Schule des Rades

Hermann Keyserling

Das Buch vom persönlichen Leben

XI. Das Leben als Kunst

Diplomatie

Wenden wir uns von diesen Höhen menschlicher Existenz erneut den Niederungen des Lebens zu, in welchen, ach, die überwältigende Mehrheit aller Menschen schmachtet. Nunmehr ist klar, daß diese Mehrheit nicht allein unglücklich, sondern unselig sein, daß sie recht eigentlich in der Hölle leben muß, und scheine der äußerliche Verlauf ihres Daseins noch so befriedigend. Denn auch nicht annähernd so viele, als sich den Anschein dessen geben, sind so gefühllos und so stumpf, daß sie nicht noch so dumpf erfassen, wie es in Wahrheit mit ihnen bestellt ist. Wie soll ein Mensch nicht unselig sein, welcher am Aberglauben möglicher vollkommener Gesundheit hängt und daraufhin alle Aufmerksamkeit auf vorhandene Gebresten heftet? Er muß ja diese damit steigern, und jede Willensanpassung zwecks Überwindung der Krankheit kann diese, gemäß dem Gesetz des effort converti (Coué) nur verschlimmern. Zum mindesten zerstört er durch solche innere Einstellung die Optimalkorrelation der in ihm wirkenden psycho-physischen Kräfte, denn diese können sich bei Hypochondrie oder Leben für die Gesundheit unmöglich erhalten. Wie soll ein Verstehensfähiger als Geschäftsmann und Politiker nicht andauernd an schlechtem Gewissen leiden, und indem er sich dieses auszureden sucht, nicht seelisch immer mehr verkommen, wenn er die Dinge nicht in rechtem Verhältnis zueinander sieht, wie sie tatsächlich sind, und dann die Spannung aushält zwischen Geist-Ideal und Darm-Wirklichkeit? Eben auf diesem wachsenden Mangel an innerer Distanz, welcher leider mit der Aufhellung des Bewußtseins zupaar gegangen ist — wo nur Steigerung jener die zerstörte Ursicherung des psychischen Gleichgewichts, die Religion und Sitte geschaffen hatte, ersetzen kann —, beruht das fortschreitende Schlechter- und Böser-Werden des Abendlandes seit der Aufklärungszeit. Wie soll einer nicht entweder als abgespaltenes Ich verkümmern oder aber, in der Masse untertauchend, seiner Persönlichkeit verlustig gehen, wenn er nicht des wahren Verhältnisses von Individuum und Kollektivum so wie dessen von Person und Sache inne-ist und seine Psyche dementsprechend einstellt? Wie soll eines Seele nicht verderben, wenn er überhaupt nicht weiß, was Seele bedeutet, und sich nicht bewußt ihrer Kultur zuwendet — wo einmal diese Kultur nicht mehr durch Tradition gesichert ist? Wie soll eine Ehe in unserer wachen Zeit gedeihen, wenn unverstanden bleibt, daß es sich hier um ein geistiges Band handelt, um eine innere (nicht äußere!) Bindung oberhalb der Augenblicksneigung, und daß die Ehe-Führung eine hohe Kunst ist, daß von selbst keine Ehe gut geht? — Ich zähle hier nur einige der Grundmotive dieses Buches auf: sie dürften jedoch genügen, um klarzumachen, daß nichts verständlicher ist als jene Vorherrschaft grenzenlosen persönlichen Elends, das gerade heute das meiste Menschenschicksal kennzeichnet.

Vormals war das besser. Weiseste Geisttradition, von Wissenden der Sitte eingebildet, hielt das im Menschen Auseinanderstrebende zusammen, und solche Bindung wirkte als selbstgewollte, weil persönlicher Glaube sie bejahte und damit ohne Mitwirkung von Denken und Verstehen das Gleichgewicht geschaffen war, das auf höherer Wachheits-Stufe nur tiefe Einsicht schaffen kann. Die seelischen Tatbestände, die man bei den allermeisten heutigen Abendländern antrifft, sind leider allzu häufig geradezu grauenhaft. Wer klaren Blicks den Grund der Seelen prüft — was findet er? Fast nie auch nur jene allerelementarste Befriedigtheit, welche gestillter Lebensdurst und -hunger auslösen, sondern Enttäuschung, Ekel, nachtragende Bosheit, verbissene Resignation, bewußte Lüge, Verkleidungen der Wirklichkeit, gespielte oder beabsichtigte Komödien, die beinahe immer dazu erfunden werden, um irgend jemand zu hintergehen oder ihm zu schaden. Im besten Fall begegnet man dem Selbst-Eingeständnis, daß dieses Leben tragisch ist. Ich sage im besten Fall, denn das Erleben von Tragik gewährt dem, welchem es zuteil wird, zum mindesten dies: die Befriedigung des Selbstgefühls, das mit dem Bewußtsein zusammenhängt, vom Schicksal der Teilnahme an Großem würdig befunden zu sein — wogegen jedes Besiegtwerden durch Kleinliches und Niedriges den Menschen vor sich selbst degradiert. Die Schwierigkeiten und Widrigkeiten intimer Art, welche die Hauptmasse des Lebens der überwältigenden Mehrzahl ausmachen — Intimitäten, von denen Konvention stillschweigend fordert, daß über sie nicht geredet werde —, bedeuten für das persönliche Bewußtsein ein unverhältnismäßig viel Schlimmeres als alles, was vor Gerichtshöfen enthüllt wird. Vom Standpunkt des erlebenden Subjektes selbst — was immer andere denken und was immer jene selbst sich eingestehen mögen — stellen die allermeisten Leben, die mit nur ein klein wenig Ehrgeiz anhuben, Pleiten oder doch wenigstens Mißerfolge dar. Und wirkt verflossenes Leben, zumal im großen betrachtet, wie’s die Geschichte tut, als minder schlechtes Geschäft und minder häßliches Bild, so liegt das daran, daß die allermeisten, sei es aus Selbstsucht, die alle unangenehmen Eindrücke flieht, sei es dank dem realen Ausscheiden der Besiegten des Lebens, welches immer sehr schnell erfolgt, dieser Besiegten Dasein nicht bemerken. Gerade die grausamsten Maßnahmen erscheinen spätestens nach wenigen Jahrzehnten fast immer allemal durch ihre Folgen gerechtfertigt und legitimiert, denn die, welche sie vernichteten, sind dann nicht mehr da, um ihre Stimme zu erheben. Alle Geschichte, wie sie in Schulen und Hochschulen gelehrt wird, ward von Siegern geschrieben, mit der einzigen Ausnahme der biblischen, der Heiligen Schrift, welche darum freilich ergreift, wie keine zweite es tut, aus welcher jedoch für das nicht-religiöse Leben Lehren zu ziehen sich sogar die Geistlichen wohlweislich hüten. Im übrigen stellt selbst die erfolgreichste Geschichte, wir haben es schon oft betont (NW, III), nichts Besseres dar als eine Serie verpaßter Gelegenheiten.

Wenn soviel schon von der Geschichte wahr ist, in deren Rahmen das Objektive den Primat hat gegenüber allem Subjektiven und wo die Hin- und Aufopferung des Persönlichen zum Besten des Kollektiven eine natürliche Sache scheint — wie sollte da das intime Leben nicht in der Regel ein entsetzlich Schwieriges, Mühseliges, Kränkendes und Hartes sein? Gedenken wir an erster Stelle des moralisch harmlosesten Beispiels, das mir gerade einfällt. Ein ungeheuer hoher Prozentsatz besser situierter Menschen in germanischen Ländern — zuerst war das in Amerika so, jetzt steht es mit Deutschland kaum mehr besser — kennt nur mehr Geschäftsfreunde; sie verkehren nur mit Menschen, die ihnen nützlich sind oder werden können, laden nur solche ein, schenken nie selbstverständlich und nehmen nie selbstverständlich an; alle Gefälligkeit bedeutet ihnen Dienst, welcher Gegendienst fordert: sehr wenige Seelen sind wirklich so dürr, so aller edlen Gefühle bar, daß sie unter solcher Prostitution der Freundschaft nicht dumpf, doch desto unheilbarer leiden. Symptom dessen ist die sie verzehrende Langeweile, gerade wenn sie sich vorgeblich amüsieren. Und doch brauchte sich niemand je zu langweilen und durch sein Gelangweilt-sein in Gesellschaft anderer Menschen diese zu verletzen, was zwangsläufig geschieht, so daß dadurch allein ein schauerlicher Circulus vitiosus entsteht: keiner langweilt sich je, der den wirklichen Regungen und Bedürfnissen seiner Seele Rechnung trägt. Denn das Innenleben sogar des von Natur und Schicksal wenigst Bevorzugten ist unermeßlich reich verglichen mit allem, was äußere Gelegenheit bieten kann. — Fast alle Lieben enden häßlich — warum? Weil kaum eine Frau im Falle freier Liebe versteht, daß solche der Pflege bedarf, daß sie nur künstlerisch gestaltet gedeiht und daß gerade auf diesem Gebiete Überantwortung an das natürliche Gefälle der blinden Gana, deren jeweilige Melodien allemal kurz und endlich sind, wo jede Empfindung notwendig irgend einmal in ihr Gegenteil umschlägt, schicksalsmäßig Unheil beschwört, denn das Feld menschlichen Bewußtseins umfaßt immerdar mehr als die Gana-Melodie, die gerade gespielt wird (SM, VII). Hier schreibe ich die Hauptschuld der Frau zu, weil normalerweise sie über den Verlauf einer Liebe entscheidet und normalerweise viel zu naturhaft ist, um den Überblick zu behalten und zu führen, anstatt fortgerissen zu werden. Die Frau ist von Anlage in der Liebe eine gâcheuse. Gerade um diesem Verhängnis zu entrinnen, liebt sie ganz tief nur den Mann, welcher ihr Form und Norm zu geben weiß. Im übrigen erleben viele Frauen besonders tiefe Wollust gerade am Leiden und so geben sie freiwillig mögliche Schönheit preis. Aber vom Geiste her dirigierte Lieben enden niemals häßlich. Ich weiß von einem großen Liebenden, der wohl unzählige Frauen nacheinander verließ, die ihm jedoch alle tief verbunden blieben, weil es von Anfang an bis zum Schluß so schön gewesen war. — Sehr wenige Ehen halten wirklich, nicht bloß dem äußeren Anschein nach, die Versprechen, die sich die Verlobten gaben — warum? Weil beide Partner in der Regel auch nicht das erste Wort wissen von der hohen Kunst der Eheführung. Nur einige wenige, aus verschiedenartigsten Situationen herausgegriffene Beispiele.

Im Anfang ihrer Ehe sehnen sich die meisten naturnahen weiblichen deutschen Mädchen, ganz im geliebten Manne aufzugehen, ihm ihr Selbst aufzuopfern, nur für ihn zu leben, seine Gedanken zu denken. Und entsprechend hegen naive junge Männer den Wunsch, ein ganz junges Mädchen nach ihrem Bild zu formen, als ob sie Lehm wäre. Beide Instinkte nun bergen für grundsätzlich zu innerer Selbständigkeit erwachte Menschen unabsehbare Gefahren. Frauen verlieren da gar leicht ihre ganze Seele, die nicht mehr wachsen kann, so wie sie soll, was sie verbittert, und die Männer wiederum fühlen sich betrogen, wenn ihr vermeintliches Geschöpf sich anders entwickelt, als sie erwartet hatten. Nur der Mann wird sicher glücklich in der Ehe, der als echter Künstler seine Frau nicht nach einem vorgestellten Bild zu formen sucht, sondern ihr hilft, sich zur selbständigen Persönlichkeit zu entfalten, wie umgekehrt nur die Frau tiefes Glück in der Ehe findet, die sich, so schwer es ihr anfangs falle, nicht aufgibt und ihr Eigenstes pflegt. — Angelsächsische, zumal amerikanische Ehen scheitern, umgekehrt, meist daran, daß die Frauen ihre persönliche Eigenart zu ernst nehmen und schon in einer unangenehmen Empfindung einen Grund zur Scheidung sehen. Denn von allen Frauen tritt die Tatsache, daß das dem weiblichen Geschlecht eigentümliche Fehlen festgelegter Eigenheit übertriebene Einschätzung des einmal erwachten Eigenen zur Folge hat, bei der Angelsächsin am maßlosesten in Erscheinung. Überdies leiden diese Frauen am meisten an dem, was man Wahrheitsfimmel heißt: sie glauben, alles sei recht, wenn man es nur offen sagt, wo solch’ wahllose Offenheit in intimen Beziehungen nichts als Roheit bedeutet. So sind bei dieser Rasse innige Ehegemeinschaften seltene Ausnahmen, und tiefstes Eheglück kennen Angelsachsen deshalb kaum. — Die iberische Frau heiratet meist aus erster oberflächlicher Verliebtheit, die natürlich nicht lange währt. Da keine bessere Basis da ist, so zentriert sich die Frau fortan — während der Mann in anderen Liebschaften Ersatz sucht — in ihrem Willen zur Macht; anstatt ihren Mann glücklich zu machen und dadurch selber glücklich zu werden, füllt sie ihr Leben dadurch, daß sie den Mann, der ihr einmal gehört, schikaniert. Daher die Wollust der Szene, auf der so viele romanische (nicht nur iberische) Ehen aufgebaut sind; solchen Frauen sind Wutausbrüche mit nachfolgender Versöhnung Lebenselement. Doch es ist ganz unmöglich, auf solchem Lebenskunstmangel echtes Glück aufzubauen. Daher zumal die Tragik der Südländerin, die einen Nordländer heiratet. Schlechter Laune überschüttet sie diesen mit Injurien und versteht, wieder guter Laune geworden, überhaupt nicht, daß ihr Gatte solche Haltlosigkeit so schwer verzeiht. — Daß das moderne ertüchtigte Sportmädel, welches sich allen Feinsinn grundsätzlich aberzieht, keine Seele glücklich machen kann, und ebensowenig der Jüngling, der nur das eine Gefühl der Kameradschaft kennt, ist klar. Ich habe hier einiges übertrieben, doch die verschärften großen Umrisse dürften jedem meiner Leser seine eigene Erfahrung desto richtiger einzuordnen helfen. — Warum sind die Beziehungen zwischen Eltern und Kindern so oft so schlecht? Daß und inwiefern der Konflikt der Generationen eine normale und wohltätige Erscheinung ist, habe ich an anderer Stelle (AV, IX) ausführlich gezeigt und verzichte hier darum auf nähere Erörterung. Nur die Antwort auf die vom Zusammenhang dieses Kapitels her gestellte bestimmte Frage geht uns hier an; diese lautet: Weil die Eltern meist gar zu schlechte Lebenskünstler, das heißt ihren Naturtrieben gar zu wenig überlegen sind. Sie antizipieren nicht antizipierbare Entwicklung. Mütter bleiben ans längst über-lebte kleine Kind verhaftet, oder sie reagieren allzulange ihren Allmachtskomplex an Sohn und Tochter ab; Väter wähnen, daß ihr persönlicher Reifezustand der einzig maßgebende sei und verharren längst kritisch gewordenen Jungen gegenüber in der Jupiter-Pose, oder aber sie kapitulieren aus Vorurteil vor der Jugend, die immer im Recht sei, und verlieren so jede heilsame Autorität. So zersetzt sich das Familienleben in Europa, wo es bei entsprechender Kunst und Kultur genau so gut ein typischerweise glückliches sein könnte.

Alle diese Mißstände zusammen, von denen die meisten sicher schon mit dem Tage der Vertreibung aus dem Paradies begannen, haben zur Erfindung einer Art von Lebenskunst geführt, die ein sehr anderes ist, als was wir darunter verstehen, die aber die verbreitetste und ausgebildetste aller Künste ist: die Kunst, das Leben anders vorzustellen, als es ist, und als man weiß, daß es ist, verbunden mit der anderen Kunst, es durch Festlegung der Aufmerksamkeit auf Fiktives zu irrealisieren. Diese Kunst schafft Ersätze des Glücks und der Befriedigung, von denen Sitte verlangt, daß sie nicht nur als gut, sondern als das auf Erden Bestmögliche, ja als das Glück selbst, welches man meint, anerkannt werden. Anstatt sich ihr eigenes Leben einzugestehen, so wie es ist, heften die allermeisten ihre Aufmerksamkeit auf das, was die anderen meinen, denken und sagen, auf Konventionen, welche die Wirklichkeit entwirklichen oder verändern, auf fälschende Vorurteile, von denen verlangt wird, daß jeder sie als durchaus den Tatsachen entsprechend anerkenne, kurz auf eine konstruierte Wirklichkeit, die mit der unmittelbar gelebten und erlebten fast nichts gemein hat. Solche Irrealisierung des eigenen Lebens nun ist ein tausendmal Schlimmeres noch, als das real entsetzlichste aber wirklich und tief erlebte Leid. Was von so vielen Frauen gilt, die da so gerne weinen und die im sich selber eingestandenen Schmerze ihren besten Trost finden, gilt in irgendeinem Grad von beinahe jedem Menschen. Jeder zieht intensives Erleben beliebiger Art dem Nichts-Erleben vor; wenn nicht im Augenblick, so doch allemal in der Rückschau, und die meisten leben doch in der Erinnerung. Sehr viele aber ziehen, wie tausendfältige Erfahrung beweist, Gefahr, ja sicheren Tod, gesichertem banalen Leben vor. Die Lüge der Konvention ist dort erträglich, wo Weisheit sie diktierte, auch wo ein Glaube, der sie verpersönlicht, lebendig vorhanden ist. Das war und ist noch in hohem Maß in China der Fall. Dort spielte und spielt sich heute noch das allermeiste Leben in typischen Formen ab. Die sind aber eben typisch, sonach als typische Formen wirklichkeitsgemäß und keine Unwirklichkeiten. Sie sind wirklich für jeden annehmbar unter der als schicksalhaft anerkannten Voraussetzung, daß ein Dicht-miteinander-Zusammenleben vieler feinfühliger und empfindsamer Menschen unvermeidlich ist. Solches Zusammenleben erfordert überall, wo auf Glück nicht Verzicht geleistet wird, die Erschaffung einer fiktiven neutralen Ebene, auf der sich im Idealfall alle reibungslos bewegen können, weil sich auf ihr die Konflikte erledigen. Daher sämtliche schöne Konventionen auf Erden, welche der Rücksichtnahme auf die Gefühle des Mitmenschen ihren Ursprung danken. In China sind diese am tiefsten im Sinn begründet. Dort darf man kein unfreundliches Gesicht, keinen Kummer zeigen, weil dies den anderen verstimmt — und so kommt man selber leichter über Schweres hinweg. Dort wird die Form immer gewahrt, so daß keiner sein Eigenstes vergewaltigt fühlt. Aus gleicher Weisheit heraus verbietet chinesische Konvention, Ehezwiste ernst zu nehmen, während sie dem Familiengefühl als solchem jede nur denkbare spezialisierte Auswirkung erlaubt: da der chinesische Lebensstil supremen Takt fordert und jede Aufreizung von Gefühlen verpönt, so ist dank solcher Konvention, in Anbetracht der vorhandenen Stärke des Familiengefühls, in China tatsächlich viel mehr Eheglück da, als sonst der Fall wäre. Gleichen Sinnes sind die Ursachen dafür, daß Kinder in Ostasien so selten weinen und Söhne ihren Vätern fast immer bis zum Tod ergeben bleiben. In Europa wirkt die englische Konvention ähnlich versöhnend; nicht zwar des Cants wegen, sondern wegen der absoluten Ehrfurcht, welche dem Sanktum jeder Persönlichkeit, welche Stellung sie immer einnehme, gezollt wird und wegen der Distanz, die sie im Verkehr selbst Nächststehender untereinander fordert. Aber auch solche Konvention wirkt Gutes nur in seelisch hochgebildeten Kreisen. Und wo immer Konvention nicht Berücksichtigung der Einzigkeit, nicht Aufmerksamkeit, nicht gegenseitiges Sich-gelten-Lassen, nicht Takt verlangt — dank welchen Forderungen sie den Einzigen in Wahrheit mehr schirmt als beengt —; wo sie gar Lüge um der Lüge willen zur Norm erhebt, überall dort stellt sie eine tote Maschinerie dar, die auf die Dauer alles ursprüngliche Leben umbringt.

Hiermit wären wir zum Problem der zur Selbsttäuschung und zur Irrealisierung der Wirklichkeit mißbrauchten Lebenskunst, dieser raffiniertest ausgebildetesten aller Künste, zurückgelangt. Unter den meisten Menschen liegen die Dinge wirklich so, daß ihr Leben sich auf der Ebene nicht des wirklichen Erlebens, sondern derjenigen der Vorstellung, wie es sein sollte, bewegt, und zwar ohne jede Berücksichtigung der individuellen Einzigkeit, ohne daß Aufmerksamkeit und Takt überhaupt eine Rolle zu spielen hätten, und ohne Ernstnehmen des echten persönlichen Gefühls. Hier bestimmt das ganze Leben die Fähigkeit, welche Jules de Gaultier die wichtigste, die dem Menschen beschert ist, heißt: der Bovarysmus oder die Gabe, sich anders sehen zu können, als man ist. Diese Menschen leben vollkommen außer sich; Bräute strahlen, weil es so sein muß, Eheleute sind glücklich par définition, Scheidung ist Schmach, selbst wenn zwei Menschen am Zusammenbleiben zerbrechen, dem Tode selbst des gehaßten Gatten wird gebührend nachgetrauert, Witwenschaft wiederum ist ein schöner Stand mit Sonderrechten und -pflichten, im besonderen derjenigen, ewig traurig zu scheinen. Hier gedenke ich unwillkürlich der Konventionen, die meine Jugendzeit bestimmten. Doch es ist ganz gleich, um welche starre Normen es sich handelt; sie alle sind einander wert. Aus der Formperhorreszierung des Massenzeitalters werden sicher bald noch starrere Normen erwachsen, als sie je früher galten, denn Hunderttausende auf einmal sind nur gemäß dem Vorbild militärischer Hierarchie und Disziplin in Ordnung zu halten. Vielleicht die widerwärtigste Konvention ist die Pflicht zur Eifersucht, mit der sich daraus ergebenden Kultur dieser Unterweltsregung, welche in vielen Ländern das Leben von Männern und Frauen gleichmäßig vergiftet; oder noch widerwärtiger vielmehr ist jene andere, gemäß welcher die Kinder ihren Eltern dafür Dank schulden, daß diese sie in die Welt setzten, was sie zu lebenslänglichem Dienst verpflichtet. Bei welcher Gelegenheit eines weiteren Ausdrucks der Triebverfallenheit so vieler Mütter gedacht sei, die durch ihre Unüberlegenheit jedes Leben als Kunst unmöglich machen: weil der Naturinstinkt dahin geht, den Kindern nur zu geben, wollen sie selber unter keinen Umständen etwas von ihnen annehmen, nicht einmal Geschenke; lieber verhungern sie.

Ich wiederhole nun nochmals, daß die Schaffung einer neutralen oder neutralisierenden Ebene, auf welcher sich ein Teil des Verkehrs abzuspielen hätte, sofern deren Sonderart sinngerecht erdacht ist, echte Lebenskunst beweist; bisher ist kein besseres Mittel erfunden worden, um vermeidbaren Konflikten typischer Artung vorzubeugen. Ich betone ferner, daß es höherbildende Formen gibt, die von sich aus dem Menschen Erlebnisse vermitteln, welche er sonst nicht kennte, worüber das entscheidend Wichtige im Schlußkapitel zu sagen sein wird. Doch wie dem immer sei: wehe, wehe dem Menschen, der einen Zustand erträgt, wo jeder ursprüngliche und wahrhaftige und echte Lebensausdruck unterbunden ist, wo ein Geflecht starrer und künstlicher, dem Lebenssinne nicht gemäßer Formen und Normen das ganze Leben beherrscht! Dann gibt es im Grenzfall überhaupt nur einen Weg, sein Eigenleben zu behaupten: die Lüge, die konsequente kalte skrupellose grausame perfide Lüge. Nicht die schöne mildtätige schonende glückschaffende Lüge, sondern die Lüge als Ausdruck verdrängter Wahrheit, die sich rächen will. Daher die tiefe Mißgunst, die alle solche Lügner und Lügnerinnen beseelt, ihr verzehrendes Ressentiment, ihr Nachtragen, ihre Schadenfreude, die wahrhafte Wonne, welche Betrug, Schikane, Quälerei und Machtmißbrauch ihnen bereiten. Es bleibt ihnen ja auch nichts anderes Eigenes übrig, woran sie sich freuen können. Wegen der angeführten allzuhäufigen und allbekannten üblen Tatsachen ruft das Wort Lebenskunst zunächst in vielen, wenn nicht den meisten, häßliche Assoziationen wach: der Lebenskünstler sei der kalte skrupellose Täuscher, der Gefühls-Taschenspieler, der vielgewandte Komödiant, der unter allen Umständen den Schein wahrt, oder zum mindesten der oberflächliche Genießer; sein Höchstausdruck sei der große Hochstapler. Im günstigsten Fall wird unter dem Lebenskünstler der Diplomat verstanden. Doch der Diplomat wird als Typus meistens unterschätzt: Diplomatie gehört nämlich mit zur echten Lebenskunst, und darüber muß hier etwas mehr gesagt werden. Im allgemeinen halte ich nicht gar viel von der amerikanischen Art, zum Zweck ihrer intelligence-tests Begabungen zu klassifizieren, doch eine wirklich sinngemäße Diskriminierung ist ihr doch zu verdanken, eine Diskriminierung, die meines Wissens in Europa nie vorgenommen worden ist. Die amerikanische Psychologie unterscheidet zwischen Intelligenz im üblichen Verstand und social intelligence, welch letztere eine sonderliche Gabe sei, völlig unabhängig von sonstiger Intelligenz, und bei Frauen häufiger als unter Männern anzutreffen. Hier handelt es sich in der Tat um einen besonderen Sinn: den für menschliche Beziehung, menschlichen Zusammenhang in seinem Ein- und Mißklang; es handelt sich um ein unmittelbares Bemerken und Verstehen der valeurs (wie die Maler das Wort brauchen) der verschiedenen Seelenregungen und die spontane Gabe, mit diesen so umzugehen, daß der Verhandlungspartner aus freiem Willen bereit wird, des anderen Wunsch zu erfüllen, oder wenn nicht, doch freundlich gesinnt zu bleiben. Natürlich ist auch der fähige Verführer ein Meister der sozialen Intelligenz; zu allem Weißen gibt es ein schwarzes Gegenbild. Doch das Wesentliche ist, daß es sich bei der Fähigkeit zur Diplomatie im tiefsten Verstand um eine besondere positive Gabe handelt und daß diese an sich nicht zur falschen, sondern zur echten Lebenskunst gehört. Wer daran noch zweifelt, der bedenke dies: bei allen auf gegensätzlichem Willen beruhenden Konflikten gibt es nur zwei und nicht mehr mögliche Lösungen, die durch Gewalt und die durch Diplomatie. Diplomatie ist hier das richtige Wort und nicht Verständigung. Letztere bedeutet dem Sinn nach einen Kompromiß auf Grund rationaler Nützlichkeitserwägungen. Eine echt diplomatische Lösung hingegen befriedigt beide Teile wirklich, insofern beide Partner in der Auseinandersetzung von Mensch zu Mensch in ihrer Seele verändert worden sind. Insofern darf man den Satz, der Krieg stelle die Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln dar, dahin paraphrasieren, daß diplomatische Lösung das Ideal dessen darstellt, was der Krieg bezweckt. Der Kriegführende kennt nur das Mittel brutaler Gewalt, um auf Seele und Geist des Gegners einzuwirken, und indem er einerseits Gegenbewegungen züchtet, andererseits niederschlägt, verbaut er sich recht eigentlich selbst den direkten Weg zum Ziel. Der echte Diplomat nun geht von vornherein den direkten Weg. Auch er wendet Gewalt an, doch nur in sinngemäßer Dosierung, nämlich als Druckmittel in kritischen Augenblicken, wobei nach Möglichkeit die Vorstellung die Stelle der Tatsache einnimmt. Und auf der Friedenskonferenz, von denen bisher jede die Heerführer enttäuscht hat (es sei denn sie verführe so töricht wie die von Versailles, die darum auch keine Konflikt-Lösung herbeigeführt hat), hat die Diplomatie unter allen Umständen das letzte Wort. Das ist, weil es sich eben auch im Verkehr von Staat zu Staat letztendlich um Verkehr von Mensch zu Mensch handelt. Darum kann nur der, welcher unmittelbaren Sinn für menschliche Beziehung hat, Völker weise lenken.

Das Gesagte bezieht sich natürlich genau so auf die Innenpolitik. Es bezieht sich auf jeden Privatverkehr von Mensch zu Mensch; wer da bloß durch Wahrhaftigkeit und Ehrlichkeit vorankommen will, muß scheitern, denn das bloße Glauben an solche Möglichkeit beweist Verkennen der zum größeren Teile irrationalen Artung der Seelenkräfte, die sich natürlich durch Verkennen und Ignorieren beleidigt fühlen. Jeder unbelehrbare Ehrlichkeits- und Wahrhaftigkeitsfanatiker muß in der Brutalität enden, und diese kennt als Mittel der Beeinflussung nur die rohe Gewalt. — Sind wir nun, indem wir die Diplomatie so ausführlich bedachten, von unserem eigentlichen Thema abgeschwenkt? Mitnichten. Gerade von ihr her leuchtet so deutlich, daß es weiterer Erörterungen kaum bedarf, ein besonderer, jedoch auch besonders wichtiger Aspekt der Wahrheit ein, daß das eigentlich menschliche Leben der Ebene der Kunst angehört. Ohne ein unmittelbares Organ für den Zusammenhang des Menschlichen oder für menschliche Beziehung ist es unmöglich, so sagten wir, sozialen Einklang zu schaffen. Genau im gleichen Sinne ist es unmöglich, ohne Intuition des Zusammenhangs und rechte Behandlung desselben die so zahlreichen und ach! so verschiedenen Seelen, die in jedes Einzelmenschen Brust leben, in Einklang zu bringen. Man muß seine eigene Mineralität, Reptilität, Gana, das Kollektivwesen in sich, Seele und Geist, jedes Element für sich, verstehen und richtig behandeln, damit nicht wieder und wieder irgendein Element zerstörerisch ausbricht und das Ganze gefährdet. Das nun ist es, was jeder, welcher sich später als großer Seelenführer bewährte, vorher bei sich erreicht hatte, denn das allein befähigte ihn, sein Sein durch echte Menschenbehandlungskunst auf andere zu übertragen. Kein echter Seelenführer hat jemals der Gewalt bedurft: er hat es verstanden, mit dem Eigenwillen jeder Einzelseele in der Seele so zu operieren, daß dadurch langsam eine Wandlung oder Bekehrung zustande kam; denn auferlegte Askese, Übungen usw. bedeuten nicht mehr Gewaltmaßnahmen wie Sporttraining. Insofern waren gerade die größten Seelenführer, wie Buddha, Konfuzius, Franz von Assisi, Diplomaten allerhöchsten Rangs. — Und nun gedenke man ohne Übergang der üblichen Lebensstümperei! Gerade das fehlt den verbreitetsten typischen Lebensformen am allermeisten, was der sensible, labile und plastische Charakter des Lebendigen in erster Linie fordert: der Sinn für die Einzigkeit jeder Situation, für die Wandelbarkeit jedes Zustands dem Besseren und Schlechteren zu, und die Unmöglichkeit, ohne erstinstanzliche Berücksichtigung der Autonomie jeder Lebensregung auch nur ein dauerndes und befriedigendes Gleichgewicht zu schaffen, von Glück und Schönheit zu schweigen. Das autonome Leben wird unterdrückt; nur in der Irrealisierung und Lüge findet es eine Möglichkeit, sich auszuleben. Der Wert des allezeit beweglichen Lebendigen wird an seiner Konformität mit starren Vorurteilen bemessen, die dabei keinerlei wahrhaftigem und echtem Leben nachgebildet worden sind. An Stelle des milden Waltens lebendiger Rücksicht drückt und quetscht knöcherne Konvention. Und die ganze soziale Intelligenz, deren Normalausdruck die echte hohe Diplomatie ist, wie wir sie oben schilderten, wird dazu mißbraucht, falschen Schein zu wahren, zu betrügen, andere zu schädigen und die aus Verdrängung des Guten erwachsene Bosheit auf Kosten der eigenen Seele und des eigenen Geistes zu befriedigen. Man unterschätze ja nie die mögliche Gewalt des Selbstzerstörungstriebs. Schaffen und Zerstören hängen im Leben korrelativ zusammen: wo immer positive schöpferische Auswirkung verhindert wird, gewinnt sogleich der negative Pol die Oberhand, als der einzig vorhandene, aus dem ein Ausleben des Eigenen noch möglich ist.

Hermann Keyserling
Das Buch vom persönlichen Leben · 1936
XI. Das Leben als Kunst
© 1998- Schule des Rades
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