Schule des Rades

Hermann Keyserling

Das Buch vom persönlichen Leben

X. Freiheit

Schöpferische Einsicht

Ich habe das Mißverständnis, das ich am Sinnbilde C. G. Jungs aufweisen konnte, im Zusammenhang des Freiheitsproblems deswegen so ausführlich behandelt, weil sich von ihm her der wahre Ort und Sinn der schöpferischen Indifferenz, welche das Freie kennzeichnet, besonders scharf fassen läßt. Knüpfen wir bei dem Satz an, daß der Geist im Menschen so frei-schöpferisch ist, daß er sogar augenscheinliche Unwirklichkeit für sich zur Wirklichkeit umzaubern kann. Im Gegensatz zum Versuch der Südamerikanischen Meditationen, Blut und Erde im Zusammenhange richtig zu sehen, so wie sie wirklich sind, geht Jung von einem Vorurteile aus, in dessen Dienst er alsdann sonst richtig Erkanntes stellt. Geist und Erde sollen in polarer Beziehung zueinander stehen, sie sollen den Symbolen von Yang und Yin entsprechen. Solches Dekretieren-können setzt zunächst das Dasein schöpferischer Freiheit oberhalb aller Polaritäten voraus. Was geschieht aber nun, wenn der Geist der erdhaften Wirklichkeit als Gegenpol gegenübergestellt wird? Dann steigt der Geist aus seiner Eigen-Region herab und schlägt sich selbst tatsächlich durch fälschende Vorurteile in Fesseln. Dann verwandelt er zwangsläufig seine eigene Gegebenheit seiner falschen Vorstellung gemäß. Wenn Geist ein Herausstellbares sein soll, welches der Erde gegenübergestellt werden kann, dann bleibt nichts anderes übrig, als ihn mit dem Intellekte oder dem Willen zu identifizieren. Wenn Blut und Erde den Kern des Menschenwesens bedeuten sollen, dann muß diesen Vieles von dem zudekretiert werden, was faktisch der Seele und dem Geiste zugehört. Vor allem aber wird so und dann der Zusammenhang des Menschenwesens, wie dieser tatsächlich ist, willkürlich zerrissen. Der Geist wird zum Widersacher der Seele erklärt und dank solcher Erklärung damit tatsächlich lebensfeindlich, Verstand und Vernunft werden geächtet und damit real zersetzerisch, der pneumatische Mensch, d. h. der Geistige wird, im Gegensatz zu dem, was von den Griechen galt, geringer als der hylische, d. h. der Erdmensch geachtet, und verdirbt damit real. Vom Standpunkt der Erkenntnis aber wird so alle Wahrheit auf den Kopf gestellt, sofern überhaupt noch etwas von ihr übrig bleibt. Daher denn das Pathologische der repräsentativen Vertreter dieser Zeit. Der Intellektuelle, welcher alle Erdwurzeln und alle Bindung an das Nicht-Ich verleugnet und damit alle Verantwortung im Zusammenhang des Lebensganzen ablehnt, ist ein tristes Spaltprodukt. Doch eine gleichsinnige Zersetzungserscheinung stellt auch der reine Chthoniker dar; er ist ein Eliminat aus dem ursprünglich geistbestimmten Menschen, eine Art Bodensatz. Diese beiden einander entgegengesetzten Zersetzungsprodukte des ganzen Menschen, durch Vorurteil geschaffen, sind die Protagonisten aller der Konflikte, die man als falsche Konflikte bezeichnen mag, weil sie falscher Fragestellung und falscher Beobachtung ihren Ursprung danken. Denn als Erscheinungen sind sie real genug. Heute stehen sich wirklich Geist und Nicht-Geist, Idee und Blut, Freiheit und Bindung, Menschentum und Tiertum als von Vernichtungswillen beseelte Gegner gegenüber. Doch da Yang und Yin die ewig beständigen Pole des irdischen Lebens darstellen, so kann kein Pol den anderen besiegen. So verhärten und verkümmern sie zu immer abgeschlossener Einseitigkeit und immer gefährdeter wird dadurch die Lebensganzheit. An dieser Stelle erfassen wir den ganzen tiefen Sinn des heute kaum mehr verstandenen Begriffes einer Häresie, einer Irrlehre. Der Geist ist dermaßen frei, daß er nicht nur überhaupt vorstellen kann, was er will, sondern auch sich selber so sehen kann, wie er mag — und entsprechend anders wird. Sein tiefstes Wesen wird freilich durch solches Phantasieren nicht verändert; wohl aber wird es überschichtet und das Bewußtsein geht nunmehr von dieser Überschichtung als seiner vermeintlichen Wirklichkeit aus. Im Falle rechter Vorstellung drückt sich mittels dieser Vorstellung das wahre Wesen aus, so wie es ist, und dies zwar desto unverfälschter, je mehr jene dem Korrelationsgesetz von Sinn und Ausdruck entspricht (SE, I, 2). Daher das christliche Wahrhaftigkeitsgebot. Daher die indische Theorie und Praxis der Selbstrealisierung, deren Weg in rechtem Denken, rechtem Wollen, rechtem Tun, rechtem Sich-Versenken besteht: es gälte von der selbsterfundenen Vorspiegelung zur eigenen tiefsten Wirklichkeit zu finden. Doch von hier aus verstehen wir auch, warum der Mensch so viel geneigter scheint, sich selbst zu belügen, als sich so hinzunehmen und anzuerkennen, wie er wirklich ist. Fast alle Irrtümer sind Kinder bösen Willens, d. h. hier der Gana, die sich gegenüber dem Geist mit seinen ihr unbequemen Normen durchsetzen will. Der Evolutionismus z. B., nach dessen Lehre alles Minderwertige und Böse sich von selbst dem Guten zu entwickele, entspringt dem Wunsch, das Gesetz des geringsten Kraftmaßes zu befolgen. Äquivalentes aber gilt von all’ den Irrlehren, die wir vorhin beleuchtet haben.

Doch wir müssen uns mit den herrschenden falschen oder künstlichen oder überbetonten Polaritäten noch etwas mehr beschäftigen, denn nur Abtragung der Überschichtung der wahren durch Irrtum und Lüge kann das eigene Wirkliche freilegen. Bis zur deutschen Revolution war die polare Spannung zwischen dem Behaviorismus, welche dem Menschen lediglich die Fähigkeit zum re-agieren zuerkennt, und der krassen Unbedingtheitslehre der Christian Science in Nordamerika (welche Spannung ich im Schlußkapitel meines Buches über letzteren Kontinent ausführlich behandelt habe), das eindrucksvollste Sinnbild einer Zerrissenheit, die nun einmal die schicksalsmäßige Folge jedes Nicht-Erkennens und -Besetzens des wahren Orts der Freiheit ist. Zur Zeit da ich dieses schreibe, äußert sich die gleiche Zerrissenheit unvergleichlich eindrucksvoller noch in deutschen Landen im Gegensatz zwischen meta-amerikanischem Aktivismus und jener extremsten aller bisherigen Pathiken, welche Ludwig Klages vertritt. Oberflächlich beurteilt, sollte Klages den nie rastenden noch ruhenden, ausschließlich der Zukunft zugewandten Aktivisten das Greuel aller Greuel sein. Ist er doch Todfeind des männlichen Geistes, des Siegs, der Macht, des Fortschrittstrebens, des Willens, des abendländischen Ethos überhaupt; er hat nur Hohn und Spott für allen Zukunftsglauben. Nichtsdestoweniger stimmt der Klages-Kult; er stimmt unbeschadet dessen, daß unter Tausenden, die seinen Namen preisen, höchstens einer ihn gelesen, und unter denen, welche ihn gelesen, ein sehr geringer Prozentsatz ihn verstanden hat: der meta-amerikanische Aktivismus setzt, auf Hegelisch ausgedrückt, jenen, so daß beide tatsächlich die gleiche Grundlebensstimmung ausdrücken. Beide gehören so zu einander, wie Lebens- und Todestrieb: je extremer und einseitiger der eine von beiden betont wird, desto machtvoller wird der andere im Unbewußten konstelliert. Solch’ extreme Bewußtseinsspaltung verkörpert selbstverständlich kein für die Dauer haltbares Gleichgewicht. Übersteigertes Ethos muß mit ikarischem Sich-Überschlagen enden, übersteigertes Pathos mit gewolltem Versinken in der Todesnacht. Beide Bewußtseins-geborene Übersteigerungen aber erhalten durch den Willen zur Wiedergeburt unter Preisgabe des Gegebenen, welcher das deutsche Gemüt kennzeichnet, fortwährende Speisung aus tiefster Wurzel, so daß nicht wenig dafür spricht, daß der Extremfall eintreten könnte…

Letzteren Gedankengang wollen wir hier nicht weiter verfolgen. Was uns hier angeht ist dies: weder der ausschließliche Ethiker noch der ausschließliche Pathiker ist frei. Denn durch Selbst-Bindung an einen Pol des Menschenwesens unter Verleugnung oder Bekämpfung des anderen verläßt der Mensch innerlich den Indifferenzpunkt, von dem allein aus Betätigung des Freien möglich ist, und verlegt sein Bewußtseinszentrum auf wesentlich Unfreies. Daher der Zwang, den die Tatsachen und abstrakte Kalkulation und das innere Gesetz der Organisation auf die meisten Menschen aktivistischer Artung ausüben der Aktivist steht nicht oberhalb seiner Aktivität, wie er es tun muß, um frei zu bleiben; er identifiziert sich ohne Vorbehalt mit seinem Ethos-Pol. Woher, umgekehrt, die beispiellose Macht, welche Suggestion ausübt, der blinde Glaube an Schlagworte, der wachsende Mangel an Eigeninitiative, die sich steigernde Neigung zu gehorchen, sich lammfromm dem Schicksal hinzugeben, woher die Verherrlichung des Unpersönlich-Irrationalen des Weltgeschehens überhaupt, und andererseits der Wunderglaube? Sie beruhen auf restloser Hingabe an den Pathos-Pol. Beide Arten der Hingabe machen im buchstäblichen Verstande unfrei. Und zwar ist der auf die beschriebene einseitige Weise initiatorisch wirkende absolute Aktivist genau so unfrei wie der absolute Pathiker. Nur wer die Pole von Ethos und Pathos von einem inneren Standort aus in sich balanciert, welcher Standort oberhalb der Pole von Ethos und Pathos belegen ist, dem Standort der letzten inneren Einsamkeit — nur der kann frei sein.

Von hier aus können wir den erforderlichen höheren Standort so genau, als begrifflichem Denken möglich ist, bestimmen. Das tiefste Selbst in seiner unbedingten Einsamkeit steht nicht allein jenseits aller irdischen Bindungen, sondern auch jenseits aller irdischen Polaritäten. Das Selbst ist weder Mann noch Weib, weder zeugend noch austragend, weder handelnd noch erleidend, denn seine ganze Aktivität besteht in freier Ausstrahlung von Sinn. Doch da das tiefste Selbst eben nur die letzte Wesenstiefe des Menschen darstellt und nicht seine Ganzheit, so ergibt sich daraus, daß sich der ganze Mensch nur in Funktion der Naturnormen ausleben kann: zeugend oder gebärend, handelnd oder leidend. Nur liegt der Nachdruck beim Selbst-Bewußtsein nicht auf der Alternative als solcher, Sondern auf dem Sinn, welchen das Leben in Form dieser oder jener Modalität hat oder haben kann. Dieser Sinn untersteht überhaupt nicht dem Polaritätsgesetz, er ist unbedingt und absolut. Und so thront jeder im Raum seiner Psyche als Selbst oberhalb der eigenen Polaritäten; er benutzt sie, und ist er tief genug im Selbst verwurzelt, dann durchleuchtet, dann transfiguriert er sie. Dann schafft substantieller Sinn von sich aus neuen Tatbestand. Von hier aus ist denn klar, warum nicht nur innerhalb eines Volkes, sondern erst recht in der Seele des Einzelnen jede Spaltung zwischen dem aktiven und passiven Pol bei Optierung für einen von ihnen schwerste Gefährdung der Persönlichkeits-Einheit bedeutet. Die Pole müssen balanciert werden, damit sich der Mensch richtig im Gleichgewicht befindet.

Diese Notwendigkeit hat in bezug aufs moralische Problem der leider so früh verstorbene Oscar A. H. Schmitz in seinem Versuch einer polaren Ethik (in Brevier für Einsame, Georg Müller Verlag) mit so vorbildlicher Schärfe herausgearbeitet, daß ich hier lieber auf dieses Buch, das schon vergessen zu werden droht, verweisen möchte, als seine Gedanken ausführlich wiederzugeben. Nur soviel sei hier gesagt. Schmitz’ großes erkenntniskritisches Verdienst liegt, trotz des Titels seiner Abhandlung, darin, daß er Ethos und Pathos nicht eigentlich als Pole, sondern als notwendig zusammenhängende, im organischen Sinne korrelative Zuständlichkeiten und Haltungen beschreibt, die den Vorzeichen plus und minus entsprechen und in jedem konkreten Falle beide da sein und einen Gleichgewichtszustand darstellen müssen, wenn die Einheit des Lebensganzen nicht zerfallen soll. So entsprechen sich Kreuz und Adler. So ist jede Lösung des ethischen Problems, welche auf Grund des Plus- oder des Minus-Aspekts des Lebens allein oder auch nur vorwiegend erfolgt, eine Scheinlösung. Was nun vom moralischen Verhalten gilt, gilt von schlechthin aller Lebenspraxis. In allem empirischen Leben wirken Yang und Yin, Ethos und Pathos, Männliches und Weibliches als Plus- und Minus-Aspekte des Lebens zusammen und es ist überhaupt kein normales Ausleben des Freien denkbar, das nicht in einander ergänzendem Zusammenwirken von Tun und Leiden bestände; jede einseitige Auswirkung zerstört die lebendige Einheit. Hier halten wir denn den allerletzten Grund der Freiheitsfeindschaft dieser Zeit. Einseitig ethisch oder aktivistisch verstandene Freiheit hatte durch Enantiodromie zu einer Versklavung ohnegleichen geführt, oder aber überwältigende Sehnsucht nach untermenschlicher Gebundenheit entstehen lassen. Von hier aus verstehen wir das unaufhaltsam wachsende Vorurteil zugunsten älterer oder fremder Lösungen des Lebensproblems — der ur-nordischen, antiken, chinesischen, indischen: so oder anders bedeutete jede von ihnen eine Balancierung von Plus und Minus. Im weitesten Rahmen und andererseits auf normalste, dem gesunden Menschenverstand gemäßeste Weise balancierte sie Alt-China. Indien tat es in der Zusammenschau von Eigenwille und Schicksal im Karma-Glauben, Hellas im Zusammenspiel von Apollo und Dionysos, Rom in der Vereinigung von absoluter Hingabe an die res publica mit stoischem Herrenethos, die ur-nordische Welt in der von spielerischem Abenteurertum und Schicksalsglaube. In Leiden haben wir nun gezeigt, daß das echte Christentum Ethos und Pathos grundsätzlich besser als alle anderen Weltanschauungen balanciert hat, insofern es als einzige den Nachdruck auf die Freiheit legte. Es vereinbarte Stolz und Demut, Welt-Hingabe und Weltgewaltigkeit, Liebe und Kampfeslust auf solche Art, daß unter allen Umständen das Freie das letzte Wort behielt. Sogar blinder Glaube hob den echten Christen unwillkürlich ins Reich echter Freiheit hinauf, denn eben dieser Glaube war in seinem Falle Ausdruck des Freien. Immerhin hat die Fundierung des christlichen Kosmos auf irrationalen Glauben bedingt, daß der Erkenntnisfortschritt ihn zersetzen mußte. Dieser Prozeß ist nicht rückgängig zu machen. Deswegen muß schöpferische Einsicht jetzt eine Neubalancierung von Plus und Minus bewerkstelligen, auf daß eine neue Ära der Freiheit anbrechen könne.

Hermann Keyserling
Das Buch vom persönlichen Leben · 1936
X. Freiheit
© 1998- Schule des Rades
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