Schule des Rades

Hermann Keyserling

Gedächtnisbuch · Letzte Aufsätze

Weite tut not

Der, geologisch gesehen, (ich kann nie vergessen, daß ich als österreichischer Geologe angefangen habe und daß meine erste große Arbeit die geologisch-kartographische Aufnahme des späteren österreichisch-italienischen Kriegsschauplatzes im ersten Weltkrieg war) wichtigste Sinn des zweiten Weltkrieges ist der, daß fortan nur noch ganz große Zusammenhänge das äußere Menschengeschick bestimmen werden. Es handelt sich um ein ähnliches Unstetigkeitsmoment (solution de continuité) in der Geschichte wie dazumal, als zuerst Reitervölker in das Geschehen eingriffen; mit dem Pferde, das alle Grenzen, welche die alten pflanzenhaften Reiche und Völker heilig hielten, besten Gewissens überrannte, begann die Geschichte im heutigen Verstand. Seither erst gab es Eroberungen, Grenzveränderungen und Überschichtungen großen Stils. Die kommende Ära nun wird vom Radius des Flugzeuges bestimmt werden und damit fällt — welchen Prozeß der zweite Weltkrieg und zuletzt die Atombombe einleitetet — die Bedeutsamkeit aller früheren äußeren Grenzen.

Nur als Einfriedungen kultureller Einheiten werden diese Bedeutung behalten. Doch als solche werden sie desto bedeutsamer bleiben oder werden. Nur als geschlossene Einheit kann Kultur entstehen oder bestehen, ähnlich wie das Warmblut, um zu existieren, einen abgeschlossenen Körper braucht, in dem es sich dann freilich frei bewegt. Darum bedarf es also, wenn es mit dem Menschengeschlecht auf- oder vorwärts gehen soll, als Ergänzung zur übernationalen Weltweite, desto intensiver lebender kleiner Kulturmonaden. Fehlt diese Ergänzung, so wird die neue Welt des Menschen als Flugwesen leicht eine solche allgemeiner Nivellierung werden, und Nivellierung gibt es nur nach unten zu.

Aber die Kulturmonaden müssen andererseits Ausstrahlungszentren des neuen Zeitgeistes der Weite sein, gleichwie im 17. Jahrhundert die kleinen Niederlande die europäische Kultur über die Barbarei des Dreißigjährigen Krieges hinüberretteten. Erstarren die Kulturmonaden hingegen in Partikularismus, bleiben sie ausschließlich in sich gekehrt, dann werden sie für die Menschheit bedeutungslos werden. Sie müssen einerseits ganz tief im Geiste wurzeln und andererseits von der Intensität her, alles Weite in sich aufnehmend, in die Weite ausstrahlen. Geist ist wesentlich allumfassend, doch von der integrierenden Tiefe her. Darum beschränkt ihn keinerlei äußere Enge. Im Gegenteil: er bedarf der Hege und Pflege in einem geschlossenen Garten wie kostbare Blumen. Jeder tiefe Geist bekannte sich zur Devise Goethes: äußerlich begrenzt, innerlich unbegrenzt. Von hier aus versteht man die Bedeutung der Stadt, von welcher Hegel behauptete, daß in ihr allein der Geist seiner selbst bewußt werden könne.

Die zitierte Devise Goethes sollte nun zu derjenigen des kommenden Österreich werden. Und dies schon aus äußeren Gründen, denn darüber täusche man sich nicht: für das Partikuläre als solches wird die neuentstehende Welt wenig Interesse haben, jenes wird ganz intime Privatangelegenheit bleiben. Sieht Österreich hingegen seine Hauptaufgabe darin, zum Radiator der ganzen mittel- und osteuropäischen Kultur zu werden, sammelt es innerhalb seiner Grenzen die besten Geister der Zeit und schafft ihnen Asyl und Wirkungsmöglichkeit, dann kann es eine Menschheitsbedeutung erlangen, wie es sie im Habsburger Weltreich zu dessen größten Zeiten nicht besaß. So mögen denn die Österreicher alles daransetzen, aus ihrem schönen Lande ein großes Kulturzentrum zu machen, die Heimstatt für Europas beste und tiefste Geister, die anderweitig schwer die innere Ruhe zu freiem Schaffen fänden. Und das sollte dieses Mal von den Ländern aus geschehent — nach furchtbaren Kriegen erwiesen sich die Großstädte allemal zuerst als Liquidationsstätten; der Neuaufbau begann allemal in provinzieller Geborgenheit. Hier nun ergibt die bunte Vielfalt der Eigenarten der Länder für Österreich eine weitere positive Möglichkeit. Fast jede Sonderlandschaft ist dazu prädestiniert, zur Heimstatt irgendeines weltweiten Geistes zu werden. Wieviel habe ich im kleinen, mir im Lauf von drei Jahren so lieb gewordenen Aurach bei Kitzbühel schaffen, wieviel fruchtbare Gespräche führen können? Hätte ich jetzt noch genügend eigene Mittel, ich hätte meine Schule der Weisheit von Darmstadt nach Aurach verlegt.

Es mögen darum die Österreicher ja nicht in partikularistischen Interessen erstarren. An diesen könnte der neufundierte Staat nur ersticken. Auch wirtschaftlich würde Akzentlegung auf den Geist für die Dauer viel mehr bedeuten als die Gründung von Hunderten von Fabriken. In großen Reichen können für eine österreichische Fabrik leicht Tausende entstehen. Wogegen jeder bedeutende Geist und jeder tiefgeistige genius loci Einzigkeitswert hat. Man gedenke der Zeit zu Beginn unserer Ära, wo ganze Provinzen des römischen Weltreichs darum kämpften, einen Säulenheiligen beherbergen zu dürfen, um jeden solchen entstand dann in amerikanischem Tempo eine für damalige Zeiten modern angelegte Stadt! Eine ähnliche Zeit der überragenden Geist-Bedeutsamkeit steht für die nächsten Jahrhunderte bevor. In diesem Sinne möchte ich den führenden Österreichern die altrömische Warnung zurufen (leider ist mir der genaue lateinische Wortlaut entfallen): es mögen die Konsuln dem vorbeugen, daß die Republik Schaden erleide. Österreichs Zukunft ist gesichert, wenn es, gerade weil es ein kleines Land ist, seine wichtigste Aufgabe darin sähe, zum Sammler, Behüter und — Ausstrahler des besten europäischen Geistes zu werden. Hierzu bieten die historischen Umstände eine einzigartige und wahrscheinlich einmalige Möglichkeit. Denn gerade in den nächsten Jahren wird jeder tiefere Geist und beinahe jedes Volk gern dazu beitragen.

Hermann Keyserling
Gedächtnisbuch · Letzte Aufsätze · 1948
© 1998- Schule des Rades
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