Schule des Rades

Hermann Keyserling

Das Buch vom persönlichen Leben

X. Freiheit

Generosität

Zu diesem Ende wollen wir die für das praktische Leben entscheidenden Tugenden des Freien nacheinander durchnehmen. Die erste dieser Tugenden ist der Charakter. Wir sahen in früherem Zusammenhang (S. 288), inwiefern der Deutsche die Frage des Charakters typischerweise falsch stellt, im Sinn einer Kruste oder sonstigen äußeren Halts, oder der inneren Gebundenheit an Äußerliches; wobei wir mit der Feststellung endeten, daß nur von innen heraus wirkende Bindung, also ein Skelettartiges im Gegensatz zur Schale des Krustentiers, Charakter in positivem Verstande schafft. In der historischen Einleitung zu vorliegendem Kapitel zeigten wir, warum und inwiefern ein ererbtes Skelett inneren Halt geben kann. Aber psychisches Erbe lebt andererseits nur insofern fort, als es fortlaufend von Persönlichkeiten, die es lebendig vertreten, neuvitalisiert wird. Hieraus folgt, daß sich das wahre Problem des Charakters ausschließlich von der Freiheit her und in bezug auf freie Betätigung sinnvoll stellt. Jeder kommt mit bestimmten Naturanlagen auf die Welt, für die er nicht verantwortlich ist und welche er kaum, wenn überhaupt, zu ändern vermag. Es ist nun augenscheinlich widersinnig, dort zu fordern, zu gebieten, zu verurteilen, wo es sich um reine Naturgegebenheit handelt und mithin keine Verantwortung besteht. Dem trägt auch die römisch inspirierte Jurisprudenz Rechnung, wenn sie lehrt Motiv entlastet, Charakter belastet. Diese Lehre hat nur Sinn, sofern unter Charakter ein der Freiheit Unterstelltes, sonach ein anderes als die ursprüngliche Veranlagung verstanden wird und sofern es nicht darauf ankommt, welche Anlage einer hat, sondern ausschließlich darauf, was er aus ihr und mittels ihrer macht. Tatsächlich ist nun jeder, in dem das Freie voll entwickelt ist diese Einschränkung besteht allerdings — für seinen Charakter verantwortlich, denn bei gutem Willen hat er die Möglichkeit:, aus seinen Anlagen, wie immer sie seien, ein Positives zu formen und dieselben positiv auszuwirken. Oder, um das gleiche in der Sprache der Schöpferischen Erkenntnis auszudrücken: beliebiger Sinn kann sich, grundsätzlich gesprochen, beliebigen Buchstaben einbilden, und damit Freiheit beliebige Tatsachen meistern. Oder noch anders gesagt: von der Freiheit her beurteilt, sind die Anlagen eines Menschen nicht mehr, als der mehr oder minder spröde Stein für des Bildhauers Meißel.

So stellt sich die Frage des Charakters von der Freiheit und damit vom Wesen des Menschen her grundsätzlich anders, als die moderne Charakterologie sie stellt. So Wissenswertes diese über die sogenannten Triebfedern, die Anlagetypen und besonders die menschliche Unterwelt herausbekommen hat, so nützlich ihre Erkenntnisse zur Eliminierung hoffnungslos Unfähiger, zur Besetzung subalterner Stellen, für welche freie Menschen nie geschaffen sind, ja so wichtig ihre Ergebnisse sogar für die Erziehung vom Standpunkt der Gemeinschaft und auf diese hin sind — zur geistigen Beurteilung und zur Förderung des Wesentlichen liefert sie überhaupt kein Material.1 Denn ihr sind eben die Anlagen letzte Instanz und die Grundfrage aller Charakterologie, welche geistige Bedeutung beansprucht, nämlich die Frage nach dem Charakter, welchen der schöpferische Geist aus dem gegebenen Materiale bildet, stellt sie überhaupt nicht. Dies liegt natürlich an den derzeitigen lebendigen Vertretern der Charakterologie — lebenswichtige oder bedeutsame oder gar letztentscheidende Sachen gibt es nicht. Zumal in der deutschsprachigen Welt steht, diese Disziplin zu der Zeit, da ich dieses schreibe, zu einem bedauerlich großen Teil im Dienst von Thersites- oder Sklavenhalter-Gesinnung; geradezu erschreckend viele Charakterologen sind zutiefst hämische Neider, Schadenfreudige oder Selbsthasser, welch letztere immer die schlimmsten Denunzianten sind (die interessanteste Offenbarung dessen bedeutet Theodor Lessings Buch Der jüdische Selbsthaß, Berlin 1930) und sich an der Herabwürdigung anderer selbst steigern. Aber selbst wenn das Instrument der Charakterologie in edlere Hände gerät — zur Lösung der Frage, auf die allein es vom Standpunkt des freien Menschen ankommt, wird sie nie beitragen. Immer wird es ein Skandal der Vernunft, wie Kant sich ausdrückte, für sie bleiben, daß beinahe alles, wenn nicht buchstäblich alles Große auf Erden von (in ihrem Sinn) bedenklichen Charakteren geleistet worden ist. Nie werden ihre Voraussetzungen zu verstehen erlauben, daß Widerstände und Schwierigkeiten innerhalb der Seele das Freie genau so anspornen wie äußere Widrigkeiten und daß dieser Umstand unter allen Umständen und für immer, gemäß Jesu Lehre, dem Sünder vor dem Gerechten einen natürlichen Vorsprung gibt. Die wahre Frage des Charakters stellt sich so und ausschließlich so, wie ich sie schon im Himalaya-Kapitel des Reisetagebuchs (geschrieben 1912) formulierte: es ist grundsätzlich einerlei, welche Anlagen ein Mensch auf die Welt mitbringt. Einzig und allein darauf kommt es an, was er aus ihnen macht; oder in anderen Worten, inwieweit sein Freies die an sich gänzlich irrelevanten Anlagen diszipliniert und seinen geistigen Zielen gemäß be-sinnt.

Hier, wenn irgendwo, ist Generosität Grunderfordernis. Erstens die gegen sich selbst und gegen andere. Ich nenne die sich selbst gegenüber auch hier zuerst, da der sich selber gegenüber Generöse gegen andere nie gehässig ist. Zunächst muß der Mensch sich selbst, entsprechend dem in allen früheren Kapiteln Geforderten, genau so hinnehmen, wie er wirklich ist, ohne auch nur das Allergeringste auszuschließen oder zu verleugnen. Erst in solcher Einstellung ist er überhaupt im Geist zentriert und kann er überhaupt von ihm aus urteilen, über sich selbst genau so wie über andere. Ist er aber einmal so eingestellt, dann kann er überhaupt nicht mehr verurteilen, so wie’s die Gerechten tun. Doch im Zusammenhang des Freiheitsproblems gewinnt der Generositätsbegriff einen neuen Aspekt und einen noch tieferen Sinn: Freiheit selbst bedeutet Generosität, insofern diese ohne jene nicht möglich ist. Freiheit als Urattribut des Geistes ist ipso facto schenkende Tugend. Seinem Wesen nach ist Geist ausstrahlend (A, II; SM, XI, XII). Lehrt das Christentum in bezug auf die Liebe, welche es meinte, Geben sei seliger als Nehmen, so darf man allgemein sagen: nur Geben ist dem freien Geist gemäß, oder genauer: Nehmen ist ihm dort allein gemäß, wo im Annehmen-können Generosität zum Ausdruck kommt — und jedermann weiß, wie schwer gerade Annehmen den meisten fällt. Der Geist wächst, er nimmt nicht ab durch Geben; er nimmt, umgekehrt, ab und verkümmert, wo er sorgendem Raffen dienstbar ist. Jedes Motiv der Urangst oder des Urhungers, welches er anerkennt und damit übernimmt, versklavt ihn der trägen Gana, und Trägheit und Geistbestimmtheit schließen einander grundsätzlich aus. So bedeutet denn die erforderliche Generosität auch frei von sich sein. Erst letztere Gleichung nun macht vollkommen klar, was jener vielbenutzte, aber selten verstandene Begriff bedeutet. Nur wer im selben Sinne frei von sich und damit sich selbst gegenüber generös ist, wie die Mutter gegenüber den Fehlern ihrer Kinder, nur wer als geistige Substanz real unabhängig ist vom Unfreien in sich, nur der beweist die Freiheit, auf welche es ankommt. Und erst mit dem Zustande grundsätzlichen Freiseins von sich — gleichviel, wieweit die Verwirklichung gediehen ist —, beginnt sich Charakter auszuprägen im einzig menschenwürdigen Verstand. Das ist der wahre Sinn der an sich mißverständlichen Imperative, andere mehr zu lieben als sich selbst, die Pflicht der persönlichen Neigung voranzustellen, sein Privatinteresse oder seine Privatmeinung zu opfern. Von hier aus wird wohl endgültig klar, warum wahre und echte Charaktere in Deutschland bisher so selten waren: solche können sich nicht bilden, ohne daß die Generosität der Freiheit bestimmte — und bisher gibt es im Deutschen nicht einmal ein Wort für den Begriff Generosität.2

Das ist übrigens, wie hier ausdrücklich betont sei, hauptsächlich auf die unglückselige Kastenordnung in kargem und engem Lebensrahmen oder -raum, welche Deutschland lange Jahrhunderte hindurch bestimmt hat, zurückzuführen — durchaus nicht auf Uranlage. Daß es nicht an letzterer liegt, weswegen innere Unfreiheit ganz gewiß nicht deutsches Schicksal ist, beweisen die folgenden Tatsachen. Von jeher war der seltene Deutsche, welcher genügend hochgeboren war oder hoch genug hinaufgelangte, um sich unbeengt zu fühlen, typischerweise desinteressierter als irgendein anderer Europäer; Desinteressiertheit aber ist das sachliche und unschöpferische Äquivalent von Generosität. Und auch der schöpferische Aspekt der inneren Freiheit äußert sich seit bald zweihundert Jahren, sobald innere Beengtheit fehlt, unter Deutschen häufiger als irgend sonst in Europa. Der erstaunliche Prozentsatz ungewöhnlicher Begabungen, welcher in Deutschland, und zwar in Deutschland allein, Pastorenhäusern entstammt, ist zum großen Teile auf den Umstand zurückzuführen, daß der Pastor allein unter Bürgerlichen zum Adel heruntersprechen durfte: nämlich von der Kanzel; weswegen sich ein ungewöhnlich hoher Prozentsatz solcher Naturen, die entweder selbst oder als Erbträger physiologisch geistiger Unbedingtheit fähig waren, dem Pfarrerberufe zuwandten.

Weil die Dinge so liegen, braucht sich kein Deutscher beim Bedauern über die hier geschilderten Fehler zu bescheiden: sie sind zu überwinden. Hierzu aber ist Einsicht bei allen tieferer Einsicht Fähigen der eine mögliche Weg. Es gilt einzusehen, sich einzugestehen und die eingestandene Wahrheit durch Meditation dem ganzen psychischen Organismus einzubilden, daß es Charakter als Wert nur in Funktion der inneren Freiheit gibt, daß solch einzig echter Charakter umgekehrt der Urausdruck des freien Menschen und daß die Kardinaltugend des echten Charakters die Generosität ist. So und nicht anders soll jeder Deutsche sich die Frage stellen. Das ist der eine Weg, um mit einem Male über Kleinlichkeit, Engigkeit, Neid, Mißgunst, zugleich aber über Partikularismus und Beschränktheit hinauszuwachsen. Auf diese Weise fallen letztendlich Charakter, Freiheit und Weltoffenheit zusammen.

1Die Bedeutungslosigkeit der positivistischen Charakterologie für die eigentliche Seelen- und Wesenskunde erweist mit seltener Klarheit die kleine Schrift von Friedrich Markus Huebner, Die Zeichensprache der Seele, Kampen a/Sylt 1934, Niels Kampmann Verlag. Wie sehr äußerlich und insofern zufällig bedingt der empirische Charakter überhaupt ist, machen Fritz Künkels Grundzüge der politischen Charakterkunde, Berlin 1934, auf vorbildliche Weise deutlich.
2Großmut ist ein anderes, Spezielleres; ihr Begriff setzt Höherstehen dessen voraus, welcher sie ausübt, gegenüber denen, die von ihr Nutzen ziehen, dazu mit der Nuance, daß er sich diesen Luxus leisten kann. Die schenkende Tugend, eine wahrhaft herrliche Wortverbindung, hat noch einen esoterischen Klang. Kein Wunder: denn ist Mangel an moralischem Mut ein Charakteristikum des Deutschen, so wie ihn seine Geschichte gestaltet hat, so ist ein anderes der Neid, die genaue Gegen-Eigenschaft der Generosität. So traurig das Kapitel ist — wir müssen bei diesem Urfehler des Deutschen verweilen, denn er kann von der Freiheit her gebessert werden, und andererseits wird es einen wirklich freien Deutschen als Nationaltypus nicht geben, bevor er nicht gebessert ist. Die banalste und häufigste deutsche Form des Neides ist der reine Lebensneid, der sich im Haß des vital Schwächeren oder Impotenten oder Unschöpferischen gegen den Mann generösen Bluts, den Sieghaften und Schöpferischen äußert; gäbe es in Deutschland, wie im alten Athen, ein Scherbengericht, so wäre wohl jeder Große nicht allein, sondern auch jeder ausgesprochen Vitale des Landes verwiesen worden. Die in Deutschland häufigste Form des Lebens-Neides wiederum ist das Nicht-Gönnen: der andere soll, im Gegensatz zum englischen Imperativ des fair play, gerade keine Chance haben. Generositätsmangel nun gibt beinahe allen Erscheinungen des bisherigen deutschen Lebens ihre besondere Farbe. Auch unter Ungenerösen gibt es Menschen, welche gerne schenken, denn Schenken ist Macht-Beweis; nie jedoch nehmen solche freudig an. So ist denn das Nicht-annehmen-Können eine geradezu entsetzlich häufige deutsche Untugend. Wohltat wird mit Undank gelohnt, welcher als Objektivität getarnt großtut. Jeder hämischen Neigung, welche die innere Freiheit anderer zu entwerten verspricht, wird freudig nachgegeben. Bedeuten Fakultäten, Behörden und Amtlichkeiten in Deutschland als Krusten so viel, so ist’s vor allem deshalb, weil gemeinsame Krustenzugehörigkeit Identifikation ermöglicht und so den Neid in hohem Grade neutralisiert; keinem ordentlichen Professor widerfuhr je, was Schopenhauer und Nietzsche ihr Leben verbitterte.
Hermann Keyserling
Das Buch vom persönlichen Leben · 1936
X. Freiheit
© 1998- Schule des Rades
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