Schule des Rades

Hermann Keyserling

Das Buch vom persönlichen Leben

X. Freiheit

Geistesfreiheit

Betrachtet man die Sachlage genau, dann erscheinen die unbestreitbaren Fehler der liberalistischen Ära grundsätzlich ähnlicher Art, wie es die des Tyrannen sind, verglichen mit den Tugenden des echten und berufenen Herrschers. Jeder Herrscher, der seine Machtvollkommenheit nicht so ausnutzt, daß sich die überlegene Wahl-, Entschluß- und Handlungsfreiheit, welche sie bedingt, vollständig auswirkt, ist schlecht. Sobald jedoch die damit gegebene Willensfreiheit zum alleinherrschenden Motive und zum Selbstzweck wird, wird sie zur Willkür; dann muß sie Böses wirken, denn nun schafft sie nicht mehr im rechten Verhältnis zu anderen Kräften, oder sie schafft außer Zusammenhang mit ihnen; jede Naturkraft jedoch, welche sich also äußert, wirkt zerstörerisch. Ähnliches, wie dem Tyrannen seine Freiheit in der Machtausübung, war der liberalistischen Ära die Freiheit des Denkens und die in der Interessenverfolgung geworden. Die Freiheit zur eigenen Meinung bedeutete dem traditionellen abendländischen Geist zuletzt einen Selbstzweck, welchem alles geopfert werden durfte. Und zwar handelte es sich gerade um Freiheit zur eigenen Meinung, nicht zur Wahrheit: niemals ist mehr bewußt gelogen worden, als seit der Zeit, da die Zeitung zur Großmacht erwuchs. Daß Gleichsinniges erst recht von der Freiheit zur Interessenverfolgung gilt, bedarf überhaupt nicht der Erörterung. Von beiden Arten der Freiheit gilt das, was wir über den wahren Sinn der meisten Kämpfe um Freiheitsrechte sagten: die Wahlfreiheit stand zuletzt ganz im Dienst der blinden Gana, oder konnte es doch tun. Es ist in keiner Weise ehrwürdiger, um seine Meinung zu kämpfen, als um anderes Besitzrecht; ehrwürdig ist, einzig Kampf um Wahrheit und Gerechtigkeit, als welcher, da beide Überpersönlich-Objektives bedeuten, allemal das Opfer privater Meinung fordert. Das Recht jedoch, völlig unbekümmert, um die Belange anderer die eigenen zu fördern, verkörpert als solches flagrante Ungerechtigkeit und widerspricht damit dem Eigen-Sinn des Geists.

Aus diesen zwei konkreten Erwägungen folgt logisch die gleiche prinzipielle Einsicht, die unsere historischen Betrachtungen des Eingangs vorbereiteten: daß Freiheit ihrem tiefsten und eigensten Sinne nach das Gegenteil von Willkür bedeutet. Doch jetzt können wir das Erkannte schärfer fassen. Was wir damals (auf den Ergebnissen des Kapitels Seele fußend) ohne weitere Erläuterung Tradition hießen, bedeutet die Tradition bestimmter Disziplinierung. Freiheit in dem einzig wesentlichen und auch von jedem, welcher nach Freiheit strebt, zutiefst gemeinten Verstand bedeutet also nicht allein nicht Ungebundenheit: sie bedeutet Gebundenheit des Unfreien durch das Freie. Sie bedeutet insofern Selbstbeherrschung. Nur nicht Beherrschung durch Zwang, wie solchen jede Disziplinierung auf Grund irgendeines Sollmotivs bedeutet, sondern durch den unwillkürlichen Einfluß des Freien im Menschen auf das Nicht-Freie oder Nicht-schlechthin-Freie; also gewissermaßen, um den politischen Sonderausdruck des allgemeinen Verhältnisses als Sinnbild zu verwenden, durch Autorität im Gegensatz zu Gewalt. Dies nun erfordert Eingebrochen-Sein des ganzen seelischen Organismus; kein Trieb, keine Regung oder Wollung darf ausbrechen können aus dem Zusammenhang. Daher denn das scheinbare Paradox, daß alle Erziehung zur wahren Freiheit, das heißt zu der, welche zutiefst alle meinen, wenn sie das Wort aussprechen, mit strengerer Disziplinierung begonnen hat, als solche je solchen zugemutet worden ist, welche sich nicht später frei betätigen sollten. Die Erziehung zum vollkommenen Europäer im Sinne stoisch-christlich-klassizistischer Tradition bedeutete eine Bildung des ganzen Menschen, von der Gesinnung über das Wissen und Handeln bis zur scheinbar gleichgültigsten Gebärde; daher der Exklusivismus der damaligen Erziehung; daher das einerseits Klosterhafte, andererseits Höfische der Atmosphäre, in welcher die Jugend derer, welche später herrschen sollten, aufwuchs. Betrachten wir nun die drei ausgeprägtesten aus der Geschichte bekannten Ausdrücke möglicher Disziplinierung, die zur Sklavenarbeit, die zur Einsetzung des Lebens im Kriege und die zur Heiligkeit, so wird uns der Sinn des Sachverhalts ganz klar. Der Sklave braucht nur aus Furcht zu gehorchen und bestimmte, ein für alle Male festgelegte Verrichtungen richtig auszuüben; das Freie in ihm gilt als belanglos und kann sich auch gar nicht entwickeln; den Gegenpol zur Zwangsarbeit bedeutet da die Zuchtlosigkeit. Insofern das Freie im Sklaven par définition überhaupt nicht mitbestimmte, war es nicht unlogisch, daß die Antike ihm Menschenwürde absprach. Der Soldat muß nicht nur gehorchen, sondern auch befehlen können, und zwar sich selbst sowohl als anderen; er muß allezeit und augenblicklich fähig sein, seine natürliche Neigung, von der Trägheit über die Privatmeinung bis zur Todesfurcht, zu überwinden. Dies setzt einen höheren Grad der Ausbildung des Freien im Menschen voraus, als solche irgendein Literat kennt, der seine freie Meinung verficht.

Doch die innere Freiheit des Soldaten ist keine vollkommene, denn letztlich untersteht all sein Tun einer von außen her wirkenden Befehlsgewalt. Persönliche Überzeugung und Entscheidung sind grundsätzlich kein Letztes für ihn. Behauptet man, er gehorche freiwillig und nicht aus Furcht, so mag das wahr sein: doch dann bedeutet es, daß der Soldat sich freiwillig seiner letzten Freiheit begibt, und das wiederum bedeutet, wir sahen es schon, Freiheitsäußerung gemäß dem Gesetz des geringsten Kraftmaßes, was allein schon zur Erklärung dessen genügt, warum so vielen die noch so harte militärische Disziplin eine reine Freude ist: die letzte Verantwortung, und das ist die, auf die es für das Bewußtsein metaphysisch letztlich ankommt, ist dem Soldaten grundsätzlich und von Hause aus genommen; an Stelle der freien Entscheidung steht der Treue- und Gehorsamseid.1 Unter diesen Umständen kann sich das im Menschen, das nur erwachsen kann, wenn persönliche Überzeugung und persönliche Entscheidung letzte Instanzen sind, nicht vollkommen ausbilden. Daher die innere Beschränktheit und Engigkeit selbst des besten Soldatentyps. — Wer da nun heilig werden wollte, hat sich von jeher zunächst nicht weniger streng, sondern noch strenger diszipliniert als der Soldat; aller traditionelle Weg zur Heiligkeit war bei allen Völkern aller Zeiten derjenige der Askese. Doch dem, welcher nach spiritueller Vollendung strebt, war Disziplin und Gehorsam andererseits niemals das letzte Wort, so sehr dies gerade das Christentum oft verkannt hat: Ziel war vielmehr so vollkommene Freisetzung des Freien und seine Inthronisierung in solcher Machtvollkommenheit, daß der eigene Wille und die eigene Neigung zuletzt nicht mehr umhin könnten, die spirituellen Ideale auszuleben. Hier erschienen also Gana und Ich nicht zum Besten absoluter Hingabe an ein Soll bezwungen und eingebrochen, sondern zum Besten des eigenen tiefsten freien Seins. Dies bedeutet die Einung des eigenen Willens mit Gottes Willen: kein Opfer des Persönlichen, sondern dessen höchste Erfüllung. Solange noch das geringste Soll-Motiv im Bewußtsein dessen, der das absolut Gute will, auch nur im allergeringsten mitspricht, solange ist ein Mensch nicht heilig.

Das Ausleben der Freiheit, welche alle Menschen zutiefst meinen, wenn sie das Freiheitsideal behaupten, setzt sonach Disziplinierung alles dessen voraus, was nicht das letztlich Freie im Menschen ist. Wer die Vorträge der Darmstädter Freiheits-Tagung Schicksal und Zwang (Georg Groddeck), Verantwortung und Recht (Graf Alexander Dohna), Macht als Bindung (Graf Albert Apponyi) und Disziplin und Autorität (Wolfgang Muff), die im Leuchter-Band 1926 veröffentlicht stehen, im Zusammenhange liest, wird dort alle die weiteren Erläuterungen finden, die das oben Gesagte vielleicht noch erfordert. Nur die folgenden Gedankengänge aus meinem Tagungsvortrag Erfindung und Form seien hier noch kurz rekapituliert. Der geniale Mensch künstlerischer Abart ist beinahe immer nicht nur undiszipliniert, sondern auch im hohen Grade undisziplinierbar; jeder Versuch, Pegasus ins Joch zu spannen, hat katastrophal geendet. Und doch wird auch und gerade der geistige Schöpfer frei geheißen. Wie sollen wir das verstehen? — Die Dinge liegen so, daß der geniale Schöpfer auf seiner besonderen Stufe und auf seine besondere Weise von Hause aus der Gnade teilhaftig ist, welche Gnade dem Heiligen meist erst nach langem Üben zuteil wird. Der Genius ist der ursprünglich begnadete Mensch, dem Heiligen vergleichbar, der schon als solcher geboren wäre. Genau so nun, wie der Asket, welcher das Ziel aller Askese erreicht hat, fortan keiner Kasteiung mehr bedarf — genau im gleichen Sinne ist der Genius typischerweise von Hause aus Askese-feindlich. Aber in anderer Hinsicht steht der geistige Schöpfer unter dem Heiligen: nicht der ganze Mensch ist bei jenem Ausdrucksmittel innerer Freiheit. Der persönliche Mensch als solcher ist beim geistigen Schöpfer häufig sogar besonders unvollkommen; allzuoft dient er dem Geiste nur als Medium oder Sprachrohr. Als Ganzheit ist der Genius beinahe nie, was er als Schöpfer ausdrückt oder auswirkt. Dementsprechend besteht sein Verhalten dem Nicht-Genialen in sich gegenüber in der Regel darin, daß er es so behandelt, wie dies der Erhaltung und Steigerung und Fruchtbarmachung des mit ihm nicht identischen, ja oft kaum organisch zusammenhängenden Genialen erfahrungsgemäß am günstigsten ist. Manchmal besteht diese Behandlung in Mäßigung und Beruhigung, weit häufiger in Anregung, die bis zur Aufpeitschung geht. Nur in einem besteht sie niemals: in Kasteiung und Disziplinierung, denn das Gefüge der Persönlichkeit muß lose bleiben, um dem Genius in ihm als fügsames Sprachrohr zu dienen. Dafür tritt die Erforderlichkeit disziplinierter Ausdrucksmittel für das Freie in anderer Richtung desto ausgesprochener zutage. Die Strenge der Form, welche jedes große Kunstwerk aufweist, ist strenger noch als die des strengsten Moralsystems. Hier ist die restlose Befolgung der in Frage kommenden Normen schlechthin gebieterisch; für Sünde und Entgleisung gibt es keine Vergebung. Und befolgt der große Dichter die Normen der Metrik und Rhythmik, der Musiker die von Harmonie und Kontrapunkt, der Feldherr und Staatsmann die der Strategie und Taktik unwillkürlich, ohne Vorbedacht noch Anstrengung, so beweist dieses nur, wie selbstverständlich das Geniale von sich aus vollkommene Beherrschung der Ausdrucksmittel fordert und seiner Kraft proportional erwirkt oder bedingt.

Von hier aus ist denn die ganze Tragweite des Problems der Geistesfreiheit auf einmal zu übersehen. Selbstverständlich steht und fällt der Geist auch in seinem denkerischen Aspekt mit seiner unbedingten Freiheit. Aber weder entbindet ihn diese von der Befolgung des Gesetzes der Logik, noch von der Berücksichtigung der Eigengesetze der Gegenstände, mit denen er sich befaßt, noch vor allem von den Normen, die der Substanzcharakter geistiger Wirklichkeit setzt. Dieser fordert Wahrhaftigkeit in bezug aufs eigene Wesen und damit richtige Einordnung des Erkennens in den geistigen Gesamtzusammenhang. Damit aber ist alle Möglichkeit verfälschender Willkür als Weg zu gutem Ende ausgeschaltet. Ich sage verfälschender, da die angeführten Einschränkungen die Phantasie nicht einengen. Diese mag dichten so viel sie nur mag, soviel Welten als ihr nur einfallen mag sie zur Welt tragen. Doch halten solche andererseits dann allein stand, wenn sie den Eigen-Gesetzen der Einbildungskraft gemäß sind.

1Besonders pathetisch äußert sich die Unwilligkeit, letzte Verantwortung zu tragen, in den Sieben Säulen der Weisheit von Lawrence of Arabia (o. c.): dieser Mann, welcher selbständiger große Politik in praxi getrieben hat, als vielleicht seit Jahrhunderten irgendein Europäer, erklärt, sich immer wieder nur nach einem gesehnt zu haben: blind Befehle ausführen zu dürfen!
Hermann Keyserling
Das Buch vom persönlichen Leben · 1936
X. Freiheit
© 1998- Schule des Rades
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