Schule des Rades

Hermann Keyserling

Das Buch vom persönlichen Leben

VIII. Einsamkeit

Kern der Persönlichkeit

Den meisten fällt es über die Maßen schwer, ihrer Vielfalt und Vielschichtigkeit innezuwerden und dieselbe anzuerkennen. Und doch gibt es keinen anderen Weg zum Heil; es gibt kein anderes Mittel, zu wahrhaft persönlichem Leben zu gelangen. Wir betrachteten gesondert das Nicht-Ich des Körpers, der untersten Triebsphären, der Kollektiv-Bindungen, die emotionalen der Seele, das spirituelle Band der Ehe. In den folgenden Kapiteln begründeten wir die Notwendigkeit totalen Erlebens und unbedingter Wahrhaftigkeit als fortan einzig möglicher Vorbedingungen zur Selbstverwirklichung. Hier nun betrachten wir gesondert den Kern der Persönlichkeit. Ohne rechte Anatomie ist Übersicht nicht zu gewinnen, und ohne klare Erkenntnis des Eigen-Sinnes jeder Sonder-Ebene des Lebens ist es unmöglich, die dem Wahrheits- und Wahrhaftigkeitsideal zugleich entsprechende höhere Synthese des seiner Integralität bewußten voll erwachten Menschen aufzubauen, welche jeder ganz selbstverständlich, aus dem Ahnen seines Unbewußten heraus, als Ziel seines Lebens anstrebt. Denn auf dem Gebiet des Geistes und der Seele schafft jedes Mißverstehen ihm entsprechende falsche Tatsachen, jeder Irrweg führt vom persönlichen Ziele ab, und jede falsche Akzentlegung verbildet die Gestalt. Im folgenden müssen wir uns der Frage eben dieser Akzentlegung zuwenden. Doch vorher ziemt es uns, nachdem wir den Zusammenhang des Lebens in seiner Simultaneität dargestellt haben, uns ein zusammenfassendes Bild vom Sinne seines Ablaufs zu machen. Erst nachdem wir auch diese Koordinate hingezeichnet haben, werden wir den Sinn der letzten Einsamkeit unmißverständlich bestimmen können.

Seinem Wesen nach ist das Menschenleben kein Fortschrittliches, so wie das Fortschrittszeitalter das Wort verstand, und nicht das happy end bedeutet seinen normalen Ausklang: das Menschenleben ist tragisch (W, 137 ff.). Tragisch heißt man ein Schicksal, wenn ein Mensch sich selber gegenüber nicht wahrhaftig sein, noch anderen gegenüber besten Willen bekunden kann, ohne mit Normen, die er im übrigen anerkennt, in Konflikt zu geraten; wenn er recht hat in dem, was er tut, und in seinem Unternehmen scheitert, von Widersachern besiegt, welche gleichfalls nicht im Unrecht, sondern im Rechte sind. Alles Leben, ob individuell, ob kollektiv, findet sein genau stimmendes Gleichnis an der Musik (W, 119 ff.). Jede Melodie verfließt in der Zeit, von der Vergangenheit in die Zukunft, hinaus. Jede Melodie ist ein endliches Ganzes, dem Sinne nach abgeschlossen, ohne möglichen direkten Übergang zu anderen; von Augenblick zu Augenblick verwirklicht sie sich mittels des Verklingens und das heißt Sterbens der einander ablösenden Einzeltöne; und dieser Fortschritt von Tod zu Tod ist ihr Wesen und ihr einzig denkbarer Weg. Der große Bichat definierte exakt, da er schrieb:

Das Leben, das ist der Tod.

Denn jeder lebendige Augenblick hat zwei Aspekte, welche allemal und immerdar gleichzeitig bestehen und unlöslich zusammenhängen: der eine bedeutet Geburt, Wachstum, Aufbau, der andere Zerstörung, Vergehen, Tod. Und zwar ist jeder Tod endgültig, wie der jedes verklingenden Tons; denn klingt, objektiv geurteilt, der gleiche Ton wieder an, so handelt es sich doch nie um persönliche Identität. So muß jedes Gestern sterben, und zwar für immer sterben, auf daß ein Morgen geboren werde. Was nun im Falle der Musik gleichgültige Form ist, was auch vom lebendigen Kollektivum her geurteilt als normaler und unproblematischer Weg des Geschehens erscheint, bedeutet für das erwachte persönliche Bewußtsein eine Tragödie von namenloser Furchtbarkeit, und einen Zwang zu nichtgewollter Sünde, vor dem es kein Entrinnen gibt, welchen Zwang der irrationale Begriff der Erbsünde, gerade wegen des schauerlichen Widersinns, der in ihm liegt, am präzisesten faßt. Es gibt schlechterdings keinen Ausgang aus dem folgenden Dilemma: aller Wert im Leben bezieht sich aufs Konkrete, Persönliche und Einzige, und alles Konkrete, Persönliche und Einzige ist von Anbeginn an zum Tode verurteilt. Das ethische Problem, das sich doch jeder stellt, ist unlösbar (W, 448 ff.). Lösbar könnte es nur sein, wenn es auf der Ebene tätig-verantwortlichen Lebens eine Annullierung der tragischen Schuld oder der Sünde gäbe — und die gibt es nicht. Es ist unmöglich, so zu leben, wie dieses der eigene Geist aus eigenem Gesetz heraus fordert. Es ist unmöglich, anders zu leben als auf Kosten und zum Nachteil vieler anderer. Es ist unmöglich, sich zum Besten anderer preiszugeben, ohne die anderen nicht minder als sich selbst dadurch zu schädigen. Es ist unmöglich, all das Gute zu tun, das man will, noch so viel Böses zum Guten zu wenden, als man möchte. Und nicht einmal all das Böse, das man anstrebt, kann man tun: unwillkürlich führt es auf irgendeine unerwartete Weise schließlich Gutem zu. Wie grauenhaft tragisch die Dilemmen sind, welche sich jedem von Augenblick zu Augenblick stellen, erhellt vollends aus den folgenden Überlegungen: im Fall des Lebens, wie in dem der Musik, setzt die spezifische Wirklichkeit ein erlebendes Subjekt voraus. Wie Musik nur wirklich ist, sofern sie gehört wird, so ist das Wesentliche am Leben sein Erlebt-Werden, das heißt sein Subjektives; deswegen bezieht schon die Grammatik alles mögliche Objektive auf das Subjekt als letzte Instanz zurück. Subjektiv erleben nun kann jeder nur allein für sich. Daraus ergibt sich denn als der Tragödie letztes Wort auch die letzte Einsamkeit dessen, der sie bewußt erlebt. Als tiefstes Subjekt ist jeder letztinstanzlich einsam. Da muß er mit allem selber und alleine fertig werden. Niemand kann ihm etwas abnehmen, auf niemand kann er sich hier stützen. Über diese evidente Erfahrungs-Tatsache hilft keinerlei theoretische Überlegung hinweg, und auch das Gottvertrauen, so echt und fest es sei, annulliert sie nicht und nimmt ihr nichts von ihrem spezifischen Gewicht. Denn nur eben das einsame Selbst kann sich auf Gott verlassen, als welcher ihm niemals in dem Sinne zugänglich ist und damit Sicherheit gewährt wie eine menschliche Stütze; Gottvertrauen setzt eben den Glauben voraus, dessen nur das schlechthin einsame Selbst fähig ist. An diesem Grund-Tatbestande ändert auch die Gemeinschaftsidee der Kirche nichts, die im Zusammenhang dieser letzten Betrachtungen als Gesammeltheit (S. 165 ff.) der letztlich Einsamen bezeichnet werden müßte: die kirchliche Gemeinschaft besteht nur für Anschauung und Denken, nicht das ursprüngliche innere Erleben oder von diesem her. So können wir denn, zusammenfassend, sagen: jeder Mensch lebt sein eigenes Leben, erleidet sein eigenes Leiden, schmeckt seinen eigenen Tod. Und was andere betrifft, affiziert ihn persönlich wiederum nur insofern, als es für ihn einzige Werte schafft, in Frage stellt oder vernichtet. So gibt es hier überhaupt keinen Ausweg aus dem tragischen Schicksal außer diesem: die Tragödie bewußt auf sich zu nehmen und von der akzeptierten Tragik des Lebens her alle Probleme neu zu stellen.

Doch das haben nur große Menschen und große Zeiten je vermocht, weil es dazu tiefster Erlebnisfähigkeit, letzter Wahrhaftigkeit und größten Muts bedarf. Und der Fortschrittsglaube der letzten Jahrhunderte beweist vor allem dies: Flucht vor dem Heute in ein Morgen, welches man sich beliebig rosig ausmalen mag. Was kann es angesichts der wahren und so furchtbar ernsten persönlichen Probleme, die sich von Augenblick zu Augenblick stellen, bedeuten, daß ferne Geschlechter noch besser telephonieren, noch schneller reisen und im ganzen vielleicht einige Jahre länger und in besserer Gesundheit diesen Planeten bewohnen werden als wir? Wer ist denn wirklich von aller Selbstsucht dermaßen frei, daß ihm die Vorstellung des materiellen Wohlergehens anderer das eigene Elend erträglich macht? Nie herrschte ähnliche Lüge und ähnliche moralische Feigheit wie gerade im Fortschrittszeitalter. Das wahre Motiv des Fortschrittsglaubens hat auch nicht das allergeringste mit dem Besserergehen anderer zu tun, dem sich der gegenwärtig Lebende hochherzig aufopferte: es ist nichts Besseres als der Drang zur Flucht vor dem gewissen Heute in ein imaginäres Morgen. Gleichsinnig beweist die Idealisierung rastloser Arbeit oder nimmer aussetzenden Kämpfens zutiefst nichts Besseres als den Drang, das Bewußtsein um jeden Preis zu betäuben. Denn der Schuftende hat keine Zeit zur Selbst-Besinnung, nicht einmal zum Erlebnis seiner eigenen Schufterei. Und so bedeutet sogar die Über-Betonung des Gemeinschaftswohls, wie solche seit der Zeit, da die Massen erwachten, zur Haupttriebfeder der Geschichte ward, zutiefst nichts Besseres als einen Versuch, durch die Suggestion des nachweisbaren objektiven Vorteils für die Gemeinschaft das persönliche Erleben aus dem Bewußtsein hinauszudrängen. Doch solches Verdrängen kann nichts Besseres bewirken als Entmenschung, einen Rückzug auf das Ameisen-Ideal. Es muß die Seele töten, denn der Mensch steht und fällt mit seinem persönlichen Gefühl. Daher die Mißachtung des persönlichen Lebens in allen seinen Äußerungen, welche den Ausklang des Fortschrittszeitalters assyrischen Tagen so schauerlich angleicht. Die Wirklichkeit läßt ihrer nicht spotten. Falscher Optimismus, vorgespiegelter Altruismus und Idealismus als verkleidete Feigheit in ihrem Zusammenwirken konnten nur dies erreichen: die Tragik des Menschenlebens noch grauenhafter erscheinen zu lassen, als sie vorher erschien.

Jetzt ist wohl klar, daß der Ablauf des Lebens einzig dem unter zu vollere Bewußtsein erwachten Menschen erträglich sein kann, der die richtig erkannte Tragödie als Basis akzeptiert und auf ihr sein persönliches Leben aufbaut. Dies ist die antibuddhistische Lösung; die buddhistische, nach welcher der Sinn dieses leidvollen Lebens seine Aufhörbarkeit wäre, ist aber andererseits die einzige, welche neben der hier von uns vertretenen überhaupt Berücksichtigung verdient, denn nur der Buddhismus unter allen überlieferten Religionen und Heilssystemen ist auf vollkommener Wahrhaftigkeit im Sinne restlosen Sich-Eingestehens der leidvollen Wirklichkeit gegründet, so wie diese ist.1 Was bedeutet es nun in concreto, wenn einer die Tragödie auf sich nimmt und auf ihr sein persönliches Leben aufbaut? Auch dies wird am Gleichnis der Musik am schnellsten deutlich. Bei der Musik beachtet der Hörer nicht das frühe und tragische Ende der Töne, die eine Melodie zusammensetzen, sondern deren zusammenhängende Ganzheit, die sich mittels des Anklingens und Verklingens der Töne verwirklicht. Diese Ganzheit vermag sein Verstand einzig als Sinn des Zusammenhangs der empirischen Elemente zu assimilieren. Nun, genau so ist der Sinn des Lebens des Menschenlebens tiefste Wirklichkeit. Worauf es jedem an erster und letzter Stelle ankommt, ist die sinnhafte Vollendung seiner Lebensmelodie. Dieser geistige Sinn aber erfüllt sich mittels irdischer Tragik.

Hiermit ist implizite bestimmt, worauf sich der ursprüngliche und wahre Fortschrittsbegriff bezieht. Den Fortschrittsbegriff als solchen zu verwerfen, wie in Reaktion auf das 19. Jahrhundert so oft geschieht, ist nicht allein absurd, sondern grotesk, denn bezöge er sich nicht auf tiefe Wirklichkeit, die Sprache kennte ihn nicht von Urbeginn an; überdies hat Fortschritt im modernen oberflächlichen und falschen Verstand nur den Glauben eines geringen Teils der Menschheit höchstens hundertfünfzig Jahre lang gebannt. Der Fortschrittsbegriff bezieht sich ursprünglich sowohl als wesentlich auf den inneren Fortschritt; das heißt den Fortschritt in der Sinnesverwirklichung (SE, 188 ff.). Stellt einer nun die Frage so, dann verlieren die Tatsachen des Lebens ihre Eigen-Bedeutung. Dann gilt all das Positive, was wir anläßlich unserer Betrachtungen über die Ehe bereits ausführten und was wir deswegen nicht zu wiederholen brauchen. Aber zugleich leuchtet jetzt eines ohne weitere Erläuterung als evidente ein, was wir im damaligen Zusammenhang unberücksichtigt lassen mußten: daß auch in der Ehe der letzte und tiefste Akzent bei jedem auf seiner Einsamkeit liegt. Nicht allein gehört das tiefste Selbst keinerlei empirischer Gemeinschaft an: auch innerhalb der spirituellen Bindung der Ehe, welche der Geist schuf, ist das letztmögliche persönliche Bezugszentrum in jedem einzig und einsam. Auch in der Zweisamkeit lebt jeder Mensch letztlich sein eigenes einsames Leben, erleidet er sein eigenes einsames Leid, stirbt er seinen eigenen einsamen Tod.

So beginnt denn das große und tiefe und deshalb schöne Leben nicht schon damit, daß der Mensch die Tragik des Lebens im allgemeinen auf sich nimmt, sondern erst da, wo er ja sagt zur Tragik seiner Einsamkeit. Das aber ist das Schwerste. Es ist schwer vor allem darum, weil der Einsame nie zugleich alleine ist und dergestalt niemals äußere Gelegenheit hat, seine Einsamkeit ganz ohne Beziehung, ganz ohne Vergleich zu realisieren. Immer wieder muß er, wie immer er sich stelle, seine Einsamkeit als Absperrung empfinden. Darum sind sogar sehr hoch hinauf gelangte Menschen von der Angst vor der eigenen Einsamkeit nur selten frei. Bei den allermeisten äußert sich hier, auch wo sie sonst überwunden war, die uralte Ur-Angst. So flüchtet gar mancher nach einem Leben souveräner Selbstverantwortung zuletzt doch noch in irgendeine Kirche oder in irgendein Kloster, deren Dogmen und Normen ihm die letzte Selbstverantwortung abnehmen und deren noch so schweigsamunverbundenes Gemeinschaftsleben ihn über seine letzte Einsamkeit hinwegtäuscht.

1Ich mache hier auf die Schriften des schon früher genannten letzten wirklich echten und großen Buddhisten aufmerksam, der Buddhas reine Lehre im tiefsten Sinn verdeutscht das heißt für deutsches Bewußtsein verständlich gemacht hat: des 1928 verstorbenen Paul Dahlke. Vgl. besonders seine Schriften: Buddhismus als Religion und Moral, Oskar Schloß Verlag, München-Neubiberg 1932; Buddhismus als Weltanschauung, Oskar Schloß Verlag, München-Neubiberg; Buddhismus, Verlag G. Braun, Karlsruhe 1928.
Hermann Keyserling
Das Buch vom persönlichen Leben · 1936
VIII. Einsamkeit
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