Schule des Rades

Hermann Keyserling

Das Buch vom persönlichen Leben

IX. Leiden

Hohelied des Leides

Die Entchristlichung der christlichen Menschheit, die erst in den letzten Jahrzehnten so offenbar geworden ist, daß keiner, welcher Augen hat, zu sehen, und Ohren, zu hören, sie mehr leugnen kann, begann, wie wir jetzt schließen können, in Wahrheit mit dem Augenblick, da diese Menschheit exklusiv aktivistisch ward. Wissenschaft und Technik sind freilich Kinder des christlichen Geistes. Doch nur solange sie die Synthese von Kreuz und Adler zu lebendigem Hintergrunde hatten, wirkten sie sich positiv aus. Sobald sie sich, das Kreuz verleugnend, allein zum Adler zu bekennen begannen, setzte jener Prozeß der Entmenschung ein, deren wahrscheinlichen Höhepunkt meiner Generation zu erleben Schicksal ist. Von Jahrzehnt zu Jahrzehnt gewann das Destruktive des Adlers immer mehr die Oberhand. Von Jahrzehnt zu Jahrzehnt schwanden die christlichen Tugenden immer mehr dahin. Es gibt wenig Unritterlicheres als den modernen Geschäftsmann, welcher das Leben der Zahl opfert, oder auch den lebensfremden Beamten, welchem die Sache über die Seele geht. Es gibt nichts Unritterlicheres als den Geist des klassenbewußten Proletariats, denn so meinte es Jesus nicht, da er die Mühseligen und Beladenen pries. Aber auch das Neu-Heidentum ist keines ritterlichen Geistes Kind. Ohne Bekenntnis zum Geist als letztentscheidender Instanz ist Ritterlichkeit, unmöglich; wo der christliche Rittergeist, verleugnet wird, dort ist aller Bedrückung, aller Verfolgung, allein Zwang grundsätzlich Tür und Tor geöffnet; grundsätzlich besteht die Möglichkeit, daß es noch viel schlimmer wird als zur Zeit des spätantiken Heidentums. Eine vielversprechende Möglichkeit in diesem Sinn verkörpern die Bolschewisten. Aber nicht allein die Ritterlichkeit verfiel mit der christlichen Gesinnung: unaufhaltsam schwanden mit ihr Treu und Glauben überhaupt und das Verpflichtetheitsgefühl gegenüber dem Wahrhaftigkeitsideal, denn nur der christliche Geist hat dieses je vertreten. Machiavelli und Hobbes waren die ersten großen Zeichen der Entchristlichung am politischen Himmel. Daß deren Geist heute die ganze christliche Welt beherrscht, wird kaum ein Nichtblinder leugnen. Heute aber verblaßt das Wahrheits- und Wahrhaftigkeitsideal überhaupt. Daher die wachsende Feindschaft gegen Objektivität einerseits und persönliche Überzeugung andererseits, womit die Gewissensfreiheit ähnlich unterzugehen droht, wie ihrerzeit die hellenische Kalokagathie.

Doch der Geist ist nun einmal eingebrochen in unsere dunkle Welt, und die mit dem Christentum erreichte Etappe ist als organische Verwandlung nie mehr rückgängig zu machen. Deswegen muß sich das Weltgesetz äußern, daß von dem, welcher wissen kann, anderes verlangt wird, als vom Nicht-Wissenden, und daß sich Fehler entsprechend dem Wachheitsgrade rächen. Deswegen muß furchtbares, ungeahntes Leiden die Folge sein jeder von den positiven Errungenschaften des Christentums abführenden Entwicklung. Genau wie das Fortschrittszeitalter mit seinem aus moralischer Feigheit geborenen Optimismus ausklingen mußte in den Greueln von Weltkrieg und Weltrevolution, so muß der Rückfall in vorchristliche Zustände zu dem führen, was die Propheten als vormessianische Drangsal so erschreckend hellsichtig vorwegnahmen. Für alle Tiefen hat diese Drangsal schon begonnen. Es ist vollkommen ausgeschlossen, daß das mögliche gute Ende in irgendeiner der äußerlichen Richtungen liegt, welche zur Zeit, da ich dieses schreibe, die bewußten Gegenstände so vieler Hoffnungen sind. Alle wahren Ziele, die diese Krise im guten lösen können, liegen im Innern des Menschen beschlossen: in der Erreichung eines noch höheren Grades der Durchgeistung und Beseelung, als ihn das Christentum einleitete.

Weil dem so ist, deswegen mußte in einem modernen Buch vom persönlichen Leben das Hohelied des Leides gesungen werden. Äußerlich ist die Menschenwelt, zur Zeit dieser Weltrevolution freilich so grauenvoll, wie es nur irgendeine frühere war. Aber der dank der Hingabe an die Technik insektifizierte Mensch schließt sich andererseits mehr, als jemals früher der Fall war, von möglichem Erleben ab; der meisten Seele trägt schon einen Chitinpanzer. Der nun muß an erster Stelle eingeschmolzen werden, wenn anders es in der Entwicklung aufwärts gehen soll. Alles wahre Zukunftsheil wird von denen und von denen allein kommen, die das unsägliche Leid gerade dieser Zeit ganz tief erleben. Daß dem so sein wird, wird sich bald auch in der Verwandlung der äußeren Erscheinung manifestieren. Die exklusiven blinden Adlermenschen werden mit der Zeit verschwinden und bald vergessen sein. Auf die Dauer werden sie sich alle gegenseitig ausrotten oder aber innerlich zusammenbrechen, denn kein Mensch hält einseitige Betonung des Plus-Pols des Lebens ohne jede Selbsteinkehr sehr lange aus. Hieraus folgt denn wieder einmal, daß das intime persönliche Leben gerade jetzt unvergleichlich viel wichtiger ist als alles öffentliche mit seinen allerhöchsten Tugenden. Mehr vielleicht; noch als zu Beginn unserer Ära gilt es heut, sich alles Leid einzugestehen, das eigene sowohl als das der Welt. Mehr denn je kommt es gerade heute auf persönliche Ergriffenheit an. Mehr denn je früher ist heute der Einzelne die Angel der Welt. Dies gibt denn dem Einzelnen und Einzigen, ob er auch allen Hintergrund verloren habe, einen gewaltigen, niedagewesenen Vordergrund. Starb der eine Christus für alle, so kann heute jeder in analogem Sinn für alle leben. Nur muß er dazu unbedingt wahrhaftig, unbedingt mutig dem Leiden gegenüber und unbedingt treu sich selbst, gegenüber sein.

Hermann Keyserling
Das Buch vom persönlichen Leben · 1936
IX. Leiden
© 1998- Schule des Rades
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