Schule des Rades

Hermann Keyserling

Das Buch vom persönlichen Leben

I. Gesundheit

Moralität

Gesundheit gehört an sich zum Unpersönlichen, welches dem Menschenwesen anhaftet; dieses gilt es zu Persönlichem zu machen. Die Frage liegt genau ebenso, wie beim Schicksalsproblem im allgemeinen, allwo es das, was einem rein von außen her zuzufallen scheint, durch persönliches Aufsichnehmen für sich zu erobern gilt. Erfassen wir nun aber das Problem in seiner letzten Tiefe, dann erkennen wir, daß es auch hier heißt: werde, der du bist. Freilich ist Schicksalserfüllung Aufgabe. Andererseits jedoch gehört bestimmtes Geschick zu jedem organisch (SM, V, PK, XI). Denn jeder ist integrierender Bestandteil des Gesamtweltprozesses.

Die Erfüllung der Aufgabe, einerseits Nicht-Persönliches als solches zu erkennen, andererseits anzuerkennen, daß solches unablöslich mit zum persönlichen Leben gehört, und endlich beide durch einen Akt schöpferischer Initiative zu verschmelzen, fällt gerade im Falle der Gesundheit nicht leicht. Aber gerade hier muß sie versucht werden, denn das Gesundheitsproblem bezeichnet recht eigentlich den Indifferenzpunkt zwischen schlechthin Äußerlichem und ausschließlich Innerlichem. Wer hier die Sondermöglichkeiten, die ihm als Menschenwesen eignen, nicht behauptet und nutzt, dem wird es schwer irgendwo gelingen. Bringen wir uns, zum Abschluß, diese Wahrheit auf dem Gebiete der Moralität zum Bewußtsein.

Moralität bedeutet ursprünglich nie anderes und nie mehr als organische Form und Ordnung (A, II, 8; W, II, 8). Es gibt weder unmoralische Pflanzen noch unmoralische Tiere: in deren Fall sorgt Mutter Natur für die Erhaltung des erforderlichen inneren und äußeren Gleichgewichts. Beim Menschen muß dessen Initiative vollenden, was jene nur angefangen hat. Daher die größere Unsicherheit der menschlichen gegenüber der tierischen Existenz und deren größere innere Gefährdetheit. Denn starre Moralen, die natürlich stärker stützen als elastische, frommen nur dort, wo Intelligenz und Beweglichkeit gering sind gegenüber Routine und Instinkt. Je größer die Rolle des freibestimmenden Geistes, desto biegsamer und loser muß das Gefüge der inneren Bindungen werden, damit es dem Leben Halt gebe, ohne es zu ersticken, und das will sagen: desto mehr manifestiert sich auf diesem Gebiet der wesentliche Gleichgewichtsmangel alles Lebens. So erscheint der Mensch auch auf moralischem Gebiete desto mehr als das kranke Tier, je mehr er zum Menschen wird. Für sein persönliches Bewußtsein krank aber wird er erst auf der Stufe des Einbruchs des Geists (SM, XI), wo dieser in ihm zu bestimmen beginnt; die Erinnerung an diesen kritischen Punkt perpetuiert der Mythos vom Sündenfall. Denn von dieser Stufe an ist es dem Menschen unmöglich, als tierisch normal lebendes Wesen zugleich gutes Gewissen zu haben: die Normen des Geists, die er fortan allein als für sich letztlich bindend innerlich anerkennt, widerstreiten den Normen der Gana. So mußte das menschliche Bewußtsein zu dem werden und das bleiben, was Hegel das unglückliche Bewußtsein hieß; nur Betäubung oder Fesselung durch starres Vorurteil konnte das Denken seither an der Feststellung des wahren Zustandes hindern. So mußte es bleiben, bis daß der Differenzierungs- und Vertiefungsprozeß soweit gediehen und bis der Geist zu solcher Standhaftigkeit erstarkt war, daß Realisierung der Vielschichtigkeit des Menschenwesens möglich wurde. Dies ist erst jetzt der Fall. Von nun an, doch erst von nun an ist das unglückliche Bewußtsein nicht mehr Fatum.

Heute können wir, um gleich mit dem Wichtigsten zu beginnen, wissen, daß es verfehlt ist, moralische und spirituelle Forderungen zu verquicken. Moralität bedeutet nur Form und Ordnung im Sinne von Gesundheit auf besonderer Ebene. Deren Normen haben mit Geistforderungen von Hause aus gar nichts zu tun; sie bestimmen ausschließlich die jeweils bewährten oder als bewährt geltenden Wege der sozialen, und an zweiter Stelle und in bezug auf jene, der individuellen Hygiene. Sie sind niemals im absoluten Verstande weder gut noch böse; sie geben nur dem Leben im Zusammenhang entweder Halt, oder aber sie tun es nicht. Daß Moral trotzdem in beinahe allen Fällen spirituelle Ethik mitverkörpert (dies gilt sogar von der Verbrecher- und Räuberethik), liegt daran, daß der Geist eben auch integrierender Bestandteil jedes Menschen ist. Hieraus folgt, daß es nicht allein ein Jenseits von Gut und Böse in metaphysischem Verstand, sondern auch ein Diesseits desselben gibt. Hieraus folgt weiter, daß, wenn der Zusammenhang des Lebens sich ändert, auch die Moralen sich ändern müssen. Hieraus folgt im ganzen die schon vorweggenommene Grundeinsicht, daß das Problem der Moral nicht anders gestellt, gelöst und beurteilt werden darf, wie dasjenige der Gesundheit. Geistige Problematik greift hier ursprünglich überhaupt nicht ein.

Von hier aus erst erfaßt man den ganzen wahren Sinn der christlichen Carität, welche den Nächsten, so sündig er immer sei, zu verurteilen verbietet: an erster Stelle muß jeder selbstverständlich jedermann, den er überhaupt als Person gelten läßt, die spezifische Form und Ordnung zuerkennen, deren er zu seinem Dasein bedarf. Schon Jesus lehnte es implicite ab, die Begriffe von unmoralisch und geistlich verwerflich zu vermengen. Doch heute dürfen und müssen wir sehr viel schärfer unterscheiden. Grundsätzlich nie ist damit ein ethisches Urteil im metaphysischen Verstande gefällt, daß eine Lebensform als unmoralisch erklärt wird. Ganz klar wird einem das, wenn man erwägt, daß, wenn der Künstler, welcher außerhalb des Rahmens bürgerlicher Sitte lebt, für unmoralisch erklärt wird, gleiches erst recht vom Asketen und vom Heiligen gelten sollte. Tatsächlich ist der Asket, der sich von allen natürlichen Pflichten lossagt, viel unmoralischer noch als der leichtlebigste Künstler. Und was sollen wir erst zu Jesus sagen, der seine Mutter verleugnete, von Buddha, der seine junge Frau verließ, oder vom späteren heiligen Franz, insofern er seinem Vater Unehre machte? In Wahrheit handelt es sich bei der besonderen Moral oder Unmoral der Heiligen und der Künstler an erster Stelle um nichts anderes, als eine spezifische Form von Gesundheit. Wieweit diese sozial tragbar ist, kann nur die Sozietät, und diese wiederum einzig und allein nach dem Maßstab sozialer Nützlichkeit beurteilen.

Die soziale Frage geht uns hier nichts an. Doch wir mußten obige kurze Betrachtungen anstellen, um das Problem der Moralität und der Moral für das persönliche Leben richtig einzustellen. Auch hier gilt es an erster Stelle generös gegen sich selbst zu sein, sich so zu nehmen und anzuerkennen, wie man tatsächlich ist. Auch hier gilt es, mittels eines Bandes der Sympathie mit dem persönlichen Bewußtsein das zu verknüpfen, was an sich nicht notwendig mit ihm zusammenhängt. Doch auch hier gilt es dabei, die Dinge im Zusammenhange so zu sehen und zu erleben, wie sie tatsächlich sind und jedes an seiner Stelle gelten zu lassen. Die Gesundheitsforderung verbietet auch im persönlichen Leben, Moralisches und Spirituelles zu verwechseln. Eben deshalb verbietet sie andererseits, was immer zum Problem der Form und Ordnung des Lebens gehört, nicht als moralische Frage anzusehen. Hierzu gehören an erster Stelle die Äußerungen des Geschlechtslebens. Gerade hier freilich halten sehr viele, wenn nicht die meisten überkommenen Wertungen gereifter Kritik nicht stand, weil sie eben von der falschen Voraussetzung einer notwendigen Verknüpfung des Moralischen mit dem Spirituellen ausgehen. Ebenso gewiß kommt der Onanist nicht in die Hölle, wie er nicht notwendig durch seine Betätigung seinen Leib zerstört. Sicher ist gleichgeschlechtliche Liebe kein Verbrechen, sondern Ausdruck einer Sonderphysiologie, die wohl vom Ganzen her als relativ harmlos beurteilt werden muß, da sie noch nie zur Geburt minderwertiger Volksgenossen geführt und dort allein die Lebenden ernstlich geschädigt hat, wo sie mit falschen Vorstellungen verknüpft und von seelischen Verführer-Naturen ausgebeutet wird (hiervon mehr im Ehe-Kapitel). Freilich haben die Hellenen das mögliche Positive der Homoerotik überschätzt. Nichtsdestoweniger hat sie diesem Volke wenig geschadet, da deren Idee bei ihm mit derjenigen der Schönheit und Vervollkommnung verknüpft war und sie den Griechen niemals von der Pflicht entband, sich fortzupflanzen. Ähnlich steht es mit aller sexuellen Betätigung oder Nicht-Betätigung. Im allgemeinen ist es zweifellos nicht schädlich, sondern ersprießlich, wenn das Geschlechtsproblem bei sehr jungen Menschen möglichst im Hintergrunde des Bewußtseins bleibt. Nichtsdestoweniger hat die allzu verspätete Entdeckung oder Enthüllung seiner Existenz in den Vereinigten Staaten Nordamerikas eine Hypertrophie des Sexuellen gezeitigt, dank der die amerikanische Unschuld der ersten Nachkriegszeit oft lasterhafter wirkte, als japanisches Bordellwesen. Welch scheußliche Blüten in Europa die Verherrlichung der Jungfräulichkeit seitens schmutziger, aber weltlich mächtiger Mönchsnaturen getrieben hat, bedarf keiner Erwähnung. Möge jeder Leser aus seiner persönlichen Erfahrung oder seinem historischen Wissen heraus weitere Betrachtungen ähnlicher Art anstellen oder die unseren fortspinnen. Hier will ich aus dem Ausgesprochenen und nicht Ausgesprochenen nur eine mir besonders wichtig erscheinende Folgerung ziehen: grundsätzlich könnte heute der Begriff des Lasters aus dem Begriffsschatz gebildeter Menschen verbannt werden. Lasters gibt es nur dank besonderer Wert- oder Unwertbetonung bestimmter Praktiken. Aber gerade die Betonung macht sie zu dem, was sie sind — nicht bloß zu dem, wofür sie gelten. Van de Veldes, des Eheberaters, phantastischer buchhändlerischer Erfolg ist eine der Episoden der Geschichte, welche am meisten zu amüsiertem Nachdenken anregt: jeder feinfühlige Mann und jedes feinfühlige Weib hat von jeher instinktiv gewußt, daß es verschiedene Formen der Zärtlichkeit gibt und sich darin in Einfühlung in seinen Liebespartner gebildet. Aber ein System daraus zu machen, eine Art Brevier für Stumpfsinnige … Sieht man die Dinge mit gesunden Sinnen, mit gesundem Menschenverstand und dabei wahrhaftig und mutig an, dann bleibt vom Lasters wenig übrig: es bleibt nur das tatsächliche Laster, als Normalausdruck pathologischer Veranlagung, dessen Träger, je nach der Gemeingefährlichkeit, zu sterilisieren, zu kastrieren, zu kasernieren, einzusperren — oder aber zu dulden sind. Am rechten Orte und zur rechten Zeit ist alles Natürliche normal. Für den Übernormalen stellt das Problem sich anders, desgleichen für den Unternormalen und Abnormen; nicht nur vom Einzelnen, sondern auch vom Kollektivum her. Das Laster jedoch, wie man es heute versteht, könnte wirklich aufhören zu sein.

Hermann Keyserling
Das Buch vom persönlichen Leben · 1936
I. Gesundheit
© 1998- Schule des Rades
HOMEPALME