Schule des Rades

Hermann Keyserling

Das Buch vom persönlichen Leben

VIII. Einsamkeit

Einheit des Geists

Das letzte innere Bezugszentrum persönlichen Lebens, auch wo es in heißester Liebe einem Du oder der Gemeinschaft verbunden ist, ist also das einsame Selbst. Auf dieses bezieht sich alle Hinzunahme des Nicht-Ich zum persönlichen Ich. Und sei die Angst vor der letzten Einsamkeit auch noch so groß jeder Mensch strebt andererseits doch gerade nach ihr, gleichwie die Braut nach der gefürchteten Vereinigung. Denn nur auf der Ebene des einsamen Selbstes erledigt sich die Angst. Sie erledigt sich, weil die Angst Urausdruck des Gana-Lebens und dieses mit dem Durchbruch des Selbstes besiegt und dem Geiste unterworfen ist.

Angesichts der Popularität der Philosophien Jaspers und vor allem Heideggers, welche Angst und Sorge als Urattribute des Seins darstellen, tat es wohl not, ein wenig länger bei diesen Tatsachen zu verweilen, obschon sie, wie alle höheren Religionen beweisen, von der Urzeit an allen tiefen Menschen sinngerecht bewußt gewesen sind. Furcht und Angst sind Ureigenschaften des erdbedingten Lebens, als welches jeden Augenblick gefährdet ist und unabwendbarer Auflösung entgegensieht (SM, II). Doch nur der Erdteil des Menschen kennt sie andererseits. Je mehr nicht-irdischer Geist im Menschen bestimmend wird, desto mehr macht Mut der Angst, spielerische Leichtigkeit der Erdschwere und Freudigkeit der Traurigkeit Platz (SM, X, XII). Denn nichts Irdisches kann den Geist an sich gefährden, der Begriff des Todes ist von ihm aus ohne Inhalt, und die irdischen Konflikte sind ihm nicht Hindernisse, sondern Mittel zur Selbstverwirklichung. Der substantielle Geist kann auch keine Sorge kennen, denn nicht allein das Gesetz seines Handelns, auch das seines Erleidens schreibt er sich selber vor. Er kann endlich keine Furcht vor dem Ende kennen, denn Sinn kann gar nicht sterben: er kann nur hinaustreten aus der Erscheinung. So kann man denn die Geistigkeit eines Menschen mathematisch genau am Grade und an der Qualität seiner inneren Freudigkeit messen. Diese ergibt sich einerseits aus der Eigenart des Geists, welcher nach indischer Lehre Sein, Wissen und Glückseligkeit, nach urchristlicher Liebe, Weisheit und Seligkeit zugleich ist, andererseits aus der Ausschaltung aller Leidmotive. Was letztere betrifft, so sei über das schon Gesagte hinaus noch auf das Folgende hingewiesen: das geistige Selbst ist nicht nur allen irdischen Konflikten, sondern auch allen Vergleichen entrückt. Es ist ja wesentlich einzig und damit unvergleichlich: wie sollte es da Neid kennen, wo solcher nur aus dem Vergleich entstehen kann? — Doch dieses wesentlich freudige einsame Selbst ist andererseits niemals alleine, und so kann das Einsame von sich aus alles nur mögliche zu sich ziehen und auf sich beziehen. Wenn der Mystiker, wie er es oft formuliert hat, im Einen aufgeht, so bedeutet das nicht, daß er als Tropfen im Meere unterginge, sondern umgekehrt: daß der Tropfen das Meer aufsaugt und insofern selbst zum Meere wird. Doch dieses Bild ist nicht ganz gegenständlich: ich verwendete es nur, weil es ob seiner Üblichkeit die erforderliche Gedanken­verbindung leichter macht. Die Einheit des Geists besteht in der Dimension der reinen Intensität, und in ihr allein; deswegen hebt keinerlei geistige Einheit irgendwelche sonstige Vielheit auf. Das Selbst ist extensionslos. Doch es richtet und ordnet, als tiefster lebendiger Sinn jedes besonderen Lebens, von sich aus die Entfaltung innerhalb von Raum und Zeit. So verhält es sich zur Tragödie des Lebens wie der tragische Dichter, der die Tragödie schafft. Dieser beschwört deren Sondergestalten, er kontrapunktiert die Konflikte, gibt aller Handlung den eigentlichen Sinn, welcher von außen her oft erst am Ende faßbar wird. — Ist einmal dieser Zustand erreicht, dann kommt es natürlich nicht mehr darauf an, ob ein Leben an sich glücklich oder unglücklich, reich oder arm sei: nur darauf kommt es an, ob es seinen Sinn erfülle. Dann ruht auf diesem Eigenen und Nur-Eigenen aller Nachdruck, und dieses Nur-Eigene kann vom Geiste her unter allen Umständen, wie immer das äußere Geschick verlaufe, von tiefstem Sinn erfüllt werden. Dann gibt es buchstäblich nichts, was derer Leben seinen Sinn nehmen könnte. Dann wirken die Widerwärtigkeiten des Lebens leicht geradezu als Gnadengeschenke, denn wie nichts Positives beschwören gerade sie die Eigenkräfte des Geists ins Leben hinein.

Und im Tiefsten weiß dies auch jeder Einzelne. Käme es auch nur im allermindesten auf des Lebens objektiv-empirischen Gehalt an, keiner hielte ein anderes als das äußerlich gesegneteste aus, und Neid und Mißgunst grassierten Milliarden mal mehr noch auf Erden, als sie’s tatsächlich tun. Es war vielleicht das ungeheuerlichste Mißverständnis des Fortschrittszeitalters, daß es auf allen Gebieten das Besondere vom Allgemeinen her bestimmen zu können glaubte — weshalb kein Wunder ist, daß kein Zeitalter neidzerfressener, mißgünstiger und wahrer Größe feindlicher gesinnt war als eben dieses. Bestimmung des Besonderen vom Allgemeinen her ist möglich allein in bezug auf die rationalisierbare Außenseite des Lebens, und damit allein in bezug auf den alleräußerlichsten Aspekt des Nicht-Ich. Sobald es wahrhaft Persönliches gilt, stellt sich keine einzige allgemeine Frage mehr. Dann entscheidet einzig und allein das dem jeweils einzigen Fall Gemäße. Je schwieriger das Äußerliche des Lebens sich darstellt, oder je mehr es gleichgeschaltet wird, desto leichter gelingt es, den ganzen Nachdruck auf das Innerlich-Persönliche zu legen. Deswegen sind die Probleme des intimen Lebens in dieser Wendezeit, deren eigentliches und letztes Ziel keine neue Sozialordnung, sondern ein weiter Schritt voran in der Weltoffenheit, Wahrhaftigkeit und damit Geistbestimmtheit ist, unvergleichlich viel wichtiger, als alle nur möglichen historischen.

Aber andererseits ist das Folgende wahr: eine glückliche Lösung des Lebensproblems gelingt immer schwerer, je weiter der Umkreis des Bewußtseins wird, und je mehr es sich differenziert. Wer jeweils von nur einer Dominante seines Innenlebens ganz erfüllt ist, wie der materiell Aufstrebende vom Erwerbstrieb, der Verliebte von seiner Liebe, der Kämpfer von seinem Siegeswillen, dem ist sein Leben, trotz alles seines Schweren, ein geistig leicht zu bewältigendes Problem, denn dieses löst sich dann immer erneut von selbst. Jede Gana-Melodie ist endlich (SM, VII), und ist sie verklungen, dann ist sie damit vergessen oder über-lebt. Da löst das praktische Aufhören der Verliebtheit das Problem der Liebe, da sterben mit dem Kriegsende die Leidenschaften, welche den Krieg im Gang erhielten, da erledigt sich alle Trauer durch Ver-Schmerzen. Und so hat es auch mancher ganz von seinem Glauben besessene christliche Märtyrer kaum gespürt, wenn ihn die Löwen zerrissen. Den heutigen Menschheitszustand kennzeichnet, trotz aller zeitweiligen und noch so heftigen Reaktionsbewegungen, wie solche nicht ausbleiben können, ein in aller Geschichte unerhört erweitertes und waches Allgemeinbewußtsein. Deswegen kann der heutige Mensch nicht umhin, sich wie nie früher der Vielfalt und Vielschichtigkeit seines Wesens bewußt zu sein oder in wachsendem Maße zu werden, was denn uralte Konflikte auf neuer Basis erneuert und die Lösungen des Lebensproblemes annulliert, deren Möglichkeit an weltanschauliche Voraussetzungen gebunden war, welche die Sachlage einfacher und anders erscheinen ließen, als sie ist. Es ist lächerlich, die Psychoanalyse als erledigt zu bezeichnen, weil nicht alle Lehren ihrer Pioniere haltbar sind: sie ist nur erledigt, insofern ihre Grunderkenntnisse zu so selbstverständlichen Voraussetzungen aller historisch bestimmenden Menschen geworden sind, daß kein ernsthaft Denkender sich mehr vorstellen kann, wie es ohne sie mit seinem Erleben bestellt wäre. Es beweist nichts als Blindheit, den Klassenkampf bereits für überwunden zu halten, weil gewisse neue Gemeinschaftsformen ihn ausschließen — auf lange hinaus wird bei den meisten Europäern das Ich- über das Wir-Bewußtsein vorherrschen (ich verweise hier auf Künkels so aufschlußreiche Grundzüge der politischen Charakterkunde, welche gerade dieses Problem besonders scharf beleuchten). Es beweist Beschränktheit, zu wähnen, wir seien schon auf dem Weg zu höherer Charakterbildung, bloß weil alle Welt sich theoretisch für Charakterkunde interessiert. Tatsächlich leben wir in einem Zeitalter schicksalsmäßig sich steigern-müssender Triebpathologie. Das war zu allen tiefrevolutionären Zeiten so. Aber andererseits ist schon heute allen auf der Höhe der Zeit Stehenden wieder klar, was alle großen Zeiten wußten, was jedoch viele Geistesgrößen um die Jahrhundertwende nicht wahrhaben wollten: nämlich daß sich das Menschenwesen in seinen Trieben nicht erschöpft. Als persönliches Wesen steht der Mensch, potentiell und virtuell wenigstens, über ihnen; von seinem eigentlichen Wesen her kann er seine Triebe beherrschen und verwandeln. Die Charakterkunde bedeutet insofern ein nur die Oberfläche des Menschen Betreffendes und nur als Material für Erziehungstechnik Wertvolles. Dadurch nun, daß wir heute wieder wissen, daß die eigentliche Substanz des Menschen ihren Ort oberhalb seiner Triebsphäre hat, wissen wir andererseits auch wieder, was alle vorwissenschaftliche Psychologie wußte, nämlich, daß in der Seele des Menschen vieles lebt und wächst, was mit seinem persönlichen Wesen nicht zusammenfällt. Nur das gehört endgültig zum Menschen, wofür er sich in sich persönlich entschieden hat. Es bleibt wahr, was Jesus Christus lehrte und was jede tiefliebende Frau im Fall des geliebten Mannes gewußt und gefühlt hat, daß das Sündige und Schlechte an einem Menschen nie das letzte Wort und daß Bekehrung zu Besserem und Höherem allezeit möglich ist. Letztlich kommt alles auf die frei vorgenommene Akzentlegung an.

Hermann Keyserling
Das Buch vom persönlichen Leben · 1936
VIII. Einsamkeit
© 1998- Schule des Rades
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