Schule des Rades

Hermann Keyserling

Das Buch vom persönlichen Leben

I. Gesundheit

Lüge und Irrtum

In den Südamerikanischen Meditationen ist von anderer Seite her kommend und in anderer Hinsicht gezeigt worden, daß und inwiefern der Mensch, mit verschiedenen Schichten seines Wesens, zugleich Mineral, Pflanze, Kalt- und Warmblut ist, daß alles psychische Leben seinen Urgrund in der Gana hat, deren Normen mit denen des Geists in keiner Hinsicht übereinstimmen, wo die Grenzen von Fressen und Gefressen-Werden verfließen und das, was der Geist als Übel oder böse beurteilen muß, sich als Urcharakter des Urlebens offenbart, als welches ein Leben der Unterwelt ist. Ebendort ist gezeigt worden, daß das allermeiste Psychische noch Element der Erd-Sphäre ist, daß diese vom Standpunkt des persönlichen Selbstes durchaus dem Nicht-Ich zugehört, und daß das Selbstbewußtsein, seitdem der Geist ins Erdenreich einbrach, nur in ihm, dem Geiste, wurzelt. Näheres darüber lese man, als notwendige Ergänzung des hier Ausgeführten, in meinem Hauptwerk nach. Hier kommt für uns an erster Stelle in Betracht, was in den Meditationen nicht berücksichtigt wurde: nämlich daß sämtliche Schichten und Elemente des Menschenwesens, auch die, welche aller Geist-Norm entgegengesetzt, auch die, welche völlig unpersönlich sind, gleichwohl integrierende Bestandteile des Menschenwesens darstellen. Sowohl die spiritualistische wie die idealistische wie die vitalistische wie die materialistische Anthropologie ist falsch. Gerade das Grundsätzliche, welches jede von ihnen, welcher Abart sie immer angehöre, vertritt, ist unwahr: daß der Mensch, so wie er ist, aus einem Grundprinzip heraus verstanden werden könne. Die Problematik, welche den Menschen zum Menschen macht, rührt gerade daher, daß er wirklich einerseits ein Mikrokosmos ist, ein Spiegel der ganzen Vielfalt des Universums, andererseits ein Bestandteil dieses, welcher unabhängig vom Ganzen nicht verstanden werden kann, und daß er endlich eine Beziehung darstellt zwischen Ich und Nicht-Ich, um welche Ebene immer es sich handle. Der Einzelne und Einzige kann sich einerseits nicht selbst genügen, ist andererseits aber auch nie aus Kollektivem zu erklären oder auf dieses zurückzuführen; und aus der Persönlichkeit, mit der allein sich der Mensch zutiefst identifizieren kann, folgt wiederum nicht ihr vielfältiger psychophysischer Ausdruck. Dieser Beziehungscharakter des konkreten Menschen ist dessen letzte Instanz, ohne Vorurteil auf anderes nicht zurückzuführen; er ist nur insofern zu verstehen, als sich das Bewußtsein seiner eigenen inneren Gegebenheit unmittelbar innewerden kann. Doch gerade letzteres ist möglich. Und zwar ist es aus genau den gleichen Gründen möglich, aus denen der Mensch seines eigenen Irrationalen innewerden kann: weil er selbst nämlich unter anderem das rational nicht Faßbare ist.

An diesem Punkte können wir das postulierte Ideal integraler Offenbarung und allseitiger Erfüllung ohne weitere Erörterung soweit in den Tatsachen fundieren, als dies für das Gesundheitsproblem in Frage kommt. Nachweislich frommt es dem Menschen bis auf seltene Ausnahmetypen besonderer Physiologie nicht, ein der Erde Zugehöriges zu verleugnen oder verkümmern zu lassen. Und ebenso nachweislich ist es unmöglich, letzteres im Sinn von Geistforderungen wesentlich zu ändern: weder unterliegt es der Entscheidung, noch überhaupt dem Zugriff der Freiheit. Verdrängt der Mensch das Nicht-Geistige aus seinem Bewußtsein, so verliert er dabei, wird geringer, ärmer, dürftiger. Und auf die Dauer wird er allemal schlechter und böser, weil das Verdrängte doch da ist und nun im Dunkel des Unbewußten konspiriert. Noch mehr verliert er jedoch, wenn er, als Materialist oder Vitalist, den Geist in sich verdrängt. Jedes Bekenntnis zu einem Generalnenner des Menschenwesens aber macht ihn vor sich selbst zum Lügner, und alle Lebenslüge rächt sich organisch, als Gesundheitsstörung.

Hier wäre denn der Ort, eine kurze Betrachtung über die lebendige Bedeutung richtiger und falscher Vorstellung anzustellen. So wenig Vorstellung als solche die Wirklichkeit anders zu machen vermag, als sie von sich aus oder an und für sich ist, so sehr steht es, falls sie Vitalkräfte verkörpert, in ihrer Macht, die Beziehung zwischen Ich und Nicht-Ich real zu verschieben, indem sie das bestehende Gleichgewicht verändert. Von der möglichen Einwirkung auf das Nicht-Ich und auf nicht-psychisch-Menschliches wollen wir hier absehen. Worauf es im Rahmen des Gesundheitsproblems ankommt, ist, daß jede Vorstellung eine besondere selbständige Wirklichkeit darstellt und daß jede neue Vorstellung vorherbestehende Wirklichkeiten gleicher Ordnung ersetzt oder überschichtet. Besteht nun eine selbstverständliche unmittelbare Beziehung zwischen zwei Kraftzentren, wie zwischen dem physischen Körper und seiner Außenwelt, dann kommt sie einer richtig angesetzten Gleichung gleich. Vorstellung nun tritt allemal zwischen die Ursprünglichen Komponenten. Fortan kommt alles darauf an, daß sie richtig sei: entspricht sie sowohl dem realen Sosein des Subjekts wie dem des Objektes, dann stört sie die rechte Beziehung nicht, sie kann sie vielmehr intensivieren, oder aber eine neue rechte Beziehung schaffen, indem sie neue Seele- und Geist-geborene Kräfte richtig einsetzt. Hier wurzelt alle mögliche Macht des Menschen über die Natur. Entspricht hingegen die Vorstellung dem realen Sosein nicht, dann bedeutet das Dazwischentreten der Vorstellung Verdunkelung und Fälschung. Über das Nicht-Ich hat falsche Vorstellung keine Macht; keine nicht wirklichkeitsgemäße Theorie hat je die äußeren Naturvorgänge umgelenkt. Dagegen wirken Irrtum und Lüge verändernd und verbildend auf den Menschen zurück. Zunächst tritt falsche Vorstellung zwischen Subjekt und Objekt und bleibt als Scheidewand stehen; insofern sie falsch ist, ist sie nicht durchsichtig; sie verunmöglicht damit Tatsachen- und sinngerechte Erfahrung, wie solche Physis und unbewußte Psyche selbstverständlich kennen. Dann aber verändert sie die bildsame Psyche selbst, deren Körper aus Bildern und Zuständen besteht: so kann das geistige Selbst die äußere Wirklichkeit nicht mehr so wahrnehmen, wie dies der wahrhaftigen Beziehung zwischen Ich und Welt entspricht. Von dieser wichtigsten Ansicht aller nur möglichen Erkenntnistheorie gibt heute noch die indische Maya-Lehre das exakteste Bild. Nicht-Wissen, lehrt diese, verhindert Selbst-Realisierung; Wissen erlöst, insofern es den Schleier der Maya zerreißt. Das heißt: durch falsche Vorstellung wird der Mensch von seinem eigenen Selbste abgeschieden. Da sein normales Bewußtsein in der Sphäre der Vorstellungen zentriert ist, so kann er sein Wesen und seine Natur nicht erkennen, wenn er falsche Vorstellungen über sich selber hegt. Und eben damit ist er sich selbst gegenüber machtlos. Deswegen gilt es, alle Überschichtung abzutragen. Und um solch’ organische Überschichtung handelt es sich bei aller Lüge, allem Irrtum und jeglicher Illusion. Sind, demgegenüber, Selbst und Natur richtig erkannt, dann bedeutet die Vorstellung keine Scheidewand, sondern ein Verbindungsglied oder eine Brücke. Dann macht sie einerseits die Bahn frei für die rechten Umwelteinflüsse, verkörpert sie andererseits das Mittel, dank welchem der Geist die Natur beeinflussen kann. An dieser Stelle wird einem die vitale Bedeutung von Wahrheit und Wahrhaftigkeit unabhängig von allen Geistforderungen klar: ein vorstellungsfähiges Wesen ist dann allein echt, wenn es in der Wahrheit und aus der Wahrheit heraus lebt. Mit jeder Unwahrheit und Unwahrhaftigkeit schließt es sich ab von seinen eigenen tiefsten Quellen und entmachtet sich zugleich gegenüber der Außenwelt.

Doch Lüge und Irrtum können noch viel Schlimmeres bedeuten: Geist und Seele sind schöpferisch, und haben falsche Vorstellungen auch über die Außenwelt keine Gewalt, so kann der Mensch sich selbst, der Vorstellung entsprechend, die er sich von selbst macht, umschaffen. Dieses besagt das von Coué am einfachsten formulierte Gesetz, daß das Unbewußte das, was ihm klar bewußte Vorstellung vorhält, unfehlbar ausführt. Nun beschäftigt die meisten weniges so intensiv wie ihre Gesundheit: also hat falsche Vorstellung auf keinem Gebiet mehr Gelegenheit, sich schöpferisch das heißt verbildend auszuwirken. Hier halten wir denn die wahrheitsgemäße Wurzel aller der Theorien, welche Krankheit irgendwie auf Irrtum oder falsches Denken zurückführen: zweifelsohne ist ein ungeheurer Teil menschlicher Gebrechen Vorstellungs-, das heißt Einbildungsbedingt. Mit welcher Behauptung aber durchaus nicht gesagt werden soll, daß diese Gebrechen unwirklich wären, sondern daß sie durch Einbildung real erschaffen worden sind.

Hermann Keyserling
Das Buch vom persönlichen Leben · 1936
I. Gesundheit
© 1998- Schule des Rades
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