Schule des Rades

Hermann Keyserling

Das Buch vom persönlichen Leben

VIII. Einsamkeit

Alleinseins

Hiermit wären wir bei dem im Zusammenhange dieses Kapitels entscheidendem Probleme angelangt, eben dem der Akzentlegung. Es ist das entscheidende Ur-Phänomen des bewußten Seelenlebens, deswegen weder weiter abzuleiten noch näher zu begründen, doch eben darum als Urtatsache hinzunehmen, daß es dem Menschen freisteht, sich ent-schließend den Akzent in sich so oder anders zu legen. Und es ist Urtatsache, daß die Elemente, welche der Mensch in sich dergestalt betont, damit vitalisiert werden und wachsen. Als psychisches Wesen ist er, formell geurteilt, nicht viel anders gebaut, denn als physisches. Es gibt psychische Elemente in ihm, die dem Gehirn, andere, welche dem Herzen, wieder andere, die Bauch, Niere, Gedärmen und deren Produkten entsprechen. Nur daß in der psychischen Sphäre alles verfließt, keine Grenze fest, kein Organ weder anatomisch noch physiologisch festgelegt ist und Wandlungen und Verwandlungen möglich sind, wie sie kein Märchen je phantastischer geschildert hat. Von diesem oder jenem Menschen wird gesagt, er lebe seinem Gaumen oder seiner Gesundheit oder seinem Besitz, seiner Macht, seiner Liebe, seinen geistigen Interessen: bedenkt man, daß es möglich ist, den ganzen Akzent seines Erlebens auf seinen Körper oder gar einen Teil seiner zu legen, daß dieser dadurch bewußter und damit lebendiger wird, als er sich sonst darstellt, und daß diese Akzentlegung unmittelbar doch nur Psychisches, das heißt nur die Vorstellung vom Körper betreffen kann, dann leuchtet ein, daß im Bereich des Nur-Psychischen buchstäblich alles möglich sein muß. Man kann alles in sich betonen, was es nur gibt. Was aber betont wird, das rückt zur Dominante auf und verwandelt auf die Dauer alle übrigen Elemente sich selbst gemäß. Denn da sämtliche Teile der Psyche — noch so viel loser als die des Körpers — zusammenhängen, so bedingt jede derartige Vitalisierung eines Elementes eine Verwandlung aller. Von hier aus steht denn der Weg zur Erkenntnis dessen offen, wie sich die Elemente der Seele letztlich zum persönlichen Wesen verhalten. Sie sind alle von Hause aus Nicht-Ich, mit der einzigen Ausnahme des funktionalen Zentrums, welches den Akzent legt. Dieses allein ist ursprünglich und rein persönlich. Doch es kann andererseits alles und jedes auf sich und in sich hinein beziehen, es kann sich allem und jedem einbilden und verhaften. So mag ein ursprünglich geistiger Mensch, ohne seine Identität zu verlieren, zum reinen Triebwesen werden, oder ein Triebmensch geistig. So mag einer als Trieb- oder Geistmensch auf die verschiedenste Weise zentriert, und damit real so oder anders sein. Tatsächlich durchläuft jede Entwicklung im oben skizzierten Sinn verschiedene Phasen, und es gibt keinen Zustand, welcher nicht dank Bekehrung oder Zerbrechen oder Umschmelzen der Persönlichkeit urplötzlich in einen ganz anderen übergehen könnte. Allemal ist dies eine Frage der Akzentlegung und des durch diese eingeleiteten inneren Wachstums oder Schwunds.

Unter diesen Umständen ist klar, daß der Mensch, in christlicher Ausdrucksweise, seine Seele sowohl verlieren als gewinnen kann, daß es ihm freisteht, vollkommen unpersönlich, bis zum Ebenbild der trockensten, ärmsten, dürrsten, dürftigsten Sache zu werden, oder zu einer so reichen Persönlichkeit auszuschlagen, daß kein Nicht-Ich übrigbleibt, welches das Selbst sich nicht einverleibt hätte und von innen her begeistete. Doch von hier aus wird vor allem klar, was es mit der letzten Einsamkeit des Menschen allerletztlich für eine Bewandtnis hat. Sie bedeutet überhaupt nichts Negatives, sondern dies Absolute, daß jeder nur für sich, strikt persönlich, entscheiden und verantworten kann, daß es jenseits dieses Selbstes keine persönliche Instanz gibt und daß dieses Selbst als solches für das Bewußtsein, als letztmögliches Bezugszentrum, beziehungslos und damit einsam ist. Dieses reine an sich und für sich ist sein tiefstes und letztes Wesen. Mit ihm steht und fällt des Menschen tiefstes und letztes Identitätsgefühl. Dieses sein Einsames ist aber wiederum niemals alleine. Und zur Kategorie des Alleinseins und nicht derjenigen der Einsamkeit gehört nicht nur alles Gemeinschaftsbedürfnis, sondern auch alles das, was Gemeinschaft dem Einzelnen gegenüber als ein mehr erscheinen läßt.

Hiermit hätten wir die letzte Schwierigkeit, welche das Problem des Zusammenhangs eines einsamen Selbstes mit einer andererseits notwendig zu ihm gehörenden Gemeinschaft aufgibt, grundsätzlich gelöst. Die subjektive Einsamkeit und das ihr entsprechende Gefühl stellen die spezifische Qualität des Zentrums im Menschen dar, das seine persönlich-letzte Instanz ist. Nur von der persönlichen Einsamkeit her gibt es tiefe Beziehung zu Gott, Menschen und Welt. Nur das letzte Einsamkeitsbewußtsein macht so hochnotpeinliche Problematik möglich, wie solche erforderlich ist, auf daß das Individuum den gebieterischen Drang spüre, sich andererseits Gott zu Öffnen und in wiederum einer anderen Dimension der Welt. So bedeutet es denn ein reines Mißverständnis, die letzte Einsamkeit als Absperrung zu empfinden: im Gegenteil, sie und sie allein bildet das Tor zu aller nur möglichen Gemeinschaft. Denn da das persönliche Selbst nach innen zu die letzte Instanz ist, so gelten alle nur möglichen lebendigen Beziehungen, welche ein persönliches Wesen haben kann, nur von ihm her und niemals auf ihn hin.1

Anders gesagt: nur von der Einsamkeit her stellt sich überhaupt ein Gemeinschaftsproblem, nur von ihr her kann es sich stellen. Wer also sich selbst bejaht, bejaht damit auch seine letzte Einsamkeit, und wer die Gemeinschaft bejaht, kann es auch nur von der letzten Einsamkeit her tun. Damit wären denn zwei wichtigste Mißverständnisse auf einmal aufgedeckt. Zum ersten bedeutet es ein radikales Verkennen des wahren Sachverhalts, wofern der Einsame ob seiner Einsamkeit Angst spürt: das, was sich überhaupt fürchten kann, ist gar nicht das Einsame und damit Letzt-Persönliche. Es ist vielmehr das im Menschen, welches sterben muß, auf daß das eigentlich-persönliche Selbst sich zum Mittelpunkt des Bewußtseins konstituiere: nämlich das sogenannte kleine Ich. Dieses ist, wie im Kapitel Traurigkeit der Kreatur der Meditationen gezeigt ward, das Ergebnis der ersten Gefangennahme und Einkerkerung des Selbst durch die Gana, welche sich verzweifelt wehrt gegen den Verlust, ihrer Selbständigkeit. Um dieser Verzweiflung willen ist dieses kleine Ich so hart und seine Angst so groß. Das innere Selbst hingegen ist über alle Angst hinaus. So ist es zu verstehen, daß der alttestamentliche Gott seine Erwählten, wenn er sich zeigte, zuerst mit den Worten fürchte dich nicht ansprach und warum dieser Zuspruch in jedem, der metaphysischen Erlebens fähig ist, ein so erschütterndes Echo weckt. — Zum zweiten bedeutet es radikales Verkennen der wahren Stellung des Menschen im Kosmos, falls ein Mensch im Aufgehen in der Gemeinschaft Ziel und Ideal sieht. Das Einsame im Menschen, als das allein mit dem Weltgeist unmittelbar Verbundene in ihm, ist viel mehr als es Milliarden von Mitmenschen sind, die nicht bewußt in gleicher Tiefe Wurzel gefaßt haben. Daher die Ideale des Genius, des Vorbilds, des Führers, ja zuletzt des Gottes, dem man sich hingeben oder überantworten soll: alle diese Imperative beruhen auf der Voraussetzung, daß — um an diesem einen Beispiel den Sinn aller aufzuzeigen — der berufene Führer in tieferem Sinn das Volk ist, als die Summe aller Volksgenossen. Er ist es aber eben als Verkörperer jenes Einsamen, welches jedem Menschen als Tiefstes zugrunde liegt und dessen Sieg über alle anderen Schichten des Menschenwesens letzte Selbstverwirklichung bedeutet; durch ihn hindurch, in dem sie sich dem Vor-Bild, das er für sie darstellt, hingeben, es meditieren und im Herzen tragen, gewinnen alle an ihrer eigenen tiefsten Wirklichkeit teil. So bleibt es bei der Lösung des ursprünglichen Gemeinschaftsproblems, welche wir im dritten Kapitel gaben. Hinzugekommen ist dank später gewonnenen Einsichten aber dies: nur insofern der zutiefst einsame Mensch, der in seiner Einsamkeit seine persönlich letzte Instanz sieht, sich mit anderen Schichten ganz zu dem Kollektivum bekennt, dem er de facto angehört, wird er von seinem Einsamen her be-geistet und nur insofern kann er persönliche Erfüllung erreichen.

1Ich drucke hier, zum Teil des historischen Interesses halber, aber auch deshalb, weil dieser Aspekt mir für Deutsche besonders wichtig scheint, den größten Teil eines Aufsatzes vom Jahre 1922 Von der Grenze der Gemeinschaft ab, der im dritten Heft der Mitteilungen der Schule der Weisheit Der Weg zur Vollendung veröffentlicht ward:
Die, welche Gemeinschaft fordern, haben durchaus recht. Nur irren sie ebenso durchaus in der Annahme, daß Gemeinschaft gemacht werden könne: durch äußere Vereinigung, Statuten, Tagungen, Aussprachen und ähnliches mehr; sie kann allein erwachsen. Dieses aber gelingt am schwersten dort, wo man unmittelbar auf Gemeinschaft hinzielt.
Denn solche bedeutet innere, nicht äußere Einheit. Insofern ist es zunächst belanglos, ob sie äußerlich überhaupt zutage tritt; von den wesentlichsten, tiefsten Gemeinschaften hat die Menge noch nie das mindeste gemerkt. Dann aber: wie entsteht innere Gemeinschaft? Allein dadurch, daß die Tiefen sich finden. An der Oberfläche tobt unabänderlich der Daseinskampf; dort ist Konkurrenz Gesetz, lebt ein Wesen notwendig auf anderer Kosten; man zergliedere, so scharf man nur kann, das Getriebe der Natur: keinerlei Gemeinschaftssinn läßt sich in ihr entdecken, der nicht durch inneren organischen Zusammenschluß begründet wäre, also durch etwas, was jenseits der unmittelbaren Erscheinung liegt. Folglich kann Gemeinschaft allein von innen nach außen erwachsen. Soweit dürften viele zustimmen. Nun aber kommt die Hauptfrage: Kann solche überhaupt erwachsen, wo das Innere dem Bewußtsein unerschlossen blieb? Sie kann es nicht. Also beruht das Scheitern aller Gemeinschaftsbestrebungen, wie wir dies täglich, zumal innerhalb der Jugendbewegung, erleben, auf dem einen entscheidenden Umstand, daß die Betreffenden ihre eigene Tiefe nicht entdeckt haben. Wer wahre Gemeinschaft will, muß zuerst nach Selbstverwirklichung streben, nicht unmittelbar nach jener: denn nur im Innersten hängt die Menschheit wesentlich zusammen. Weshalb denn die Weisheit aller Zeiten und Völker lehrt, wer sein Selbst gefunden habe, der werde eben dadurch selbstlos, zu einem Borne reinen Gebenwollens, reiner Liebe. Demgegenüber hat kein Tiefer je die Meinung vertreten, daß Vergesellschaftung als solche vertiefe. So gelangen wir denn zu einer Einsicht, die zunächst paradox klingen mag. Allerdings ist das Fehlen jeder Gemeinschaft unter den Menschen das Grundgebrechen dieser Zeit; es ist der eigentliche Exponent ihrer Oberflächlichkeit. Aber um zur Gemeinschaft zu gelangen, dürfen wir, sofern wir oberflächlich geworden, nicht unmittelbar nach ihr streben; wir müssen vielmehr Fühlung gewinnen mit unserem einsamen Selbst; wir müssen uns einsam auf uns selbst besinnen. Das Tiefste im Menschen ist zunächst ein schlechthin Einsames; niemand kann von ihm aus kommunizieren im üblichen Verstand, wo der Zusammenhang dadurch zustande kommt, daß man aus sich selbst in eine andere Einheit hinaustritt. Die wahre Kommunion entsteht nur dadurch, daß sich eine tiefere Einheit in einem selbst erschließt, jenseits, nicht diesseits der letzten Einsamkeit. Also ziele, wer die Gemeinschaft will, zunächst auf Abgeschiedenheit.
Hieraus ergibt sich denn die völlige und grundsätzliche Verfehltheit der meisten modernen Gemeinschafts­bestrebungen, so edel deren Ziel immer sei. Nie auf ein Wohin, allein auf ein Woher hin ist Gemeinschaft möglich. Es ist völlig gleichgültig vom Standpunkte dieser, ob zwei Menschen gleiches erstreben, wofern sie von verschiedenen inneren Regionen herkommen. Es ist völlig und grundsätzlich verfehlt vom Standpunkt des Einzelnen, wenn er, einen bestimmten inneren Trieb verspürend, in einen Bund entsprechenden Programmes eintritt, der nun im Zusammenleben und in der Aussprache das Innere zu fördern hofft. Solches Vereinswesen kann dieses nur schädigen. Das Ausgesprochene wirkt nicht mehr im Innern fort, das Tiefe wird an die Oberfläche gezogen, hinausprojiziert, das Besprochene eben dadurch zerredet. Sehr jungen Schülern, die ihrem Alter entsprechend Anlehnung suchen und dazu nach Gesinnungsgenossen ausschauen, rate ich allemal, sich doch ganz unbefangen auf Grund ihrer Jugend zu vergesellschaften und die Frage gleichen geistigen Strebens in diesem Zusammenhang möglichst ungestellt zu lassen. Lernten sie von diesem zu schweigen, im übrigen Sport treibend, tanzend, wandernd nach Herzenslust, so wären sie eben dadurch dem Gemeinschaftsziel erheblich nähergerückt.
Gibt es demnach gar keine mögliche Wesensförderung durch äußere Vereinigung? O ja; doch genau nur insoweit, als diese die Einsamkeit befruchtet. Dies vermag jedes schon bestehende höhere Niveau, ob in einem Einzelnen oder einer Atmosphäre verkörpert; dies vermag aber nur ein Höheres, dem man sich unterordnet. Nur Vorhandenes kann wirken. Ein vorhandenes höheres Niveau pflanzt sich, als solches erkannt, auf andere fort. Wo aber nichts da ist, kann nichts Positives erfolgen. Die meisten schließen sich auf Grund von nicht Vorhandenem zusammen, auf ein ersehntes, noch unerlebtes Ziel hin. Solche Bünde verflachen. Es vertiefen indessen die und die allein, die sich um kein Wohin, sondern ein Woher herum gruppieren. Gemeinschaft ist möglich nur im Schein eines schon brennenden inneren Lichts. Zu seiner Entzündung aber führt nicht Verkehr, sondern allein die Abgeschiedenheit.
Hermann Keyserling
Das Buch vom persönlichen Leben · 1936
VIII. Einsamkeit
© 1998- Schule des Rades
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