Schule des Rades

Hermann Keyserling

Südamerikanische Meditationen

III. Krieg

Gerechtigkeit und Recht

Das Ausgeführte erklärt, wieso in der Überlieferung kein Töten mit häßlichen und bösen Gedanken verquickt erscheint. Das erste Töten des Menschen stand für sein Bewußtsein nicht im Zeichen der Nützlichkeit; seine Wurzel liegt nicht im Fleischfressertum und im Raubtiertum nur soweit, als auch Raubtiere den Blutrausch kennen. Aller früheste Nachdruck liegt auf der Lebenssteigerung an sich, welche das Ausströmen des Blutes auslöst und da das Töten mit dem Selbstopfer zupaar geht, so muß im Urbild des Krieges das Adelige überwiegen. Am Beispiel des Gaucho wurde mir ganz klar, wie es im Anfang war. Durch Zufall tötete Kain den Abel, so wie meine Edelfalken durch Zufall erstmalig Lebendiges schlugen. Dann aber erwachte der Blutrausch; Kains sämtliche Nachfolger waren Krieger. Doch wie sich Kain zuerst verflucht fühlte, so wird der Gaucho, der einen Menschen umbrachte, nicht Mörder, sondern Unglücklicher, desgraciado, geheißen. Nichts sinnwidriger und verfehlter, als sich die ersten Menschen nach dem Bilde unserer Verbrecher auszumalen. Verbrecher gibt es noch heute unter Primitiven kaum. Ihr Töten ist Opfergang.

Aber freilich nutzen die furchtbarsten Dämonen der Unterwelt der Schöpfungsnacht gar bald die Lage aus, welche der zweckfreie und insofern unschuldige Blutrausch schuf. Die Ur-Angst gebiert den Willen zur Vernichtung zwecks eigener Sicherung. Sie gebiert die Gier, Fremdes zu besitzen. In erster Übertragung gebiert sie die Grausamkeit: der Gepeinigte soll all die Angst auskosten, übertreffen und damit annullieren, welche der Peiniger unüberwindlich zuunterst in sich spürt. Der Ur-Hunger aber verlangt Töten und Erobern und Raffen und Zerstören ohne Ende als Mittel zur eigenen Alleinherrschaft; wo er überwiegt, da zersetzt sich alles Schöne, das mit dem Blutrausch zusammenhängt. Zuunterst will jeder sich alles Fremde einverleiben, ob lebend oder tot; zuunterst beansprucht jeder das Weltall als sein Allein-Erbe. Doch dieses unterwirft sich ihm nicht, und so entsteht als primäre Reaktion aus jedem Widerstand Vergeltungswunsch, der sich zur Rachsucht wandelt, wo die Erinnerung zäh ist, so wie sich das normale Immer-wieder-mehr-haben-wollen alles ursprünglichen Lebens im gleichen Fall zur Habsucht übersteigert. Die Unterwelt im Menschen jauchzt dem Sterben jedes anderen entgegen, mit dem er sich nicht identifiziert. Hier bietet bestimmendes Gruppenbewußtsein, sei es primär, wie bei Naturvölkern, oder sekundär, wie im modernen Krieg, kein besonderes Problem. Die Unterwelt erlebt jedes Vergehen fremden Lebens als Zuwachs des eigenen. Das ganze Leid der Welt aus dem Glück, des lachenden Erben zu rechtfertigen, welcher ja fort und fort die Zukunft vertritt, wäre ein sinnvolleres Unterfangen, als alle üblichen Rechtfertigungen des Bösen. So tief wurzelt jener Alleinherrschaftsanspruch, daß das Bestreiten desselben, das im bloßen Wachstum anderer liegt, leicht Rachedurst weckt; als die Franzosen Rache für Sadowa schrieen, wo Österreichs Niederlage sie nicht im mindesten anging, da waren sie nicht verstiegen, sondern primordial. Daher das echte Pathos der Rache in aller frühen Geschichte. Da handelte es sich nicht um Ressentiment, das heißt das Nachtragen der eigenen Ohnmacht, auch nicht um Rachsucht, das heißt die Gesinnung solcher, die sich zu schwach fühlen, um offen und schnell zu reagieren, und zu unsicher in sich selbst gegründet, um eine Verschiebung äußerer Verhältnisse zu ihren Ungunsten seelisch zu ertragen — da handelte es sich um das, weshalb Jahweh sich selbst einen eifrigen Gott hieß. Wer es wagt, meinte er, mich nicht allein gelten zu lassen, verdient den Tod.

Hier, im Anspruch des Ur-Hungers, liegt die zweite Urwurzel des Rechts — die erste liegt in der Sicherung durch Besitz, welche Ur-Angst fordert. Mit Gerechtigkeit hat Recht ursprünglich nichts zu tun, denn dieses beruht nicht auf Vergleich, sondern auf unbedingter Selbstbehauptung. Daher das Kriegsrecht. Das Kriegsrecht ist im Grunde ein ehrlicheres Recht, als alles, das die Ansprüche aller auszugleichen vorgibt. Das moderne Bestreben, den Krieg zu rechtfertigen, ist Spiegel des Konflikts zwischen dem unbedingten Rechtsbewußtsein, welches jeder mit dem Einsatz seines Lebens für sein Leben Kämpfende selbstverständlich hat, und geistgeborener Theorie. Und daraus ergibt sich als weitere Selbstverständlichkeit die Grausamkeit und Härte jeder neuen Rechtsschöpfung. So wie die Bolschewisten vorgegangen sind, verfuhr schon Zeus dem Kronos gegenüber, da er nach neuem Gesetz die Welt umzuformen unternahm. Doch zum Verständnis der Untergründe gilt es vor allem einzusehen, daß kein einziger aus geistgeborenem Rechtsgefühl entsprossene Rechtsbegriff auf sie auch nur im allermindesten anwendbar erscheint. Und zwar ist ein solcher Begriff desto weniger anwendbar, je vorgeschrittener ein Zustand. Es entspricht dem Sinn dieser besten aller Welten, daß der Weltkrieg unvergleichlich bestialisch und dies besagt: er war, als irgendein Menschenfresser-Krieg. Je mehr Verstand bedeutet, je mehr der Zweckgedanke dominiert, desto geringer muß die Rolle sein, welche der zweckfreie Blutrausch spielt; desto mehr Kraft muß den Dämonen der Unterwelt zugeleitet werden. Im besonderen stellen die Folgen des Weltkriegs einen reineren Ausdruck von Ur-Hunger und Ur-Angst dar, als in der Vorzeit die Titanenkämpfe. Der tiefste Sinn der Weltkrise, welche das furchtbare Unisono des ganzen Menschheitsorchesters, das der Weltkrieg bedeutet, weniger auslöste als einleitete, ist der, daß es sich um einen Kampf von Ur-Angst und Ur-Hunger in seit mythischen Zeiten einzigartiger Reinheit handelt. Allen Massen ist bewußt geworden, was die Technik vermag, und daß sie besser leben könnten, als sie leben. Jetzt finden sie sich mit der Erde als einem Jammertale nicht mehr ab. So drängt sie Ur-Hunger mit elementarer Gewalt voran. Gleichzeitig aber steigert sich die Ur-Angst als Ausdruck des Bewußtseins fehlender Sicherung. Ur-Angst bestimmt aber vor allem die Haltung der Besitzenden: sie wollen die Sicherheit, die sie noch haben, erhalten um jeden Preis. Und da sie die Aussichtslosigkeit des Unternehmens dunkel fühlen, so erwacht auch in ihnen der Ur-Hunger in Form skrupellosester Profitgier, was die Hauptursache ist der phantastischen Unehrlichkeit der Nachkriegszeit, so daß die Zuchthäuser aller Länder vorzugsweise von solchen besetzt sind, welche früher für besonders anständig galten. Die aufgewühlten Untergründe manifestieren sich an der Oberfläche als die Polaritäten von kapitalistischem und sozialistischem Interesse, als der Wille zur sécurité à tout prix, der in erster Linie Frankreich beherrscht, und dem Willen zum schlechthinnigen Rechtsbruch im Rahmen des Ur-Hungers, welchen Sowjet-Rußland in der mathematisch klaren Gestalt eines urtümlichen Sinnbilds verkörpert. Die ökonomischen Motive aber lösen ihrerseits Willen zum Krieg aus. Wenn alle Sicherheit aufhört, dann treibt es die Jugend zu den Fahnen, denn der Soldat und er allein darf rauben, wenn er hungrig ist. Ein Krieg nun wird aus dem gleichen Grunde desto entsetzlicher, je länger er währt und je mehr die Not der Kämpfenden sich steigert. Im Verzweiflungskampfe dankt der Mensch als Oberweltswesen beinahe vollständig ab, und nur sein höllischer Untergrund bleibt wirksam. Wieder bietet modernes Geschick die deutlichste Illustration. Weit scheußlicher noch als der Weltkrieg war der Weiß-Rote Bürgerkrieg in Rußland, wo die Vertreter des Alten unter nie dagewesenen Entbehrungen nie dagewesene Entfernungen kämpfend zurückflutend durchmaßen und in sich steigernder Repressalie gegen die Roten immer grausamer wurden. Zuletzt war das ganze europäisch-asiatische Rußland eine einzige Hölle, wie sie entsetzlicher kein mittelalterlicher Maler imaginiert.1 Und die einmal geweckten höllischen Urtriebe wirken seither fort. In naturgemäßem Aufstieg sind Verbrechernaturen immer mehr bestimmend geworden; gegenüber dem, was nicht mehr sein soll, herrscht teuflischer Sadismus. Das ist so, weil das bolschewistische Rußland verstandesgemäß noch vorgeschrittener ist, als der Westen, und noch ungehemmter ist durch Beweggründe anderen Ursprungs. So belebt das Zweck-Denken die ganze Unterwelt und speit diese weit über der erschauernden Erde aus.

Ähnlich furchtbar, wenn auch in noch so viel kleinerem Maßstab, ging es überall auf Erden zu, wann immer die Unterwelt aufgewühlt wurde und ausbrach. Und das hat sie immer wieder überall getan, wo es überhaupt zu als berechtigt anerkanntem Töten kam, weil der ursprünglich edle Blutrausch in langsamem Übergreifen immer tiefere Schichten des Unbewußten unaufhaltsam ansteckt. Billigkeit im Sinn bewußten Gelten-Lassens fremden Rechts zum Leben gab es ursprünglich nur als Ausgleich unter Zusammengehörigen, wo sich die Frage möglicher Vernichtung nicht stellte. Sobald die Frage sich stellte, so wie bei Thronfolge-Streitigkeiten, mordete der Bruder selbstverständlich den Bruder und der Sohn den Vater. Wie selbstverständlich Vernichtung des Lebenshemmenden dem Urbewußtsein ist, erkannte ich an der erstaunten Frage einer Brasilianerin, als wir die (in ihrem Lande recht akute) Frage des Meuchelmords besprachen:

Ja, wäre es Ihnen denn nicht lieb, wenn ein Mensch, dessen Dasein Sie stört, ganz einfach nicht mehr wäre?

Ich mußte zugeben, daß dies allerdings auch meine instinktgemäßeste Lösung wäre. Jene byzantinischen Kaiser, die sich jedes Ungenehmen sofort entledigten, litten sicher an weniger Komplexen als heutige Europäer. Sogar in einem Caligula, welcher den Römern ein einziges Haupt wünschte, das er abschlagen könnte, erschien allgemein-menschlicher Wunsch nur übersteigert; höchstes Glück muß das Allesverschlingen-wollende empfinden, wenn es sich sagen kann: auf der Welt gibt es nur mehr mich allein.

Ich wüßte wenig Oberflächlicheres und Sinnwidrigeres als die Erwägungen, auf welche entwurzelte allzu-Zivilisierte die Hoffnung auf eine bessere Menschheit gründen. Werden die Untergründe verleugnet, so brechen ihre Energien, gestaut, irgendeinmal desto verheerender hervor, wie dies ja Weltkrieg und Weltrevolution schon grauenhaft bewiesen haben. Und je mehr auf Geist bezogen wird, was nicht des Geistes ist, desto häßlicher das Bild, desto greulicher die Lüge, desto furchtbarer die Folgen. Nur wo die Kämpfenden sich aufrichtig und ursprünglich zu ihrem Willen zum Töten, zu ihrem Haß, zu ihrem Vergeltungstrieb und ihrem Blutrausch bekennen, kann Edles letztlich bestimmen und im Endergebnis zur Geltung gelangen. Alle edlen Feldherren wußten, daß sie Böses taten, indem sie Kriegsrecht ausübten; ihre Größe bestand darin, daß sie ihr Schuld-Dharma auf sich nahmen, so wie dies Krishna dem zaudernden Arjuna gebot. Die, welche sich dieses Bösen tief bewußt waren und es dennoch taten — nicht die, welche das Schreckliche sinnwidrig mildern wollten — sind von ihren Soldaten als Führer vergöttert und später gar von der Menschheit heilig gesprochen worden. Gleichsinnig säten die Kriege am wenigsten Drachensaat, welche als das erlebt und anerkannt wurden, was sie tatsächlich waren und deshalb spontan im Frieden totgeschwiegen oder desavouiert wurden. Dies zu leisten gelingt desto leichter, als alles Kriegsrecht vom Friedensstandpunkt verbrecherisch ist, denn es beruht durch und durch auf Vergewaltigung. Da der Vergewaltigungs-Trieb jedoch andererseits normal ist, nur eben der Unter- und nicht der Oberwelt zugehört und in der Befriedigung stirbt, so kann schon nicht-Insistieren organisches Vergessen bedingen. Dank dem Gefühl für diesen Zusammenhang hinterlassen Kriege primitiver Kriegerstämme kaum je bittere Gefühle. Auf Grund seines Verstehens dessen, worauf es hier vor allen Dingen ankommt, wird England so wenig nachgetragen, so hart konsequent es das Kriegsrecht allemal übt. Frankreichs Verhängnis ist, daß es unter modernen Völkern den Zusammenhang am wenigsten versteht. In ihm erlebt im Falle jedes französischen Sieges der antike Glaube an das Gottesurteil, als welches Sieg verkörpere, eine Wiedergeburt, so daß Frankreich auf geistige Werte bezieht, was nur auf die Unterwelt bezogen Sinn und Berechtigung hat. Daher das Haß-Weckende der nur-französischen Vorstellung, daß es sich bei la paix par le respect des traités um moralisch-Ideales handle. Kein erzwungener Vertrag verkörperte je auch nur das geringste moralische Recht. Man darf sogar, allgemeiner, das Folgende sagen: die meiste Ungerechtigkeit der Geschichte kommt von der unglückseligen Verquickung der Begriffe von Gerechtigkeit und Recht. Dank dieser Ideenassoziation allein ist es gelungen, bitterste Ungerechtigkeit unter Zustimmung der Betroffenen durch Jahrhunderte und Jahrtausende aufrecht zu erhalten. Alle Bedrückung, alle Ausbeutung, alle Versklavung rührt daher. Von allen Idolen ist das Recht, das als solches Gerechtigkeit verkörpern soll, das schändlichste. Die Welt wird erst besser werden, wenn dieses Götzenbild von seinem Piedestal gestürzt wird. Recht an sich ist nichts als Festlegung, ohne die mindeste moralische und spirituelle Qualifikation. Gerecht wird Recht dadurch allein, daß eine Bindung eben Gerechtes festlegt. Aber im Sinn des ein für alle Mal ist dies wesentlich unmöglich, weil sich das Leben von Augenblick zu Augenblick wandelt und jede neue Situation einen neuen Ansatz der Gleichung erfordert. Deshalb gilt nicht nur der alte lateinische Satz: summum jus summa injuria, sondern jedes Recht als dauernde Bindung verstanden ist in tiefstem Verstande unmoralisch und schlecht. Hier gilt alles, was Jesus gegen die Gesetzesgerechtigkeit vorbrachte. Gut ist auch hier einzig und allein der gute Wille. Guten Willen aber gibt es nur von der Freiheit her.

Wo nun Krieg die Grundlage eines Rechtsverhältnisses schuf, kann von bestimmender Freiheit überhaupt keine Rede sein. Vom Standpunkt der Freiheit ist Vergewaltigung immer Verbrechen. Im Fall des Krieges war es allemal die geistfremde und -feindliche Unterwelt, die, gleich einem Vulkanausbruch die Landschaft verwandelnd, für eine Weile der Oberwelt ihren Stempel aufdrückte. Dieser Vorgang nun ist vor geistigem und sittlichem Bewußtsein so allein zu rechtfertigen, daß die Unterwelt unabtrennbar zur Menschennatur gehört und nicht dauernd verdrängt werden kann. Daher das Sympathische naiven Kriegertums. Da mag ein grausamster Massenmörder im übrigen Heiliger sein, so wie dies der Kaukasier Schamil war, welcher naiv glaubte, daß Gott gebiete, alle Feinde totzuschlagen. Sobald jedoch Geistbewußtsein rechtfertigen will, was nicht des Geistes ist, verwandelt sich der Mensch in einen Teufel. Fern davon, die während des Weltkriegs seitens aller Völker angeblich verübten Greuel als unwahrscheinlich zu leugnen, halte ich vielmehr schlimmere noch, als überliefert werden, für wahrscheinlich: je weniger gutes Gewissen ein Krieger bei seinem Handwerk hat, in desto böserer Gestalt muß seine Unterwelt ausbrechen. Vom Geiste her ist Krieg überhaupt nur durch Einsicht in die Notwendigkeit des Bösen zu rechtfertigen — welche Rechtfertigung eben moralisch keine ist. Ich nenne die folgenden Erwägungen: in dieser bestmöglichen aller Welten schafft der Geist des Bösen allein radikale Veränderung, welche zu Zeiten offenbar im Sinn des Guten liegt. Ferner waltet eine Art Gerechtigkeit insofern auch auf dem ureigenen Gebiet des Bösen, als Vergewaltigung und Bedrückung die Besiegten, wo sie vital sind, stählt. Dies hat nichts mit der sogenannten ewigen Gerechtigkeit zu tun: es beruht auf dem biologischen Gesetz, das meines Wissens zuerst Hans Much mit der erforderlichen Exaktheit formuliert hat, daß jedes Minus nicht mit dem erforderlichen Plus, sondern einem Vielfachen dieses kompensiert wird, weswegen Schwierigkeiten wachstumsfördernd sind.2

Alle möglichen unmittelbaren Vorteile des Krieges liegen auf biologischem, nie und nimmer auf geistigem oder sittlichem Gebiet, und auf biologischem ausschließlich von der Unterwelt her gesehen, die ihren blinden Drang im Kriege auslebt. Deswegen ist es widersinnig von Hause aus, den Krieg auch nur von der Ebene biologischer Oberwelt her rechtfertigen zu wollen. Er ist kein Stahlbad. Er führt zu keinem Überleben der Tauglichsten, sondern der Untauglichsten. Und im Sinn der Ersetzung einer Menschenart durch eine angeblich bessere ist er außer im Extremfall buchstäblicher Ausrottung, der nur ganz selten verwirklicht ward, wirkungslos. Vom Weltkrieg kann man heute, 1931, sagen, daß er sogar im destruktiven Verstand vollkommen überflüssig gewesen ist. Trotz aller Verluste gibt es im ganzen schon mehr Menschen, als vor dem Krieg, mehr Produktionsmittel und Konsumprodukte; die augenblickliche Not beruht einzig und allein auf der Unangepaßtheit der Vorstellungen an die Tatsachen. Jeder Heutige, auch unter den Geschlagenen, kann als Instinkt- und Trieb-Wesen nicht umhin, positiv zum Weltkrieg zu stehen, denn ihm dankt er sein Sosein und seine bestimmte Daseins-Möglichkeit, und die kann er als Voraussetzung seiner Identität nicht aufrichtig fortwünschen. Jeder Überlebende oder Nachgeborene ist lachender Erbe, wie gering oder übel die Erbschaft immer sei. Todesfälle, Vermögensverlust und Machtverschiebung gibt es, vom Einzelnen her beurteilt, im Frieden genau so wie im Krieg, und kaum einige Dutzend unter den vielen Millionen der am Krieg Beteiligten gingen die sogenannten Kriegsziele persönlich an. Von den Kriegsschrecken und -greueln wissen die seit dem Friedensschluß Erwachsenen so wenig, daß sie heute genau so wirklichkeitsfremd zum Kriege stehen, wie ihre Vorgänger von 1913. Und was das Ungeheuerlichste ist: sogar die Teilnehmer des Weltkriegs erinnern sich seiner nicht wirklich mehr; keinesfalls im Sinne nach- und fortwirkenden Erlebens. Er war so furchtbar, daß die Erinnerung verdrängt worden ist, so wie sich keiner seiner Zahnarzt-Erlebnisse erinnert. Der um 1929 plötzlich aufflammende gewaltige buchhändlerische Erfolg aller Kriegsbücher, welche bis dahin gar keine Aufmerksamkeit fanden, beweist, daß eben dann das Vergessen des Kriegs vollendet war.

Ein Dichter hat den Sinn des letztbetrachteten Verhältnisses ganz tief erfaßt und groß herausgestellt: das war Balzac in seinem Colonel Chabert. In diesem Romane schildert der große Franzose die intime Tragödie des überlebenden napoleonischen Helden: daß nichts, aber auch gar nichts von der ihm natürlichen Lebensordnung mit ihren Werten und Motiven im Frieden weiterlebt. Es besteht kein Zusammenhang zwischen Kriegs- und Friedenswelt. Deshalb muß der dem einen Zustand einseitig angepaßte dem anderen gegenüber versagen. Es ist zutiefst nicht wahr, was immer äußerlich gälte, daß Krieg die Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln sei: der Krieg gehört einer anderen Ebene an als jedes Leben in Friedenszeit. Er wurzelt ganz und gar in der blinden Unterwelt. Dementsprechend ist er an sich ohne mögliches Ziel und ohne mögliches Ideal; der Landsknecht ist des Kriegers Prototyp. Wer sich nun dieser abgründlichen Inkommensurabilität zwischen Ober- und Unterweltnormen bewußt wird, der schaudert mehr noch als vor den Greueln des Kriegs vor der Verblendung der Kriegsideologen. Welches politische Ziel war denn je auch nur zu einem millionstel Prozent der gebrachten Opfer wert? Nur nicht-politische Ziele können sie rechtfertigen: so die religiösen Glaubens, der Menschenopfer fordert, oder die persönlicher Ehre oder der Stammes-Ehre. Es konnte sinnvoll sein, der schönen Helena, deren Raub allen Griechen ein Sinnbild für Persönlichstes bedeutete, Hekatomben zu opfern, nicht jedoch dem Petroleum. Nach dem Ende eines um sachliche Ziele geführten Krieges kann man tatsächlich nur vergessen, sonst wird man vor Grausen verrückt. So ist es denn leider auch nicht wahr, daß der Weltkrieg, mit welchem die Mechanisierung des Krieges einsetzte, den Krieg als Krieg ad absurdum geführt hätte: im Gegenteil, erst in ihm ist er, ganz so wie er ist, mit dem ganzen Trieb-Orchester, das ihn ermöglicht, zum Erlebnis geworden. Dies nun bedeutet allerdings einen ungeheuren Fortschritt, und um dieses einen willen war er vielleicht nicht ganz umsonst. Zum ersten Mal ist menschheitsbewußt geworden, daß der Krieg wesentlich nicht Idealismus, Mut, Disziplin, Kameradschaft und Opferfreude ist, sondern Mord, Marter, Angst, Grauen, Raub, Lug und Trug, Zerstörung, Vergewaltigung, kurz Verbrechen in jedem Sinn. Als das schauerlichste Ergebnis des Weltkrieges sehe ich nicht die Zerstörung an, die er hinterließ, sondern die gesteigerte Idealisierung des Krieges seitens der meisten jungen, welche den Weltkrieg nicht mehr mitgemacht. Dies ist von keinerlei Idealismus her zu verstehen, sondern einzig daher, daß die Menschen urweltlich gefühllos geworden sind. Sowjetrußlands Gesinnung schuf dazu das Vorbild: Töten, Morden, Vergewaltigen bedeuten überhaupt nichts Schlechtes. Nur die Ideologie des Kriegertums zählt, vom Feldherrn her gesehen.

Aber den ganzen wahren widersinnigen Sinn des Kriegs verkörpert überhaupt nicht der Feldherr, sondern einzig der namenlose Frontkämpfer. So ist denn das erste sinngemäße Kriegerdenkmal aller Zeiten das, welches spontan dem Unbewußten aller Weltkriegsvölker entwuchs: das Denkmal des Unbekannten Soldaten.

1
Man lese Edwin Erich Dwingers großartige Schilderung Zwischen Weiß und Rot, die russische Tragödie 1919-1920, Jena 1930, Eugen Diederichs. Mit Recht schreibt der Verfasser am Schluß (S. 499):
Wird man erkennen, daß diese Tragödie für Jahrhunderte die Schande der Menschheit bleibt? Daß die Weltgeschichte durch diesen gigantischen Raubzug einen Flecken erhielt, der alle bisherigen übertrifft? Daß man ein Volk von 150 Millionen ins Elend stürzte, nur um des Geldes willen, und keine Stimme seiner Sterbenden jemals ins Herz drang? Daß die Worte Petroleum, Platin, Silber, Gold, Erz den ungeheuren Chor einer Million Sterbender so übertönten, daß niemand auf der Welt ihn hörte?
2Vgl. sein Büchlein Was ist das Leben? S. 73 (Leipzig, J. A. Barth).
Hermann Keyserling
Südamerikanische Meditationen · 1932
III. Krieg
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