Schule des Rades

Hermann Keyserling

Das Buch vom persönlichen Leben

X. Freiheit

Tradition

Mit diesen kurzen Betrachtungen wäre wohl alle neuere Kritik an der Idee der Freiheit selbst als abwegig erledigt; wogegen gleichzeitig erhellt, inwiefern jene recht hat, wenn sie bestimmte ihrer traditionellen Ausdrucksformen verwirft. Wie ist es nun möglich, daß ein so Tiefes und Intimes, wie es das Freie im Menschen ist, überhaupt als in der Erscheinung wirkende Dauermacht festgehalten werden kann, wie dies, gemäß der Schilderung des ersten Abschnitts dieses Kapitels, seitens der großen abendländischen Tradition geschehen ist? Es ist möglich dank der Sondermacht, welche die Tradition darstellt.

An dieser Stelle können und müssen wir das in Seele über das gleiche Problem Gesagte durch genauere Ausführungen darüber ergänzen, wie Geist überliefert werden kann. Geistes-Tradition ist niemals sachliches Wissen und auch nicht zu Automatismus gewordene Praxis, sondern lebendiges Fortleben des lebendigen Impulses, der sie schuf, welcher Impuls sich nur sterbend als greifbare Sache niederschlägt. Jede große Religion unterscheidet, solange Wissende ihr Fortleben regieren, zwischen Schrift und Überlieferung, welch letztere mündlich von Mensch zu Mensch übertragen wird, und auf diese legt sie den Hauptnachdruck: Tradition allein zeigt nämlich, wie das Geschriebene verstanden werden soll, worauf allein es letztlich ankommt. Verstehen jedoch, als ein allemal subjektiv-Persönliches, kann direkt ausschließlich so übertragen werden, daß ein persönlich Verstehender einen anderen an seinem persönlich verstehenden Sein teilhaben läßt (AV, III, IV). Weil dem so ist, deswegen ist so vieles tiefe Wissen dem Menschengeschlecht endgültig verloren gegangen, obgleich an Schriften mehr erhalten geblieben ist, als man theoretisch annehmen sollte. Wer immer aus der Schrift als solcher, unabhängig von der Tradition, der ersteren Sinn herauszulesen behauptet, legt in Wahrheit den seinen hinein und nur im Fall besonderer Kongenialität oder Einfühlungsgabe deckt sich das Neue einigermaßen mit dem Ursprünglichen. Wie seltene Ausnahme solche Deckung ist, beweist alle Geistesgeschichte, betreffe sie Jesus, Dante, Goethe oder Nietzsche. Was nun vom Verstehen gilt, bei dem unser letzter Gedankengang anknüpfte, gilt allgemeiner vom Sein, denn auch das Verstehen wird, wenn überhaupt, als Seins-Zustand übertragen. Hier äußert sich das allgemeine Gesetz, daß Gleiches überall auf Gleiches wirkt, also Stoff auf Stoff, Kraft auf Kraft, Geist auf Geist, darum auch Sein auf Sein. So heiligt der persönliche Kontakt mit einem Heiligen unmittelbar, soweit im anderen Möglichkeiten dazu leben, was keine Lektüre heiliger Schriften und auch kein selbständiges Üben erzielt, denn wer nicht heilig ist, kann sich Heiligkeit auch nicht lebendig-deutlich vorstellen, und nur eine im schärfsten Sinne klare Vorstellung löst im Unbewußten selbsttätig ihr entsprechende Prozesse aus. Wirksamer als alle Vorstellung jedoch ist immer die unmittelbare Erfahrung.

Daher das Ewig-Gültige des Meister-Schüler-Verhältnisses. Was nun vom heiligen Sein gilt, gilt von jedem. Der Mutige induziert in anderen Mut, der Glaubende Glauben, der Vertrauende Vertrauen. Auch schurkische Gesinnung kann tradiert werden: ein sehr großer Schurke erweckt sogar unfehlbar in jedem Schurkisches, denn in jedem lebt etwas davon, und alles, was lebendig ist, möchte sich ausleben. Daher die bekannte verheerende Wirkung schlechten Beispiels. Daher die besonders große Beeinflussungsmacht von Mittelmäßigkeit und Trägheit. In Windeseile wurde der Mann auf der Straße in den Vereinigten Staaten zum Ideal, und auf die Massen wirkt sein Vorbild zweifellos stärker, als dasjenige Jesu gewirkt hat. So ist auch die Gefahr des russischen Proletkults nicht hoch genug einzuschätzen, und höher noch der bald wohl fällige indische Paria- und chinesische Kuli-Kult. In allen diesen Fällen nun handelt es sich nicht um Suggestion. Solche ist, immer von außen nach innen gerichtet, kann deshalb nur oberflächliche Schichten des Menschenwesens ergreifen und ihr Zwanghaftes bewirkt, daß jeder, sobald die direkte Bannwirkung aufhört, sich unwillkürlich von ihr zu befreien strebt. Beim oben beschriebenen Vorgang hingegen handelt es sich um richtige Wesensübertragung, die aber wird darum freiwillig und freudig angenommen, weil der (ob in der Richtung des Guten oder des Bösen) Geringere fühlt, daß der Höherstehende sein eigenes persönliches Wesen steigert.

Weil es nun aber in diesem Zusammenhang unbedingt auf durch nichts anderes zu ersetzende direkte Übertragung von Sein zu Sein ankommt, stirbt jede Tradition andererseits zwangsläufig, sobald die Entwicklung ein Unstetigkeitsmoment durchläuft. Das alte byzantinisch-mongolisch-deutsche Rußland darf heute in Rußland als wirklich tot gelten, weil schon zu viele Generationen sein Leben nicht mehr erlebt haben. Und so stirbt auch in dieser Wende der traditionelle freie Europäer, in einigen Ländern Europas sehr langsam, in anderen schnell, ja in manchen ist er wohl heute schon so gut wie ausgestorben. Der freie Europäer war eben auch ein Produkt lebendiger Überlieferung. Von Generation zu Generation, Jahrhunderte entlang, hatte sich das Freie jedes Jungen der freien Volksschichten am lebendigen Beispiel älterer Freier befreien können. Und von diesem unmittelbaren Erlebnis des Freien her, also von innen nach außen zu, nicht umgekehrt, waren die anderen Teile und Schichten des Menschenwesens diszipliniert worden — gleich wie der Vers sich von selbst aus der dichterischen Inspiration ergibt.

Ist also, wie im Seelen-Kapitel ausführlich gezeigt wurde, der ideelle Ort aller Kultur und damit aller Tradition die Seele, so kann in deren Raum unter den oben angegebenen Voraussetzungen auch das Lebendige eines geistigen Impulses in der Erscheinung fortlaufend festgehalten werden. Andererseits ist Tradition einmal verstorben, dann ist sie auch nicht mehr wiederzuerwecken. Dann muß der Zufall richtiger Wiedergeburt ihres Wesens in einem ähnlichen Körper, als es der alte war, also das, was man Renaissance heißt, eingreifen, damit der unterbrochene Vererbungsprozeß neu einsetzt; daß es sich sogar hier nur um scheinbare Fortsetzung des alten handelt, habe ich an anderer Stelle ausführlich gezeigt (AV, XIII). Doch das Gesagte ist richtig nur in bezug auf den Seelen-Körper, welchen ein geistiger Impuls einmal trug, also in bezug auf Kulturgestaltung. Reiner Geist, noch so bestimmter Artung, kann jederzeit und von jedermann rezipiert werden, vollkommen unabhängig von Raum, Zeit und empirischer Eigenart, wenn nur persönliche Fähigkeit zur Einsicht und zum Innewerden eines bestimmten Geistes vorliegt. So hat in unseren Tagen Leo Frobenius den Geist afrikanischer Urzeit rezipiert, Paul Dahlke den des ursprünglichen Buddhismus, Richard Wilhelm denjenigen Alt-Chinas. So kann durch persönliches Verstehen, einem Akte schöpferischer Freiheit, ein Geist sogar dann auf die Erde zurückbeschworen werden, wenn er ihr ganz und für immer entschwunden zu sein schien. Hiermit münden denn unsere Betrachtungen über die Freiheit in die Grundproblematik der Schöpferischen Erkenntnis ein, die ich darum nicht neuaufzurollen brauche. Hinsichtlich dessen, was gerade in dieser Wende, die wir durchleben, in diesem Zusammenhang nottut, will ich nur einen Teil dessen wiederholen, was ich 1919 in der Programmschrift Was uns not tut, was ich will (SE, II, 3) darüber sagte — welche Worte von Jahrzehnt zu Jahrzehnt aktueller werden dürften, bis das vollendet und vollbracht ist, zu dem sie den ersten Anstoß gaben:

Wir leben in einer historischen Konjunktur, innerhalb welcher Weisheit im Sinne eines Wissen-gewordenen Lebens allein zur Retterin werden kann. Der Verstand hat zersetzt, was zu zersetzen war; des Sokrates Werk kann als vollendet gelten. Die Kritik, ob von Luther ausgehend, von Voltaire oder Kant, hat alle Schranken abgebaut, die dem Denken von außen her das Betätigungsfeld einengten; sie hat dem Geist die volle Freiheit, die ihm gebührt, für immer gesichert. Aber sie hat damit zuletzt dem Leben selbst die Axt an die Wurzel gesetzt, denn sie hat dahin geführt, daß alles nicht verstandesgemäß Begreifliche am Leben in seiner Existenz gefährdet scheint. Die Religiosität droht zu verschwinden, die Moralität, jeder unmittelbare innere Halt. Diesem natürlichen Gefälle gegenüber haben die vielfach ansetzenden, häufig künstlichen Gegenbewegungen wenig Macht. Was nützt es, neue Religionen zu begründen oder alte wiederherzustellen, wenn der Glaube an die Daseinsberechtigung von Religion überhaupt entschwunden ist? Was nützt alle ethische Kultur, wenn Moralität, überhaupt als vorurteilsgeboren gilt? Heute gibt es nur einen Weg zum Heil: daß die Kritik selbst, zu ihrem höchsten Ausdruck gebracht, dem Wiederaufbau der Lebensganzheit dienlich werde. Es gilt den Sinn der Moral, den Sinn der Religion, den Sinn alles dessen zu erweisen, was dem Leben nachweislich zu seinem Heile Halt bot, durch vorläufige Kritik aber als unbegründet verurteilt schien; es gilt dies im tiefsten metaphysischen Verstand zu tun, nicht in dem oberflächlichen jener Pragmatisten, die sich bei der erwiesenen Nützlichkeit als letzter Instanz bescheiden. Dies eröffnet denn der Philosophie eine neue Sphäre, die sie im Abendland noch nie betreten hat. Diese soll fortan, auf allen kritischen Errungenschaften fußend, in tiefster Einsicht selbstherrlich begründet, von dieser aus die neue Lebenssynthese, welche allein der einmal erstiegenen Stufe geistiger Bewußtheit entspricht, in Angriff nehmen. Sie allein ist heute überhaupt fähig dazu, eine Synthese zu schaffen. Es ist höchst charakteristisch, daß die modernen Wiedergeburten früherer Lebensformen, die neuerdings so zahlreich, aus dem Geist der Verzweiflung über das zersetzungsbedingte Nichts, in allen Breiten aufkommen, im allgemeinen den niedersten und rohesten Stufen entsprechen; dies gilt vom politischen Kommunismus ebensowohl als von jenem besonderen Okkultismus, welcher in Wahrheit primitivster Aberglaube, nur zu vielen religiös sein sollenden Verbänden spiritistischer oder theosophischer Signatur zur Grundlage dient: wo der Mensch, vom Verstand ins Nichts hineingehetzt, nicht weiter kann, dort wendet er sich am leichtesten von aller Vernunftserwägung ab. In Wahrheit aber gilt es nicht, der Einsicht zu entsagen, sondern diese so weit zu vertiefen, daß sie die Ganzheit des Lebens aufzunehmen, zu spiegeln und aus sich heraus wieder aufzubauen fähig wird. Es gilt sonach ein Höheres, als es griechische und französische Philosophen je anstrebten: nicht die abstrakte Vernunft, deren Grenzen schon Kant mit wunderbarer Klarheit erkannte und absteckte, zur Alleinbeherrscherin des Lebens zu machen, sondern einen Bewußtheitsgrad zu erreichen, in welchem die Ganzheit des Lebens sowohl seiner Tatsächlichkeit nach bewußt, als seinem Sinne nach verstanden wird, und diesen Sinn als Lebensbasis auszubauen.

Das Gesagte gilt von der Freiheit mehr noch als von irgendeinem anderen Aspekte des lebendigen Lebens. Denn Freiheit kann offenbar nur in der Freiheit selbst begründet werden. Sie ist der Angelpunkt alles Geisteslebens und zugleich sein einer Weg. Deswegen wollen wir, unabhängig von aller Tradition, die vital wesentlichen Äußerungen von Freiheit kurz durchnehmen und zu zeigen versuchen, wie jeder sie in seinem persönlichen Leben pflegen und steigern kann.

Hermann Keyserling
Das Buch vom persönlichen Leben · 1936
X. Freiheit
© 1998- Schule des Rades
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