Schule des Rades

Hermann Keyserling

Das Buch vom persönlichen Leben

XI. Das Leben als Kunst

Sinngebung

Nachdem wir die Vielfältigkeit und Vielschichtigkeit des Menschenwesens nach allen vom Standpunkt des persönlichen Lebens wichtigen Richtungen hin verfolgt und soweit als möglich bestimmt, und nachdem wir überall die Unzurückführbarkeit dieser Komplexität festgestellt haben, kann für uns jeglicher Monismus, jeglicher Monophysitismus, überhaupt jeglicher Versuch, das Menschenwesen auf einen einheitlichen Generalnenner zu bringen, als erledigt gelten. Mit seinem Satz, das Ich anzunehmen, zu postulieren, ist praktisches Bedürfnis, war Lichtenberg der Wahrheit näher, als jeder Einheitsgläubige. Und so waren ihr auch die alten Ägypter, Inder, Perser und zuletzt Japaner, welche alle dem Menschen eine große, mit dem Ausmaß der Persönlichkeit wachsende Anzahl Seelen zusprachen, näher, als Faust, welcher bloß deren zwei in sich feststellen zu können meinte. Es gibt keinen Bestandteil, im Menschen, der nicht dank vitalisierender Aufmerksamkeit und Betonung zu einem Ich oder wenigstens Ich-Rudiment und damit zur Dominante werden könnte. Es gibt andererseits keinen, welcher naturnotwendig vorherrschte und vor allem keinen, welcher andere Zentren endgültig unterdrücken könnte, ohne damit den ganzen Menschen zu schädigen. Denn dieser ist allemal der Träger und Verkörperer vieler Entwicklungsreihen, von denen jede besonderen Normen gehorcht; deren Schnittpunkt oder — in anderem Bilde — der Knoten, welchen er jeweils aus der Vielheit seiner Lebensfäden schürzt oder zu dem er geschürzt wird, ist er letztlich. Und dieser Fäden gibt es desto mehr, je bedeutender ein Wesen ist. Mag das stumpfe Weib eines brutalen Triebmenschen als bloßes Geschlechtswesen einigermaßen vollständig bestimmt sein — bei historischen Persönlichkeiten ist gerade bei der Bestimmung der Person von den weit über dieselbe hinausreichenden Geschichts-Linien nicht abzusehen, bei Geistigen von dem nicht, was sie im Zusammenhang der Geistesentwicklung bedeuten. Und bei niemandem, wer er auch sei, gelingt Bestimmung seines konkreten Seins exakt ohne Berücksichtigung des Topos und des Kairós, des Weltenortes und der Weltenstunde, in der er lebt. Halten wir an der Idee der Einheit des Menschenwesens fest, dann müssen wir sagen: seine Einheit ist der Zusammenhang seiner Vielfalt; der Zusammenhang unzähliger für sich unzurückführbarer Elemente ist das, was im Westen beinahe ausnahmslos als einfache und einschichtige Einheit mißverstanden worden ist. Deswegen muß jede beabsichtigte Vereinfachung des Lebensproblems, wie solche jeweils, auf ihren besonderen Ebenen, der Monotheismus, der ökonomische Materialismus, der Panidealismus, der Islam usw. versucht haben, das Problem in Wahrheit komplizieren: insofern sie vorhandene Wirklichkeiten verdrängt, vereitelt sie mögliches unbefangenes Ausleben in optimalem Zusammenhang, und die Folge dessen sind eben die Krankheiten, Schwierigkeiten und Katastrophen, welche den größeren Teil aller Geschichte füllen. Der Mensch ist, objektiv beurteilt, wahrhaftig keine Monade, sondern ein Mikrokosmos, dessen Grenzen ebensowenig abzusehen und ein für alle Male bestimmbar sind, wie die der Welt.

Allein subjektiv, für sich, kann sich der zum Geistbewußtsein erwachte persönliche Mensch letztinstanzlich nur mit Einem in sich identifizieren: nämlich dem Freien. Auf Herausarbeitung, Verstärkung, Steigerung dieses Freien zielte von jeher jeder Selbststeigerungs- und -vervollkommnungstrieb. Mit diesem einsamen Freien wächst und verkümmert alles Persönlichkeitsbewußtsein, mit seinem Dasein steht und fällt es; seine unbedingte Herrschaft ist des Lebens Ziel und auf dieses einsame Freie allein bezieht sich aller sich selbst verstehende Unsterblichkeitsglaube. Nun ist aber die Freiheit des Freien alles eher als eine absolute. Sie stellt nur ein Kraftzentrum dar im menschlichen Gesamtzusammenhang, und nur in bezug auf diesen hat ihr Begriff einen konkreten oder substantiellen Inhalt. Daraus folgt: nur in bestimmtem Sinne, wenn überhaupt, kann das Freie die übrigen Bestandteile des Menschenwesens und mittels dieses die Außenwelt beherrschen. Welches ist dieser Sinn? — Es ist der des gestaltenden Künstlers. So rein Geist-entsprossen dessen Inspiration sei: wie immer er sich stelle — um diese in der Erdwelt zu verwirklichen, muß er die Eigenart des Stoffs, mit welchem er arbeitet, und dessen Gesetze anerkennen und berücksichtigen, handele es sich um musikalische Rhythmik, um Harmonie und Kontrapunkt, um die Skala und die relative valeur der Farben, um die Schwerkraft, den Chemismus der Stoffe, die Logik der Gedanken und Gefühle, die Grammatik und Syntax. Genau so muß das Freie im Menschen auf schlechthin allen Gebieten, sofern es sich auswirken will, zunächst sämtliche seinem jeweiligen möglichen Wirkungskreise zugehörigen Gegebenheiten der Menschennatur und des Weltalls verstehen und anerkennen und mit ihnen als den ihm einzig verfügbaren Ausdrucksmitteln rechnen. Nun aber können wir gleich, ohne vermittelnden Übergang, den positiven Aspekt des auf den ersten Blick negativ erscheinenden bestimmen. Verhält sich das Freie also, dann ist der Mensch so frei, wie er überhaupt sein will. Es ist nicht wahr, daß ein Mensch je aus dem Weltzusammenhang hinausstrebte. Wohl mag er in andere und bessere Welten auswandern wollen — was immer er im besonderen anstrebe, er tut es in bezug auf seine Welt. Denn für sich allein ist seine Freiheit nichts; sie kann sich nur äußern als weltbeherrschende oder weltverwandelnde Macht. So strebt denn keiner, welcher sich selbst versteht, über die spezifische Freiheit des Künstlers hinaus. Dies erklärt denn, wieso der schöpferische Künstler allgemein als freiester Mensch gilt, und unter Künstlern der Klassiker, welcher sprödesten Stoff in strengster Form zusammenzuhalten und dabei strikt persönlich zu beseelen weiß, so wie dies Bach mit Fingerübungen tat, als freiester (W, I, D, 2).

Hieraus folgt nun ein Grundsätzliches, was meines Wissens noch nie verstehend vom Menschheitsbewußtsein assimiliert worden ist: die eigenste Ebene des eigentlichen Menschenlebens ist überhaupt nicht die Natur, sondern die Kunst. Zwar meinte Schiller, der Dichter sei der einzig wahre Mensch, und schon die frühesten Völker wußten vom Erlösenden der Kunst-Ausübung und -Betrachtung. Doch die spezialisierte Kunst, auf die sich obige Vorstellungen beziehen, ist nicht das, was ich hier im Auge habe. Was allein bisher als Kunst galt, sind die Herausstellungen der Produkte der Einbildungskraft, die auf besonderer, vom unmittelbaren Leben abgeschiedener Ebene ihren Ort haben. Wirken solche befreiend und erlösend, so tun sie es dadurch, daß sie das Bewußtsein vom unmittelbaren Leben ablenken. Es liegt indes auf der Hand — so hohen geistigen Wert solche Kunst immer verkörpere —, daß Erfüllung des persönlichen Lebens ganz unmöglich in der Abgelenktheit von dessen wichtigsten Gegebenheiten bestehen kann. Insofern hatte — um zwei Extremfälle einander gegenüberzustellen — der zum Wahrheitsfanatiker gealterte Plato, welcher die Künstler aus seinem Idealstaate verbannen wollte, weil er in ihnen Lügner und darum Verderber sah, recht gegenüber Richard Wagner, der ebenso einseitig den Dichter, zumal den Tondichter, als Krone der Schöpfung pries. Erfüllung des Lebens und damit eine Lösung des Lebensproblems kann es ausschließlich von der Grundlage seiner totalen Aufsichnahme her geben. Deswegen wollte ich, da ich schrieb, die eigenste Ebene des Menschenlebens sei nicht die Natur, sondern die Kunst, damit durchaus kein Hohelied der Poesie oder der Musik oder der Bildhauerei anstimmen: ich wollte die logisch-notwendige Konsequenz aus den Ergebnissen dieses ganzen Buchs und insbesondere des Freiheitskapitels ziehen. In bezug auf das Untermenschliche erkannten wir, daß sich das Persönliche da überhaupt nur darin äußert, wie sich das Subjekt zu diesen Gegebenheiten verhält. Gleiches erwies sich letztlich als in bezug auf alles Nicht-Ich gültig, zu welchem Nicht-Ich noch die Sphäre der Gefühle gehört. Das letztlich Persönliche faßten wir in Einsamkeit dahin, der persönliche Mensch sei von Hause aus das und das allein, was den Akzent in ihm so oder anders legt, letztlich jedoch das, wofür er sich in sich entscheidet. Das Freiheits-Kapitel lehrte uns alsdann, daß dieses Letzt-Persönliche mit dem Freien zusammenfällt. Nun, dieses Freie lebt sich unmittelbar überhaupt nicht in der Natur aus. Seine Daseinsebene ist eine andere, als die der Mineralität, der Reptilität, des Fleisches, des Bluts, der Gana, ja auch der Seele: sie ist eine rein geistige Ebene, auf welcher ausschließlich die Normen des Geistes gelten. Eben dies ist wahr von der Kunst im üblichen Verstand. Doch deren Begriff umfaßt — jetzt erkennen wir es deutlich — nicht den Inbegriff möglicher Kunst, sondern nur einen Spezialausdruck ihrer. Der wahre und letztgültige Begriff von Kunst umfaßt alles Freiheits- und damit Geist-bestimmte Leben. Nur solches Leben ist wahrhaft menschlich im Unterschied vom tierischen und pflanzlichen. Da nun der Geist den Kern des Menschen darstellt, so dürfen wir weiter sagen: nur Leben als Kunst ist echtes Menschenleben.

Ist dem nun also, und wir werden bald im einzelnen einsehen, daß dem schlechthin überall so ist, dann bedeutet die Kunst, so wie sie gemeinhin verstanden wird, durchaus nicht den Höchstausdruck möglicher Kunst. Ganz augenscheinlich gehört höhere Kunst dazu, als mitten im Leben Stehender sein Gesamtdasein im Zusammenhang der übermächtigen Welt vom Geiste her zu formen und zu beseelen — vom göttlichen Demiurgen zu schweigen, welcher den Kosmos vom Sinne her zusammen- und im Gang hält , als um Symphonien zu dichten oder gar solche anderer aufzuführen. Ganz augenscheinlich gehört höhere Kunst dazu, sein schweres und trübes Erdenwesen so transparent zu machen, daß der Geist durch dasselbe hindurchstrahlt, wie immer sich jenes betätige, als dazu, den schönsten Roman zu erfinden. Ganz augenscheinlich gehört höhere Kunst dazu, aus einem nicht vorgestellten, sondern verkörperten Ideal heraus lebendige Menschen zu bilden, als dazu, mit noch so großer Meisterschaft den Ton zu kneten. Die übliche Überschätzung der spezialisierten Kunst des Musikers, des Dichters und Malers ist ein Ausdruck unter anderem jenes primitiven ersten Stadiums der Differentiation, welchem die Mehrheit der Menschen noch heute nicht entwachsen ist — jenes Stadiums, da erkannte Verschiedenheit und Vielfältigkeit alsogleich Parteinahme für ein Element unter Ausschluß anderer auslöst. Soll von diesem Stadium her geurteilt Kunst mehr bedeuten als das Leben, oder dieses nur zum Besten jener dasein, so hat das keinen anderen noch besseren Sinn, als die traditionelle antagonistische Differenzierung zwischen Geist und Fleisch oder Ideal und Wirklichkeit, wobei demjenigen, was das Erleben leichter macht, weil auf seiner Ebene alle realen Widerstände fehlen, die Vorzugsstellung zuerkannt wird. Die Aufgabe des neuangebrochenen Äon nun aber liegt ganz offenbar in der Integration des zunächst Entzweiten und Auseinandergefallenen,1 wodurch die bange Flucht vor dem Schweren und Schmerzlichen von freudigem Auf-sich-nehmen alles Schwierigen und Leidvollen abgelöst würde; in einer Integration auf höherer Ebene. Diese höhere Ebene ist eben die des Lebens als Kunst, der Kunst des Lebens selbst als allumfassender Urform aller nur möglichen besonderen Kunstgestaltung. Das Leben als Kunst ist rein und ausschließlich Geist-bedingt, so grob-stofflich sein jeweiliger Inhalt sei; es ist genau so ausschließlich Geist-bedingt, wie die Musik und Malerei. Und da Erfüllung des Lebens nur in dem einen bestehen kann, die Totalität aller Lebensinhalte vom persönlichen Selbst her zu erfassen und damit aufs schöpferische Freie zurückzubeziehen, welches Freie fortan, vom Standpunkt des Subjektes, souverän herrscht, so ist klar, daß der Begriff eines Lebens als Kunst in der Tat die eine Ebene bestimmt, auf der die Lebensgleichung aufgehen kann. Beziehen wir hier einen schon früher durchmessenen Gedankengang in unsere Betrachtungen hinein, dann werden uns noch vor der Belichtung einzelner Tatbestände alle Zweifel das Grundsätzliche betreffend verlassen. Im Ehe-Kapitel hieß es: als eigentliches Leben erweist sich zuguterletzt überall der Sinn des Lebens. Was immer einen persönlichen Sinn hat, wird positiv empfunden, und sei es noch so hart und schwer. Was immer sinnlos, weil ohne möglichen Bezug auf das persönliche Selbst ist, wirkt auf die Seele bedrückend und im Grenzfall mörderisch. Ein sinnloses Leben hält keiner ungebrochen aus. Nun, die Ebene des Sinnes ist eben die des Geists. Kein Naturzusammenhang hat von sich aus persönliche Bedeutung. Sinngebung nun ist immer künstlerische Gestaltung, auch wo sie in der Deutung von äußerlich Verhängtem besteht. Nur durch Sinngebung aber verwirklicht sich Sinn überhaupt in unserer Erdenwelt (SE und W, durchgehend).

1Vielleicht liest man auf das hier Gesagte hin die 1912 geschriebenen Schlußkapitel meines Reisetagebuches wieder nach: im damaligen Zusammenhang konnte ich die nunmehr fällige Integration besonders plastisch herausarbeiten.
Hermann Keyserling
Das Buch vom persönlichen Leben · 1936
XI. Das Leben als Kunst
© 1998- Schule des Rades
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