Schule des Rades

Hermann Keyserling

Das Buch vom persönlichen Leben

VII. Wahrhaftigkeit

Wahrheit

Wir haben jetzt die meisten Fäden beisammen, um an das eigentliche Thema dieses Kapitels heranzutreten: das Problem der persönlichen Weltanschauung, wie es sich jedem einzelnen Deutschen stellt und damit der Wahrhaftigkeit. Früher konnten wir das nicht tun, weil allzu wenige wissen, was Weltanschauung überhaupt im Zusammenhang des Menschenwesens bedeutet. Nach dem Vorhergehenden ist klar, daß jeder Deutsche eine Weltanschauung haben muß. Und da die wenigsten schöpferische Philosophen sind, so leuchtet ferner ein, daß die allermeisten eine vor-gegebene Weltanschauung übernehmen müssen. Da nun Weltanschauung allemal aus spezifischer Ergriffenheit des Gemüts entsteht, so gibt es keinen rational-objektiven Maßstab im üblichen wissenschaftlichen Verstand, an dem die Möglichkeit oder Unmöglichkeit dieser oder jener zu messen wäre. Weltanschauung ist nicht Erkenntnistheorie. Freilich gibt es Deutsche, die ohne Rickert, Heidegger oder Husserl, wie man’s von einem geliebten Mädchen sagt, nicht leben zu können behaupten. Doch das sind allemal trockene Gelehrtennaturen, denen das Herbarium mehr wert ist als die lebende Blume; die sogenannte Weltanschauung solcher zu Sachen ausgedorrter Menschen erschöpft sich im Geist polizeilicher Verordnung, welche diese oder jene Straße sperrt. Ganz im Gegensatz zu diesem Fall ist die Weltanschauung der meisten Deutschen ein höchst Subjektives. Sobald dieses nun gilt, dann kann und muß man sagen: eine allgemeingültige objektive Weltanschauung ist ein Unding, ein hölzernes Eisen. Hier kann Allgemeingültiges ausschließlich in Hinsicht auf die Normen subjektiven Erlebens sowie das richtige Verständnis von dessen Sinn ausgesagt werden. Dies nun kann geschehen. Und nicht nur dies: solche Richtigstellung der Bezeichnungen ist für jeden Deutschen von lebenswichtigster Bedeutung. Wir wollen zum Abschluß dieser Betrachtungen versuchen, in gedrängter Form das zu bestimmen, was in diesem Zusammenhang jedermann nottut oder frommt.

Wir beschrieben Hegel als Prototyp und Höchstausdruck zugleich eines deutschen Weltanschauers. Letzteres war er dank seinem bewundernswerten Realismus. Darunter verstehe ich nicht etwa die Richtigkeit seiner abstrakten Lehren, die ich persönlich nur in wenigen Fällen anerkennen kann: ich verstehe darunter die Exaktheit, mit der er die Beziehung seiner Subjektivität zum realen Weltganzen bestimmt hat. Er war logistischer Denker, ging von bestimmten Zeitvorurteilen aus: mag ihn das zu wissenschaftlich verfehlter Theorie verführt haben, die Theorie war als Seinsausdruck echt; sie drückte exakt und angemessen aus, wie Hegel kraft seiner Sonderart die Welt erlebte und erleben mußte. Die meisten Deutschen nun machen sich nicht allein Illusionen über ihre Beziehung zur Welt: sie sprechen sich selbst ein Recht zur Selbstfälschung und Selbstbelügung zu. Das aber bedeutet eine Sünde wider den Geist sowohl als wider das Leben.

Knüpfen wir bei den grundsätzlichen Eingangsbetrachtungen dieses Kapitels wieder an. Es ist dem Menschen unmöglich, ohne geistige Voraussetzungen, welche aller Erfahrung gegenüber ein a priori darstellen, an die Welt heranzutreten. Da sich der Einbruch des Geists in die Naturordnung stufenweis vollzieht, so kann es nicht anders sein, als daß zwischen den gemäß den Eigennormen des Geists entstandenen inneren Bildern und der Objektwelt zunächst so gut wie vollständige Inkongruenz besteht. Daher das vom Standpunkt der Wissenschaft Phantastische aller frühesten Mythen, Welt- und Naturdeutungen, sozialen und politischen Ordnungen. Je weiter der Prozeß des Einbruchs des Geistes fortschreitet, desto mehr gelangt das Grundgesetz der Geistverwirklichung auf Erden zur Geltung, nämlich das der Korrelation von Sinn und Ausdruck (SE, I, 2). Da nun die Korrelation an sich die Hauptsache bei dieser Beziehung ist und nicht ihre wissenschaftlich erweisbare Sinngemäßheit, so ist vollendete Befolgung des besagten Korrelationsgesetzes auf allen Stufen der Entwicklung möglich. Das Weltbild eines Primitiven kann eine genau so exakte Beziehung zwischen Mensch und Welt, so wie beide tatsächlich sind, darstellen, wie das des wissenschaftlich klarsten Geists. Doch je mehr sich die geistig-seelischen Funktionen differenzieren, desto mehr hängt die Exaktheit der Beziehung vom Verwirklichungsgrade des Wahrheitsideales ab; denn alle geistig-seelische Differenzierung erfolgt im Zeichen tieferer und schärferer Erkenntnis, sei diese spirituell, intellektuell, emotional oder sensoriell. Diese Wahrheitsforderung gilt sowohl nach innen wie nach außen zu: in bezug auf die richtige Erkenntnis des eigenen inneren Sinnes wie auf die richtige Erfassung der äußeren Gegebenheit. Dem Ideal der Wahrhaftigkeit — dem spirituellen Ausdruck des Wahrheitsideals — ist also auf höherer Entwicklungsstufe nicht mehr Genüge getan, wenn jemand sich zu falschen Vorstellungen über sich selbst und die Welt bekennt, die er nicht zu haben brauchte. Hieraus folgt, daß auf der heutigen Erkenntnisstufe jede Weltanschauung, welche in irgendeiner Hinsicht auf Täuschung aufgebaut ist, eine Lüge darstellt.

Mit letzterem Satze wäre eine Forderung aufgestellt, die fortan gebieterisch ist, bis heute jedoch noch niemals klar und genau zugleich bestimmt ward. Erst in diesem Buche ist sie vom ersten Kapitel an gestellt und im Verlauf der späteren Betrachtungen so weit erkenntnismäßig unterbaut worden, daß wir das theoretische Problem jetzt grundsätzlich stellen und auch lösen können. Daß die betreffende Forderung früher nie klar und genau zugleich bestimmt ward, liegt daran, daß im modernen Europa bisher für selbstverständlich galt, daß die Frage nach der Wahrheit und die nach der Wahrhaftigkeit gesondert und unabhängig voneinander gestellt und beantwortet werden dürfe. Diese Dissoziation hatte einerseits kulturhistorische Ursachen: im Unbewußten der Menschen des christlichen Kulturkreises lebt heute noch, als Erbe aus der Konfliktszeit zwischen Offenbarungsglauben und selbständigem Denken, die Bereitschaft zu einem durch oberflächliche und ungenaue Abgrenzung zwischen Wissen und Glauben zustande gekommenen faulen Kompromiß: Wissen beträfe das Gewisse, von keiner persönlichen Zustimmung Abhängige, Glauben hingegen sei ein Für-wahr-Halten von unter Umständen erkenntnismäßig Unhaltbarem, das aber dennoch auf besondere Art und auf besonderer Ebene vom Subjekt behauptet werden darf und soll. Andererseits erklärt sich besagte Dissoziation aus der gleichfalls im Unbewußten fortwirkenden Erinnerung, daß primitives Bewußtsein den Anblick der Wirklichkeit, so wie sie wirklich ist, nicht aushält und sich darum durch Trugbilder vor ihm schützen muß. Solch atavistischer Bereitschaft nachzugeben, hat nun der vollentwickelte heutige Mensch kein organisches Recht mehr. Der heutige Kairós fordert die Zusammenschau von Wahrheit und Wahrhaftigkeit, denn fortan ist sie organisch möglich von einem lebendigen Zustande her, in dem Wahrhaftigkeit und Wahrheit einander gegenseitig fordern und bedingen.1 Deswegen hängt die subjektive Berechtigung einer Weltanschauung fortan mit ihrer objektiven Richtigkeit organisch zusammen. Dies gilt, obzwar es eine allgemeine und zugleich bestimmte Weltanschauung nicht geben kann. Solche wäre dann allein möglich, wenn sämtliche Subjekte und alle Subjektivitäten, um einen prägnanten Ausdruck neueren politischen Jargons auf die Erkenntnistheorie zu übertragen, gleichgeschaltet werden könnten. Aber die Exaktheit und Angemessenheit einer Weltanschauung hängt in keiner Weise davon ab, daß sie auch die einzig richtige sei: sie muß nur die rechte Gleichung herstellen zwischen einem wahrhaftigen Selbst, und einer von dessen Standort aus exakt bestimmten Welt; in anderen Worten: die de facto verschiedenen Weltanschauungen müssen gleichwohl Gleiches bedeuten. Aus dieser Erkenntnis ergibt sich die theoretische Möglichkeit einer unbegrenzten Anzahl verschiedener und dennoch gleich richtig angesetzter Gleichungen. Praktisch jedoch besteht diese Möglichkeit nicht. Dies liegt daran, daß die platonische Unterscheidung zwischen δοξα und επιζτημη zwischen Ansicht und Einsicht, wie die platonische Intention vom heutigen Bewußtseinsstandpunkt her wohl am richtigsten zu übersetzen wäre, sowohl nach innen wie nach außen zu besteht. Nach beiden Richtungen hin muß die Forderung unbedingter Exaktheit im Sinn verstandesgemäß richtig wiedergegebenen echten Erlebens gestellt werden.

Hieraus ergibt sich denn die Notwendigkeit einer Kritik, welche im heutigen Kairós im selben Grund-Sinne fällig ist, wie es ihrerzeit die Kantsche war. Kant leitete eine neue Ära ein durch seine Kritik der Vernunft: wessen es heute bedarf, ist eine Kritik der Weltanschauung. Nicht zwar eines gelehrten Buches über Weltanschauungslehre — deren gibt es übergenug, und sie sind wohl alle letztlich überflüssig —, sondern der Mitteilung der lebendigen Kunst richtigen Diskriminierens zwischen dem, was bei jedem, wer immer er sei, als Weltanschauung stimmt, dieweil es echt ist, und was nicht stimmt. Insofern rechte Weltanschauung nie anderes sein kann, als rechte Beziehung zwischen Wahrheit und Wahrhaftigkeit, stellt sich das Problem der Kritik der Weltanschauung nur in concreto. Die rechte Lösung des jeweiligen konkreten Problems ist aber dennoch jeweils allgemeingültig, weil jeder, welcher die Dinge in der gleichen Perspektive richtig sieht und wahrhaftig erlebt, zu gleichen Lösungen gelangen muß. Phantasie aber vermag von Standpunkt zu Standpunkt hinüberzuspringen, und so ist keiner grundsätzlich unablöslich an seine naturbedingte Beschränktheit gekettet. Hieraus ergibt sich denn, trotz aller aufgezählten Einschränkungen, die Möglichkeit einer Kritik der Weltanschauung überhaupt: die Elemente der Wirklichkeit und deren ursprünglicher Ur-Zusammenhang sind für alle Menschen heutiger Zuständlichkeit gleich geartet; persönlicher Gleichung bleibt nur die bestimmte Perspektive vorbehalten, in der sie angeordnet erscheinen.

Eben diese Elemente und deren ursprüngliche Zusammenhänge beschreibt vorliegendes Buch. An allen lebenswichtigen Problemen sucht es zu erweisen, daß es möglich ist, die Wirklichkeit so zu sehen, wie sie wirklich ist, und daß es demzufolge nie vonnöten und insofern nicht mehr erlaubt ist, eine Weltanschauung zu bekennen, welche entweder nach innen oder nach außen zu unwahr oder unwahrhaftig wäre. Auf unserer heutigen Wachheitsstufe ist es nicht mehr notwendig, zum Ich zu rechnen, was Nicht-Ich ist, und umgekehrt. Es ist nicht mehr notwendig, Unabänderliches ändern zu wollen, andererseits aber auch nicht, Unabänderliches als solches nicht anzuerkennen. Die Vorhut der heutigen Menschheit ist innerlich stark genug dazu geworden, um die Ur-Angst vom autonomen Geiste her nicht nur in Schach zu halten, sondern zu besiegen. Sie ist auch innerlich stark genug dazu geworden, um nicht mehr dem primitiven Triebe nachzugeben, durch Verallgemeinerung und Vereinheitlichung und einfürallemalige Festlegung ein künstliches Gleichgewicht zu schaffen, als welches letztlich auf feiger Selbstbelügung beruht und daher unabänderlich mit einer Katastrophe enden muß. Über alles primitive entweder — oder, alle Notwendigkeit der Rückversicherung in einem letzten Wort ist sie hinaus. Bloßer Wortglauben ist denen, die fortan noch in der Geistesentwicklung zählen wollen, nicht mehr erlaubt. Ebensowenig erlaubt ist es fortan irgend jemand, der als Persönlichkeit ernst genommen zu werden beansprucht, anderen die Verantwortung für die vertretene Wahrheit zu überlassen. Wer heute noch auf mittelalterliche Art an Dogmen glaubt, ist entweder ein Zurückgebliebener, ein Feigling oder ein Schelm. Seitdem der vorgeschrittene Geist Mythen zu durchschauen gelehrt hat, ist es unehrlich, an durchschaubare zu glauben (W, I, B). Seitdem exakte wissenschaftliche Erkenntnis sich der Natur gewachsen erwiesen hat, im Sinn des Verständnisses sowohl als in dem der Meisterung, beweist es bösen Willen, so einer wissenschaftliche Wahrheit einem Vorurteil zuliebe bekämpft. Seitdem die wahren Verhältnisse der so vielfältigen und -schichtigen Menschennatur erkannt sind, gibt es keine Entschuldigung mehr dafür, diesem Tatbestand nicht Rechnung zu tragen und Neigung zu Illusionen nicht zu bekämpfen wie einen Hang zum Laster. Schon 1920 schrieb ich einmal, erschüttert von der Irrealität des deutschen Geists, welche ihn jedes Illusionismus physiologisch fähig macht:

Ansichten zu haben ist unmoralisch; nur
Einsichten darf sich der Mensch erlauben.

Nun gibt es ja viele Völker in Europa, welche unkritisch an mindestens ebenso absurde Voraussetzungen glauben, wie so viele Deutsche. Doch in diesem Falle trüben die noch so falschen Voraussetzungen selten ihren Blick, weil Weltanschauung diesen Völkern auch nicht annähernd das bedeutet, wie jenen. Die Deutschen finden, gemäß dem früher Dargelegten, nur auf dem Umwege über geistige Erfassung den Weg zu sich sowohl als zu der Welt. Unter diesen Umständen ist jede falsche Weltanschauung in ihrem Falle eine unmittelbar lebensfeindliche Sache. Bei Deutschen beruht unexakte und unwahrhaftige Weltanschauung immer auf Selbstbelügung, habe sie Faulheit, Feigheit oder bösen Willen zur Ursache. Die einzige Entschuldigung bietet hier die ignorantia invincibilis, so wie die katholische Kirche letzteren Begriff versteht. Doch gerade diese Entschuldigung können Deutsche seltener als andere für sich anführen, weil alle es im Blut haben, dort, wo sie sich zu eigenem Urteil nicht berufen fühlen, das Urteil als kompetent erwiesener Autoritäten als für sich letztinstanzlich bindend anzuerkennen.

1
Zur Ergänzung des oben und früher Gesagten sei hier ein kleiner Aufsatz Der wahre Sinn der Lüge wieder abgedruckt, den ich 1925 im zehnten Heft des Wegs zur Vollendung veröffentlichte:
Es ist nicht ohne weiteres klar, warum Lügen verwerflich sein soll; und wirklich verbieten die mosaischen zehn Gebote, der allgemeinen Meinung zuwider, nicht die Lüge an sich, sondern nur das falsch Zeugnis reden wider seinen Nächsten. Tatsächlich bedingt die Notwendigkeit des Irrealisierens der menschlichen Beziehung, die ich am Schluß des Aufsatzes Heilkunst und Tiefenschau (in Wiedergeburt) behandelte, zwangsläufig Unwahrhaftigkeit, und man sage, was man wolle: schon das Verschweigen dessen, was man denkt, unterliegt deren Begriff. Wobei weiter die Erfahrungstatsache zu berücksichtigen ist, daß nur (wenigstens unbewußt) verschlagene Menschen Fanatiker des die Wahrheit-Sagens sind: sintemalen die entsprechende Forderung im normalen Verkehr nicht zu erfüllen ist, so beweist sie bei dem, welcher sie aufstellt, allemal, daß er sein Gewissen aus Mangel an Mut, eine Schuld auf sich zu nehmen, im rein Formellen rückversichert. Hier wurzelt die Psychologie des Puritaners, als welcher immer ein unbewußter Heuchler ist, und die des Engländers überhaupt, sofern er dem Cant huldigt. Nun beweisen die Notwendigkeiten eines herkömmlichen Verkehrs gewiß nicht ihre ideale Berechtigung, zumal zwischen individueller Ethik und sozialer Moral überhaupt, wie ich’s im Kapitel Mensch und Menschheit, der Unsterblichkeit dartat, und Albert Schweitzer neuerdings in seinem Buch Kultur und Ethik besonders klar formuliert hat, ein unlösbarer Widerstreit besteht. Überdies bewegt sich der ethische Fortschritt zweifelsohne einem allgemeinen Zustand zu, wo die bleibende Notwendigkeit der Irrealisierung keine solche der Unwahrhaftigkeit mehr implizierte. Trotzdem bleibt letztlich unklar, warum man nicht lügen soll. Desto unklarer, als jeder dieses Soll instinkthaft anerkennt.
Dessen Sinn ist von einer Ethik her, die von unbegründbaren Forderungen oder unverstandenen Tatsachen ausgeht, auf keine Weise zu fassen. Er ist es dagegen ohne weiteres aus dem Geist des Korrelations­gesetzes von Sinn und Ausdruck. Sinnesverwirklichung ist die Grundforderung alles Lebens, wo sie nicht schon erfüllt ist, weil Sinn nur im Ausdruck hienieden wirklich wird. Diese kann weiter nur dort als vollendet gelten, wo die Obertöne des Sinnes in bezug auf den Grundton in bestmöglichen harmonischen Verhältnis stehen. Daher das letzte Versagen aller östlichen Weisheit in der Lebensgestaltung, ihr Unterliegen gegenüber unserer viel oberflächlicheren Zivilisation: insofern sie unexakt ist, verkennt sie den Eigensinn der Sinnesverwirklichungsmittel. Daher umgekehrt unsere Erdgewaltigkeit: des letzten Sinnes noch so unbewußt, haben wir, wie keine Kultur vor uns, Sinn und Ausdruck in der Sphäre jener zur Kongruenz gebracht. Das genannte Korrelationsgesetz bedingt nun im konkret-psychologischen Zusammenhang, welchen wir hier behandeln, die Tatsache, daß erst im Sagen die Meinung selbst wirklich wird; daß also Nicht-Sagen oder Nicht-Eingestehen Verwirklichung verhindert und Falsch-Sagen den Sinn selbst verändert. Frauen kennen den Unterschied zwischen Ausgesprochenem und Unausgesprochenem sehr wohl. Eine gestandene Liebe, und sei vorher noch so viel erraten, schafft eine völlig neue psychologische Situation. Gleiches gilt aber auf jedem Gebiete möglicher Aussprache. Erst der gefundene vollendete Ausdruck macht eine Wahrheit ganz bewußt, und ist sie dies geworden, dann ist die Grundlage möglichen Weiterdenkens verändert; daher die Bedeutung großer Geister. Die erwähnten Tatsachen sind nun in diesem Zusammenhang, über die abstrakte Notwendigkeit der Korrelation von Sinn und Ausdruck hinaus, konkret dahin näher zu bestimmen, daß der äußere Ausdruck einen integrierenden Bestandteil des fraglichen Sinneszusammenhanges darstellt. Wie konnte von Naturforschern behauptet werden, wir seien traurig, weil wir weinen? Wie konnte ein Darwin die Ausdrucksbewegungen für ein Primäres halten? Nur deshalb, weil der Ausdruck so sehr zum Gefühle selbst gehört, daß das nicht ausgedrückte Gefühl nicht dasselbe ist wie das ausgedrückte, weshalb denn freilich eine Erziehung von innen nach außen, wie die des Soldatendrills, die durch Bewegungen gleichsam Gesinnung schafft, gelingen, und verdrängtes oder zurückentwickeltes Gefühlsleben durch systematisches Ausdrücken ins Bewußtsein zurückgehoben und höher gebildet werden kann. Nun, wenn dem also ist, dann wird auch der Sinn der Verurteilung der Lüge klar. Jeder Religions- und Weisheitslehrer verlangte von seinen Schülern unbedingte Wahrhaftigkeit; in bezug auf andere duldete mancher unter ihnen Kompromisse, in bezug auf sich selber keiner. Dies mußte also sein, weil inneres Fortschreiten dort allein rein technisch möglich erscheint, wo kein Widerstreit zwischen Sinn und Erscheinung einerseits die Einwirkung des vorgestellten Ideals auf das tiefste Selbst, andererseits das Sich-Auswirken dieses hindert. Wer da lügt, verzerrt oder verbiegt damit seine eigene Gestalt. Aus eben diesem Grunde wird Verschlagenheit immer, wahre Offenheit hingegen, wo aggressive Hintergründe fehlen, kaum jemals übelgenommen. Eben deshalb darf der innerlich Vollendete anderen alles sagen, ohne anzustoßen — aber auch er allein. So betrifft denn die Wahrhaftigkeitsforderung zutiefst nichts anderes als metaphysisches Selbstinteresse. Denn Unwahrhaftigkeit macht Sinnesverwirklichung unmöglich.
Hieraus folgt, daß man um seiner selbst willen nicht lügen soll. Das Problem der Lüge anderen gegenüber liegt auf anderer Ebene. Gewiß ist vollkommene Wahrhaftigkeit auch in der Gemeinschaft das Ideal. Aber so lange und so oft eine Gemeinschaft nicht aus vollkommen Wahrhaftigen besteht, verlangt eine Forderung, die zwischen verschiedenen Lebewesen eine höhere als die der Wahrhaftigkeit darstellt, Kompromisse: die Forderung der Ehrfurcht. Man darf niemandem schaden. Die Wahrheit, die einer nicht vertrüge, darf man ihm nicht sagen. Hier bietet das Verhältnis zu Kindern das Urbeispiel. Und hieraus folgt weiter, daß nur der von Herzen Höfliche, der wesentlich Taktvolle, das innere Recht hat, anderen gegenüber ganz wahrhaftig zu sein. Woraus sich denn erklärt, warum die größten unter den ganz Wahrhaftigen die höflichsten aller Menschen waren: so allen voran der Buddha.
Hermann Keyserling
Das Buch vom persönlichen Leben · 1936
VII. Wahrhaftigkeit
© 1998- Schule des Rades
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