Schule des Rades

Hermann Keyserling

Südamerikanische Meditationen

IV. Blut

Vater- und Muttererbe

Doch das Problem des Bluts hat noch eine andere Ansicht, und diese erst gibt ihm seine ganze unheimliche, immer wieder Tragödie-schaffende Bedeutung. Das Bewußtwerden des Blutes im Ich ist vom Standpunkt des Geists kaum leichter faßbar, als das der Mineralität oder der Reptilität. Dem Geist ist es ein Bewußtsein des Nicht-Ich. Das erwachte Individuum fühlt sich primär als Selbst im Gegensatz zur Gattung. Ebendeshalb begann alle erste Geistigkeit mit Blutsverleugnung: das Urbild des Geistigen war der Mönch. So war mein ursprüngliches Nichtverstehen der Blutsbindung nichts Normwidriges, sondern vielmehr das Normale vom Standpunkt des primär Geistbewußten. Bevor ich Vereinheitlichung auf der Ebene geistiger Persönlichkeit erreichte, bevor diese sich um den Mittelpunkt des Selbst zusammenschloß, fiel mir bei meinen Bewußtseinsinhalten immer wieder das indische neti neti, das bist du nicht, ein. Und die Vereinheitlichung gelang erst, nachdem ich mich dabei beschied, nicht verstehend anzuerkennen, daß ein der Masse nach überwiegendes Nicht-Ich doch zu mir gehört und daß es nicht frommt, es zu verleugnen. Dieses Nicht-Ich-Bewußtsein betraf schon mein psychisch Gegebenes. Wie sollte ich da mein Körperliches als mit mir identisch anerkennen? Und nun gar den weiteren Zusammenhang des Bluts? Ich konnte es desto weniger, als dieses Konflikte in sich trug, von denen ich fühlte, daß sie mich nicht angingen. In meinem Falle handelte es sich nur um den Widerstreit verschiedener Familienanlagen, die rassisch nahe verwandt waren — jedoch schon er genügte, um mich in Teile zu spalten, die einander fremd und mißtrauisch gegenüberstanden. Wie muß da dem Mulatten und dem Mestizen zumute sein! Freilich ist volle Realisierung der Nicht-Identität von Ich und Blut erst vom Geiste her möglich, doch ahnen tut sie jeder, denn jeder Mensch hat noch so schwach bewußt am Geiste teil. Und es ist möglich, ja es ist wahrscheinlich, daß der Blutskonflikt der physiologische Anlaß des Erwachens vom Geistbewußtsein überhaupt war. Insofern sehe ich im immer schärfer sich ausprägenden Sündenfall der zu geistiger Selbständigkeit erwachenden Menschheit, verglichen mit der Unschuld oder Vollkommenheit gebundener Zustände, kein schlechtes Zeichen. Sein Häßliches hat keine andere Bedeutung als das jedes Embryonalzustands. Es ist zutiefst nicht richtig, daß der zum Selbstbewußtsein Erwachte, sobald er nicht zu den Siegreichen gehört, anderen Menschen gegenüber Neid, Mißgunst, Ressentiment empfinde: er kann sich schwer damit abfinden, daß er selbst nicht so sein kann, wie er vorstellt, daß er sein könnte. Und er stellt nie Schlechteres, sondern Besseres und Höheres vor als er ist. Erst auf der Stufe überlegenen amor fati fällt dem sich wesentlich selbstherrlich Fühlenden Bescheidung bei seinen Naturgrenzen nicht bitter schwer. Und schon der niederste Mensch kennt Minderwertigkeitsgefühl. Letzteres allein aber beweist, daß zum mindesten sein Unbewußtes von Wert weiß, und damit vom Geist.

Vollkommen identifizieren mit seinem Blut kann sich kein Mensch; sogar die Frau als Mutter nicht. An diesem verschwiegenen Orte seines Selbstgefühls spürt jeder die Tragödie, die das Christentum in die Worte faßte:

Der Geist ist willig, jedoch das Fleisch ist schwach.

Und ist Geistbewußtsein überhaupt vorhanden, dann spürt die Tragödie am tiefsten nicht der Geistigste, sondern der Erdnächste; denn nur die Erde bindet, während der Geist befreit. Daher das stärkere religiöse Bedürfnis der Frau gegenüber dem Mann. Daher der tiefe Schicksalsglaube aller frühen Menschen — das Blut ist ein Schicksal, das jeder hinnehmen muß. Daher ihre Melancholie. Doch andererseits ist irdisches Glück nur möglich im Schoß der Gemeinschaft auf der Ebene des Nicht-Ich. So hat Lebensweisheit von frühester Vorzeit an dafür gesorgt, daß persönliches Bewußtsein hier eine möglichst geringe Rolle spiele. Alles und jedes wird depersonalisiert, auf die Ebene allgemeiner Sitte transponiert. Das modernste Beispiel dieses Primitiven bietet — oder bot bis vor kurzem — Spanien. Mir fiel auf, daß die meisten spanischen Frauen, gegenüber der tiefen Melancholie der südamerikanischen, vollkommen zufrieden schienen. Ortega, der mir das Zutreffende meiner Beobachtung bestätigte, erklärte sie dahin, daß das persönliche Schicksal in Spaniens großer Welt eskamotiert wird: von Hause aus tief mißtrauisch dem Leben gegenüber, und immer wieder durch Beispiele belehrt, daß jeder Versuch, aus der Routine auszubrechen, zu Unheil führe, lebten ihre Vertreter das Persönliche in der Projektion unpersönlichen Herkommens aus. So kämen sie um Liebe, Leidenschaft, Trauer, kurz um alles tief Ergreifende ganz herum. Dies bedeutet wieder nicht primären Kollektivismus, sondern Selbstversenkung ins Kollektive aus Angst vor Selbst-Erleben. So wird das Glück, welches Leben innerhalb des Blutsverbands gewährleistet, von jeher und überall überbetont. Selbstverständlich, so wird jedem von Kind auf suggeriert, liebt man alle seine Verwandten; selbstverständlich wird man von allen geliebt. Konflikte mit Blutsverwandten gibt es nicht.

Doch schon die frühesten Sagen künden vom Widerstreit zwischen Natur und Geist. Das Essen vom Baum der Erkenntnis zerstörte das Paradies. Kain erschlug Abel, und damit begann die Geschichte. Hellas stellte seine intime Qual als Ödipus-Mythos, als Orestie heraus; es wagte gar zu glauben, daß Zeus seinen Vater in den Tartaros hinabstürzte. Die frühesten Zeiten deutlichen Geistesbewußtseins reagierten den inneren Konflikt in Bildern ab. Später jedoch wurde er zur Haupttriebkraft der geschichtlichen Dynamik. Was die Geschichte des Menschen von der aller anderen irdischen Wesen zuunterst unterscheidet, ist die Bewegtheit, die sich aus dem Widerstreit zwischen persönlichem Identitätsgefühl und dem Nicht-Ich des Bluts im Rahmen des Selbstbewußtseins ergibt. Diese Spannung ist es, welche den Menschen von unten her rastlos über seinen gegebenen Zustand hinauszustreben antreibt. Seine persönliche Erfüllung und Vollendung will der Mensch erreichen. Die aber wird erst möglich mit Überwindung des Blutkonflikts. Aus dem Zwiespalt, welchen der Widerstreit von Vater- und Muttererbe in seiner Seele schafft, strebt er nach Einheit. Aus dem Widerstreit zwischen den Sondertrieben, welche ihn bedrängen, mit dem Bewußtsein möglicher Überlegenheit über sie, strebt er nach geistiger Persönlichkeit. Die Psychoanalyse lehrt allerlei vom Abreagieren intimer Konflikte der Seele in großem Zusammenhang; so hätte Alexander der Große Persien erobert, um seinen Vater in sich zu überwinden. Aber die Psychoanalyse faßt das Problem zu eng und dringt nicht bis zu seiner tiefsten Wurzel vor. Alle äußerliche Dynamik ist Abreaktion innerer Konflikte; so hören restlos Ausgeglichene, unter Einzelnen wie unter Völkern, zu streben auf; daher das Ungeistige der Schweden. Doch der letztentscheidende Konflikt ist nicht der zwischen verschiedenen psychischen Inhalten oder Komplexen, sondern der zwischen dem Nicht-Ich des Blutes und dem Geist. Die erdgemäße Lösung dieses Konfliktes ist der Tod. Seine geistgemäße Lösung ist die innere Abkehr von der Welt.

Hermann Keyserling
Südamerikanische Meditationen · 1932
IV. Blut
© 1998- Schule des Rades
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