Schule des Rades

Hermann Keyserling

Das Buch vom persönlichen Leben

I. Gesundheit

Gleichgewichtsmangel

Wer da wirklich unbefangen das Menschenwesen betrachtet, der möchte die Hände zusammenschlagen vor Staunen darob, daß Gesundheit je als Norm hat gelten können. Denn das Primäre selbst am befriedigendsten Zustand, in welchem sich ein Mensch befinden kann, ist dies, daß er mit einer bestimmten Art von Gleichgewichtsmangel steht und fällt. Man soll ruhig Gleichgewichtsmangel sagen, denn da das Leben im Werden ist, solange es währt, und jeder Stillstand Sterben bedeutet oder einleitet, da ferner jeder gelebte Augenblick, auf welcher Ebene immer, ein Spannungsverhältnis darstellt, welches nach Lösung drängt, so besagt der übliche Ausdruck dynamisches (im Gegensatz zu statischem) Gleichgewicht zu wenig. Aus der Hormonenlehre geht hervor, daß das Urbild jedes bestimmten Konstitutionstypus, der auf Grund eines bestimmten Kräfteverhältnisses der verschiedenen Wirkstoffe besteht, kein gesunder, sondern ein krankhafter ist. Die verschiedenen organischen Systeme im Körper (das vegetative, motorische, generative usw.) sind im erheblichen Grade von einander selbständig und funktionieren nie ganz in Harmonie. Die Normen für das größtmögliche Wohlbefinden des Körpers und der Seele fallen nie zusammen. Der Geist endlich folgt überall höchsteigenem Gesetz, ohne Rücksicht auf das Wohl der übrigen Teile des Menschenwesens. Abgesehen davon aber stellt jede Veränderung, jede Wandlung überhaupt einen Durchgang durch Krankheit dar. Genau besehen, besteht recht eigentlich das ganze Menschenleben aus solch pathologischen Wandlungen, von der Katastrophe der Geburt durch immer neue kleinere und größere Krisen hindurch bis zur endgültigen Auflösung. Der Glaube, daß Gesundheit Norm sei, hat denn auch vorzüglich drei Gründe, welche ihm allesamt alles eher als zur Ehre gereichen: erstens die Stumpfheit, die geringe Gleichgewichts­verschiebungen nicht wahrnimmt, zweitens Allein- oder Höchstbetonung körperlicher Befriedigtheit, endlich Gedächtnismangel, dank welchem alle Krankheit und alle Qual nicht allein bei anderen, sondern auch bei sich selbst, sobald sie nicht mehr unmittelbar-gegenwärtiges Erlebnis ist, vergessen wird. Je sensitiver ein Mensch, desto seltener kann er sich gesund fühlen; je höher seine Begabung, und das will immer auch sagen: je komplizierter sein Organismus, desto seltener ist er im üblichen Verstande gesund. Aus diesem Tatbestande folgt erfahrungsgemäß keineswegs, daß der Sensitive und Begabte kurzlebiger und leistungsunfähiger sei als der Stumpfe — eher darf das Gegenteil als durch Erfahrung bewiesen gelten. Der Sensitive, welcher alles wahrnimmt, was auf ihn und in ihm wirkt, spürt auch die Gefahr schneller und weiß entsprechend vorzusorgen. So sind Anthropologen jüngster Schule zu dem Schluß gekommen, daß der Mensch kein junges, sondern eines der ältesten Geschöpfe der Erde ist und sich gerade wegen seiner Feinfühligkeit, Labilität und deshalb Wandlungsfähigkeit durch alle Katastrophen hindurch besser erhalten hat, als alle scheinbar besser gewappneten Geschöpfe. Der begabte Mensch nun ist desto unabhängiger von körperlichem Wohlbefinden, je reicher sein Leben sonst, ist; im übrigen aber wächst mögliche Selbstbeherrschung proportional der geistigen Energie. So ist Gesundheit sogar für gesundeste Menschen niemals Norm; ja sogar Tiere von menschlicher Bewußtseinshelle könnten dies für ihren Fall nicht behaupten. Von hier aus leuchtet denn ohne weitere Erörterung der phantastische Wider-Sinn der Christian Science ein, die da behauptet, daß es keine Krankheit gibt: viel eher dürfte man behaupten, daß es keine Gesundheit gibt. An sich habe ich gar nichts gegen die Bekenner dieses Glaubens: da handelt es sich allemal um körperlich an sich brutal robuste, doch durch Vorstellungen einerseits leicht aus dem Gleichgewicht zu bringende, andrerseits wiederum im Guten beeinflußbare Individuen, in deren Organismus die Erkenntnisfunktion so gut wie keine Rolle spielt. Erkenntnismäßig aber wüßte ich keine törichtere Lehre, und gern schenke ich der Mitteilung Glauben — für deren Richtigkeit ich freilich nicht einstehen kann! — daß gewisse amerikanische Versicherungsgesellschaften doppelte und dreifache Prämienzahlung von Jüngern der Christian Science fordern: schmerzliche finanzielle Erfahrung hätte sie darüber belehrt, daß diese Menschenart am häufigsten ohne rechtzeitige Voranmeldung das Zeitliche segnet. Ein Mensch muß in der Tat ungewöhnlich stumpfen Sinnes sein, um aufrichtig überzeugt behaupten zu können, daß es keine Krankheit gibt. Von seinem unglaublichen Glauben hypnotisiert, läuft er Gefahr, den bewußten Kontakt mit seinem Leib so sehr zu verlieren, daß er keins von dessen Alarmsignalen mehr bemerkt.

Noch einmal: es ist allen Ernstes sinngemäßer, den Krankheitszustand als Norm zu erklären, als die Gesundheit. Denn wer immer letzteres tut, sollte logischerweise auch daran glauben, daß es dereinst gelingen wird, den Tod abzuschaffen. Diese vom Unbewußten begierig akzeptierte logische Notwendigkeit erklärt wohl vor allen Dingen den ungeheuren Erfolg der Lehre von Mrs. Baker-Eddy und erst recht den des Buches von Prentice Mulford, das in seiner deutschen Ausgabe den Titel Der Unfug des Sterbens führt. Erkennt man einmal an, daß dieses Leben wesentlich endlich ist, so ist sogar unverständlich, wie jemand vollkommene Gesundheit als Ideal aufstellen kann: denn würde es je auch nur annähernd vollständig verwirklicht, dann erschiene der Tod noch schauerlicher und widersinniger, als er tatsächlich ist. Wahrscheinlich gehen die so tief pessimistischen Ansichten der Griechen über Tod und Jenseits vor allem darauf zurück, daß kein anderes Volk gleich aufrichtig an die mögliche Vollkommenheit des leiblichen Daseins geglaubt, hat. Allein ich gehe noch weiter: sogar die Auffassung der Gesundheit als eines nur relativen, nicht absoluten Ideals ist nur unter der einen Voraussetzung möglich, daß das banale Leben eines stumpfen Fleischergesellen mehr wert sei, als das intensiv sich selbst verbrennende des Helden oder künstlerischen Genius. Denn es ist ganz unmöglich, starke Leidenschaften zu empfinden und tiefe Eindrücke und Erlebnisse zu haben, ohne damit den ursprünglichen Gleichgewichtsmangel des Lebens zu steigern. Vielleicht waren die Hellenen des mythologischen Zeitalters ganz aufrichtig in ihrer Behauptung einer möglichen Harmonie von Geist- und Körperleben: keinesfalls konnten sie, nachdem sie zu Philosophen geworden, Ernsteres tun, als recht eigentlich mit Worten spielen, oder aber auf die später von den Levantinern so sehr vervollkommnete Weise vor sich selbst und anderen lügen, indem sie an ihrem überkommenen Glauben festhielten. Eben darum war die Stoa das letzte Wort des denkenden Altertums: im Zusammenhang vorliegender Betrachtungen beurteilt, läuft diese auf nichts Anderes noch Besseres hinaus, als eine Technik, vor sich selbst den Schein zu wahren. Damit, daß das Christentum klarer erkannte, was der Geist ist, erkannte es auch klarer, wie es in Wahrheit mit dem Körper steht. Deswegen nahm es der Krankheit, gegenüber von vornherein eine positive Stellung ein. Freilich erblickte es im Erdenleben eine Schuld oder eine Sühne solcher, und solch juristische Deutung ist tieferem Verstehen nicht annehmbar. Sicher aber entspricht die Haltung des Urchristen der Krankheit gegenüber dem totalen Sinn des Lebens besser, als jene moderne, die in der Krankheit ein Mißverständnis oder einen Beweis der Zurückgebliebenheit sieht und damit implicite behauptet, daß sie von dieser Erde zu verbannen sei. Letztere Erwartung beweist, wo sie ehrlich ist, recht eigentlich Irr-Sinn: wo der Lebensprozeß von Gleichgewichtsmangel zu Gleichgewichtsmangel fortschreitet, ist die Krankheit mit dem Leben unablöslich mitgesetzt. Im übrigen aber zweifle ich, daß irgend jemand, welcher solche Theorie vertritt, sich selbst gegenüber wirklich ehrlich ist. Lägen die Dinge anders, so wäre nicht gerade unsere gesundheitsfanatische Zeit an nervösen Erkrankungen so überreich. Nervöse Leiden sind nämlich die einzigen, welche sozusagen willkürlich erschaffen werden können, als Formen der Flucht oder zur Zuflucht.

In Wahrheit beweist das Dasein des Gesundheitsideals denn auch ganz anderes, als es zu beweisen scheint: es beweist, wie wesentlich Problematik zum Menschen gehört. Wäre Gesundheit wirklich die Norm, so gäbe es ihren Begriff kaum, jedenfalls nicht in vorwissenschaftlichen Zuständen; keinesfalls aber verkörperte sie ein Ideal. Und gerade daß sie letzteres schon in frühesten Zuständen bedeutet hat — so bei den frühesten Griechen und heute noch bei vielen Indianern, als welche Gesundheit als Harmonie mit Gott bestimmen — beweist, daß psychophysischer Gleichgewichtsmangel von je als Normalzustand richtig erkannt worden ist. Deswegen galt der Medizinmann von jeher als wichtigste Stammes-Persönlichkeit. Als Heiler ist er das Urbild jedes Heilands. Heute aber noch ist das Heil allen Menschen allgemeingültigstes und höchstes Wunschbild und wird Heil! als Gruß am positivsten empfunden. So bleibt denn kein Zweifel: auch auf körperlichem Gebiet ist ein problematischer Zustand für den Menschen der eigentlich normale: davon hat alle Lebensweisheit und alles Selbstvertiefungs- und -vervollkommnungsstreben auszugehen.

Von hier aus sehen wir, um den Zusammenhang einmal von einer anderen Seite zu betrachten, wie töricht es ist, bei seelischen Schwierigkeiten, wie unbegabte und das heißt immer: unkomplizierte Menschen dies so gerne tun, zunächst einmal mit dem Begriffe ungesund zu kommen. Von dieser Gepflogenheit bis zur Theorie, daß Problematik nur von Blutmischung herrühre und durch Reinzucht zu erledigen wäre, welche Erledigung erwünscht sei, ist kein langer Weg. Sicher sind Naturen, deren Bluterbe starke Spannungen verkörpert, gegenüber spannungsarmen die problematischeren: doch aller Fortschritt und aller Aufstieg des Menschen­geschlechts ist zu rund hundert Prozent von diesen ausgegangen. Vollkommen ausgeglichenen Typen fehlt nachweislich jede Dynamik. Deswegen, viel mehr als ob der Steigerung etwa vorhandener Erbkrankheit, ist Inzucht beim Menschen vom Übel; sind die heutigen Schweden, verglichen mit den Nordländern, welche Weltreiche gründeten, im allgemeinen ohne jede Dynamik, nur auf Zufriedenheit bedacht, so ist das der völkische Ausdruck des gleichen Phänomens, dem man auf die Dauer bei jeder in kleinem Kreise endogamen Kaste begegnet. Hiermit rede ich aber, wohlgemerkt, keineswegs übertriebener Blutmischung das Wort, als welche, bis auf seltene Ausnahmen, zum mindesten für die nächsten Generationen1, als verderblich erwiesen ist: hier wie überall im Leben, sogar in bezug auf die anregende Kraft von Medikamenten, sind geringe Reize die im positiven Sinne wirksamsten. Kein semitisches oder hamitisches Blut hätte die Rasse der Bismarcks auf das höhere Niveau hinaufgehoben, die sie mit dem großen Otto erbmäßig erklommen hat: wohl aber war die Spannung zwischen der Menckenschen Intellektualität und dem traditionell Bismarckschen Junkertum dazu vonnöten. — Menschentum steht und fällt also mit Problematik. Dies ist der neutrale und wissenschaftlich unbestreitbar richtige Sinn der christlichen Lehre, daß der Mensch von Natur aus sündig ist. Hat ihn Max Scheler als das kranke Tier bestimmt, so ist das auch nur ein anderer Ausdruck für das Gleiche. Suchen Philosophen, wie neuerdings Heidegger, das Sein auf dem Begriff der Sorge zu begründen, so bedeutet auch dieses Gleiches. Und Gleiches bedeutet endlich der Ausspruch Nathans des Weisen, daß es auf Wahrheitssuche mehr ankomme als auf die Wahrheit selbst. Was bekämpft und geheilt werden kann und soll, ist falsche Problematik; als falsch ist jede zu bezeichnen, welche den Weg möglichen Werdens und Mehrwerdens in Sackgassen einmünden läßt. Zu solchen Sackgassen gehören nicht nur alle schiefen Fragestellungen und alle unnötigen und kleinlichen Sorgen, sondern vor allem auch alle heilbaren Krankheiten. Aber das Leben selbst vom Generalideal der Gesundheit im weitesten Verstande her begreifen und meistern zu wollen, bedeutet das schauerlichste aller Mißverständnisse. Denn es kann nur verbildend und herabmindernd wirken. Hierher rührt jener widerliche Typus des Hypochonders, der noch als hoher Siebziger sein ganzes Streben auf vollständige Gebrechensfreiheit heftet. Hierher sowohl der unersättliche Geldgewinner als der Geizhals. Hierher der Glaubens- und Programmfanatiker; irgend etwas soll ein für allemal allen Menschen zum Heil gereichen — ob auch ihre ganze Selbständigkeit und damit ihre ganze Menschenwürde daran stürbe. Hierher rührt zumal dieser immer häufiger werdende Typus, der sich in irgendeiner Form zum Tierideal (A II, 2) bekennt und so im Zustand der problemlosen Ameise das Menschenideal erblickt. — Die Gesundheit ist also nicht die Norm. Und als Ideal ist sie ein falsches Ideal, ja das falsche Ideal par excellence.

1Diese Einschränkung muß unbedingt gemacht werden, denn wohl die meisten später einheitlichen Rassen, welche geschichtlich bedeutsam geworden sind, gehen ursprünglich auf Mischung einander fremder Menschenarten zurück (SM V, VII).
Hermann Keyserling
Das Buch vom persönlichen Leben · 1936
I. Gesundheit
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