit der Reformation die Epoche der großen und originalen deutschen Musik: erst vom betonten Persönlichen her konnte diese sich ihrer tiefsten Eigenart gemäß entwickeln. Daß im übrigen Luthers Reformgeist nicht allein die Kirche entzweite, sondern den Keim säte zur heutigen Entchristlichung, war bei der deutschen Anlage unvermeidlich: die Deutschen sind eben kein Volk der Glaubenden, sondern der Denkenden. Es war kein Zufall, daß die Zerstörung der katholischen Gemeinschaft den rein säkular gesinnten Landesfürsten zugute kam, so daß die protestantische Kirche sich äußerlich gar bald zu einer irdischen Anstalt unter anderen verfestigte, von Gott eingesetzt Ad majorem principum gloriam. Echte und zugleich national-typisch deutsche Religiosität gibt es in Deutschland nur in Form der Mystik, zu welcher immer nur wenige befähigt sind und die jeder kirchlichen Erfassung entrinnt. Schon Luther wußte das zutiefst. Die gesamte lutherische Religiosität, soweit sie nämlich als solche gelten darf, läßt sich von den übrigen christlichen durch die eine Tatsache ihrer eigentümlichen Innigkeit differenzieren: das persönliche Verhältnis zu Gott und die Rechtfertigung durch den Glauben sind ihre Grundzüge. Es ist aber ganz unmöglich, auf diesem extrem Subjektiven eine hieb- und stich-feste Gemeinschaft aufzubauen.

Luther hat aber nicht allein die deutsche Musikalität und das deutsche Philosophentum — er erst hat auch die deutsche Wissenschaftlichkeit ganz freigesetzt, denn auch sie ist ein notwendiger Bestandteil der Befähigung zur Weltanschauung. Hier können wir denn unsere im vorigen Kapitel (S. 305) nur kurz hingeworfenen Gedanken über den deutschen Wahrheitsfanatismus, der ein ganz anderes als Glaubensfanatismus ist, zu Ende führen und damit eine Koordinate mehr hinzeichnen zur Bestimmung der deutschen Unbegabung für Religion. Wir erinnerten damals an die vielen Tausende, die sich um 1925 so energisch zu Hörbigers Welteislehre bekannten, als hinge ihr Seelenheil davon ab, daß ein Teil der Sterne nicht heiß, sondern über alle Begriffe kalt sei; zeitweilig bildeten sie eine gewaltige Bewegung. Diese Anomalie erklärt sich daraus, daß es sich hier um Für-wahr-Halten und eben nicht um Glauben handelt, also um Weltanschauung und nicht um Religion. Mit Für-wahr-Halten hat nämlich echter Glauben auch nicht das allergeringste zu tun. Der Glaube setzt einfach ein bestimmtes Sein, das eben durch solches Setzen für das Bewußtsein existent wird: er behauptet aus eigener Machtvollkommenheit nicht-irdischer Erfahrung entnommene Wirklichkeit. Und das Ergebnis dieses Aktes ist in Gedanken-geborener Sprache allerdings schwer anders wiederzugeben, als so, daß das Geglaubte eben für wahr gehalten wird. Nichtsdestoweniger ist die reale Funktion des Glaubens etwas völlig anderes als die des Für-wahr-Haltens (U, III), worüber sich übrigens in den Bekenntnissen einer schönen Seele des im ganzen nicht eben religiös begabten Goethe schöne und treffende Aussprüche finden. Kein echt Religiöser stellt jemals die Frage nach wissenschaftlicher Wahrheit und Exaktheit, keiner die nach Zusammenstimmung zwischen innerer Gewißheit und äußerer Erfahrung. Denn religiöser Glaube im einzig wahren Wortverstand ist die Funktion, die das einsame metaphysische Selbst direkt mit überirdischer metaphysischer Wirklichkeit verknüpft; sie ist also eine Anlage sui generis, welche dort, wo sie nicht, angeboren ist, wohl gelegentlich durchbricht, was dann vom Betroffenen als Katastrophe oder als Gnade empfunden wird, jedoch ebensowenig angelernt oder durch anderes ersetzt werden kann wie Musikalität.

Doch daß der Deutsche so einzigartig frenetisch an wissenschaftliche (oder auch vermeintlich wissenschaftliche) Wahrheit glauben kann, hat noch andere Ursachen als die bisher angeführten. Solange ein Deutscher eine Weltanschauung für wahr hält, sieht er die ganze Welt innerhalb ihres Rahmens oder durch sie hindurch und ist er insofern identisch mit ihr; seine Identität aber will keiner verlieren. Doch das ist noch nicht alles, was hier zu sagen wäre. An wissenschaftlichen Wahrheiten erlebt man nie Enttäuschung, falls sie sich als unwahr erweisen. Das nun ist bei der deutschen Anlage über alle Maßen wichtig. Zu Hörbigers Welteislehre kann man sich ohne Sorge bekennen, was von keiner Religion gilt. Warum? Weil sich hier die Frage möglichen peinlichen Umfallens und möglicher Treulosigkeit überhaupt nicht stellt und es demzufolge keiner Selbstbelügung und keiner Überkompensation noch sonstiger Machenschaften bedarf, um im Wandel sein Gleichgewicht zu behaupten. Diese eine Erwägung genügt zur Erklärung dessen, warum die Deutschen sich so gern, scheinbar fanatisch, zu einer Weltanschauung bekennen: sie fühlen, daß sie ihrer Neigung nachgeben dürfen, ohne daß sie dies häßlich machte — und häßlich mag keiner sein. Umgekehrt erklärt sich die so oft beobachtete Treulosigkeit in menschlichen und Glaubens-Beziehungen zu einem erheblichen Teil daraus, daß der Deutsche alles am Maßstab der wissenschaftlichen Wahrheit mißt. Kein Glaubens-Ideal und kein persönliches hält jemals der Kritik stand, wo nicht die Glaubensfunktion so stark ist, daß Kritik den Glauben grundsätzlich nicht zersetzt, sondern ihn, umgekehrt, stärkt, und dies zwar desto mehr, je berechtigter sie scheint und je heftiger und machtvollkommener sie sich äußert. Man gedenke des Mahdi Muhammad Ahmad, der als Messias Oberägyptens zehn Jahre lang die Engländer im Schach hielt, des Anzettlers der chinesischen Taiping-Revolution, des letzten Juden-Messias Sabbatai Zewi: alle diese versagten vollkommen, betrogen ihre Anhänger auf das schmählichste, nutzten deren Glauben auf gemeinste Art zu persönlichem Wohlleben aus. Nichtsdestoweniger blieben ihnen Abertausende bis zum Ende treu. Die Völker, zu denen sie gehörten, vermögen eben primär und stark zu glauben. Deutsche können, ihrer Anlage gemäß, unmöglich in diesem Sinne treu sein. Darum vor allem überbetonen sie die Treue so sehr.

Hermann Keyserling
Das Buch vom persönlichen Leben · 1936
VII. Wahrhaftigkeit
© 1998- Schule des Rades
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