Schule des Rades

Hermann Keyserling

Das Buch vom persönlichen Leben

XII. Heiligung

Geist der Sprache

An der Wirklichkeit dessen, was alle echten Religionen — nicht nur die sogenannten höheren — so oder anders in Vor- oder Darstellung der Erscheinung einzubilden und in ihr festzuhalten streben, konnte nur jene blindeste aller Epochen zweifeln, welcher Verstandesurteil als solches letzte Instanz war und die sogar jenes Allerelementarste nicht mehr verstand, welches Kant in die knappen Worte faßte: Alles Wissen stammt aus der Erfahrung. Dieser eine Satz erledigt alle Theorie der Unwirklichkeit bestimmter Erfahrungssphären — nur Wirkliches kann wirken — und setzt überdies implizite, daß alle Erfahrung Erfahrungsfähigkeit voraussetzt. Nur der hat überhaupt einen Anspruch darauf, als Autorität, über ein Thema gehört zu werden, der über dasselbe erlebnismäßig kompetiert. Und jeder, welcher noch so ungewöhnliche und unverständliche, doch dabei unzweifelhaft echte Erlebnisse hat, ist ernster zunehmen, als jeder andere, welcher deren Wirklichkeit aus Vernunfts- oder Verstandesgründen anzweifelt (0). Daß dem so ist, beweist abschließend die eine Tatsache der unvergleichlich tiefen, an Bedeutung alle anderen übertreffenden Wirkung tief religiöser Geister. Sie allein, und niemals Staatengründer, haben echte Weltepochen begründet oder eingeleitet. Im übrigen liegt für ein Buch, welches einzig und allein dem Persönlichen gilt, wie schon gesagt, überhaupt keine Veranlassung vor, sich mit dem Problem der Wirklichkeit eines transsubjektiven Geistes-Zusammenhangs auseinanderzusetzen, in welchen jeder Einzelne hineingehört. Die Wirklichkeit dieses Zusammenhangs ist uns Gegebenheit und Voraussetzung. Und was von der religiösen Erfahrung gilt, gilt gleichermaßen von allen sogenannten okkulten Erlebnissen, welche echte und wahrhaftige Menschen gehabt haben.

Zu keiner Zeit hat es zahlreiche okkult Begabte und zu okkulter Betätigung Berufene gegeben. Doch daß solche wirklich anderen Verborgenes wahrnehmen — darüber kann für den kein Zweifel bestehen, welcher überhaupt ein Auge hat für die Sonderlichkeit von Menschentypen, ein Ohr für die Echtheit von Erleben und Erlebniswiedergabe und dazu die Fähigkeit zur Abwägung des spezifischen Gewichtes ausgeübter Wirkung. Selbstverständlich stellt sich jeweils die Frage, wie weit das Korrelationsgesetz von Sinn und Ausdruck befolgt ist, und da muß freilich eingeräumt werden, daß nicht nur die meisten bisherigen okkultistischen Theorien, sondern auch die meisten lehrhaften Fassungen religiöser Wirklichkeitserkenntnis unvollkommen sind. Schlechthin alle mir bekannten sind zum mindesten in ihrer Auffassung nicht-metaphysischer Wirklichkeit und der Beziehung der letzteren zur metaphysischen unexakt, worauf hier nicht näher eingegangen zu werden braucht, da diese These implizite in diesem ganzen Buch begründet steht: zu weiterer Verdeutlichung des Gemeinten bedarf es nur des Vergleichs mit der religiösen und metaphysischen Dogmatik aller bisherigen Zeiten, welchen jeder für sich vornehmen mag. Aber eine Lehre, die jede religiöse und okkulte Überlieferung enthält, ist exakt und diese zu behandeln haben wir in einem Buch vom persönlichen Leben Anlaß: ich meine die Lehre, gemäß welcher das, was eigentlich gemeint wird, in gewöhnlicher Sprache nicht oder doch nur ganz unvollkommen wiederzugeben ist — welche Lehre die vorhin festgestellten Mißstände bis zu einem gewissen Grad entschuldigt. Aus der Exaktheit dieser Lehre folgt ihrerseits mit logischer Notwendigkeit die Begründetheit der Unterscheidung zwischen Esoterischem und Exoterischem, welche gleichfalls von aller Religion und aller okkulten Lehre durchgeführt wird. Endlich beweist Erfahrung, daß Kultus, Ritus, irrationale Meditationssymbole, Mantrams und andere Arcana, unter deren Begriff unser Mittelalter dem Profanen undurchsichtige Evokationsmittel für geistige Wirklichkeit zusammenfaßte, wirklich die ursprünglich angemessenen Erd-Formen für das Erleben und Ausleben der tiefsten geistigen Wirklichkeit im Menschen sind. Zur Behandlung dieser Fragen haben wir alle Ursache, weil Intellektualisierten nur auf diesem Wege echtes Verständnis der wahren Beziehung der religiösen zur empirischen Wirklichkeit erreichbar sein dürfte.

Die gewöhnliche Sprache bringt das Tiefste darum schwer zum Ausdruck, weil sie so überwiegend ein Verständigungsmittel darstellt, daß die tiefste Intention des Wortes allemal durch oberflächliche Bedeutungen und Bedeutungszusammenhänge überschichtet erscheint, an welchen die Aufmerksamkeit unwillkürlich haften bleibt. Wer sich in den ursprünglichen Geist der Sprache zu versenken fähig ist, der kann freilich aus dem Wort, in nur geringer Übertreibung ausgedrückt, alle gestaltete Welt herauslesen. Doch die erforderliche Fähigkeit eignet eben nur dem, welcher über die Notwendigkeit der Explikation innerlich hinaus ist (AV, V); und der wiederum findet natürlicherweise schwer den Ansporn in sich zu gemeinverständlicher Ausdrucksweise. Man gedenke nur der selbstverständlichen Art, mit welcher Astrologen in der Sternensprache miteinander verkehren: eben weil sie das können, wissen sie sich denen, welchen diese Ausdrucksart nicht angemessen ist, schwer auch nur einigermaßen verständlich zu machen. Aus dem hiermit verständlich gewordenen Grund hat zur Vermittlung des Erlebens von Tiefst-Geistigem früh oder spät überall eine besondere sakrale Sprache gedient. Meist war sie nur eine alte oder archaische Sprache eigener Tradition, aber schon die also geschaffene Distanz hat erfahrungsgemäß dazu verholfen, die Gewohnheit, im Wort nur eine Scheidemünze für praktisch-irdischen Verkehr zu sehen, im Falle ihrer Benutzung zu überwinden und also das Gemüt dem religiös Gemeinten zu öffnen. In diesem Sinne ist die Bedeutung des Lutherischen Wortlauts für das Bibel-Erleben deutscher Menschen schwer zu überschätzen. Ob Luther allemal richtig übersetzt hat, ist ein kaum ernstzunehmendes Argument neben jenen anderen, daß Luther wirklich vom Geist der Schrift ergriffen war und so gewissermaßen in Zungen redete, und daß seine Sprache heutigen Deutschen nicht ihre Alltagssprache bedeutet. — Da nun die Notwendigkeit oder das Bedürfnis, weitere Kreise am Erleben tieferer geistiger Wirklichkeit teilnehmen zu lassen, auf irgendeiner Stufe überall zur Annahme einer gemeinsamen Sprache für alle, für Wissende und Nicht-Wissende, Verstehende und Nicht-Verstehende geführt hat, so hat das ganz von selbst überall zu einer Scheidung zwischen esoterischer und exoterischer Bedeutung übergeleitet, die sich beide im (meines Wissens nur in Indien je verwirklichten) Idealfall wirklich genau entsprechen, insofern die exoterische Deutung in der Sprache elementarer Psychologie tatsächlich Gleichsinniges und Gleichwirkendes ausdrückt, wie die esoterische in Wissenden gemäßer Sprache.1

Und nun zum wichtigsten Probleme, nämlich zu dem, warum Ritus, Kultus, irrationale Meditationssymbole, Mantrams und sonstige Arcana erfahrungsgemäß den angemessensten Erd-Ausdruck für transzendente Wirklichkeit darstellen. Die Hauptursachen dessen sind die folgenden. Wer dieses Buch aufmerksam las, vor allem aber, wer die Grund-Intention von Schöpferische Erkenntnis, Wiedergeburt und Menschen als Sinnbilder verstanden hat, muß wissen, daß kein bestimmter Sinn jemals ein letztes Wort darstellt; jeder kann durchschaut und damit zum Ausdrucksmittel werden für tieferliegende Sinnesinstanzen. Im übrigen spiegeln alle Sinne einander, so daß auch uneigentlicher Ausdruck allemal viel mehr sagen kann, als unmittelbar in ihm enthalten ist. Diese zwei Erwägungen genügen zur grundsätzlichen Erklärung der Angemessenheit jeglichen Arcanums, sobald weniger die Normalsprache als solche, als die psychologische Schwierigkeit, durch sie hindurch anderes als an der Oberfläche Liegendes zu verstehen, die Vermittlung der intendierten Einsicht hindert. Dann muß in erster Linie ein Anreiz zur Anspannung des Geists zum Zweck der Eigen-Sinngebung, oder, was praktisch auf das gleiche herauskommt (der Unterschied liegt nur in den zwei verschiedenen Menschentypen, von denen jeder auf besondere, dem anderen entgegengesetzte Weise das gleiche erzielt), ein Anreiz zu völlig passiver und gelöster Hingabe an zunächst unverstandene Formen gegeben werden. Eben dies leistet die Verstand und Vernunft unfaßbare Form. Ihr Sinn ist gerade der, daß sie dank ihrer Eigenart Weg-Erklären unmöglich macht. — Die zweite Hauptursache des Soseins der traditionellen Ausdrucksformen für überweltlich Wirkliches ist die Tatsache, daß der Ur-Ausdruck alles Geists in der Erscheinungswelt das Bild ist, von welchem das Wort nur eine Sonderart darstellt. Dieses Problem steht im Kapitel Einbruch des Geists der Südamerikanischen Meditationen von meinem Standpunkt so erschöpfend behandelt, daß ich an dieser Stelle nichts Besseres tun kann, als darauf zu verweisen. Doch um in erster Instanz die Wahrheit unserer These einzusehen, bedarf es gar keines letzten Verstehens ihres Sinnes: schon jeder Schritt voran, welchen die Tiefenpsychologie macht, erweist mit größerer Evidenz, nicht allein daß die Seele von Bildern und nicht von Tatsachen lebt, sondern daß der Geist aus sich heraus unaufhörlich und unaufhaltsam Bilder schafft gemäß der Grundthese unserer Philosophie, daß auf dem Gebiete geistbestimmten Lebens der Sinn den Tatbestand schafft und nicht umgekehrt. Erst muß Sinn sich offenbaren oder intuiert sein: im Augenblicke, wo es also Licht wird, formt er sich selbst zu ihm gemäßem Bild. In je tieferer Region nun ein sich offenbarender Sinn seinen Ort hat, desto weniger trägt sein Ur-Ausdruck den Normen des Erd-Lebens Rechnung; das heißt: desto unerklärlicher muß er erscheinen vom Standpunkt von Verstand und Vernunft, desto mehr muß er die Interferenz oder Vermählung der verschiedenartigsten und untereinander inkompatibelsten Sinnesreihen in einem vereinigenden und zusammenfassenden Sinn-Bild verkörpern. Daher unter anderem die Paradoxie jeder religiösen Lehre. Ob Jesus Wahrheiten verkündete, die aller irdischen Klugheit ins Gesicht schlugen, oder Gott Shiva als gütigster Schöpfer und schrecklichster Zerstörer zugleich gilt, Wotan als Allvater und zugleich als der Wendige, der Listige galt, oder ob Prostitution an einen beliebigen Unbekannten den äußersten Reinheitsbeweis der Jungfrau darstellen sollte, wie in Alt-Chaldäa und -Kleinasien — immer und überall ruht der Bedeutungsakzent auf der Selbständigkeit religiösen Sinnes gegenüber aller irdischen Bedeutung. Dies führt uns denn zur dritten Hauptursache für den betrachteten Tatbestand. Die Eigen-Ebene des Geistes ist vom Standpunkt der Erde und deren Schwere das Spiel; das Spiel und nicht die zweckhafte Tat, schon gar nicht die ernsthafte Arbeit. Der Geist, welcher sich einerseits in Bildern auslebt, die der Erlebende wahr- und hinnimmt, kann sich auch aktiv äußern. Dann transfiguriert er die Erscheinung. Er tut dies zunächst im allgemeinen Sinne des Lebens als Kunst. Doch sage ich zunächst nur in Rücksicht auf die Verständnisbereitschaft, welche das vorige Kapitel geschaffen haben sollte: in Wahrheit ist das reinreligiöse Leben als Kunst, in Kultus und Ritual ausgedrückt, das ohne jeglichen direkten Bezug zur Erdwirklichkeit steht, der Ur-Ausdruck reinen Geisteslebens überhaupt. Dieses beginnt gerade selbständig; es ist nicht so, daß es sich erst allmählich emanzipierte. Daher der Primat religiösen Lebens bei allen frühen Völkern, in deren Seele der Geist überhaupt einbrach. Daher dessen ursprüngliche Selbständigkeit, die noch heutigen Abendländern so selbstverständlich dünkt, daß diese, ob noch so ungläubig geworden, unwillkürlich zwischen Fest- und Alltagsnorm scharf und reinlich unterscheiden und in der Fest-Norm das Höhere sehen. Jedes Fest nun ist wesentlich Spiel oder genauer Schau-Spiel. Indem es aber das ist, erweist es sich als Normalausdruck rein geistbestimmten Lebens. Es ist unmöglich, rein-geistige Wirklichkeit auf Erden anders auszuleben, ob handelnd, ob erleidend, als in Form von Schau-Spielen, welche außer Zusammenhang mit der Erde und deren Zwecken stehen. Diese Wahrheit steht im Schlußkapitel Divina Commedia der Südamerikanischen Meditationen in für mich abschließender Klarheit auseinandergesetzt, weshalb ich sie hier nicht noch einmal zu behandeln brauche. — Liegen die Dinge nun also, dann ist evident, daß Kultus und Ritus die Primär- und Ur-Ausdrücke von Geistesleben sein müssen. Dann bedeutet die bloße Frage, wie ihre Bedeutung weiter zu erklären oder worauf sie zurückzuführen sei, ein radikales Mißverständnis, ein noch größeres, als im Falle musikalischer Sinneszusammenhänge; man hat entweder das Organ dafür, sie unmittelbar wahrzunehmen und ihrer innezuwerden, oder aber nicht. Dann leuchtet als selbstverständlich ein, daß alle echte Kunst (denn immer gab es auch die bloße Nachahmung und die Freude an dieser, die z. B. bei Affen eine ungeheure Rolle spielen) religiösen Ursprungs ist, und allgemeiner, daß alle Urformen von Leben aus dein Geist sakralen Charakter tragen müssen.

Mit dem Worte sakral haben wir nun zugleich den Grund- und den Differentialcharakter geistiger Urwirklichkeit mit einem allbekannten Wort bestimmt, das nach dem Vorhergehenden kaum mehr mißverstanden werden wird, durch letzteres jedoch einen neuen Inhalt gewinnt, welcher uns seinerseits ermöglicht, nunmehr zum eigentlichen Thema dieses Kapitels überzugehen: zu dem der Heiligung des persönlichen Lebens. Ganz offenbar hat alle Be-Sinnung des Lebens vom Religiösen her nichts anderes als dessen Heiligung zum Ziel. Andererseits erscheint das Leben des geistbestimmten Menschen dann erst als erfüllt, und sein Leben als Kunst dann erst vollkommen, wenn es ihm gelang, das Natürliche vom Geiste her zu heiligen. Man gedenke nur des Bandes der Ehe und des in diesem Buche über sie Gesagten: dieses eine Beispiel sollte, sofern es verstanden ward, dazu genügen, um das, was ich meine, in erster Instanz einleuchtend erscheinen zu lassen. Und der Hinweis auf das Beispiel der Ehe genügt auch schon dazu, um den Begriff des Heiligen von dem des konfessionell verstandenen Religiösen in erster Instanz zu dissoziieren. Darauf aber kommt es zunächst vor allem an: auf der heutigen Bewußtheitsstufe steht und fällt die Möglichkeit alles geheiligten Lebens mit der psychologischen Möglichkeit dauerhaften Gelingens eben dieser Dissoziation.

1Über Exo- und Esoterik enthalten die verständlichsten und klarst formulierten Darlegungen aus neuerer Zeit die schon mehrfach zitierten Werke von Ouspensky. Ich identifiziere mich natürlich durchaus nicht mit seinen Deutungen, mache aber darauf aufmerksam, wie völlig anderes er selbstverständlich und zweifellos aufrichtig aus Bergpredigt und Johannes-Evangelium herausliest, als kirchliche Autorität.
Hermann Keyserling
Das Buch vom persönlichen Leben · 1936
XII. Heiligung
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