Schule des Rades

Hermann Keyserling

Das Buch vom persönlichen Leben

XII. Heiligung

Be-Sinnung

Es ist natürlich ganz und gar unmöglich, auch nur einigermaßen genau zu bestimmen, was die neue Wellenlänge, auf die sich die Vorhut des Menschengeschlechtes abzustimmen beginnt, von früheren und anderen unterscheidet. Denn die neuen Voraussetzungen entsprechen einem neuen totalen Lebensstil — so wie wir dieses Wort im vorhergehenden Kapitel bestimmten —, und ein Stil ist allemal der Ausdruck virtuell unendlich vieler verschiedener rationaler und irrationaler Komponenten und Rhythmen. Nur Wegweiser zur konkreten Einsicht und zu persönlicher Einfühlung können füglich aufgestellt werden. Und da dürften die folgenden wohl nicht irreführen. Die indische Wellenlänge kann unserem neuen Weltgefühle nicht zu echtem Ausdrucksmittel dienen, weil für die Inder erstens alles Wirkliche psychisch war, in ähnlichem Sinn wie für die moderne Tiefenpsychologie; weil für sie zweitens der Sinn so sehr den Primat hatte gegenüber allem Tatbestand, daß dieser jenem gegenüber entwirklicht erschien (RT, II); endlich weil sie irdische Zielsetzungen in keiner Hinsicht als letzte Instanzen anerkannten und alles Heil vom Hinübergang in andere Sphären erharrten. Kein echter Abendländer fühlt ursprünglich so, was immer er sich einbilde. Und Gleiches gilt, mutatis mutandis, von der altchinesischen Wellenlänge. So sehr deren kosmozentrische Schau, deren Sinn dieses Buch schon mehrfach nachging, unserem theoretischen Ideale entspricht — der chinesische Universalismus oder (wie ihn de Groot hieß) Universismus hatte seine sämtlichen Voraussetzungen in einem psychologischen Diesseits der christlichen Entzweiung. Insofern wir deutlich zwischen tellurischen und spirituellen Normen, zwischen Natur- und Geistprinzipien, zwischen Wissenschaft, Philosophie und Religion nicht nur theoretisch, sondern erlebnismäßig unterscheiden, verkörpern wir einen erkenntnismäßig höheren Zustand — so unselig dieser im übrigen sei. Die hiermit hindeutungsweise bestimmten christlichen Voraussetzungen sind allen, auch denen unter uns, die den Christenglauben ganz verworfen haben, als Vorstufen und insofern Vor-Voraussetzungen selbstverständlich, gleichviel, ob wir uns dessen bewußt sind oder nicht. Als transzendentale Formen gleichsam leben sie in unserem Unbewußten, alle weitere Gestaltung bedingend, fort. Nur die folgende Einschränkung dieser Behauptung trifft zu: sehr vielen Abendländern sind sie nicht mehr die unmittelbaren Voraussetzungen.

Präzisieren wir nunmehr ein wenig genauer das Differentiell-Wesentliche jener christlichen Vor-Voraussetzungen, die in uns allen leben. Das psychologisch Entscheidende am Einbruch des Christus-Impulses ist dies, daß es den Zusammenhang Geist-Erde im Menschen gewaltsam zerrissen hat, anstatt bei der als notwendig anerkannten Spannung zwischen Geist und Erde als letzter Instanz stehenzubleiben. Mit äußerster Einseitigkeit hat das Christentum die Entwertung des Erdbedingten gegenüber dem Geistentsprossenen betrieben, und auch dieses hat es einseitig und unvollständig bestimmt. Denn alle Zugeständnisse, welche das Christentum im Lauf seiner Geschichte immer mehr — bis zur innerweltlichen Askese (Max Weber) der Puritaner — dem Erdleben machte, waren eben Zugeständnisse, welche den Grundfehler der christlichen Einstellung nicht aufhoben; man vergesse nie, daß es von Jesu persönlichem Glauben her geurteilt das schlechthin Wesentliche seiner Lehre war, daß das Erdenleben sogar auf Erden ein Vorläufiges bedeutete, weswegen keine seiner Normen letztlich bejaht werden durfte. Aus diesen Voraussetzungen mußte sich als Konsequenz, und zwar als desto ausgeprägtere, je weiter die Entwicklung fortschritt, die typisch-abendländische Zerrissenheit ergeben. Deswegen dürfen wir heute sagen: hinsichtlich jener Zerrissenheit stellt die seit der Aufklärung sich immer mehr steigernde Überbetonung der Naturwirklichkeit, stellt sogar der krasse Materialismus des letzten Jahrhunderts eine im ganzen gesunde psychologische Reaktion dar. Hier besteht nämlich analytische Deutung zu Recht: jede Zerstörung organischen Gleichgewichts bedeutet ein Pathologisches, und Heilung erfolgt allemal gemäß dem Kompensationsgesetz. Die Analytiker irren nur, wenn sie im psychologischen Ausgleich ein Endziel sehen. Doch noch in einem anderen und tieferen Sinne haben hier die Analytiker recht: nämlich in ihrer Deutung des neu-an-den-Tag-Tretens vorchristlicher Seelenzustände. Wenn die christlichen Voraussetzungen an Lebenskraft verloren, so war es nur natürlich, daß innere Absage an das Christentum zunächst das im Unbewußten noch lebendige Vorchristliche neuvitalisierte und in das Blickfeld des Bewußtseins zurückbeschwor. Daher das in Süd- und Westeuropa seit der Renaissance fortschreitende, wenn auch durch längere Stadien des Vergessens immer wieder unterbrochene Erwachen antiker Gesinnung, welche im Italien unserer Tage einen Höhepunkt erlebt. Daher bei den nordeuropäischen Völkern das Neuerwachen ureigener Geisteszuständlichkeiten. Das ersehnte Ziel nun aber liegt bei Nord-, West- und Südeuropäern gleichmäßig in einem ganz anderen: in der Überwindung der Zerrissenheit als solcher, welche das Urmißverständnis des Christentums eingeleitet hatte. Und zwar in der Überwindung derselben von keinem niedrigeren Niveau der Geistbestimmtheit her, wie solche die Analyse unternimmt, sondern von einem höheren. Es ist freilich richtig, daß die Glaubenslosigkeit dieser Zeit, ihr Minderwertigkeitsgefühl, ihre extreme Sachlichkeit, in der sich die Persönlichkeit betäubt vergessen kann, ihr Trieb zu alles Bewußtsein tötender Überarbeit, ihre Freud- und Friedlosigkeit — lauter Erscheinungen, die sich immer mehr akzentuiert haben, je mehr der Glaube an das Gottgewollte des urchristlichen Zerrissenheitserlebnisses und seiner Aufhebung in sicherem Jenseits nachließ — in erster Instanz Symptome seelischer Erkrankung darstellen, die als solche auch wirklich nicht selten durch psychotherapeutische Behandlung behoben werden können. Doch weiter und tiefer reicht die Möglichkeit der Psychotherapie nicht.

Im Grunde bedeutet es eine ungeheuerliche Anmaßung, daß religiös und metaphysisch oft ganz inkompetente Psychologen auch nur auf den Gedanken kommen, von ihrer Ebene her durch den gewaltigen Einbruch aus tiefster Geistestiefe, als welchen der Christus-Impuls darstellt, geschaffene Verbildungen heilen zu können. Nur wer ebenso tief wie Jesus im Geist verwurzelt ist, darf hoffen, sich in ähnlichem Sinn als Heiler zu erweisen, wie Er es war. Nur vom Geist, somit vom Neu-Erfassen religiöser und metaphysischer Wirklichkeit her, mit der die entchristlichte Welt immer mehr allen Kontakt verloren hatte, ist wirkliche Heilung möglich. Eben daraus aber folgt noch einmal, daß die noch so große religiöse Tiefe Alt-Indiens und Alt-Chinas uns nicht helfen kann: nur von unseren eigenen Voraussetzungen her, mit unseren eigenen Mitteln und in unserem eigenen Geiste können wir neuen Kontakt mit unseren Tiefen finden. Man versteht immer nur durch schon Verstandenes hindurch. Seine Grundeinstellung kann keiner ändern. Deswegen predige ich, seitdem ich wirke, als erstes Erfordernis auf dem Weg zum Heil radikalen Realismus und Bereitschaft zur integralen Offenbarung. Deswegen preise ich in diesem Buch vom persönlichen Leben als Kardinaltugenden die Generosität gegen sich selbst und die Erforderlichkeit des Muts, die ganze Wirklichkeit so zu sehen, wie sie ist, und sich dieselbe als solche einzugestehen. Nur von der Erfüllung dieser Gebote her ist die Wiederaufdeckung der gleichen, seither verschütteten Tiefe möglich, aus welcher das christliche Welterlebnis hervorging. Und eben auf diese Tiefe kommt es an, auf sie allein, auf eine Tiefe, welche jeder nur denkbaren Analyse auf ewig unzugänglich ist. Von hier aus geurteilt, bedeutet die Neigung zur Tiefenpsychologie direkt einen Abweg. Unser einzig gangbarer Weg zum Heile führt unserer uralten Abendländer-Tradition gemäß nur über Wahrhaftigkeits-geborene exakte Erkenntnis im Geist des Mutes zur persönlichen Entscheidung, sonach direkt vom Geist direktem Geisterleben zu, ohne Umweg über die Untergründe der erdbedingten Psyche. Dank dem Grade der Verstehensfähigkeit, welchen wir erreicht haben, besteht unsere buchstäblich einzig mögliche Rettung darin, und darin allein, was ich 1919 in Was uns not tut, was ich will (SE S. 140) so formulierte:

daß die Kritik selbst, zu ihrem höchsten Ausdruck gebracht, dem Wiederaufbau der Lebensganzheit dienlich werde.

Solche Kritik führt zunächst zu solcher analytischer Erkenntnis der ganzen Komplexität des Menschenwesens, wie wir sie in diesem Buche darzulegen unternahmen. Sie führt weiter zur exakten Bestimmung der exakten relativen Gewichtsverhältnisse der einzelnen Schichten und Elemente. Sie führt endlich zur klaren Herausarbeitung dessen, was Religion ist und nicht ist, was religiöses Streben bedeutet und welche Wirklichkeit seinem Ziele entspricht. Auf dem Wege solch klarer Erkenntnis allein kann langsam jene Neuverknüpfung von Seele und Geist (SE, II, 3) zustande kommen, deren Reifung zu neuer Stileinheit die neue Wellenlänge schüfe, deren bloßes Anklingen jedem echten Vertreter der Vorhut der neuen Menschheitsstufe dieselbe selbstverständlich als ihm einzig gemäß bewußt machen wird. Selbstverständlich kann Kritik als solche kein religiöses und metaphysisches Erlebnis schaffen. Aber sie allein kann bei unserer nun einmal vorhandenen psychologischen Struktur die Schichten, die jenes Erlebnis verschüttet hatten, abtragen und zugleich neue artgemäße Vermittlungen schaffen vom metaphysischen Geist zur chthonischen Welt. Die bloße Primitivität aller Ergebnisse auf anderem Wege unternommener Versuche, den Sinn für geistige Tiefe wiederzuerwecken, beweist, daß sie in falscher Richtung unternommen worden sind.

Führen wir von hier aus die Gedankengänge der letzten Kapitel fort,1 wobei wir bei einem der letzten Sätze des diesem vorhergegangenen anknüpfen.

Der Mensch ist in keiner Hinsicht eine Monade, er ist eine Beziehung zwischen Geist und Weltall, wobei der personale Geist seinerseits weitere Geisteshintergründe hat. Der Mensch ist nicht absolut souverän oder letzte Instanz, so wie die Söhne der europäischen Aufklärung wähnten und wähnen, er steht auch als geistige Existenz nicht allein da: letzte Instanz ist er nur für sich und auch für sich nur insofern, als es für sein persönliches Bewußtsein keine Voraussetzung jenseits seines einsamen Freien gibt. Und selbständig betätigen kann sich dieses überhaupt nur in dem Verstand, wie sich der Künstler an seinem Stoff betätigt. Die indische Tantra bleibt der exaktesten modernen Tiefenpsychologie in einem überlegen: daß sie dem Geist zu Höheres, als das Nur-Menschliche es ist, in ihre Ganzheitsschau hineinbezieht. Die Idee der religiösen Observanz bleibt ewig wahr. —

Es besteht in der Tat kein Zweifel, daß es ein Jenseits des personalen einsamen Selbstes gibt. Dies beweist völlig eindeutig das bloße Dasein tiefreligiöser und dabei hoher Geister, die von solchem Jenseits erlebnismäßig wußten, welche Geister eine unbezweifelbar steigernde und heiligende Wirkung auf alle ausgeübt haben, die sich ihnen öffneten und von denen ebenso unzweifelhaft die tiefsten und segensreichsten Wirkungen überhaupt unter allen Menschen der Geschichte herrühren. Dieses jenseits des Einsamen berührte in vorliegendem Buch schon kurz der Schluß des dritten Kapitels. Dort erschien uns das Leben zuletzt als eine Art Puzzle-Spiel: von verschiedenen Menschen ohne ihr Wissen verkörperte Schicksalsfragmente werden durch Zufall so zusammengefügt, daß zugleich der letzte Sinn jeglichen Einzeldaseins und der eines größeren Ganzen, in welches dieses hineingehört, auf einmal einleuchtet. Vorher hatten wir von der Be-Stimmung gehandelt, die jenseits alles persönlichen Wollens ihren Ort hat. Später handelten wir von einem Geisteskosmos, dem jeder Einzelne als integrierender Bestandteil angehört, von welchem Kosmos her gesehen jeder Einzelne nur ein Fragment seines eigenen weiteren Selbstes scheint. Betrachten wir den gleichen Zusammenhang nunmehr von der entgegengesetzten Seite her, wie dies in Weltanschauung und Lebensgestaltung geschah (W, I, B, 1, 2), dann erscheint jede Sondergestaltung als einseitiger Aspekt und damit als Abstraktion aus einem allseitigen Zusammenhang, welch’ letzterer jedem Einzelnen zum einzig lebendig-wirklichen Hintergrunde dient. Daraus aber folgt das wirkliche Dasein eines überpersönlichen und doch zugleich in jeder handelnden Person zentrierten Schicksals. An dieser Stelle ist es gut, die Ergebnisse der Astrologie heranzuziehen. Seit Karl Ernst Kraffts vollkommen vorurteilslos unternommenen und durchgeführten statistischen Untersuchungen kann überhaupt kein Zweifel mehr darüber bestehen, daß jedermann seiner Konstitution nach vom Geburtshimmel abhängig ist. Dieser aber setzt zugleich das äußere Schicksal.

Man weiß noch viel zu wenig, in wie hohem Grade die äußere Welt von uns selber abhängt. Der Mensch bildet sich ein, daß sein Schicksal ihm fremd ist, weil ihm das Band, das ihn mit ihm verknüpft, verborgen bleibt. In Wahrheit enthält der psychophysische Rahmen seiner Existenz die Erlebnisse, die ihm zuteil werden müssen. Seine äußere Lage und Stellung bedeutet nur die Exteriorisierung seines Innersten, in Form der Ereignisse ausgedrückt, die ihm begegnen müssen, die aber aus ihm herausgetreten sind und ihn begleiten. Die Ereignisse werden größer zusammen mit dem Charakter.2

Im gleichen Jahre, da Krafft unabhängig von mir als — wie ich nochmals betonen möchte — Ergebnis vorurteilsloser Untersuchung von Zehntausenden von Fällen obige Sätze niederschrieb, stellte ich unabhängig von ihm fest, daß jedes richtig aufgerissene Horoskop genau die elementaren Grundanlagen spiegelt, welche Tiefenpsychologie bestenfalls herauspräpariert, so daß es de facto auf das gleiche herauskommt, ob einer zur Erkenntnis eines Menschen zum Himmel aufschaut, oder aber sich in die Untergründe seiner Seele versenkt (W, S. 57). Und das führte mich schließlich zum Entwurf der Skizze eines allumspannenden Menschheitszusammenhangs, welche ich bitten muß, in Wiedergeburt nachzulesen. Die betreffende Schrift gehört zu meinen konzentriertesten, wenn es nicht gar die konzentrierteste ist. Vom Weltall als solchem aber kann man präzis nur in ideogrammatischer Kürze handeln. Darum kann ich an dieser Stelle nur auf die zusammenhängenden beiden Vorträge Weltanschauung und Lebensgestaltung und Die geistige Menschheitseinheit verweisen (W, I, B) — die einzige andere Alternative wäre ein vollständiger Wiederabdruck der damals durchmessenen Gedankengänge. Nur soviel sei hier rekapituliert — ich tue es absichtlich fragmentarisch, um meine Leser zunächst zur Lektüre des Ganzen, sodann aber zu dessen Meditierung anzuregen; denn nur intensive Meditation, nicht Erklärung und nicht Auseinandersetzung schafft eine lebendige Verbindung zwischen tiefstem Selbst und weitester Welt. Hinter jedem Menschen steht auf der Ebene des Geists, also in der Dimension des Transsubjektiven, nicht in der empirischen Ursprungs, die Menschheit. Dieser Menschheitskosmos spiegelt sich nun in jeder Einzelseele.

In jeder Seele lebt eine grenzenlose Vielfalt möglicher Gestalten. Jeder Urtrieb ist recht eigentlich ein Wesen für sich; deren Verquickungen, Vermählungen und Sublimierungen ergeben bei schlechthin jedem Menschen eine innere Fauna, deren Reichtum mit der äußerlich dargestellten rivalisieren kann, denn jede Akzentverschiebung in der Welt des Sinnes schafft entsprechend neue Bilder. Vom weitaus größten Teile dieser Vielfalt weiß Wachbewußtsein nichts; was sich im Traum, in medialen Zuständen und in der künstlerischen Produktion manifestiert, was Analyse herausholt, erkennt jenes nur schwer als sich selber zugehörig an. Dennoch macht erst diese Vielfalt in ihrer Totalität den Menschen aus; was immer sich in ihm und durch ihn äußert, gehört zu ihm. Überall nun, wo die Totalität als solche sich manifestiert, tut sie’s in korrelativer Ergänzung an und für sich einseitiger Elemente. Dies illustrieren jedermanns Träume, die bildhaften Einfälle jedes Visuellen, sofern er sie zwanglos in sich gewähren läßt; die verschiedenen Gestalten, welche dem Einzelnen also entgegentreten, bedeuten allemal Teilausdrücke seiner selbst, deren nach außen projizierter Zusammenhang seinerseits die innere Einheit spiegelt. Was in Form pathologischer Spaltungen der Persönlichkeit in Erscheinung tritt, übertreibt nur an sich normale Vielfalt. Normal als Wachbewußtseinsbasis ist diese Vielfalt beim kleinen Kinde und beim Primitiven, welchen beiden einheitliches Ichbewußtsein fehlt. Beim Kulturmenschen kennzeichnet Gleiches die Begabung des dramatischen Dichters. Dessen schaffende Seele drückt sich unwillkürlich als Vielheit aus. Aber diese beweist ihren Ursprung aus der Einheit eben dadurch, daß die verschiedenen Gestalten einander ergänzen; sie sind Teilausdrücke dieser. Insofern ist jedes Drama ein Organismus. — Nun, die Vielfältigkeit des Dramas als Ausdruck der einen Dichterseele spiegelt das Verhältnis des Einzelmenschen zur Menschheit treulich wider. Jede gegebene konkrete Menschenwelt ist recht eigentlich ein Schauspiel, vom Geist der Menschheit gedichtet; deshalb spielt jeder Einzelne in ihr eine ganz bestimmte Rolle. Und da der Urgrund des Menschenlebens geistig ist und die Menschheit, eine geistige Einheit, gegenüber dem Einzelmenschen das Primäre darstellt (RM, II), so trifft obige Gleichung nicht nur gleichnisweise zu. Ich für meine Person glaube, daß die Physis in diesem Zusammenhang kein Erstes, sondern ein Letztes darstellt, die Materialisierung und zuletzt Erstarrung des Geistes. Nur deshalb können körperliche Grenzen und Schranken im Zusammenhang so wenig Bedeutung haben (W, 62-64).
Wie stellt sich das Bild der Menschheit, nunmehr zusammengeschaut, in kosmischer Perspektive dar? Als eine im Raum und Zeit einheitlich zusammenhängende Mannigfaltigkeit, deren Glieder einseitige, Abstraktionen vergleichbare Bildungen sind. Diese Mannigfaltigkeit ist empirisch unzurückführbar; die wesentliche Einheit kann nur als Vielheit in die Erscheinung treten. Nur vom Ganzen her, in welchem sein Sinn liegt, ist aber andererseits das Einzelne zu verstehen. Jetzt leuchtet wohl die Sinnlosigkeit des Verfahrens, irgendeine Gestaltung um ihrer Sonderart willen zu verwerfen, endgültig ein: aus sich allein heraus ist keine zu verstehen, erst aus dem Zusammenhang ergibt sich ihre Stellung. Zugleich erweist es sich jetzt wohl endgültig als sinnwidrig, von einem Typus zu fordern, was nur ein anderer darstellen kann; das Weib kann keine Männer-Tugenden, der Künstler nicht die des Kriegers, der Überempfindliche nicht die des Draufgängers sein eigen nennen, der Willensmensch nicht aus dem Gefühle leben. In jedem Typus tritt ein besonderer Aspekt der Menschheit in entsprechender Einseitigkeit in die Erscheinung. Wir haben also schlechthin jede Lebensgestaltung als kosmisch gerechtfertigt gelten zu lassen. Von den einseitigen Daseinsformen sind die Grundtypen schlechthin notwendig und treten deshalb überall und immer gleichsinnig auf; so die des Religiösen, des Kriegers, Denkers, Künstlers, Täters, Händlers; sie entsprechen den Grundfunktionen schlechthin jeder Seele, und damit der Menschheit. Denn auch in jedem Einzelnen leben die verschiedenen Typen ursprünglich selbständig nebeneinander her. Diesen notwendigen Bildungen stehen die Mißbildungen in diametraler Gegenstellung gegenüber. Solche entsprechen schiefen und deshalb für die Dauer unhaltbaren Einstellungen des Ganzen; ihr Ausdruck ist Krankhaftigkeit, Ver-rücktheit, Wahnsinn, Monstrosität; sie wirken zufällig, so oft sie wiederkehren. Empirisch sind sie genau so gerechtfertigt, wie die Archetypen, nur eben in ihrer Dauerlosigkeit. Zwischen den beiden Extremen liegen die zeitlichen Gestaltungen, sonach alle die, die das konkrete Bild einer gegebenen Erscheinungswelt bestimmen. Deren Stellung und Sinn leuchtet aus der Betrachtung der nationalen Typen wahrscheinlich am schnellsten ein. Die Kulturvölker sind rein einstellungsbedingt (Sp, XIII), nicht in erster Linie Funktionen von Umwelt oder Blut; letztere Momente fixieren nur eine geistige Grundhaltung, die sich auf Erden natürlich dort allein vererbt, wo die entsprechenden Verkörperungsmittel vorliegen. Nur weil die Einstellung das Primäre ist, sind verschiedene selbständige Kulturseelen möglich, in welchen sich-gleichbleibende biologische Einheiten von Jahrtausend zu Jahrtausend zeitweilig aufgehen; nur deshalb wandelt sich der Charakter des Einzelvolks dank geistigen Einflüssen, welche es in sich aufnimmt, so leicht, wie denn der moderne Engländer dank Puritanismus und Methodismus ein ganz anderes darstellt als sein elisabethanischer Vorfahr. Auch die Völker bedeuten also in ihrem Sosein wesentlich Einstellungstypen; insofern gilt von ihnen dasselbe wie von den Urtypen; auch sie stellen verschiedene Aspekte eines einigen Ganzen dar. Darum allein können sie sich untereinander überhaupt verstehen. Und hieraus müssen wir folgern: da jede nur denkbare Einstellung möglich und jede haltbare eben dadurch kosmisch gerechtfertigt ist, so sind alle Völker auch empirisch gleichberechtigt. Es ist sinnwidrig, auf der empirischen Ebene irgendeins absolut höher als ein anderes zu stellen. Auch die Völker ergänzen sich in erster Linie in Raum und Zeit (W 64-67). —

Wie steht es unter diesen Umständen mit dem geistigen Wert?

Empirisch ist überhaupt nicht zu entscheiden, warum eine Einstellung besser als die andere sei. Schlechthin alles läßt sich kausal erschöpfend begründen, schlechthin jede Gestaltung muß insofern genau so sein, wie sie sich darstellt. Und dies gilt nicht allein von den Gestaltungen des Lebens, sondern auch von denen des Geists. Auch diese sind in ihrem Dasein allemal kosmisch bedingt und insofern notwendig; was von den Lebensformen gesagt ward, gilt mutatis mutandis auch von den Weltanschauungen. So entspricht der Konstanz der Grundtypen möglichen lebendigen Daseins eine nicht minder große derjenigen möglicher Religion, möglicher Staatsform, möglicher Philosophie; hier scheinen kaum minder starre innere Grenzen vorzuliegen als in der Welt der Minerale, die im Rahmen von nur sechs und nicht mehr Systemen kristallisieren können. Es gibt — völlig unabhängig vom theoretischen Wahrheitswert des jeweils betrachteten Geistgebildes — eine katholische, protestantische, paritheistische, ästhetisch-hinnehmende, gespannt-ethische, symbolisch-verstehende, kritisch-bestimmende, eine monarchistische und eine republikanische Grundhaltung, deren jede sich innerhalb jedes nur möglichen Kosmos geistbewußter Menschen feststellen läßt und von denen jede, als mögliche Einstellung, kosmisch berechtigt ist. Auch hier kann das einzelne nur vom Ganzen her gewürdigt werden: so ist Protestantismus möglich nur auf dem Hintergrunde des Katholizismus, postuliert dessen Weite andererseits die Verengerung und Spannung, welche den Protestantentypus kennzeichnet, wo immer er sich findet. Auch auf geistigem Gebiet erweist jedes Einzelne sich als notwendig einseitig und gerade insofern als sinnvoll. Und auch hier geht dies bis ins Kleinste und Letzte, ja bis ins Pathologische: unter gewissen Voraussetzungen entspricht ein Wahngebild der empirischen Wirklichkeit einer Seele, die eben durch dieses ihre schiefe Einstellung im Kosmos richtig bestimmt; man beweise noch so einwandfrei die erkenntnismäßige Unhaltbarkeit bestimmter Ehrbegriffe, bestimmter Formen des Sündbewußtseins — insofern die jeweiligen empirischen Voraussetzungen erlebnismäßig gelten, sind sie empirisch berechtigt. Hier kann einer sogar unter Umständen theoretisch Falsches nicht verleugnen, ohne dadurch oberflächlicher zu werden, als er war: wie dies der seelische Tiefstand des typischen aufgeklärten Proletariers, dessen lebendige Voraussetzungen noch ganz einem unkritischen Zustand angehören, im Vergleich zu seinen köhlergläubigen Genossen, allzuoft beweist. Solange wir im Rahmen des astronomisch-astrologischen Zusammenhanges urteilen, haben wir demnach sogar den Denk- und Glaubensgebilden gegenüber Relativisten zu sein. Es ist nun entscheidend wichtig, einzusehen, daß die Erscheinung als solche, welcher Art sie immer sei, aus jenem Zusammenhang nicht herausgerissen werden kann und folglich auch nicht darf…
Darf man also die Frage nach dem Wert bestimmter Lebensgestaltungen im weitesten Sinn, die geistigen inbegriffen, wirklich gar nicht stellen? Freilich darf man dies, und zwar sogar so eindeutig-radikal wie dies nur je geschah. Nur, muß sie in anderer Dimension als der gestellt werden, in welcher unsere Betrachtungen sich bisher bewegten. Sie muß auf die Antwort hin gestellt werden, inwieweit das jeweilige Besondere das Totale eigentlich zum Ausdruck bringt. Gedenken wir dessen, daß es zu allen Orten und zu allen Zeiten, innerhalb aller bekannten Weltanschauungen und Lebensgestaltungen große und kleine, tiefe und flache Geister gegeben hat. In aller frühesten Zeiten ist Äußerstes erkannt und dargestellt worden. Im Rahmen aller Religionsvorstellungen hat letzte Einsicht überzeugenden Ausdruck gefunden. Unter allen Nationen lebt Bestes und Schlechtestes nebeneinander. Dieser Tatbestand ist so allein zu verstehen, daß dem astronomisch-astrologischen Kosmos, welcher sich in der äußeren Unendlichkeit der Räume und Zeiten ausbreitet, bildlich gesprochen, in der Dimension der reinen Innerlichkeit ein Geisteskosmos eingebaut ist, demgegenüber jener nur das Ausdrucksmittel bedeutet. Gedenken wir hier der Ergebnisse der Schöpferischen Erkenntnis, daß alles geistbestimmte Leben seinen Grund im Sinn hat, daß jedes solche Einzelleben einen Sinneszusammenhang darstellt und solchen höherer Ordnung angehört, daß aus diesem Grunde wesentlicher Fortschritt nur nach innen zu verlaufen kann, und schauen wir diese mit unseren heutigen Betrachtungen über die Möglichkeit der Astrologie und die Wirklichkeit des Menschheitskosmos zusammen; erinnern wir uns gleichzeitig dessen, daß alles Besondere, ob physisch oder psychisch, zugleich eine kosmische Situation verkörpert — dann wird uns das Bild eines realen, dem äußerlichen eingebauten Geistes-Kosmos sofort als zutreffend einleuchten. Zweifelsohne hält ein Sinneszusammenhang das Äußerliche von innen her zusammen. Wenn dem aber so ist, dann bedeutet alles das, was überhaupt erscheint, in bezug auf das wesenhaft-Innerliche nur eine mögliche Sprache. Dann kommt es von dessen Standpunkt einzig darauf an, was ein Geschöpf in dieser sagt: ob es im Rahmen seiner empirischen Möglichkeiten, welche es freilich als gegeben hinnehmen muß, sein geistiges Wesen zum Ausdruck bringt und wie. Hier setzt denn das Gesetz der Korrelation von Sinn und Ausdruck ein. Das Empirische wird genau insoweit Wert-teilhaftig, als es in seiner Bestimmtheit seinen Sinn realisiert. Und hier greift zugleich die Welt der Werte in die der Erscheinungen ein. Wo unglückliche Anlage, Aberglaube, Unwissen, falsche Theorie die Harmonisierung des Eigen-Sinns der Erscheinung mit dem tiefsten metaphysischen Sinn unmöglich macht, muß jene undurchdrungen bleiben. Das einzigartig Werbende der chinesischen, hellenischen und französischen Kultur beruht auf dem allein, daß in ihnen allein bisher jene durchgängige Korrespondenz von Sinnesober- und -untertönen erreicht war, deren es bedarf, damit ein Einklang entstehe, der sich als Rhythmus übertragen kann. Dieser schafft die Vermittlung zwischen empirischer Berechtigung und geistigem Wert: was häßlich, schlecht oder falsch wirkt, beweist damit, in diesem Zusammenhang betrachtet, allemal solchen Mangel an Einklang. Der Vorzug des wissenschaftlich-exakten Ausdrucks gegenüber dem mythischen beruht auf dem gleichen Umstand, auf dem gleichen letztlich die unbedingte Unsterblichkeit einiger weniger, und zwar nur dieser, Geistesschöpfungen, ob es sich um Kunstwerke, religiöse Offenbarungen oder Gedankenfassungen handelt.3 Jetzt ist wohl grundsätzlich klar, trotzdem ich den Zusammenhang an dieser Stelle gerade nur skizzieren konnte, warum wir doch Werturteile fällen dürfen, obgleich wir jede Erscheinung ohne Ausnahme, die Geistesschöpfung immer inbegriffen, sofern sie nur da ist, in erster Instanz als kosmisch berechtigt hinnehmen müssen. Wohl bedeutet es Anmaßung, vom Intellekte her zu dekretieren, was sein darf und was nicht, denn der theoretische Irrtum an sich stellt nie ein Letztes dar: er mag als solcher echtester Wahrheitsausdruck sein. Die Erscheinung ist ja allemal nur Sprache vom Standpunkt des Sinns, und bloße Sprache ist insofern alle Konfession sowohl als wissenschaftliche Theorie. Erst vom vierten Sprachenstockwerk aus (vgl. Schöpferische Erkenntnis S. 31) darf man überhaupt Werturteile fällen. Von diesem aus aber darf man es allerdings. Von diesem aus soll und muß man es. Denn wir Menschen sind in erster Linie Glieder nicht der Natur, sondern des Geisteskosmos. Uns gehen die Normen jener nur insofern an, als wir auf sie als Mittel angewiesen sind. Und da erweist es sich denn, daß die Frage nach Wert und Unwert sich grundsätzlich untheoretisch stellt. Einzig darauf kommt alles an, wo der Akzent ruht im Zusammenhang. Diese Wahrheit leuchtet vielleicht am besten ein, wenn man bedenkt, wie Verschiedenes aus ursprünglich gleichen Begabungen werden kann. In der Grundanlage stimmen Verbrecher und Heilige überein, eine gleiche Ureinstellung ermöglicht den Priester und den Taschenspieler, eine mindestens naheverwandte den Staatsmann und den Schieber. So ist auch innerhalb aller Geistesgestaltungen Hohes und Niederes, aus gleicher Wurzel entsprossen, nebeneinander zu finden: im Katholizismus tiefste Erkenntnis und äußerste Oberflächlichkeit, im Brahmanismus letzte Weisheit und grotesker Aberglaube; so hat ein gleicher Judengeist das Alte Testament und die schlimmste Gesetzesgerechtigkeit ersonnen; so sind die moderne Maschinenwelt und Johann Sebastian Bachs Musik gleich echte Kinder des Protestantismus. Nur Tiefeneinstellung allein aber vermag die Welt der Werte dem Kosmos der Erscheinungen einzubilden; nur auf das Tiefe hin eingestellt — in der Sprache des Katholizismus: auf Gott hingeordnet — kann Oberflächliches in seiner Sphäre wertvoll erscheinen, denn nur dann ist es seinem eigenen Sinn gemäß richtig eingestellt. Und nun kommt die Hauptsache: die erforderliche Akzentverlegung können wir vollbringen, denn in der Dimension des Sinns herrscht reine Freiheit; hier hängt es von uns ab, was entsteht und was bestehen bleibt. Und jetzt begreifen wir ganz, weshalb Relativismus, in bezug auf die Erscheinung als solche die einzig sinngemäße Haltung, da deren Sosein überall kosmisch bedingt und insofern notwendig ist, uns Menschen kein letztes Wort bedeuten kann. Unser Wesenszentrum liegt nicht im Mittelpunkt des physischen Weltalls, sondern in dem des Geisteskosmos, welcher jenem eingebaut ist. Auch von unserem Standpunkt — nicht allein demjenigen Gottes — ist deshalb phänomenales Sosein niemals mehr als Sprache. Gott, lehrt die Kirche, steht aller Kreatur ursprünglich nahe, ob hoch oder gering, ob gut oder schlecht, ob schwarz oder weiß, gleichviel. Er fragt nur, welche Gesinnung ihre Eigenart zum Ausdruck bringt. Genau so steht es mit uns, so wenig wir’s bisher wissen; auch uns geht letztlich nur die Frage an, was in beliebiger Sprache gesagt wird. Deshalb bedeutet uns das jeweilig letzte Wort der Natur erst den Beginn der Aufgabe … So muß die unbedingte Toleranz, welche rechte Einsicht in den äußeren Weltzusammenhang in bezug auf jede Gestaltung als solche schafft, durch ebenso unbedingten Radikalismus in der Forderung ergänzt werden, daß jede Erscheinung den ganzen Sinn zum Ausdruck bringe, welcher hinter ihr steht. Die Kongruenz von Sinn und Ausdruck wird jeweils freilich immer nur in Funktion des Empirischen zu definieren sein; daher die Überzeugungskraft des Orts- und Zeitgemäßen. Doch das Örtliche kann auf die Dauer immer mehr’ zum Ausdruck des Universellen, das Zeitliche zu dem des Ewigen werden (W, 68-74, passim).

Aus den Gedankengängen, zu denen die zitierten Fragmente mehr hinführen, als daß sie diese wiedergeben, wollen, folgt denn eine Erkenntnis, welche uns abschließend verdeutlicht, inwiefern jedes einsame Ich doch einem universalen Zusammenbange angehört. Nachdem vorher auseinandergesetzt worden war, daß nunmehr, in dieser Weltwende, als Fortsetzung des bisherigen Differentiationsprozesses ein Integrationsprozeß des Menschen in neuer Richtung fällig sei, hieß es dann auf Seite 78:

Es gilt, auf Grund alles bisher Gesagten als entscheidend wichtige Erkenntnis festzuhalten, daß die Vereinfachung der Menschheitsmusik bis zum Ende der Zeiten niemals zu einer Vereinheitlichung führen wird; bis zum Jüngsten Tage wird sie polyphon erklingen. Dies gilt von der Weltanschauung genau so wie von der Lebensgestaltung. Da sich die Menschheit empirisch nur als Mannigfaltigkeit manifestieren kann, deren jedes Element eine einseitige Einstellung verkörpert, so wird sie bis zuletzt nur durch ein vielstimmiges Orchester aufzuführen sein. Es wird bis zuletzt so viel Lebenstypen, so viele Religionen, Weltanschauungen, Philosophien, Völker, Sprachen geben, als das Gesetz der Korrelation von Sinn und Ausdruck erlaubt und, in Anbetracht der unüberwindlichen Einseitigkeit jeder Sondergestaltung, fordert. Nur wird innerhalb keiner der möglichen Typen zuletzt mehr Falsches, weil Sinnwidriges fortleben, jede Einseitigkeit wird das Ganze ohne Verzerrung spiegeln. Und bis zuletzt wird für Orchester der Menschheit jedes Instrument an erster und letzter Stelle rein zu erklingen haben. Wie es in der Tierwelt keine Übergänge gibt, wie die gesamte Gotik in einem scharfumrissenen Formelement, die ganze Bachsche Musik in einem typischen Takt enthalten ist und nur das also Bestimmte überzeugend wirkt — so wird die kommende Integration die vielfachen Typen der Weltanschauung und Lebensgestaltung nicht etwa verschwommener, sondern noch schärfer umrissen erscheinen lassen, als sie bis heute waren. Anders werden kann nur das Folgende: durch die Mannigfaltigkeit hindurch kann sich der letzte Sinn immer unmittelbarer manifestieren. Immer mehr kann alle Oberfläche die letzte Tiefe zum Ausdruck bringen; immer mehr kann jede Sonderart zum evidenten Sinnbild des Totalen werden, immer vollkommener das Menschheitsorchester spielen.

Wer den ganzen Gedankenzusammenhang, welchem obige Fragmente entnommen wurden, meditiert, dem wird auf dem Hintergrunde der Ergebnisse vorliegenden (zwölf Jahre später, geschriebenen) Buches auf die Dauer einleuchten, wie sich die Welt geistiger Werte letztinstanzlich zur natürlichen Mannigfaltigkeit verhält. Der wird dann — sofern er zur religiösen oder metaphysischen Wirklichkeit eine persönliche Beziehung hat — ohne weitere Hilfe meinerseits irgendeinmal dessen innewerden, wo für ihn die Aufgabe liegt. Mehr über die letzten großen Zusammenhänge auszusagen, besteht für ein Buch vom persönlichen Leben keinesfalls Veranlassung. Dessen auf das Persönliche zugespitzte Problemstellung verbietet es direkt, beim Über-Persönlichen, wie es an sich sein mag, zu verweilen. Ausschließlich damit, wie dieses durch das Persönliche hindurchwirkt oder hindurchwirken soll, darf es sich befassen. Als Voraussetzung des in diesem Sinn zu Sagenden genügt nun der gegebene Auf- und Um-Riß vollauf. — Worin liegt nun, unter Anerkennung der Wirklichkeitsgemäßheit dieses, die letzte Aufgabe des Menschen auf Erden? Sie liegt in einer tieferen Be-Sinnung von transsubjektiv Überpersönlichem her der Strebungen, die ihre letzte menschliche Instanz im einsamen Freien haben. Diese letzte und tiefste Be-Sinnung ist es, welche das Wort Heiligung bezeichnet. Heiligung bedeutete zutiefst immer das, was wir hier überkonfessionell und undogmatisch bestimmen. Jetzt ist aber die Stunde da, wo diese ihre letzte und tiefste Bedeutung in der Geschichte aktualisiert werden kann.

1Die Grundbestimmungen des ethischen und religiösen Problems und die Grenzsetzung zwischen beiden, welche Wiedergeburt enthält, vertrete ich in allen wesentlichen Hinsichten unverändert heute noch und verzichte darum darauf, die in jenem Buch des Jahres 1927 ausgeführten Gedankengänge nochmals zu durchmessen.
2Influences cosmiques sur l’individu humain, Genève 1923, Vers l’unité.
3Vgl. die Ausführung dieses besonderen Gedankens in der Vorrede zur Unsterblichkeit und meiner Abhandlung Das Wesen der Intuition und ihre Rolle in der Philosophie in Logos, I. (1911).
Hermann Keyserling
Das Buch vom persönlichen Leben · 1936
XII. Heiligung
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