Schule des Rades

Hermann Keyserling

Das Buch vom persönlichen Leben

IX. Leiden

Auf-sich-Nehmen

Um zu zeigen, wie ungeheuer weit der Umfang letzteren Begriffes ist, viel weiter, als der Inbegriff alles dessen, was mit dem Kreuzessymbol bisher assoziiert worden ist, wiederhole ich zunächst, was ich im Frühjahr 1932 anläßlich von Leo Frobenius Schicksalskunde schrieb, da ich das zu sagen Erforderliche besser als durch den Hinweis auf Frobenius’ kulturmorphologische Entdeckungen kaum klar machen kann.

Nach Frobenius schreitet die wahre Kulturgeschichte der Menschen nicht von Begriff zu Begriff, sondern von Ergriffenheit zu Ergriffenheit fort. Begriffe, mittels welcher die Wirklichkeit gemeistert wird, sind die letzten Ausdrucksformen vorherbestehenden Lebensgefühls; alles das, was nachträglich als leitende Idee oder hervortretendes Prinzip zu deuten ist, tritt zunächst als unwillkürlicher und unverstandener Ausdruck in die Erscheinung. Diese oder jene Seite der totalen Wirklichkeit ergreift, in einsinniger Folge, oder periodisch, oder von Landschaft zu Landschaft, eine Menschenart mit der Wucht ausschließlicher Besessenheit. Und aus dem besonderen Ergriffensein überhaupt ergibt sich dann a posteriori die jeweilige Kulturgestaltung. So hat jeweils das Sinnbild des Tieres, oder der Pflanze, oder der Sonne, oder des Mondes, oder die geschaute schaffende Natur, oder ein als Wirklichkeit erlebtes geistiges Jenseits die Menschen ergriffen. Einmal ergriffen, waren diese unfähig, irgend etwas anders zu erleben als eben von ihrer vorherbestehenden Besessenheit her. Hörte diese nun aber auf, dann verlor alle Sondergestaltung der jeweiligen Kultur auf einmal ihre lebendigen Wurzeln. Und ebenso schroff grenzen Landschaften verschiedenen Lebensgefühls gegeneinander ab. So steht fest, daß seit paläolithischen Tagen eine unverrückbare Lebensgefühlsgrenze auf dem Vogesenkamm verlaufen ist… Die letzte Ergriffenheit der westlichen Menschheit ist die durch die Tatsachen gewesen. Tatsachen im heutigen Verstand sind vor dem 18. Jahrhundert kaum bemerkt worden. Aber vom 19. ab wurden sie so ausschließlich bemerkt, wie in früheren Zeiten nur magische Zusammenhänge das Bewußtsein beeindruckten. Aus diesem Besessensein durch die Tatsachen allein — welche Besessenheit genau gleicher Art ist, wie dies jede Besessenheit war — und nicht etwa aus endgültig konsolidiertem geistigen Vorgeschrittensein erklärt sich die ungeheure Dynamik des technischen Zeitalters. Es höre aber diese Besessenheit auf — und alle Fragestellungen, welche das 18. Jahrhundert zuerst zur Macht berief, werden erledigt sein.

Auch die heidnischen Römer waren natürlich ergriffen nämlich vom Pathos der Hingabe an die res publica. Aber sie waren als reine Adler-Menschen nur objektiv ergriffen, und im übrigen war ihre Haupt-Zielrichtung die Politik und damit die unterpersönliche und blinde Gana-Welt. Deswegen stellte sich ihnen die Frage persönlicher Ergriffenheit wahrscheinlich weniger, als irgendeiner historisch bedeutsamen Menschenart. Ebendeshalb verkörperte die Stoa ihr letztes weltanschauliches Wort. Demgegenüber bewirkte der Christus-Impuls eine plötzliche ebenso ausschließliche Akzentlegung auf den genauen Gegenpol des Adlers; der ist aber das Kreuz. Hier nun aber handelt es sich nicht nur um Ergriffenwerden durch Bestimmtes, die Vorbedingung alles Erlebens nicht allein, sondern auch alles Tuns — ohne brennendes Interesse für einen Gegenstand wendet ihm keiner seine ganze Energie zu — sondern die Höchstbewertung des Ergriffenwerdens an sich im Zeichen der Wahrhaftigkeit.

Mit diesem Satze fassen wir den Kern des Christentums. Mit ihm erweisen wir abschließend, daß es sich beim Christus-Impulse in der Tat um einen entscheidenden Fortschritt im Prozeß des Einbruchs des Geistes handelt, und daß hier das tiefste Wesen des Christentums liegt. Mit diesem Satze geben wir zugleich den Schlußbetrachtungen des Weltfrömmigkeits-Kapitels ihren letzten Sinngehalt. Der Adler-Mensch will nur die Welt ergreifen; nicht nur die Frage persönlicher Ergriffenheit, sondern auch die der Wahrheit, stellt sich ihm nicht, außer in dem Verstand, daß Wahrheit Machtmittel sein kann; und keinesfalls stellt sich ihm die der Wahrhaftigkeit. Deswegen lügen und betrügen Staatsmänner und Feldherrn so völlig unbefangen, wenn sie’s für nützlich halten. Der Geist nun kann ausschließlich im Zeichen der Wahrheit wachsen, und seine Vollendung findet er nicht in der Kongruenz von Vorstellung und Sein auf der Projektionsfläche wissenschaftlicher Erkenntnis, sondern in der Kongruenz von objektiver Wahrheit und subjektiver Wahrhaftigkeit. Deswegen brauchte Christus als erster in der Westwelt immerfort die Redewendung, daß er die Wahrheit sei. Hiermit wären wir denn zu der ersten Feststellung dieses Kapitels über den Sinn von Leid und Kreuz zurückgelangt und können bei ihr anknüpfen. Wir schrieben

Sein tiefstes einsames Wesen drängt jeden Menschen, der sich seiner auch nur ahnungsmäßig bewußt ist, über die Festlegung auf empirischer Ebene hinaus. Er fühlt: ich soll das Leben ganz so sehen, wie es wirklich ist, denn im Tiefsten will ich es. Ich soll ein neues inneres Gleichgewicht finden in der Wahrhaftigkeit, denn ich muß es tun, um zur Selbstverwirklichung zu gelangen. Doch zur Erfüllung dieses Gebots ist auch der tiefste Mensch als Ganzheit von Hause aus nicht reif; nur eine Metamorphose schafft in ihm den ersehnten und geforderten neuen Zustand. Dieser Prozeß aber ist schmerzlich. Und hier liegt der ganze tiefe Sinn des Leids.

Das Christentum verharrt nicht beim Leiden an sich: es fordert Auf-sich-Nehmen des Leids, um der Wahrhaftigkeit willen. Erstens in dem Verstand, daß dieses Leben zum größten Teile leidvoll ist, und die Wahrhaftigkeit verlangt, es sich so einzugestehen, wie es tatsächlich ist. Zweitens, und vor allem in dem, daß nur Betonung der Wahrhaftigkeit als solcher den Geist zum Wachsen bringt.

Hiermit hätten wir unseren Begriff der Weltoffenheit, den wir im Weltfrömmigkeit-Kapitel fundierten und dann im folgenden mit der Wahrhaftigkeit verknüpften, mit, dem der Wachheit in Zusammenhang gebracht, damit jedoch auf einen tieferen Sinn zurückbezogen. Nur integrales Erleben aller Wirklichkeit, so wie sie wirklich ist, entspricht der weltoffenen, fortschrittlichen, grundsätzlich nimmer festgelegten Artung des Menschen, denn nur auf Grund seines Verzichts auf alles Abblendende und Schützende, vor Schmerz Bewahrende gelangt sein tiefstes Wesen in unmittelbare Beziehung zur Welt, und nur in unmittelbarem Kontakt mit ihr kann es sich selbst vollkommen verwirklichen. Diese Verwirklichung muß weiter im Zeichen unbedingter Wahrhaftigkeit betrieben werden. Zugleich aber bedeutet dieses immer-mehr-sich-Öffnen im Zeichen der Wahrhaftigkeit fortschreitendes Erwachen, denn immer mehr-sich-Eingestehen-können bedeutet eben dies; der Schlafende oder Träumende kann sich nichts eingestehen. So entspricht denn der christliche Impuls seinem Sinne nach wie kein zweiter, welcher historisch wirksam wurde, der ursprünglichen Eigenart des Menschen als des wesentlich sensitiven, gefühlsvollen, liebenden, allesbemerkenden wachen Tiers. Es ist wirklich wahr: anima naturaliter christiana est. Nur setzte eben mit dem Eingreifen des Christus-Impulses ein Aufstieg zu früher nie auf Erden verwirklichter Geistbestimmtheit ein. Woher aber nun die Vorzugsbedeutung des Leidens und des Schmerz-ertragens in diesem Prozeß? Sie rührt daher, daß einzig das, was weh, sehr wehe tut, den ganzen Menschen ergreift. Deswegen und insofern bedeutet Auf-sich-Nehmen des Leidens, so wie es Christus lehrte, den schnellsten Weg zum Ziel.

Hiermit haben wir Buddhas und Jesu Einstellungen und Erkenntnisse in den Zusammenhang gebracht, in dem sie tatsächlich stehen. Im Grundsätzlichen waren beide hohe Geister nahe verwandt. Doch unsere Betrachtungen offenbaren andererseits, in welchen Hinsichten sie sich radikal voneinander unterschieden und inwiefern Jesus der spirituell tiefere war. Buddha war geistig erwachter als dieser, und insofern bedeutet er gerade heute einen Leitstern erster Größe für die ganze Menschheit. Doch er lehrte nicht Auf-sich-nehmen, sondern Aufheben des Leidens mittels eines regelrechten psychoanalytischen Prozesses. Aus diesem Grunde konnte der Buddhismus seinerzeit keinen historischen Fortschritt einleiten: wie dies bei jeder Analyse geschieht, hinterließ auch die des Buddha den Menschen im irdischen Verstande letztlich unverwandelt, was immer in bezug aufs Jenseits wahr sei. Das irdische Wesen verwandelt sich nur von innerer Entscheidung zu innerer Entscheidung, am Kontakt mit so totaler Wirklichkeit, daß das totale Menschenwesen ergriffen und beeinflußt werden kann. Aber zugleich wird uns hier mit letzter Deutlichkeit die Absurdität des Versuches klar, in Christus einen heldischen Mann zu sehen. Der Mut zum Ergriffen-werden durch alles Leid und damit zum Auf-sich-nehmen des Kreuzes bedeutet freilich höchsten Mut. So war Jesu Leistung freilich eine Heldentat im Sinn des russischen pódwig, welches Wort auch Sieg im Kampf bedeutet, doch in erster Linie Selbstüberwindung; dementsprechend ist der persönliche Mensch, der einen pódwig vollbringt, für russische Begriffe der podwischnik, das heißt der sich aufwärts bewegt unterwegs zur Heiligkeit. Doch wenn Worte weiter dazu dienen sollen, klar zu unterscheiden, dann war Jesus kein Held, sondern dessen genauer Gegenpol: er war eben der Dulder, der Leidensmann, der Schmerzensmann. Nur war er dies in positivem Verstand — nicht in dem negativen, in dem die geistlich Blinden dieser Tage den Christen sehen; er war kein Schwächling, keiner, welcher Schwierigkeiten aus dem Weg ging, kein Sucher des Friedens um jeden Preis. Er nahm gerade das Leidvolle bewußt und wach auf sich, was der Kämpfer meist durch angefachte Leidenschaft an seinem Erleben zu betäuben trachtet. Aber Christus war Dulder auch in einem ganz anderen Sinn, als etwa vom göttlichen Dulder Odysseus gilt. Letzterem passierte freilich sehr viel Unangenehmes, er klagte auch darob, doch verwandeln tat es ihn nicht, und seitens der Griechen wurde auch gar nicht vorausgesetzt, daß in seinem Leiden ein Positives liegen könne. Die auswegslose Tragödie war in bezug aufs Leiden der Griechen letztes Wort. Das christliche Dulden hingegen bedeutet, noch einmal, Auf-sich-Nehmen des Leidens im Zeichen der Wahrheit und Wahrhaftigkeit als des einen Wegs zur schöpferischen inneren Verwandlung.

Dieser Umstand unterscheidet denn auch den Christusmythos radikal von all’ den vielen, welche leidende und sterbende und wiederauferstehende Götter betreffen. Freilich hat jener alle älteren Mythen dieser Art, die in seinem Verbreitungsgebiet lebendig waren, in sich aufgesogen, so daß es der historischen Betrachtung und der Textexegese oft schwer fällt, die Grenze zu ziehen. Doch in Wesensfragen, wir sagten es schon, sind die Erwägungen dieser Disziplinen belanglos. Der an sich uralte Mythos vom gemarterten und sterbenden Gotte wurde seitens der Christenheit und nur seitens ihrer so verstanden, daß das Böse und Üble in der Welt für den Geist so sehr ein Mittel letzter Selbstverwirklichung bedeuten kann, daß die Gottheit selber es deshalb nicht verschmähte, den schmählichsten aller Tode zu erleiden. Die älteren leidenden und sterbenden Götter waren nur göttliche Dulder; sie waren tragische Helden der Art, als welchen so viele Deutsche Jesus mißverstehen. Insofern sie aber Helden waren, war ihr Dasein auch unpersönlich und objektiv im vorhin bestimmten Sinn; das heißt nicht das persönliche und intime Erlebnis mit seinen persönlichen Folgen, sondern der objektive historische Tatbestand mit seinen äußerlich faßbaren Auswirkungen war Hauptsache dabei. Nun kann nicht geleugnet werden, daß nicht nur Paulus, sondern sogar Jesus selber ähnlich dachte: das heißt auch ihm war der objektiv bestehende Heilsplan und dessen Erfüllung das Entscheidende. Doch gerade hieran erweist sich besonders eklatant, wie wenig es in religiösem und metaphysischem Zusammenhang auf das Historische ankommt: es kommt auf das geistige Sein an, und dieses braucht dessen Träger selbst nicht richtig zu erkennen, denn jeder, auch der größte und freieste Mensch ist durch die Tradition, in welcher er aufwuchs, innerlich gebunden. Was immer nicht nur Paulus, sondern sogar Jesus persönlich denken mochte — der wahre und im tiefsten Sinn ursprüngliche und wesenhafte christliche Tatbestand war der, welcher sich von Jahrhundert zu Jahrhundert immer klarer als seine Differentialmodalität herausgeschält hat. Heute kann es nicht scharf und deutlich genug gesagt werden, denn die ganze Zukunft der Erreichnisse der christlichen Ära hängt davon ab: die Wahrheit der christlichen Wahrheit, hängt nicht von derjenigen jüdischer oder vorchristlicher Eschatologie, von der Wirklichkeitsgemäßheit der Ideen des Sühnopfers, der Redemption, der Erbsünde, der Sünde in irgendeiner ihrer vielen christlichen Bedeutungen, überhaupt nicht von irgendeiner bestimmten Dogmatik als solcher ab. Vielmehr sind alle Dogmen und alle Lehren Versuche, das christliche Urerlebnis auf gedanklich übertragbare Weise zu fassen, was natürlich desto schwerer gelang, je mehr das Unbewußte der Christen an vorchristlichen Vorstellungen haftete; also am allerschwersten am Anfang unserer Ära. Im übrigen aber sind alle bestimmten Lehren Hineinlesungen — ein bisher ungebrauchtes aber wichtiges und notwendiges Wort, weil außerordentlich viel geistig Wirkliches hier seinen Grund hat. Jedermann weiß, daß der dramatische Dichter eines vorgegebenen Stoffs bedarf, in den er sich versenkt, aus welcher Versenkung alsdann so originale Schöpfung hervorgeht, daß niemand überhaupt der ursprünglichen Übernahme gedenkt. Nun, nicht anders wie der dramatische Dichter verfährt jeder, indem er sich selbst realisiert. Aller Geist verwirklicht sich in Projektionen; projizieren aber kann er sich nur auf Vorhandenes. Je mehr er von diesem nun im oben bestimmten Sinn ergriffen wird, desto Eigeneres, nicht desto Fremderes, entsteht. So ist es zu erklären, daß die Menschheit wieder und wieder in ein bestimmtes Buch das Universum hineininterpretiert hat — ich denke hier nicht allein an heilige Schriften, sondern auch an die Odyssee, die den Griechen als Moraltextbuch galt, an die göttliche Komödie, an Faust — und daß an gleichem Text, um dessen exaktes Verständnis dabei ehrlich gerungen wurde, die verschiedensten und einander widersprechendsten Philosophien, Theologien und Theodizeen erwachsen sind. Woraus nicht etwa folgt, daß diese Praxis zu verwerfen sei, sondern wie notwendig es für die meisten Menschen ist, sich zu bestimmten übernommenen Texten zu bekennen. Anders können sie ihres Eigenen nicht innewerden.

Der differentielle Sinn des Sinnbildes vom Kreuz gegenüber dem des Adlers, und damit des Christentums gegenüber dem antiken Heidentum, ist, in der Sprache heutigen besten Verstehens ausgedrückt, der, daß im Geiste der Wahrhaftigkeit auf sich genommenes und getragenes Leiden verwandelt und damit den Prozeß des Einbruchs des Geistes vorwärtstreibt. Der christliche Geist ist in einer Hinsicht zum mindesten nicht nur der Gegenpol, sondern das strikte Gegenteil des antiken Heldengeists: während dieser verbietet, beim Leiden zu verweilen, beruht jener ganz und gar auf dem Sich-Eingestehen des Leidens. Sind äußere Siege am besten zu erfechten, wenn das persönliche Erlebnis fortgelacht wird, so ist inneres Vorwärtskommen ganz und gar durch bewußte Hingabe an dessen Prozeß in all seinen Phasen gebunden. Und dieses innere Vorwärtskommen allein erkannte das ursprüngliche Christentum als Ziel an. Wie keine zweite Religion ordnete es alles dem Wachstum im Geiste unter. Was dieses Wachstum fördert, ist gut; was es hemmt, vom Übel. Damit erweist sich das Leiden als besser als der Triumph. Denn nur wer sich restlos eingesteht, was in ihm vorgeht, wer das Erlebnis durch Aufmerksamkeit so weit als möglich steigert und vertieft, nur der gelangt zu einer höheren Stufe der Durchgeistigung als die es war, von welcher er ausging. Solches Eingestehen ist aber allemal und ausnahmslos an Schmerz und Leiden gebunden. Selbstanalyse, Gewissenserforschung, Kampf mit sich selber, Selbstüberwindung, Reue — sie alle sind Vorgänge inneren Umsatzes, welche wehetun. Und nur wer hier keinerlei Schmerz betäubt, sondern alles auf sich nimmt im Zeichen letzter Wahrhaftigkeit, nur der kommt voran.

Dies gibt denn dem Täter vor dem Schauer und Vorsteller vom Standpunkt der Verwirklichung des Ideals des Kreuzes eine Vorzugsstellung. Das Böse in sich wirkt der allein aus, der es real begeht oder an welchen es real herantritt und der also mit dessen massiver Wirklichkeit praktisch fertig werden muß. Und nur sehr wenigen Menschen bedeuten ihre bloß innerlichen Erlebnisse, zumal Phantasievorstellungen, so viel, daß sie die Wirkungskraft von Karma und Schicksal haben. Doch das ist noch nicht alles. In der Bhagavad Gita spornt Gott Krishna den Arjuna, welchem er andererseits die Wahrheit über die letzten Dinge mitteilt, an, sein Täter-Dharma zu erfüllen, indem er gegen seine liebsten Verwandten kämpft und sie, wenn möglich, tötet: die Moral dieser Geschichte ist, daß es den schicksalsmäßigen Zwiespalt auszuhalten und auszuleben gilt. Nun, in solche Situation gerät überhaupt nur der Täter, niemals der Theoretiker. Nur jener kommt in die Lage, echte Schuld auf sich zu nehmen, für Niewiedergutzumachendes die Verantwortung zu tragen und das Böse, welches das Gute schafft, zu tun und es sich dabei ganz als böse einzugestehen. Darum heißt es von so vielen geistlich Größten aller Länder und Zeiten, sie seien ursprünglich böse Menschen gewesen. Deswegen ist unter solchen kein Theoretiker zu finden. Deswegen entstammten so viele von ihnen Königs- oder ältesten Adelsgeschlechtern. Deswegen entsprossen so unverhältnismäßig viele Heilige gerade der Christenheit dem Kriegerstand.

Der Weg des Kreuzes, des auf sich genommenen und freiwillig getragenen Kreuzes, bezeichnet sonach tatsächlich den Weg zur höchsten auf Erden erreichbaren Durchgeistung. Aus dem (vom Standpunkt aller westlich-vorchristlichen Geschichte) Paradoxalen dieses Umstands erklären sich alle Übersteigerungen der Wahrheit, welche wieder und wieder Glauben gefunden haben, als da sind die Bejahung oder gar Verherrlichung der Unehre, der Schande, Schmach, Verachtetheit, des Elends, der Häßlichkeit und Krankheit. Solche Übersteigerungen sind ihrem tiefsten Sinne nach nicht Reaktionen und Überkompensationen in bezug auf das antike oder sonstige Herrentum, sondern nur Überbetonungen der Wahrheit, daß stärkstes Ergriffen-werden in richtiger Einstellung die größten und im positiven Verstande schöpferischsten inneren Wandlungen zeitigt. Eben dieser Umstand erklärt jene Epidemien des Leidenwollens, die innerhalb der Christenheit immer wieder, grassiert haben, handele es sich um Selbstgeißelung oder sonstige Mortifikation, sowie den einzigartigen Zulauf, welchen von jeher, auch außerhalb des christlichen Kosmos, gerade harte Bußprediger gefunden haben. Kein Florentiner in Florenz’ künstlerischester Zeit hatte je solchen Massenerfolg, wie Savonarola, welcher alle Schönheit hinzuopfern gebot. Hier handelt es sich um ein ganz anderes, als die Kasteiung des Fleisches, wie es am weitesten die Inder und Tibetaner ausgebildet haben. Solche Kasteiung legt auf das Leiden an sich gar keinen Wert: es soll nur der Wille gestählt, der Geist enthaftet, die Seele dank bewährtem Training ausgebildet werden. Beim Yogi (wie übrigens auch beim Jesuiten) liegt auf dem Leiden ebensowenig der Nachdruck, wie beim Sport-Trainer. Beim christlichen Auf-sich-nehmen des Kreuzes hingegen wird das bejahte und betonte Leiden an sich als Weg zum Heil verstanden.

Das ist die eine, die individuelle Seite des Kerns des Christentums im Zusammenhange westlicher Geschichte. Die soziale beruht darauf, daß betontes eigenes Leiden die Fähigkeit zum Mit-leiden schafft, wodurch das Auf-sich-nehmen des Leidens den Trieb weckt zur Besserung der Welt. Schauder faßt einen, wenn man sich selbst ganz deutlich macht, wie hohe Geister gleich Plato und Aristoteles ganz selbstverständlich über Sklaven dachten; zumal diese oft gestern erst Könige gewesen waren. Sie stellten überhaupt nicht in Frage, daß diese menschenunwürdig behandelt, ja beliebig mißhandelt werden dürften. Ihnen fehlte absolut jene Phantasie des Herzens, an welcher es heute noch den allermeisten Asiaten gebricht. Die erwacht erst bei Bejahung und Betonung des eigenen Leidens. Es ist offenbar psychologisch möglich — allzu reichliche Erfahrung beweist es — daß sonst tiefe und gute Menschen andere Wesen, die sie für geringer erachten, mit gutem Gewissen aufs grausamste mißhandeln, wenn sie sich nie ihr eigenes Leiden eingestanden haben. Bedenken wir von hier aus normalste Erscheinungen nicht der vorchristlichen, sondern gerade der christlichen Ära, dann wird uns klar, wie sehr die Botschaft vom Kreuze ewig aktuell ist. Zu unserer Zeit sind gerade kleine Leute, deren Leben hart ist und welche hart sein müssen gegen sich selbst, um durchzuhalten, gegen ihresgleichen die unbarmherzigsten. Selten gestehen sie einander das Recht zum Kranksein zu, selten schonen sie einander, und Verlust von Beschäftigung und Nahrung bemitleiden sie selten. Bei Bauern, deren Grundeigenschaften aus irgendeinem Grund überall auf Erden Nährigkeit und Geiz sind, begegnet man allzuoft noch im heutigen Deutschland gleichbedeutenden Zuständen, wie solche Jeremias Gotthelf so erschütternd aus der Schweiz geschildert hat: daß der Arme selbstverständlich verachtet und verhöhnt und als rechtlos behandelt wird, soweit dies die geltenden Gesetze irgend erlauben. Diese Härte kleiner Leute ist viel härter als alle, welche Standeshochmut jemals bewies, denn erkennt der Hochgeborene oder -gestellte Geringere auch nicht als gleichberechtigt an, so empfindet er doch keinen Neid und tut meist gerne wohl, so gut er’s eben versteht. Wo aber Oberschichten sehr hart und grausam gegen Geringere sind, da hängt dies allemal mit der gegen sich selbst geübten Härte zusammen. Wo immer Menschen also hart gegen sich selber sind, da gilt das Römerwort homo homini lupus. Und es gibt nur einen Weg, die Phantasie des Herzens und damit Mit-leiden zu wecken: sich sein eigenes Leiden einzugestehen.

Ist dieses nun aber tief geschehen, dann schmilzt die Härte auf die Dauer ganz von selbst; sie wird physiologisch fortlebensunfähig. So erklärt es sich, daß der Christus-Impuls, so hart Jesus selber allen gegenüber dachte und war, welche nicht zu ihm gehörten, so lieblose und grausame Vorstellungen noch vielfach bis heute, dank dem Buchstabenglauben an Texte aus vorchristlicher Zeit, mit der Religion der Liebe verknüpft werden, zwar langsam, aber dafür unaufhaltsam zu fortschreitender Vermenschlichung geführt hat — und warum dies andererseits ausschließlich vom Christus-Impulse gilt. Weder in der indischen Bhakti noch dem buddhistischen Mitleid noch in der konfuzianischen Gefühlskultur liegt der Antrieb, das Leben aller praktisch leichter und besser zu machen. Der Inder denkt nur an das einsame Selbst; um dieses Selbstes, nicht um der anderen willen, soll er wohltun. Der klassische Chinese war gut zu denen allein, zu welchen er in einem der anerkannten Bindungsverhältnisse stand. Kein vom Christus-Impulse Unberührter kennt eben die christliche Einstellung zum eigenen Leid, dank dem es in schöpferischer Verwandlung der Seele zum Mit-leiden mit allem Leiden führt und zum Tragen nicht nur des eigenen Kreuzes, sondern aller Kreuze. Hier liegt der ewige Sinn des Sinnbilds von Christi Erlösungstod. Keine andere Religion hat von sich aus Heilige hervorgebracht oder im Bilde vorgestellt, wie Dostojewskys Starez Sossima, welcher aufrichtig behauptete an aller Schuld anderer mitschuld zu sein, denn Ramakrishnas Demut wäre ohne noch so unbewußte Teilhabe am Christus-Impulse ungeboren geblieben. Dank Rezeption des Christus-Impulses haben wir den Orientalen gegenüber ursprünglich Liebe-ärmeren Okzidentalen aus der Möglichkeit des Mitleidens die meisten praktischen Folgerungen gezogen, und die wirken sich nun ihrem eigenen inneren Gesetz gemäß aus, wenn nicht in uns, dann durch Kontaktmetamorphose in anderen Völkern, wie unwürdig immer wir Abendländer unserer Lippenbekenntnisse geworden seien. Die christliche Einstellung als solche, als kosmische Situation, weckt und fördert und bildet und steigert eben die Phantasie des Herzens. Der Mensch, in welchem diese vollkommen lebendig und allbeherrschend geworden ist, der leidet ursprünglich und höchstpersönlich an fremdem Leiden nicht minder als am eigenen. Ja, er leidet mehr an ihm. Eigenes vermögen eigentlich alle auszuhalten, Fremdes diejenigen allein, denen es an Einbildungskraft gebricht; denn für den Geist, der sich in Bildern auslebt, ist die Vorstellung wichtiger als die Tatsächlichkeit. Die Richtung der Phantasie auf den Nächsten aber hängt von der freien Akzentlegung ab. Diese herbeigeführt zu haben, ist die soziale Menschheits-Großtat des Christentums.

Hermann Keyserling
Das Buch vom persönlichen Leben · 1936
IX. Leiden
© 1998- Schule des Rades
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